Igel: Ärzte informieren mangelhaft über Selbstzahler-Leistungen

Die Kosten übernimmt der Patient: Bei vielen Igel-Leistungen ist der Nutzen umstritten Zur Großansicht
Corbis

Die Kosten übernimmt der Patient: Bei vielen Igel-Leistungen ist der Nutzen umstritten

Für Krankenkassen ein Dorn im Auge, für Interessenten verwirrend: Individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) sind umstritten. Jetzt kommt eine Studie zu dem Schluss, dass Ärzte ihre Patienten nur ungenügend über die Angebote informieren. Dennoch halten Ärzteverbände die Leistungen für sinnvoll.

Berlin - Wo Patienten auch hinkommen, die Frage nach der Individuellen Gesundheitsleistung (Igel) wartet schon auf sie. Beim Augenarzt: Sollte nicht der Augeninnendruck gemessen werden, um ein Glaukom aufspüren zu können? 22 Euro. Beim Zahnarzt: Mit einer professionellen Zahnreinigung ließe sich doch Schaden von den Zähnen abwenden? Ab 35 Euro. Oder beim Frauenarzt: eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke als Krebsfrüherkennung? Gibt es ab 16 Euro. Allen drei Angeboten gemein ist, dass der Igel-Monitor des Medizinischen Dienstes des Krankenkassen-Spitzenverbands nicht viel von ihnen hält.

So harsch fällt das Urteil einer neuen Studie im Auftrag des Bundesverbraucherschutzministeriums nicht aus. Doch nach den Ergebnissen der Untersuchung werden Patienten in Arztpraxen nur ungenügend über die individuellen Gesundheitsleistungen informiert. Ministerin Ilse Aigner (CSU) hat die Igel-Studie am Mittwoch in Berlin vorgestellt, in der Patienteninformationen zu Selbstzahlerleistungen untersucht wurden. Die Informationsangebote weisen demnach deutliche Defizite auf und bieten keine zuverlässige Verbraucherinformation.

"Patienten haben ein Recht auf Transparenz, hier krankt es noch an manchen Stellen", sagte Aigner. Um das Für und Wider einer Behandlung abwägen und das optimale Angebot auswählen zu können, seien die Patienten auf klare, zuverlässige Informationen angewiesen, die sie aber oft nicht erhielten.

Selbstzahlerleistungen zur Früherkennung oder sport- und reisemedizinische Untersuchungen sind ein großer Markt: Deutsche Ärzte bieten ihren Patienten insgesamt mehr als 350 solcher Zusatzleistungen an, mit denen die Arztpraxen jährlich mindestens 1,5 Milliarden Euro umsetzen. Zu den häufigsten Leistungen gehören der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs und das Glaukom-Screening.

"Vielfach keine zuverlässige Verbraucherinformation"

Das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) und Medizinrechtler der Universität Köln nahmen für das Verbraucherschutzministerium die Informationsangebote im Internet und in Arztpraxen unter die Lupe und bewerteten dabei unter anderem Verständlichkeit und Übersichtlichkeit. Vor allem die Informationen in den Praxen schneiden demnach schlecht ab und sind laut Studie "vielfach keine zuverlässige Verbraucherinformation".

Das Internetportal Igel-Monitor des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS), in dem sich Versicherte über die Bewertung einzelner Selbstzahlerleistungen informieren können, hält die Studie dagegen für fundiert und detailliert. Auch die heute aktualisierten Informationen im "Igel-Check" von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) wurden als "sehr gute Möglichkeit" bewertet, sich zu informieren.

Erst vor kurzem hatten Verbraucherschützer kritisiert, dass Patienten nur unzureichend über die Igel-Leistungen aufgeklärt würden und massiver Werbung ausgesetzt seien. In einer Umfrage der Verbraucherzentralen gab nur jeder Vierte an, dass er vom Arzt über Risiken der Selbstzahlerleistungen informiert wurde.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), sieht grundsätzlichen Bedarf zur Optimierung der Igel-Informationen. Zwar sei bereits geregelt, dass die Igel-Leistungen vom Patienten beim Arzt nachgefragt werden müssen und nicht umgekehrt dem Patienten angeboten werden sollen. Es mangele aber zu oft "an der nötigen Transparenz und sachlicher Information", sagte Zöller.

Der Nutzen vieler Igel-Leistungen bleibt unklar oder umstritten

Zudem bleibt der medizinische Nutzen von Igel-Leistungen in vielen Fällen umstritten oder unklar. Kritiker beklagen, dass viele Igel-Untersuchungen zu falschen Befunden und damit zu unnötigen Eingriffen führen können.

