Hyperthermie: Krebszellen im Wärmestress

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Heilsame Wärme im Kampf gegen Krebs: Bei der Hyperthermie aktivieren Temperaturen über 40 Grad Medikamente, die zuvor versagt haben. Noch kommt die Methode nur in bestimmten Fällen zum Einsatz. Doch Krebsmediziner setzen große Hoffnung in die Zukunft der Hitzebehandlung.

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LMU München

Hyperthermie-Behandlung: Zellgifte dort aktivieren, wo sie wirken sollen

Die Diagnose Krebs ist schlimm genug. Doch manch einen Betroffenen kann es noch härter treffen: Wenn der Arzt ihm mitteilen muss, dass die Chemotherapie den Tumor nicht mehr in Schach hält. Im Fachjargon spricht man dann wenig einfühlsam von austherapierten Patienten.

Umso wichtiger könnte eine Behandlung sein, die verspricht, die Chemotherapie erneut zu aktivieren: die regionale Hyperthermie. So nennt man die gezielte Überwärmung von Gewebe, die auf der Erkenntnis basiert, dass Tumorzellen bei einer Temperatur von 40 bis 43 Grad Celcius sterben. Anders als bei der Fiebertherapie, bei der der gesamte Körper mit Hilfe von Bakteriengiften auf Fiebertemperatur erwärmt wird, ist die regionale Hyperthermie lokal beschränkt. Bei Krebsarten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs und bösartigen Keimzelltumoren, einer seltenen Krebserkrankung bei Kindern, zeigt die Methode Erfolge.

Der Kinderarzt Rüdiger Wessalowski ist Experte für die sogenannte regionale Tiefenhyperthermie. An der Uni-Klinik Düsseldorf behandelt er weltweit einmalig krebskranke Kinder mit dem Verfahren und präsentierte vor kurzem beim Treffen der European Society for Hyperthermic Oncology (ESHO) an der LMU München die Ergebnisse einer Studie zur Behandlung von seltenen Keimzelltumoren: Wessalowski und seine Kollegen hatten die Wirkung einer Kombinationstherapie aus Chemotherapie und Hyperthermie analysiert.

Zwar ist es mit nur 35 Patienten eine kleine Studie, dennoch sind die Ärzte vom Resultat überzeugt: Etwa 86 Prozent der Probanden sprachen nach der ersten erfolglosen Chemotherapie darauf an, wenn diese im zweiten Anlauf mit der Hyperthermie kombiniert wurde. "Dieses Ergebnis hat uns verblüfft", sagt Wessalowski. Insbesondere weil die Mediziner die Dosis eines der Zellgifte, aus dem der Cocktail für die Chemotherapie besteht, um 20 Prozent reduziert hätten. Insgesamt konnten die Mediziner mit der Kombination knapp drei Viertel (72 Prozent) der Kinder heilen. Wie sie im im Fachjournal "Lancet Oncology"berichten, waren die Ergebnisse noch besser, wenn sie früh mit der kombinierten Hyperthermie-Behandlung begannen.

Erfolge bei Bauchspeicheldrüsenkrebs

Forscher der LMU München konnten ähnliche Erfolge bereits bei Bauchspeicheldrüsenkrebs zeigen. Der Onkologe Rolf Issels leitet dort das Kompetenzzentrum Hyperthermie. Doch trotz der erfreulichen Ergebnisse bleibt er vorsichtig: "Weitere Studien müssen zeigen, ob dieser Effekt der Hyperthermie auch bei anderen Krebserkrankungen gegeben ist."

Andere Effekte der Hyperthermie werden schon länger genutzt und sind bereits erprobt: Bei manchen Patienten sind bösartige Tumore bereits so groß, dass sie sich nicht einfach chirurgisch herausschneiden lassen. Um den Tumor zu verkleinern, tötet man einen Teil der Krebszellen deshalb mit Hilfe der Chemotherapie oder einer Bestrahlung vorher ab. In gleicher Weise verfährt man bei Tumoren, die eine starke Tendenz haben, früh Tochtergeschwülste bilden, um diese gleich mitzubekämpfen. Der Erfolg der Chemotherapie sowie der Bestrahlung hängt jedoch davon ab, wie gut das Tumorgewebe durchblutet ist und wie empfindlich die Zellen gegenüber der Strahlung sind.

Nur bei guter Durchblutung gelangen Medikamente in ausreichender Konzentration zu den Krebszellen. Das soll durch die Hyperthermie erzielt werden: Grob gesagt werden elektromagnetische Wellen im Tumorgewebe in Wärme umgewandelt, was die Durchblutung fördert. Sowohl Strahlen- als auch Chemotherapie wirken dadurch besser. Zudem wirkt die Hyperthermie über bestimmte Zellmechanismen toxisch auf die Krebszellen.

"Standardisierte Therapieoption"

Bei der Behandlung von Krebs ist die Hyperthermie inzwischen, wie Issels es formuliert, "eine standardisierte Therapieoption". Bei einer Reihe von Krebsarten setzen Ärzte die lokal begrenzte Hyperthermie seit geraumer Zeit schon ein: Etwa bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Enddarmtumoren oder einem Brustkrebsrückfall.

Bei Knochen- und Weichteiltumoren, sogenannten Sarkomen, ist der Nutzen der Hyperthermie schon länger belegt. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen daher auch die Kosten, sofern die Behandlung in Kliniken stattfindet, die von der Hyperthermie-Fachgesellschaft ESHO zertifiziert sind - aber nur dann. "Die Chance, dass sich der Tumor verkleinert, verdoppelt sich durch die Kombination Hyperthermie und Chemotherapie", sagt Issels. "Für die Patienten ist es ein signifikanter Zugewinn an Lebenszeit und Lebensqualität."

Vielversprechend sind auch weitere Ergebnisse, die auf dem europäischen Hyperthermiekongress in München vorgestellt wurden: Forscher gehen beispielsweise davon aus, dass jene Zellen, die für einen Krebsrückfall bei Brustkrebs verantwortlich sind, besonders empfindlich auf die Hyperthermie reagieren.

Ebenso setzten die Experten Hoffnungen in sogenannte thermosensitive Liposomen: Umhüllt man Kontrastmittel zusammen mit Arzneimitteln mit diesen winzigen Fettpartikeln, löst sich die Liposomenhülle erst dort, wo der Tumor durch die Hyperthermie überwärmt wird, und gibt die Medikamente frei. "Die Chemotherapie wird genau dort freigesetzt, wo sie in erster Linie wirken soll", sagt Issels. "Das ist die Zukunft."

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1. Fiebertherapie
carlitom 03.07.2013
Zitat von sysopLMU MünchenHeilsame Wärme im Kampf gegen Krebs: Bei der Hyperthermie aktivieren Temperaturen über 40 Grad Medikamente, die zuvor versagt haben. Noch kommt die Methode nur in bestimmten Fällen zum Einsatz. Doch Krebsmediziner setzen große Hoffnung in die Zukunft der Hitzebehandlung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hyperthermie-krebszellen-im-waermestress-a-909220.html
Ist ja zum Weglachen. Seit ewigen Zeiten werden von alternativen Medizinern Fiebertherapien zur Krebsbekämpfung angewandt. Bisher hieß es stets von der Schulmedizinerzunft, das sei Scharlatanerie. Jetzt plötzlich ist es das Ei des Kolumbus. Wie so oft haben also auch hier die überheblichen Schulmediziner irgendwann zugeben müssen, dass sie falsch lagen.
2. Hypothermie ein alter Hut
dequincey 03.07.2013
Zitat von sysopLMU MünchenHeilsame Wärme im Kampf gegen Krebs: Bei der Hyperthermie aktivieren Temperaturen über 40 Grad Medikamente, die zuvor versagt haben. Noch kommt die Methode nur in bestimmten Fällen zum Einsatz. Doch Krebsmediziner setzen große Hoffnung in die Zukunft der Hitzebehandlung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hyperthermie-krebszellen-im-waermestress-a-909220.html
Was ist an diesem Thema neu oder aktuell? Wieso wird die Chemotherapie dadurch ERNEUT aktiviert? Ich habe nicht mitbekommen, dass die Chemotherapie zwischenzeitlich deaktiviert war! Die Onkologen unserer Uniklinik auch nicht. Sollte ich zu lange nur im Op gestanden haben? Vielleicht aber brauchte die Journalisten nur einen leicht zu schreibenden Artikel? Die Autorin hätte bloß einmal Wikipedia bemühen müssen, um einen umfassenderen Überblick über die Methode zu bekommen. Therapeutische Hyperthermie (http://de.wikipedia.org/wiki/Therapeutische_Hyperthermie) Als angebliche Medizinjournalistin sollte Fr. Gukelberger-Felix auf der Höhe der Zeit sein und Ahnung vom Fach haben. Beides vermisst man leider bei SPON in vielen Artikeln, nicht nur über Medizin. Hyperthermie ist nur eingeschränkt anwendbar. Viele ältere Patienten, Krebserkrankungen treten in höherem Alter immer wahrscheinlicher auf, wie auch Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung, sind oft in zu eingeschränktem Allgemeinzustand, als dass man sie der Belastung einer Hyperthermie-Therapie aussetzen könnte. Es gibt noch weitere Kontraindikationen, so dass die Indikation für die Hyperthermie in der Regel nur auf einen kleinen, ausgesuchten Patientenkreis anwendbar ist. Auch wenn die Hyperthermie, z. B. bei einem Sarkom angewandt wird, folgt in der Regel noch die operative Behandlung, bei Sarkomen häufig genug mit Amputationen. Was spezielle Verfahren wie thermosensitive Liposome betrifft, das ist noch Zukunftsmusik. Ob dieses Verfahren jemals wirklich breit zur Anwendung kommt, vermag noch niemand zu beurteilen. Hier Hoffnungen zu schüren ist unseriös. Viele interessante Ideen der Medizin sind in der Realität nie angekommen, z. B. Inselzelltransplantation gegen Diabetes mellitus. Man muss generell eine Tendenz bei Medizinthemen konstatieren: Entweder sind wir Ärzte die großen Helden im Kampf gegen Krankheiten und Verletzungen, also doch wieder die Götter in Weiß, ein schrecklich dummer Begriff! oder wird sind betrügerische Schufte, die zuviel verdienen und das Sozialwesen und Gemeinwohl schädigen. Beides gleich intelligent. Etwas mehr Information, Objektivität und Gelassenheit seitens der Journalisten und Kommentatoren täte uns Allen gut. Ob mit solch unaufgeregter Berichterstattung allerdings Quote zu machen und Geld zu verdienen ist? Das ist wohl eine Frage wie weit sich journalistischen Ethik gegen Profitorientierung behaupten kann.
3.
brut_dargent 03.07.2013
Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Die Schulmediziner, hier speziell der Prof. eines Unikrankenhauses, hat sich darüber totgelacht. Schön übrigens, dass man die aus eigener Tasche zahlen darf. Zum Glück ist Hyperthermie deutlichst kostengünstiger als eine Chemotherapie. Und in USA lt. behandelndem Arzt anscheinend sehr gefragt.
4. @dequincey
brut_dargent 03.07.2013
"... so dass die Indikation für die Hyperthermie in der Regel nur auf einen kleinen, ausgesuchten Patientenkreis anwendbar ist. ..." Fakt oder Meinungsmache? Der behandelne Arzt bei der Hyperthermie, ein Onkologe, hat das so ganz anders dargestellt. Gehören Sie auch zu denjenigen, die mit Asperin Fieber unterdrücken? Habe seinerzeit gelernt, dass Fiebern sehr gut für den Körper ist. Nebenbei, ich habe zwei Angehörige aus meiner Familie während der Chemotherpie verloren, darunter eine Mutter von Kindern. Und ich habe das in regelmäßigen Abständen miterlebt. Eins ist sicher: Wenn ich Krebs kriegen sollte, verrecke ich lieber als mir das anzutun. Wie hoch sind die Überlebenschancen? Kennen Sie die Studie aus Australien? Wie exorbitant hoch sind die Kosten für eine Chemotherapie? Wie leiden die Patienten darunter? Warum ist der Medzinforschung noch nichts Verträglicheres eingefallen? Die Eigenkapitalrendite der Roche AG betrug 2009 übrigens knapp über 80%. Sie scheinen es zu sein, der so gar nicht informiert ist!
5.
dequincey 03.07.2013
Zitat von brut_dargent"... so dass die Indikation für die Hyperthermie in der Regel nur auf einen kleinen, ausgesuchten Patientenkreis anwendbar ist. ..." Fakt oder Meinungsmache? Der behandelne Arzt bei der Hyperthermie, ein Onkologe, hat das so ganz anders dargestellt. Gehören Sie auch zu denjenigen, die mit Asperin Fieber unterdrücken? Habe seinerzeit gelernt, dass Fiebern sehr gut für den Körper ist. Nebenbei, ich habe zwei Angehörige aus meiner Familie während der Chemotherpie verloren, darunter eine Mutter von Kindern. Und ich habe das in regelmäßigen Abständen miterlebt. Eins ist sicher: Wenn ich Krebs kriegen sollte, verrecke ich lieber als mir das anzutun. Wie hoch sind die Überlebenschancen? Kennen Sie die Studie aus Australien? Wie exorbitant hoch sind die Kosten für eine Chemotherapie? Wie leiden die Patienten darunter? Warum ist der Medzinforschung noch nichts Verträglicheres eingefallen? Die Eigenkapitalrendite der Roche AG betrug 2009 übrigens knapp über 80%. Sie scheinen es zu sein, der so gar nicht informiert ist!
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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