Therapien Wie viel darf ein Lebensjahr kosten?

Die moderne Medizin ermöglicht immer speziellere Behandlungen. Manche Therapien aber sind so teuer, dass die Gemeinschaft sie nicht für alle finanzieren kann. In den Niederlanden wird deshalb über den Maximalpreis eines Lebensjahres diskutiert.

Dialysemaschine: Die Behandlung ist teuer
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Dialysemaschine: Die Behandlung ist teuer


Was kann eine Gesellschaft für einen einzelnen Menschen ausgeben? Darf ein Maximalpreis für ein Lebensjahr existieren? An Astrid Nollens Leben hing das Preisschild von 80.000 Euro. Im Januar 2010 entdeckte der Arzt bei ihr Hautkrebs. Vom ersten Tumor, der kleiner war eine Bleistiftspitze, hatten sich Metastasen im ganzen Körper ausgebreitet, sogar im Kopf. Eine Chemotherapie und zwei Operationen halfen nicht. Die letzte Möglichkeit war eine Immuntherapie: mehrere Infusionen des Medikamentes Ipilimumab, 80.000 Euro.

Astrid Nollen sitzt am Küchentisch in einem Städtchen nicht weit von Amsterdam. Sie wurde geheilt. Sie lebt, weil sie die Therapie bekommen hat.

Nollen erzählt, sie habe nach der Diagnose begonnen, sich in die medizinischen Studien einzulesen. Nur bei etwa zwanzig Prozent der Patienten wirke die Immuntherapie, sagt sie. Bezahlt werden muss die Behandlung jedoch in jedem Fall. In den Niederlanden wird deshalb diskutiert, in welchen Fällen sich eine medizinische Behandlung lohnt, ein Maximalbetrag ist im Gespräch.

Eine Kosten-Nutzen-Rechnung

Wie genau das System funktionieren soll, ist noch offen. Möglich wäre eine Kosten-Nutzen-Rechnung:

  • Wann ist die Wahrscheinlichkeit zu groß, dass eine teure Behandlung nicht wirkt?
  • Sind hohe Kosten gerechtfertigt, wenn eine Therapie lediglich ein bisschen mehr Lebenszeit bringt, aber keine Heilung?

Ein Maximalbetrag - genannt wurden 80.000 Euro pro gewonnenem Lebensjahr - wäre die Grenze. Eine Therapie würde nicht mehr bezahlt, wenn die Kosten diesen Betrag überschreiten. Damit soll das Gesundheitssystem finanzierbar bleiben.

Es geht nicht nur um die Finanzierung von Krebstherapien. Die Behandlung von Patienten mit Nierenversagen, die drei Mal pro Woche zur Dialyse müssen, kostet in den Niederlanden beispielsweise 216.000 Euro pro Jahr. Will man diese Kranken also nicht mehr behandeln?

Die Therapie seltener Krankheiten kann noch teurer sein. Solange es um wenige Patienten gehe, sei eine Finanzierung noch möglich, sagt Christian Blank. Nollens behandelnder Arzt ist ein deutscher Mediziner am Amsterdamer Antoni-van-Leeuwenhoek-Krankenhaus.

Die Frage betrifft auch Deutschland

Schon bald aber könnte die Immuntherapie bei Patienten mit Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs angewendet werden. Dann geht es in den Niederlanden nicht mehr um Hunderte, sondern um Tausende Patienten. Noch laufen die Studien, aber im nächsten Jahr werden möglicherweise die Preisverhandlungen mit den Pharmafirmen beginnen.

Blank rechnet vor: In Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als 50.000 Menschen an Lungenkrebs. Wenn man von einem möglichen Preis von 100.000 Euro für die neue Immuntherapie ausgeht, wären das fünf Milliarden Euro. "Die Frage, was das Gesundheitssystem leisten kann, betrifft auch Deutschland", sagt der Arzt. 2012 hatten die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland rund 30,6 Milliarden Euro für Medikamente ausgegeben.

Einige neue Therapien wirken nur bei wenigen Personen oder verlängern ein Leben nur relativ kurz. "Bei der Diskussion um eine Obergrenze geht es im Kern darum, ein transparentes Kriterium dafür zu entwickeln, welche Gesundheitsleistungen sich eine Gesellschaft nicht leisten möchte", sagt Harald Tauchmann, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Erlangen. Transparenz sei wichtig, weil sonst im Einzelfall zufällig und unsystematisch entschieden werde, erklärt er.

Befürworter in den Niederlanden meinen, ein vereinbarter Maximalbetrag würde Ärzte entlasten und für mehr Gerechtigkeit sorgen, weil weitreichende Entscheidungen nicht mehr der einzelne Mediziner treffen müsse. Außerdem sei die Diskussion wichtig, weil sonst die Illusion entstehe, es könne jede Leistung finanziert werden. Tatsächlich gebe es in der Praxis heute bereits eine Art Grenze, weil Krankenhäuser in den Niederlanden nur einen bestimmten Betrag zur Verfügung hätten, sagte Wouter Bos, Direktor des Amsterdamer Universitätsklinikums, in der Fernsehsendung "Een Vandaag". Für die Sendung wurden 2000 Spezialisten in den Niederlanden befragt, 71 Prozent sprechen sich für die Einführung einer Obergrenze aus.

Es braucht eine Debatte

Gegner argumentieren, ein Maximalbetrag sei weder politisch machbar noch in der Praxis umzusetzen. Zu viele Patienten würden durch das Raster fallen. Zudem hätte das Gesundheitssystem genügend Reserven.

In Deutschland stehe eine Kostenbegrenzung deshalb nicht zur Debatte, sagt Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Eher brauche es eine gesellschaftliche Debatte über die Grenze zu unverhältnismäßigen Gewinninteressen der Pharmafirmen.

Astrid Nollen sagt, mit einer Obergrenze hätte sie die Immuntherapie wahrscheinlich nicht bekommen. Durch die Fenster scheint die Sonne eines Spätsommertags. In einer Stunde holt sie die Kinder von der Schule ab. Sie ist zurück in einem normalen Leben. "Natürlich war es die Kosten wert", sagt sie. Sie verstehe die Notwendigkeit der Debatte. Sie sei wohl nicht das richtige Beispiel, sagt Nollen am Ende. Sie war bei der Diagnose 36 Jahre alt, sie hat drei kleine Kinder. "Jeder versteht, dass in dieser Situation jeder Monat Lebenszeit unbezahlbar ist und man alles versucht." Schwierig werde es erst in anderen Fällen: Wäre man bei einer 75 Jahre alten, alleinstehenden Frau auch bereit, 80.000 Euro auszugeben bei der großen Wahrscheinlichkeit, dass die Behandlung nicht hilft?

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insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
,,o..o,, 20.09.2014
1. Genau!
-Wie genau das System funktionieren soll, ist noch offen. Möglich wäre eine Kosten-Nutzen-Rechnung- Kosten-Nutzen: 20 jaehrige, koennen noch lange Beitraege zahlen, 70 jaehrige dagegen.... Da sollte ganz klar festgehalten werden, das jede Berechnung, nicht nur via Alter, zur Ddiskriminierung fuehrt! In erster Linie zur "Kein Geld, dann stirb" Diskriminierung!
Schreiber5.1 20.09.2014
2. Was haben wir nur für eine Gesellschaft?
Solange Unsummen in Krieg und Waffen investiert werden, sollte sich kein Mensch Sorgen um die Kosten von Therapien machen müssen. Menschen, die solche Gedanken, wie: "Wie viel darf ein Lebensjahr kosten?" hegen, sollten daher weltweit geächtet werden! Diese Unmenschlichkeit ist Teil des ebenso verachtenswerten Neoliberalismus! Dort stecken die Wurzeln, die den Grundsatz verbieten, "Leben und Leben lassen!" Alles muss Höchstgewinne abwerfen, sonst entgehen irgendwelchen Gierschlunden Milliardensummen. Ist so etwas noch lebenswert?
spontanegedanken 20.09.2014
3. die Diskussion ist wichtig
und muss unbedingt auch in Deutschland angestossen werden. Allerdings greift es zu kurz einfach nur exorbitante Kosten neuer high-tech Medizin zu akzeptieren und kritiklos zu bezahlen, am Ende gar auf Kosten persönlicher Betreuung und Zuwendung. Weder Dialyse noch Immuntherapien sind objektiv diese sechsstelligen Preise wert, die Preise werden von den Herstellerdirmen recht
BlakesWort 20.09.2014
4.
Der letzte Absatz trifft es, auch wenn es zynisch klingt. Wer noch nicht selbst in dieser Situation war, kann es sicher schwer beurteilen. Diskutiert werden sollte nicht über die Kosten, sondern über den Sinn einiger Behandlungen. Meine Oma starb mit 82 Jahren an Darmkrebs. Sie überlebte Operationen, Chemo usw., litt aber das letzte Jahr ihres Lebens entsetzliche Schmerzen und vegetierte mehr, als dass sie lebte. Das hätten die Ärzte verhindern und ihr Leben durch Palliativmedizin würdevoll ausklingen lassen können. Es wird heute zu viel versucht, ohne an ein lebenswürdiges Leben der Patienten zu denken.
fresigo 20.09.2014
5.
In einer Gesellschaft, in der die durchschnittliche Nutzungsdauer von teuren Smartphones bei 18 bis 24 Monaten liegt, in der die Grundwerte durch das Recht auf Konsum dominiert werden und die Menschen bereit sind, unglaublich viel Geld für Luxus und Lifestyle auszugeben, in so einer Gesellschaft ist die Idee, Menschenleben kostenzudeckeln einfach nur pervers. Diese Diskussion ist für ärmere Länder gedacht, nicht für uns. Lieber sollten die Pharmahersteller in ihren Preisvorstellungen gedeckelt und/oder die Versicherungsbeiträge angehoben werden, da wagt sich aber keiner ran. Diese Diskussion setzt nur einen Trend in der Gesellschaft fort Richtung Egoismus, Geiz und Ignoranz.
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