SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Februar 2013, 16:00 Uhr

Igel-Monitor

Prüfer bezweifeln Nutzen von Darmkrebs-Test

Die Untersuchung soll Darmtumoren aufspüren, viele Patienten verlassen sich auch darauf und bezahlen sie aus eigener Tasche: Doch der Igel-Monitor der Kassen kommt jetzt zu dem Schluss, dass der Nutzen des sogenannten M2-PK-Tests fraglich ist.

Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung bei Männern und Frauen in Deutschland. Jährlich erkranken mehr als 70.000 Menschen neu an der Krankheit, sie liegt damit auf Platz zwei der krebsbedingten Todesursachen. Wie bei den meisten Krebsarten gilt auch für bösartige Tumoren im Darm: Je früher man sie entdeckt, desto besser kann man sie behandeln.

Ärzte bieten ihren Patienten deshalb drei verschiedene Tests zur Früherkennung an. Einen davon, den sogenannten M2-PK-Test müssen die Patienten aber aus eigener Tasche bezahlen, er kostet zwischen 30 und 40 Euro. Der Igel-Monitor des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen Krankenkassen kommt jetzt aber zu dem Schluss, dass der Nutzen dieses Tests bisher unklar ist. Denn bisher, so die Prüfer, sei nicht bewiesen, dass weniger Menschen durch diese Art der Früherkennung an Darmkrebs sterben.

Anders sieht es dagegen bei jenen Tests zur Früherkennung aus, die von der gesetzlichen Krankenversicherung gezahlt werden. Versicherte zwischen 50 und 55 Jahren haben jährlich Anspruch auf einen Test auf verstecktes Blut im Stuhl (Hämoccult- oder Guajaktest), das ein Hinweis auf einen Tumor im Darm sein kann. Doch die Methode hat Nachteile: Zwar werden 96 bis 98 Prozent der Gesunden als gesund erkannt, aber nur ein kleiner Teil derjenigen, bei denen der Test Blut im Stuhl anzeigt, hat tatsächlich Darmkrebs. Wer positiv getestet wurde, muss zur Darmspiegelung (Koloskopie), wo der Verdacht genauer untersucht wird.

Ab dem 55. Lebensjahr bietet die Kasse jedem Versicherten auch die Darmspiegelung an. Er kann sich für sie entscheiden und darf nach zehn Jahren erneut zur Spiegelung oder stattdessen lieber alle zwei Jahre weiter einen Hämocculttest in Anspruch nehmen.

Marktlücke erkannt und genutzt

In diese Lücke stößt der Anbieter des alternativen M2-PK-Tests: Tumorzellen produzieren eine Variante der sogenannten Pyruvatkinase, die sich von jener aus normalen Zellen unterscheidet. Der Test spürt die Tumorvariante M2-Pyruvatkinase (M2-PK) im Stuhl auf. Allerdings gibt es für den Test bisher keine Studien, die belegen, wie gut der Test bei beschwerdefreien Menschen Gesunde von Kranken unterscheidet - genau das ist allerdings die Aufgabe eines Screeningtests.

Deshalb gelangt der Igel-Monitor in seiner Bewertung auch zu dem Ergebnis, dass der Nutzen des M2-PK-Tests unklar sei. Die Tester hätten keine Studien gefunden, die untersuchen, ob der M2-PK-Stuhltest helfen kann, Todesfälle durch Darmkrebs zu verhindern, berichtet der Igel-Monitor. Ein direkter Vergleich mit dem Hämocculttest auf Blut im Stuhl sei daher nicht möglich.

Für den Hämocculttest dagegen gibt es bereits Belege dafür, dass er die Sterblichkeit aufgrund von Darmkrebs senken kann - wenn auch geringfügig: Um in zehn Jahren einen Darmkrebs-Todesfall zu verhindern, müssen 1000 Menschen alle zwei Jahre am Screening teilnehmen, gibt das Fachmagazin "Arznei-Telegramm" ("at") an.

Es gibt keinen idealen Test

Bereits 2007 kritisierte die "at"-Redaktion, dass der M2-PK-Test zu schlecht zwischen kranken und gesunden Menschen unterscheide. Falle der M2-PK-Test positiv aus, liege die Wahrscheinlichkeit, dass der Untersuchte tatsächlich an Darmkrebs leidet, nur bei drei bis vier Prozent. Aus diesem Grund komme der Test auch nicht für das Screening auf Darmkrebs in Frage. Bei der Untersuchung auf Blut im Stuhl liegt die Rate immerhin bei acht bis 15 Prozent, sofern der Test bei 50- bis 70-Jährigen zum Einsatz kommt. Der Hersteller des M2-PK-Tests hat seinen Test dagegen schon für den Einsatz ab 35 Jahren beworben.

Alle Screening-Tests stehen vor dem gleichen Problem: Kranke sollen als krank, Gesunde als gesund erkannt werden. Es gibt aber keine Tests, die beides bei jedem Untersuchten sicher feststellen. Je mehr Kranke als krank erkannt werden, desto höher wird auch die Rate der Gesunden, die fälschlicherweise als krank eingestuft werden.

Das bedeutet für die Patienten nicht nur psychische Belastungen, weil sie fürchten, an einer möglicherweise tödlichen Krankheit zu leiden, sondern auch weitere Untersuchungen, die eigene Risiken bergen. Deshalb empfehlen Experten nur solche Tests zur Früherkennung, für die in großen Studien gezeigt werden konnte, dass weniger Patienten an einer Krankheit sterben.

Dass dennoch, wie der Igel-Monitor berichtet, viele Ärzte vom Nutzen des M2-PK-Stuhltests überzeugt sind, verwundert nicht. Experten für evidenzbasierte Medizin empören sich in regelmäßigen Abständen, viele Mediziner verstünden deutlich zu wenig von der Statistik hinter wissenschaftlichen Studien - und würden ihren Patienten deshalb im Zweifelsfall auch das Falsche raten.

Lesen Sie hier, warum viele Ärzte ihre Patienten falsch beraten.

dba

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH