01. Dezember 2012, 07:23 Uhr

Ein rätselhafter Patient

Mama, wer bist du?

Von Heike Le Ker

Mutter und Vater sind plötzlich nicht mehr dieselben: Sie sind Betrüger, die ihr Kind vergiften wollen. Das fühlt ein elfjähriges Mädchen und bringt dadurch sich und das Leben seiner Eltern ins Wanken. Der Fallbericht zeigt, wie traumatisierend Illusionen sind - und was helfen kann.

Elf Jahre alt ist das Mädchen, als seine Welt plötzlich aus den Fugen gerät: Die Eltern verreisen für kurze Zeit allein - ohne ihre Tochter. Dann kehren sie wieder nach Rom zurück. Doch es sind nicht ihre Eltern. Zwar sehen sie aus wie zuvor, aber es sind andere Menschen. Die Eltern wurden durch Betrüger ersetzt, die das Mädchen vergiften wollen. Die Elfjährige ist sich sicher: Sie werden sie töten. Ihre Familie, ihr Vertrauen, ihre Sicherheit - alles ist fort.

Bald hört das Mädchen überall Stimmen. Es kann sich nicht verstecken, nicht weglaufen. Die Doppelgänger der Eltern tun so, als gäbe es die Stimmen nicht. Die Elfjährige muss sich gegen ihre Versuche wehren, sie umzubringen. Sie hat Angst, versteckt sich, weint, kann nicht mehr schlafen, keine Ruhe finden.

Schließlich kommt das Mädchen in das Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom. Die Ärzte dort sehen ein verschrecktes, ängstliches Kind, mit dem sie nur schwer Kontakt aufnehmen können. Die Eltern berichten über aggressive Phasen. Schon seit einigen Monaten sei ihre Tochter antriebsloser als zuvor. Sie sei zwar schon immer schüchtern gewesen, doch in letzter Zeit habe sie sich immer mehr zurückgezogen und eine unkontrollierbare Angst vor ihnen entwickelt.

Liebesentzug von den Eltern

Die Eltern fühlen sich schuldig, weil das Kind ihnen misstraut. Aber sie sind auch frustriert und wütend, dass ihre Tochter sie nicht erkennt und ihnen unterstellt, sie wollten ihr wehtun. Liebevoll zuwenden können sie sich ihr kaum noch.

Die Ärzte, die über ihre besondere Patientin im "Journal of Medical Case Reports" berichten, beginnen mit einer Reihe von Untersuchungen. Körperlich ist das Kind gesund, es gibt keine Auffälligkeiten im Blut oder in den Kernspin-Aufnahmen vom Gehirn. Mit zahlreichen Fragen, Aufgaben und Spielen versuchen Psychiater zu ergründen, wie die Innenwelt des Kindes aussieht.

Nach langen Gesprächen und Recherchen steht ihre Diagnose fest: Das Mädchen leidet unter dem sogenannten Capgras-Syndrom. Dieses extrem seltene Krankheitsbild äußert sich als isolierte Illusion, bei der die Betroffenen fest glauben, nahestehende Personen seien durch Doppelgänger ausgetauscht worden.

Möglicherweise spielt es eine Rolle, dass die Betroffenen Probleme haben, bekannte Gesichter mit ihren Gefühlen in Verbindung zu setzen. Obwohl es bereits einige Untersuchungen der Hirnaktivität bei Patienten mit Capgras-Syndrom gibt, sind weder die genaue Ursache noch die pathologischen Vorgänge im Gehirn genau erforscht. Mitunter treten gleichzeitig Symptome auf, die zur Schizophrenie gehören: wie etwa akustische Halluzinationen oder das Gefühl, die Gedanken würden von außen gesteuert. Das Mädchen aber ist zusätzlich vor allem depressiv.

Botenstoffe im Gehirn neu steuern

Die Ärzte verschreiben dem Kind Risperidon. Dabei handelt es sich um ein Neuroleptikum, das in den Hirnstoffwechsel eingreift. Das Medikament hemmt bestimmte Rezeptoren des Botenstoffs Dopamin, die bei der Entstehung von Schizophreniesymptomen eine Rolle spielen.

Einen Monat später geht es dem Mädchen nur wenig besser. Zwar leidet es nicht mehr so sehr unter den Stimmen, die es hört. Aber die Illusionen und Ängste sind geblieben, das Mädchen ist weiterhin traurig, zurückgezogen und depressiv. Die Psychiater kombinieren mit dem Neuroleptikum nun ein Antidepressivum, das den Kreislauf anderer Signalstoffe im Gehirn beeinflusst. Weitere zwei und vier Monate später sind die verstörenden Illusionen, dass die Eltern ausgetauscht worden seien, verschwunden. Auch die depressiven Gefühle sind weniger geworden.

Die beiden zentral wirksamen Medikamente können schwere Nebenwirkungen haben: Mitunter werden die Patienten schläfrig, sie nehmen an Gewicht zu und bewegen Arme, Beine, Kopf oder Rumpf, ohne dass sie die Bewegungen steuern können.

Das Mädchen verträgt die Medikamente allerdings gut. Weil auch ihre zwanghaften Ideen und Ängste und die Depression deutlich zurückgegangen sind, entscheiden sich die Ärzte, ihr die starken Medikamente trotz der Risiken weiterhin zu verordnen.


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