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14. Februar 2013, 15:00 Uhr

Tätowierfarben

Gift im Arschgeweih

Von Volker Mrasek

Behörden entdecken immer öfter bedenkliche Substanzen in Tattoo-Farben. Allein in diesem Jahr wurden fünf Produkte vom Markt genommen. Die Stoffe gelten als krebserregend und können Allergien auslösen - und die Langzeitfolgen sind nicht absehbar.

Das Jahr hat kaum begonnen, da hat das europäische Schnellwarnsystem für Konsumgüter Rapex bereits fünfmal Alarm geschlagen: Immer häufiger nehmen die Behörden Tinten für Tattoos vom Markt, weil sie übermäßig mit krebserregenden Begleitstoffen verunreinigt sind.

Drei der fünf Rückrufe gingen auf Analysen des Hessischen Landeslabors in Wiesbaden zurück. Zuvor hatte auch schon das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Oberschleißheim Tätowierfarben untersucht und wegen untolerierbar hoher Konzentrationen der Krebsgifte beanstandet. Die zuletzt zurückgerufenen Produkte stammen aus China, Japan, Frankreich und den Vereinigten Staaten, wobei Tinten mit Herkunft USA am häufigsten aus dem Verkehr gezogen werden.

Schwarze Tattoo-Tinte enthält als farbgebende Komponente Ruß ("Carbon Black"), der aus Erdöl hergestellt wird und sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthält. Einige Substanzen dieser Stoffgruppe sind krebserregend. Zwar gibt es auch gereinigtes Carbon Black für kosmetische Anwendungen. Nur ist es wesentlich teurer als Ruß für technische Zwecke und wird daher nicht immer verwendet.

Ernstes Gesundheitsrisiko für Verbraucher

Bei den Analysen am LGL fielen drei Tinten eines US-Herstellers durch PAK-Konzentrationen auf, die zum Teil 180fach über dem vom Europarat empfohlenen Grenzwert lagen. Das seien "derart überhöhte PAK-Summengehalte, dass sie geeignet sind, die Gesundheit zu schädigen", sagt Michael Vocke, Kosmetik-Sachverständiger in dem bayerischen Untersuchungsamt. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht ein "ernstes Gesundheits- und Sicherheitsrisiko für Verbraucher".

Bei den Farben von bunt-brillanten Tätowiertinten handelt es sich oft um lichtechte Azo-Verbindungen, wie sie die Autoindustrie in Lacken einsetzt. Diese Farben sind häufig mit aromatischen Aminen (AA) kontaminiert. Diverse Vertreter dieser Stoffgruppe können, ähnlich wie auch bei den PAK, Krebs auslösen.

Niederländische Tester gerieten zuletzt gar an eine US-Tinte, die knapp 1,8 Gramm pro Kilogramm des aromatischen Amins Anisidin aufwies - in der Schadstoffanalytik sind das enorme Mengen. Schnellwarnungen vor stark mit AA belasteten, bunten Tattoo-Tinten kamen in den zurückliegenden Wochen auch immer wieder aus Italien. Nach der Europaratsresolution sollen die hochgiftigen Amine in Tätowierfarben prinzipiell nicht enthalten sein.

Wer sich technische Tattoo-Farben unter die Haut spritzen lässt, muss auch mit Inhaltsstoffen rechnen, die Allergien auslösen können. Anfang des Monats beanstandeten slowenische Prüfer ein Violettrot aus Frankreich, weil es fast fünf Gramm Nickel pro Kilogramm Probe enthielt. Zu viel: Nach der Beurteilung von Experten besitzt das Metall ein "hohes allergenes Potential". In Tattoo-Tinte hat Nickel deshalb nichts verloren.

Auch in der Schweiz wurden vergangenes Jahr Tätowiertinten untersucht: Von 26 Farben beanstandeten die Prüfer 22, in 21 Fällen verhängten sie ein Anwendungsverbot. Zwar betonen die Untersucher, dass sie sich auf problematische Produkte konzentriert hätten, was die hohe Beanstandungsquote erkläre. Zugleich bemängeln sie aber, dass neu eröffnete Tattoo-Studios sich in der Regel kaum um die gesetzlichen Anforderungen kümmerten.

"Das Zeug bleibt im Körper"

Von einem "Fass ohne Boden" spricht Wolfgang Bäumler, Professor für Experimentelle Medizin an der Universität Regensburg. Bäumler befasst sich schon seit Jahren mit der Frage, wie sich die injizierten Tattoo-Farben im Körper verhalten. Bei Labormäusen, die Bäumlers Arbeitsgruppe tätowierte, war nach sechs Wochen ein Drittel der Tinte nicht mehr an Ort und Stelle. "Bei Langzeit-Tätowierten kann es sein, dass 80 Prozent der Farbe verschwunden sind", sagt er. Ein bevorzugter Rückzugsort der Tinten im Körper ist offenbar das Lymphsystem. "Chirurgen staunen immer wieder über buntest eingefärbte Lymphknoten", erzählt Bäumler: "Das Zeug bleibt im Körper."

Was es dort anstellt, darüber lässt sich bisher nur spekulieren. "Es fehlen große epidemiologische Studien, die zeigen können, welche gesundheitlichen Probleme Tätowierte haben", sagt Bäumler. Er geht davon aus, dass verunreinigte Farben samt der enthaltenen Krebsgifte über das ganze Lymphsystem transportiert werden können: "Landen sie in Leber, Milz oder Gehirn? Wir wissen es nicht."

Forscher am Institut für Klinische Medizin der Universität von Helsinki haben die Fachliteratur gesichtet und sind auf insgesamt 50 Fälle von Hauttumoren auf Tattoos gestoßen. Diese Zahl, urteilen sie, sei ziemlich niedrig. Ein kausaler Zusammenhang lasse sich keinesfalls ableiten.

Bäumler verweist aber auf die mitunter lange Zeit bis zur Krebsentstehung, die durchaus zwei oder drei Jahrzehnte betragen könne. Und: "Die bunten Tattoo-Farben sind erst seit zehn bis 15 Jahren bei uns stärker verbreitet." Deutsche Untersuchungsämter sehen daher dringenden Handlungsbedarf und bereiten ein Schwerpunktprogramm zur Untersuchung von Tattoo-Farben vor. "Die amtliche Überwachung ist angehalten, verstärkt Tätowiermittel zu untersuchen", sagt Ingrid Neudorfer-Schwarz, Sachverständige am LGL in Oberschleißheim. Es gebe genügend gute Farben auf dem Markt, so die Lebensmittelchemikerin - aber eben auch die hochgradig verunreinigten Mischungen zweifelhafter Herkunft. Verbrauchertipp: Hier lesen Sie, wie man sich vor giftigen Tattoo-Farben schützt.

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