Hyperhidrose: Wenn Schwitzen zum Horror wird

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Schweißperlen stehen auf der Stirn, am Hemd zeichnen sich dunkle Flecken ab: Schwitzen Menschen übermäßig, setzt sie das unter psychischen Druck. Viele isolieren sich und werden sogar depressiv. Einige Behandlungen helfen - manche sind umstritten.

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Schweißtropfen: Schwitzen reguliert die Körpertemperatur

Ob Barack Obama bei seiner Rede am Brandenburger Tor oder das fähnchenschwenkende Publikum: An extrem heißen Tagen wie diesen sind die meisten Menschen klatschnass geschwitzt.

Was nervt, ist für den Körper lebensnotwendig. Das wässrige Sekret, das die Schweißdrüsen absondern, kühlt den Körper ausreichend ab, so dass er auch ein Sonnenbad oder den Saunagang unbeschadet übersteht. Die Schweißdrüsen gehören zu den leistungsfähigsten unseres Körpers. Mehrere Liter pro Tag können sie abgeben.

Doch bei manchen Menschen rinnt der Schweiß auch dann in Strömen, wenn sie in einem kühlen Raum ruhig im Sessel sitzen. Schätzungen zufolge leiden rund ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung an der sogenannten Hyperhidrose. Eine genaue Zahl lässt sich kaum ermitteln, die Übergänge zwischen normaler und übermäßiger Schweißproduktion sind fließend.

Schweißdrüsen laufend auf Hochtouren

Ab wann man von einer Hyperhidrose spricht, hängt nicht - wie man eigentlich vermuten würde - von der Menge des Schweißes ab. Vielmehr bezeichnet der Begriff eine Fehlfunktion: Die Schweißdrüsen laufen auch dann auf Hochtouren, wenn der Körper die Abkühlung nicht braucht.

Aber nicht nur die körperlichen Folgen bereiten Betroffenen Qualen - auch der psychische Druck, unter dem sie stehen, ist enorm. Sehr viele fühlen sich von ihren Mitmenschen kritisch beäugt, sind teilweise in ihrem Beruf eingeschränkt, isolieren sich mehr und mehr. Häufig droht am Ende eine Depression.

"Studien zeigen: Der Leidensdruck von Hyperhidrose-Patienten ist sogar höher als der von Neurodermitis- oder Schuppenflechte-Patienten ", sagt Falk Bechara. Er ist leitender Arzt der Abteilung für Dermatochirurgie an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum.

Wer Hilfe sucht, steht vor einer breiten Palette an Behandlungsmethoden (mehr Informationen dazu lesen Sie hier):

  • Salben mit Aluminiumsalzen sollen die Schweißdrüsen verstopfen.
  • Botulinumtoxin, besser bekannt als Botox, blockiert die sympathischen Nervenfasern - mit dem Ergebnis, das die Drüsen keinen Schweiß mehr produzieren.
  • Elektrischer Strom, der durch Leitungswasser sowie durch die Hände und Füße des Patienten fließt, soll die Schweißdrüsen irritieren.

Ärzte unterscheiden zwischen der primären und der sekundären Hyperhidrose. Von einer primären sprechen sie, wenn sie keine Ursache finden können. "Die primäre Hyperhidrose tritt in Familien gehäuft auf, ist aber nicht direkt genetisch bedingt", sagt Birgit Wörle. Sie arbeitet als Dermatologin in der Swissana Clinic Meggen in der Schweiz und erstellte die Leitlinie zur primären Hyperhidrose, die die Deutsche Dermatologische Gesellschaft herausgegeben hat.

Patienten mit einer primären Hyperhidrose schwitzen meist nur an gewissen Stellen übermäßig: etwa an den Achseln, den Händen oder den Füßen. Helfen weder Salbe noch Strom oder Botox, bleibt meist nur eine spezielle OP. Bei der sogenannten Saugkürettage saugen die Ärzte durch einen kleinen Schnitt dem Patienten die Schweißdrüsen kurzerhand ab. Allerdings ist das nur im Achselbereich möglich. Welche Methode bei welchem Patienten am besten hilft, hängt von der Stelle ab, an der er am meisten schwitzt.

Rinnt der Schweiß dagegen am ganzen Körper, steckt meistens etwas anderes dahinter, zum Beispiel Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes, Tumorerkrankungen oder ein ungleichmäßiger Hormonhaushalt wie in den Wechseljahren. "Bei generalisiertem Schwitzen überweisen wir die Patienten zum Internisten", sagt Sylvia Proske. Sie arbeitet als Dermatologin in der Ethianum Klinik Heidelberg.

Lasertherapie kommt in Mode

Sowohl die Saugkürettage, als auch die konservativen Behandlungsmethoden sind unter Experten anerkannt. Umstritten ist dagegen ein recht neues Verfahren, die Lasertherapie. Dennoch setzen Patienten zunehmend ihre Hoffnung darauf. Wie die Saugkürettage auch kann diese Methode nur in der Achsel eingesetzt werden. Das Prinzip: Die Chirurgen führen einen Laser in der Achselhöhle unter die Haut des Patienten. Der Laserstrahl erhitzt die Schweißdrüsen so stark, dass sie zerstört werden.