Die deutschen Ärzteverbände dagegen halten einige Selbstzahlerleistungen für eine sinnvolle Ergänzung des medizinischen Angebots. Solange Krankenkassen nicht alles bezahlten, was im Einzelfall medizinisch sinnvoll sei, könne den individuellen Gesundheitsleistungen nicht per se die Existenzberechtigung abgesprochen werden, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Wichtig seien allerdings "seriöse Informationen zum richtigen Umgang" mit den Leistungen. Außerdem müssten auch die Ärzte verantwortungsvoll mit diesen zusätzlichen Angeboten umgehen.

Der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Köhler räumte ein, dass neben sinnvollen Untersuchungen und Behandlungen auch solche angeboten würden, "die kritisch betrachtet werden müssen". Es sei daher wichtig, sich an Regeln zu halten. Im aktualisierten Ratgeber der Ärzteverbände erführen die Bürger, um welche Leistungen es gehe, warum gesetzlich Versicherte dafür zahlen müssten und auf was jeder achten sollte, der von seinem Arzt eine solche Leistung angeboten bekommt.

Im geplanten Patientenrechtegesetz sollen die Igel-Leistungen mit einer Pflicht zur detaillierten Information und Sanktionsmöglichkeiten reguliert werden.

dba/AFP/dapd

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Vorsorge
circul 07.11.2012
Immer wieder finden sich Beiträge, wie schlimm das Igeln ist. Aber welche Möglichkeiten gibt es denn beispielsweise einen Prostatakrebs zu finden? Die Krankenkassen bezahlen einmal im Jahr die rektale Tastuntersuchung ab 45 Jahren, mit der allerdings meist nur fortgeschrittene Karzinome entdeckt werden können. Hilfreich ist wirklich nur PSA-Wert und Ultraschall. Es gibt gute Studien, die belegen, daß PSA-Wert-Bestimmung mit fachkundiger Bewertung beim Urologen Leben retten. Selbstverständlich gibt es auch Studien, die das Gegenteil beweisen, die sind aber meist im Auftrag der Krankenkassen weltweit erstellt worden. Dann gibt es wieder einige, die behaupten Prostatakrebs sei ein sogenannter "Haustierkrebs". Ich kenne einige Männer mit Knochenmetastasen, die im Nachhinein gern die Vorsorge bezahlt hätten.
2. Erfahrungsbericht, vor ein paar Monaten:
SpieFo 07.11.2012
Zitat von sysopFür Krankenkassen ein Dorn im Auge, für Interessenten verwirrend: Individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) sind umstritten. Jetzt kommt eine Studie zu dem Schluss, dass Ärzte ihre Patienten nur ungenügend über die Angebote informieren. Dennoch halten Ärzteverbande die Leistungen für sinnvoll.
Sehr geehrter Herr Dr. ### bitte gestatten Sie mir ein kurzes Feedback. Ich war am ##.##.## zu einer Visus-Untersuchung bei Ihnen. An der Rezeption habe ich auf einem Formular die Igel-Untersuchung zur Glaukom-Vorsorge abgelehnt. Sie haben meine Ablehnung bei der Untersuchung thematisiert. Die Heftigkeit Ihrer Argumentation für eine Glaukomuntersuchung hat mich überrascht. Kein Patient *muss* eine Igel-Leistung machen lassen, auch wenn er über 50 Jahre ist. Ich bin der Meinung, daß ein Arzt eine sorgfältige Anamnese durchführen muss. So hätte ich Fragen wie - Kam ein Glaukom in Ihrer Familie vor? - Haben Sie sich schon mal eine Glaukom-Vorsorgeuntersuchung machen lasse? Wann? (Ja, negativ) erwartet, um daraus einen weiteren Beratungs- und Untersuchungsbedarf abzuleiten. Ein Patient sollte beraten werden, aber nicht bedroht: „Ich werde keinen Grünen Start/Glaukom bekommen/daran erkranken, aber Sie“ Das empfand und empfinde ich als Bedrohung. Und: Seit wann *muss* eine Patient ein Entscheidungsformular zur Glaukom-Igel-Untersuchung ausfüllen? Bin ich gesetzlich oder von der Krankenkasse aus dazu verpflichtet? Mir ist nichts davon bekannt. Die Antwort an der Rezeption „Das brauchen wir zur Dokumentation“ kann mich nicht befriedigen. Es mag ja dazu dienen, interne Abläufe/Prozesse zu dokumentieren, daß Ihre Angestellte die von Ihnen beauftragten Arbeiten auch zufriedenstellend erledigen, das muss aber für den Patienten an der Stelle irrelevant sein, sie könnten eben auch die Ablehnung des Patienten selbst dokumentieren. Bitte entschuldigen Sie meine späte Stellungnahme, ich habe mich etwas „fortgebildet“: Ich muss davon ausgehen, daß jeder Arzt in Deutschland sich dessen bewusst ist, daß „die Fachgesellschaften als oberste medizinische Autorität dem IGel-Geschäft skeptisch bis ablehnend gegenüber (stehen), was etwa in den Leitlinien deutlich wird. Ärztliche Berufsverbände vertreten dagegen primär die Interessen ihrer Mitglieder, also auch deren wirtschaftliche Interessen.“ (Nun ist nichts gegen wirtschaftliche Interessen einzuwenden, solange sie nicht auf dem Rücken der Patienten (= Kunden) und zu deren Nachteil ausgetragen werden). Ihnen müssen die Ergebnisse der Studien zur Augeninndruckmessung bekannt sein: IGeL-Monitor (http://www.igel-monitor.de/Igel_A_Z.php?action=abstract&id=69) Die Absonderlichkeiten im Zusammenhang mit IGel sind geradezu erschreckend: Verkaufstraining für Ärzte: Regierung fördert Igel-Seminare - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/verkaufstraining-fuer-aerzte-regierung-foerdert-igel-seminare-a-847080.html) Ich möchte es mit meinem Feedback so belassen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
3. IGeL = notwendige Einnahme-Quelle
fliegender-robert 07.11.2012
Also selbst der Spiegel schreibt: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/patientenschutzgesetz-leider-gefahr-fuer-patienten-bei-igel-a-861344.html "... Gestartet wurden die kostenpflichtigen Extras in den Praxen in den neunziger Jahren.... Durch Kostensenkungen war das Einkommen der Ärzte gesunken, die Dienste sollten den Verlust wieder wettmachen. ..." Also die Vorteile sind glasklar: 1.) Der Arzt erzielt ein notwendiges Einkommen. 2.) Der Patient erhält eine möglicherweise sinnvolle medizinische Behandlung. 3.) Die Krankenkasse wurde von Kosten entlastet. Da finde ich die Polemik das Artikels völlig fehl am Platze! Beziehungsweise ist die Herangehensweise total falsch: Der Betrachtungsgrund ist NICHT die medizinische Notwendigkeit oder Sinn, sondern ausschließlich das Arzt-Einkommen! Quasi ist dies eine Kostenbeteiligung des Patienten, welche nur nicht so genannt wird (werden darf?). Also wer etwas an diesem System ändern möchte, muss den Grund für IGeL beseitigen, d.h. die Kostensenkungen zurück nehmen.
4. Klar
gsm900 07.11.2012
Zitat von sysopDennoch halten Ärzteverbande die Leistungen für sinnvoll. Igel: Patienten bekommen zu wenig Informationen in Arztpraxen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/igel-patienten-bekommen-zu-wenig-informationen-in-arztpraxen-a-865844.html)
wenn man die Preise bei Audi, BMW oder Porsche kennt. Reitpferde und Golfclubs sind auch nicht billig.
5. IGeL-Monitor keine zuverlässige Informationsquelle
laralachmal 07.11.2012
Im IGel Monitor wird missverständlich und fehlerhaft über den "Glaukom-IGel" informiert. Eine Augeninnendruckmessung ohne Begutachtung des Sehnervens ist natürlich zur Vorsorge gänzlich ungeeignet. Die Glaukomvorsorge-Untersuchung verlangt ausdrücklich an erster Stelle die Untersuchung des Sehnervens am Augenhintergrund und nicht nur – wie im IGel Monitor fälschlich behauptet wird, die Augeninnendruckmessung. Die im IGel Monitor kritisierte alleinige Augeninnendruckmessung zur Glaukomvorsorge ohne Begutachtung des Sehnervens wird gelegentlich von Optikern und Betriebsmedizinern durchgeführt, sie wird jedoch von keinem seriösen Augenarzt angeboten. Wer sich hierzu weiter informieren will, lese bitte die Stellungnahme der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft www.dog.org unter Publikationen/Stellungnahme zur Glaukomvorsorge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Igel-Leistungen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
  • Zur Startseite
DPA

Früherkennung: Diese Untersuchungen zahlt die Krankenkasse



Diese Untersuchungen zahlt die Krankenkasse:


Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: