Keuchhusten: Gefährliche Luftnot
In Großbritannien sorgt eine Keuchhusten-Epidemie für Aufsehen, fünf Säuglinge starben dieses Jahr bereits. Erwachsene werden häufig zur Bakterienschleuder. Dabei können Impfungen schützen.
Trockener Reizhusten, vor allem in der Nacht, so stark, dass den Patienten die Luft wegbleibt. Die Kinder liegen mit herausgestreckter Zunge im Bettchen und husten sich sprichwörtlich die Seele aus dem Leib. Die Anfälle können sich bis zum Erbrechen steigern - wochenlang kann das so gehen. Keuchhusten ist eine Tortur für den kleinen Körper und bei Säuglingen und Kleinkindern schlimmstenfalls lebensbedrohlich.
Aktuell sorgt sich die britische Health Protection Agency (HPA) um steigende Fallzahlen der von Medizinern Pertussis genannten Krankheit. Alleine im Juni registrierte die HPA knapp 700 Fälle in England, seit Jahresbeginn starben fünf Säuglinge auf der Insel. Sorgen bereitet den britischen Experten vor allem, dass in diesem Jahr viele besonders junge Säuglinge erkranken.
Eine ähnliche Tendenz beobachten - zumindest regional - auch deutsche Gesundheitsbehörden. So stellt die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen in ihrem Bericht für das Jahr 2011 fest, dass die Zahl der Erkrankungen bei den besonders gefährdeten Säuglingen von 2007 bis 2011 zugenommen hat. Zugleich sei die früher als typische Kinderkrankheit bekannte Infektion mit dem Bakterium Bordetella pertussis mittlerweile auch eine häufige Erkrankung erwachsener Patienten. 2011 erkrankten laut Robert Koch-Institut (RKI) in den fünf ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 4193 Menschen an Keuchhusten, in diesem Jahr wurden bisher bereits 3037 Fälle gemeldet. Nur für diese Länder gibt es Zahlen, da Keuchhusten nur dort meldepflichtig ist.
Eigentlich sollten nach den Vorstellungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim RKI alle Kleinkinder in Deutschland gegen Keuchhusten geimpft werden. Im Alter von zwei Monaten geht es los mit dem Impfen, mit drei, vier und im Alter zwischen elf und 14 Monaten komplettiert je eine Impfung die Grundimmunisierung. Der Keuchhusten dürfte demnach kaum eine Chance haben, doch die Sache hat zwei Haken: Nicht alle Eltern lassen ihre Kinder impfen - und der Impfstoff wirkt nicht bei jedem.
Relativ schwacher Impfstoff: Keuchhusten ist nicht auszurotten
| Impfkalender bis zwei Jahre | |||||
| Impfung | 2 Monate | 3 Monate | 4 Monate | 11-14 Monate | 15-23 Monate |
| Tetanus | x | x | x | x | Nachholimpfung |
| Diphtherie | x | x | x | x | Nachholimpfung |
| Keuchhusten (Pertussis) | x | x | x | x | Nachholimpfung |
| Haemophilus influenzae Typ b | x | (x) | x | x | Nachholimpfung |
| Kinderlähmung (Poliomyelitis) | x | (x) | x | x | Nachholimpfung |
| Hepatitis B | x | (x) | x | x | Nachholimpfung |
| Pneumokokken | x | x | x | x | Nachholimpfung |
| Meningokokken C | ab 12 Monaten | ab 12 Monaten | |||
| Masern, Mumps, Röteln | x | x | |||
| Windpocken (Varizellen) | x | x | |||
| Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2012, 30. Juli 2012. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. | |||||
"Wichtig ist, dass Hausärzte und Internisten auch bei erwachsenen Patienten mit chronischem, hartnäckigem Husten an die Diagnose Keuchhusten denken", sagt Norbert Suttorp, Leiter der Infektiologie und Pneumologie an der Berliner Charité. Während Kinderärzte bei ihren Patienten normalerweise eine mögliche Pertussis-Infektion im Kopf haben, steht bei Erwachsenen eher die Sorge vor Allergien, Asthma, chronischen Lungenerkrankungen oder gar Krebs im Vordergrund. Das kann die richtige Diagnose erschweren. Charakteristisch sind auch bei erwachsenen Patienten die nächtlichen Anfälle über mehr als vier Wochen.