Allerdings mit Nebenwirkungen: Die Hitze kann Durchblutungsstörungen und Verbrennungen auslösen, es können sich Blasen bilden, die später vernarben. Über Risiken und Nutzen wird derzeit noch gestritten. "Operationen wie die axilläre Schweißdrüsen-Saugkürettage oder eine Laserbehandlung sind das Einzige, was langfristig hilft", sagt Birgit Wörle. "Wenn alles gutläuft, kann man mit der Kombination dieser Operationen den Schweißfluss um etwa 80 Prozent reduzieren."

Falk Bechara sieht das anders: "Die Studienlage für die Laserbehandlung ist absolut unzureichend. Zudem scheinen die Erfolgschancen geringer zu sein als bei herkömmlichen operativen Verfahren." Patienten sollten daher eine zweite Meinung einholen, bevor sie sich dem Laser anvertrauen.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Sympathektomie vergessen
Kabelfuchs 20.06.2013
Der Artikel hat noch eine Behandlungsmethode vergessen, die Sympathektomie. Dabei wird ein Nervenknoten neben der Wirbelsäule (hinter der Lunge) an oder durchgeschnitten so dass man bei Hyperhidrose an Händen oder im Gesicht weniger schwitzt. Ich habe diesen Eingrif März 2003 durchführen lassen und bin shehr zufrieden mit dem Ergebnis.
2. neues Leben
Paschmina 20.06.2013
Bei mir ging es mit 11 Jahren los. Ich schwitzte den ganzen Tag stark unter den Armen. In der Pubertät, in der andere gern mit der neusten Mode experimentieren, trug ich schwarze, weite T-Shirts. Das Gefühl permanent beobachtet zu werden und das Problem vertuschen zu müssen begleitete mich durch die gesamte Schulzeit. Meine Eltern nahmen mich nicht ernst, vielleicht gerade weil ich das Schwitzen jederzeit gut verbergen konnte. Erst als Studentin ging ich es an. Die Elektrotherapie brachte so gut wie keine Verbesserung. Ich verbrannte mich jedoch einmal ziemlich stark an den Pads, weil ich vor lauter Elan den Strom zu hoch eingestellt hatte. Die Botox-Anwendung war teuer und schmerzhaft, da an jeder Achsel unzählig viele Stiche vorgenommen wurden, aber effektiv, leider nur für einige Monate. Eine echte Änderung brachte nur das Absaugen. Für ca. 900 Euro wurde der Eingriff in kurzer Zeit vorgenommen und hat mein Leben verändert. Ich schwitze nicht mehr und kann mich bewegen und kleiden wie ich will. Viele, auch meine Eltern, sagten mir, dass ich mich verändert habe. Ich sei lockerer, ausgeglichener und lebensfroher geworden. Das kann ich nur bestätigen. Ich arbeite als öffentliche Person und bin jeden Tag dankbar für die Therapie, die es mir ermöglicht hat, meinen Job ohne das Gefühl des Ausgeliefert-Seins und Beobachtet-Werdens zu machen. Ich kann jedem mit Hyperhidrose nur empfehlen, sich therapieren zu lassen. Es verändert das Leben.
3. .
babyulle 20.06.2013
"die Übergänge zwischen normaler und übermäßiger Schweißproduktion sind fließend" ..... genau!
4. Ja, die nächste Jahrhundertkatastrophe naht …
fump 20.06.2013
Flut ist erledigt, jetzt kommt der Hitzekoller. Kaum scheint mal einen Tag die Sonne, geht es auch schon los: Hyperhidrose, explodierende Autobahnen, Zugklimaanlagen, Babies im Schatten … Menschen am Rande des Abgrunds, Homestories über Schattenexistenzen werden folgen. Was war der Print-Spiegel mal für eine Nachrichtenmagazin – und was ist das für ein dämlicher Katastrophismus?
5. Keine OP, keine Medikamente
tjivi 20.06.2013
so würde ich für mich entscheiden, wenn die Symptomatik der Krankheit den Wechseljahrbeschwerden ungefähr entspricht. Starkes Schwitzen, Hitzewellen sind mir in diesem Kontext leider sehr vertraut. Öfter waschen, Deo, Kleidung häufig wechseln....dann kann ich damit leben. Aber ich habe durchaus Verständnis für Menschen, die sich nicht schlagkräftig wehren können und jede Therapie dankbar annehmen. Die Gehässigkeiten der Mitmenschen können unerträglich werden, bringt man sie nicht umgehend zum Schweigen. Dass Menschen sich so verhalten, macht mich traurig und wütend.
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Zur Autorin
  • Janine van Ackeren
    Janine van Ackeren ist Physikerin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Duisburg.

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