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Igel-Angebote: Wenn Ärzte zu aufdringlichen Verkäufern werden

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Patientenberatung: Schlechte Beratung, versteckte Kosten, unredliche Methoden Zur Großansicht
Corbis

Patientenberatung: Schlechte Beratung, versteckte Kosten, unredliche Methoden

Igel-Leistungen sind medizinisch umstritten, aber für Ärzte ein lukratives Geschäft. Einige drängen ihre Patienten sogar mit unseriösen Methoden dazu, die Extras in Anspruch zu nehmen. Verbraucherschützer sind empört.

Ist die Standardbehandlung beim Arzt gut genug? Und verringern zusätzliche Tests das Risiko, an Krebs zu versterben? Fragen wie diese müssen sich Kassenpatienten stellen, wenn es um individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) geht. Die Kosten solcher Behandlungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen, in der Regel deshalb, weil ihr Nutzen als nicht ausreichend erwiesen gilt.

Ärzte bieten sie den Patienten, die dann eben selbst zahlen müssen, trotzdem an - und machen damit ein gutes Geschäft. Mediziner müssten eigentlich objektiv über die Igel-Leistungen informieren. Doch viele zwingen ihren Patienten die Angebote mit Tricks und Kniffen geradezu auf: Das zeigen Beschwerden, die bei einem eigens eingerichteten Portal der Verbraucherzentrale NRW eingehen.

Auf der Seite "Igel-Ärger" kommen Patienten zu Wort, die sich vom Arzt über den Tisch gezogen fühlen. "Uns war es wichtig, Beschwerden zu sammeln, um sie systematisch auswerten zu können", sagt Christiane Lange von der Verbraucherzentrale NRW. Die Resonanz sei groß, über tausend Meldungen seien eingegangen, seit die Seite vor gut einem halben Jahr gestartet ist. Die Verbraucherzentrale gibt Patienten rechtliche Tipps und verweist bei medizinischen Fragen unter anderem auf den Igel-Monitor vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDS).

Einfach ankreuzen!

Die Igel-Leistungen, mit denen Kasse gemacht wird, seien seit Jahren die gleichen, sagt Lange: Zusatzangebote zur Krebsfrüherkennung beim Frauenarzt, Urologen oder Hautarzt, die professionelle Zahnreinigung beim Zahnmediziner, oder die Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt. Die Aussagekraft der Untersuchungen ist indes heftig umstritten: Ein erhöhter Augeninnendruck etwa kann, muss aber nicht Symptom eines Glaukoms sein. Auch die zusätzlichen Zahlungen, die manche Dermatologen bei der Früherkennung von Hauttumoren fordern, halten die Krankenkassen für fragwürdig. Experten bemängeln zudem, dass es bei der Suche nach Antikörpern gegen Toxoplasmose-Erreger bei Schwangeren keine ausreichenden Hinweise auf einen Nutzen der Untersuchung gebe.

Neu sind allerdings einige Tricks, mit denen Ärzte und Praxispersonal gezielt versuchen, Erkrankten die Leistungen aufzudrängen. So werden Patienten schon vor der ärztlichen Untersuchung in Wartezimmern Zettel ausgehändigt, auf denen sie Zusatzleistungen "wie auf einer Speisekarte im Restaurant" auswählen sollen.

Wird keine der Leistungen angekreuzt, werden Ärzte und Personal schon mal unwirsch, so berichten es die Patienten auf der Beschwerde-Pinnwand der Seite "Igel-Ärger". Außerdem wurden viele gedrängt, das Ablehnen der Zusatzleistung per Unterschrift zu bestätigen - ganz so, als sei das eine verantwortungslose Handlung, für die man nun selbst das Risiko trägt. Einigen Patienten wurde die Weiterbehandlung verweigert, oder sie bekamen erst dann Termine, wenn Igel-Angebote vorab gebucht wurden. In einem Fall klärte eine Zahnärztin erst nach der Behandlung darüber auf, dass sie eine "besonders gute" Zahnfüllung verwendet habe, die der Patient nun selbst zahlen müsse. In anderen waren die Zusatzleistungen im Nachhinein deutlich teurer als angekündigt.

Unlautere Methoden

"Viele sind verängstigt, weil suggeriert wird, dass die Igel-Angebote notwendig seien", sagt Lange. Zum Beispiel würden in "Informationsbroschüren", die in den Praxen ausliegen, Kassenleistungen oft indirekt abgewertet. "Bei Igel hingegen wird meist nur der Nutzen hervorgehoben." Risiken, wie etwa das einer falsch positiven Diagnose bei der Krebsfrüherkennung, würden ausgespart.

Die meisten dieser Methoden sind nicht legitim, die Verbraucherzentrale rät Patienten daher, sich zu wehren. Ein Kassenarzt darf keinesfalls die weitere Behandlung verweigern, nur weil ein Patient keine Igel-Leistungen wünscht. Man muss und sollte auch nicht unterschreiben, dass man die Zusatzleistungen ablehnt, sagt Lange. Die voraussichtlichen Kosten einer Igel-Behandlung sollte man sich hingegen stets schriftlich bestätigen lassen.