Impfschutz fehlt vor allem bei Erwachsenen
| Impfkalender von zwei bis 17 Jahren | ||||
| Impfung | 2-4 Jahre | 5-6 Jahre | 9-11 Jahre | 12-17 Jahre |
| Tetanus | nachholen | auffrischen | (auffrischen) | (auffrischen) |
| Diphtherie | nachholen | auffrischen | (auffrischen) | (auffrischen) |
| Keuchhusten (Pertussis) | nachholen | auffrischen | (auffrischen) | (auffrischen) |
| Haemophilus influenzae Typ b | nachholen | |||
| Kinderlähmung (Poliomyelitis) | nachholen | nachholen | (auffrischen) | (auffrischen) |
| Hepatitis B | nachholen | nachholen | nachholen | |
| Meningokokken C | nachholen | nachholen | nachholen | nachholen |
| Masern | nachholen | nachholen | nachholen | nachholen |
| Mumps, Röteln | nachholen | nachholen | nachholen | nachholen |
| Windpocken (Varizellen) | nachholen | nachholen | nachholen | nachholen |
| Humanes Papillomvirus | Mädchen/Frauen | |||
| Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2012, 30. Juli 2012. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. (Auffrischen): nur einmal in zwei Altersspannen notwendig. | ||||
Erwachsene sollten sich vor allem impfen lassen, um die Krankheit nicht weiterzugeben: Keuchhusten verläuft im Erwachsenenalter in der Regel vergleichsweise glimpflich, anders als Neugeborene und Säuglinge müssen ältere Patienten normalerweise nicht im Krankenhaus behandelt werden. In den ersten Lebensmonaten liegt das Risiko für eine Komplikation bis hin zur Beatmung im Krankenhaus hingegen bei fünf bis zehn Prozent. Daher ist die Impfung der Erwachsenen gerade wegen der Säuglinge wichtig, erklärt Ulrich Heininger: "Die Säuglinge in den ersten Lebensmonaten haben selbst noch keinen ausreichenden Impfschutz. Über die Hälfte der Kinder steckt sich bei einem engen Familienmitglied an, am häufigsten bei Erwachsenen." Nur wenn auch sie geimpft sind, fallen sie als Überträger der Pertussis-Bakterien weg.
Die Impfung werde in der Regel gut vertragen, sagt Heininger. Bekannt ist, dass nach der Impfung häufig Schmerzen, Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle auftreten, die zwei bis drei Tage anhalten können. Kinder sind nach der Impfung häufig leicht reizbar, schläfrig, oft kommt es auch zu Durchfall oder Fieber. Deutlich seltener sind dagegen Atemwegsinfekte nach der Impfung. Die vorübergehenden Beschwerden stehen jedoch in der Regel in keinem Verhältnis zu den drohenden Komplikationen bei einer tatsächlichen Erkrankung.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, 2011 seien in ganz Deutschland 4193 Menschen an Keuchhusten erkrankt, 2012 bereits 3037. Beide Zahlen gelten nur für die ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Nur in diesen Ländern gibt es eine Meldepflicht für Keuchhusten, für die anderen Bundesländer liegen dem Robert Koch-Institut deshalb auch keine Zahlen vor.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Gesundheit
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
- RSS
- alles zum Thema Impfung
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Montag, 30.07.2012 – 19:33 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 28 Kommentare
- Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Dem Autor auf Twitter folgen:
Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.
Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.
Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.
| Impfkalender ab 18 Jahren | ||
| Impfung | ab 18 Jahren | ab 60 Jahren |
| Tetanus | auffrischen alle 10 Jahre | auffrischen alle 10 Jahre |
| Diphtherie | auffrischen alle 10 Jahre | auffrischen alle 10 Jahre |
| Keuchhusten (Pertussis) | bei der nächsten Tetanus/ Diphtherie-Impfung einmal gegen Pertussis mitimpfen | bei der nächsten Tetanus/ Diphtherie-Impfung einmal gegen Pertussis mitimpfen |
| Kinderlähmung (Poliomyelitis) | ggf. nachholen | ggf. nachholen |
| Pneumokokken | x | |
| Masern | x | |
| Influenza | jährlich | |
| Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2012, 30. Juli 2012. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. (Auffrischen): nur einmal in zwei Altersspannen notwendig. | ||
- Angst vor Nebenwirkungen: Ein Drittel aller Eltern sieht Impfungen kritisch (20.05.2011)
- Medizin: Allgemeinärzte beklagen Impf-Irrsinn (05.03.2009)
- Nordrhein-Westfalen: Impfmüdigkeit löste Masernepidemie aus (02.02.2009)
- Impfmüdigkeit: Die Masern kehren zurück (07.01.2009)
- Seuchen: Warum Viren und Bakterien so mächtig sind (31.12.2009)
- Seuchen: WHO verfehlt Ausrottung der Masern (01.02.2011)
- Zurückgezogene Studie: Das offizielle Ende eines Forschungsskandals (03.02.2010)
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT GESUNDHEIT
-
Sprechstunde
Gesundheit von A bis Z: Alles über Krankheiten, Wirkstoffe und mehr -
Gesund geraten
Quiz-Arena: Testen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Fitness und Medizin! -
Organspende
Herz, Lunge, Leber und Co.: Welche Organe kann man spenden? -
Seniorenportal
Suche: Betreutes Wohnen, Senioren- und Pflegeheime -
Tools
Service: Berechnen Sie Ihren BMI, Kalorienbedarf und mehr!