Nicht alles akzeptieren

Wird ein höherer Endpreis in Rechnung gestellt als vereinbart, müsse man Abweichungen nur um maximal 20 Prozent tolerieren: aber auch nur dann, wenn es im Laufe der Behandlung zu besonderen Schwierigkeiten oder einem erhöhten Zeitaufwand kam und das im Vorfeld nicht erkennbar war. Bei erheblichem Fehlverhalten von Ärzten rät Lange Patienten, sich bei der jeweils zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung zu beschweren. Allerdings würde bisher noch zu selten sanktioniert. "Wir hoffen daher in Zukunft, die Vertreter der Ärzteschaft mit ins Boot zu holen", sagt Lange.

Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sieht allerdings trotz der großen Resonanz "keinen Bedarf" für eine Beschwerdeplattform wie der der Verbraucherzentrale. "Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten Ärzte korrekt informieren." Außerdem sei es ihm wichtig, Igel-Angebote "nicht unter Generalverdacht" zu stellen.

Etwas anders lautet der Rat von Verbraucherschützerin Lange: "Patienten sollten nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass alles, was vom Arzt angeboten wird, auch notwendig ist."

KOMMENTAR ZUM THEMA
Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 176 Beiträge
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1. Bloße Empörung wird hier nicht reichen
DesignerKind 11.05.2015
Verwunderlich, dass sich jetzt empört wird. Die Berufsgruppe, die mit noch im Feudalstaat festhängt und glaubt ,dass sie mit ihren Sklaven machen kann, was sie will, hat doch durch die letzten beiden Transplantationsskandale gezeigt, was sie wirklich will. Kohle. Noch sensitiver wird auf Verlust von "Ansehen " reagiert. Ärzte sind da wie Kinder, die für eine Zeichnung nicht gelobt werden. Die Lügen über die Unterversorgung durch die GKV glaubt sowieso niemand mehr. Nicht umsonst arbeiten in Bayern nun private Sicherheitsdienste in Kliniken. Zustand 2015
2. Alle Jahre wieder...
koroview 11.05.2015
sehe ich das gleiche Artikel über Igel, auch mit der üblichen Kandidaten vor Krebsvorsorge bis Augendruckmessung. Warum sehe ich so wenig über unlautere Provisionen beim Versicherungsgeschäfte oder Kredite? Und die "Verkäufer" sind noch dreister. Ich glaube nicht, dass Ärzte gieriger sind als alle andere. und ein wenig wie Brecht zu sprechen: was ist eine Igel-Leistung gegen der Verkauf einer Operationsroboter oder die Zulassung einer neuen, teuren Medikament?
3. Der allhalbjährliche, lückenfüllende Propagandaartikel
bert1966 11.05.2015
Wie erklären Verbraucherschützer, Krankenkassen oder das GKV-eigene (also nur scheinbar objektive) Igel-Portal, dass es offenbar Leistungen gibt, die nur selektiv bei Privatpatienten wirken (z.B. Stosswellenbehandlung bei knochennahmen Schmerz)? Oder auch Kassenleistungen, die zwar bei GKV-Patienten wirksam sind, aber dann nur einmal im Jahr und als Igel-Leistung dazwischen oder selbständig nicht mehr (z.B. Akupunktur bei Migräne)? Oder auch Leistungen, die mal als Kassenleistungen sinnvoll sind, dann als Igel nicht mehr und nach einiger Zeit wenn auch zu erschwerten Zugangsbedingungen doch wieder für auch Kassenpatienten (z.B. periradikuläre Injektionen bei Rückenschmerz)? Oder auch "Kassen-Igel", also Marketingleistungen der kranken Kassen, die zwar nicht im Leistungskatalog aller GKV stehen, aber von einigen Kassen doch bezahlt werden und dann besser als jede andere Form der Behandlung (z.B. Osteopathie)? Der Bock als Gärtner!
4. Abkassiert
WolfThieme 11.05.2015
Hier in Bad Belzig (Brandenburg) werden schon seit Jahren ahnungslose Patienten zu einer unnützen Augeninnendruckprüfung geschleppt, bevor sie die Augenärztin sprechen dürfen. Meist handelt es sich um ältere Menschen vom Lande, die nicht zu widersprechen wagen und darauf vertrauen, dass die Prüfung Teil einer Behandlung ist. Wer klärt sie auf? Ich habe mich verweigert und wurde von der Ärztin angefahren: "Das müssen Sie schon machen." Praxis gewechselt.
5. Wieder ein Artikel, in dem alles durcheinandergewürfelt wird.
Ortho4 11.05.2015
In der Zahnmedizin gibt es keine Igel-Leistungen. Mögliche Zuzahlungen dort haben eine komplett andere Grundlage. Ob das besser ist sei mal dahingestellt. Igel ist es aber nicht.
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