Keuchhusten: Gefährliche Luftnot

Von Dennis Ballwieser

Keuchhusten: Schutz vor dem Ersticken Fotos
CDC/ Judy Schmidt

In Großbritannien sorgt eine Keuchhusten-Epidemie für Aufsehen, fünf Säuglinge starben dieses Jahr bereits. Erwachsene werden häufig zur Bakterienschleuder. Dabei können Impfungen schützen.

Trockener Reizhusten, vor allem in der Nacht, so stark, dass den Patienten die Luft wegbleibt. Die Kinder liegen mit herausgestreckter Zunge im Bettchen und husten sich sprichwörtlich die Seele aus dem Leib. Die Anfälle können sich bis zum Erbrechen steigern - wochenlang kann das so gehen. Keuchhusten ist eine Tortur für den kleinen Körper und bei Säuglingen und Kleinkindern schlimmstenfalls lebensbedrohlich.

Aktuell sorgt sich die britische Health Protection Agency (HPA) um steigende Fallzahlen der von Medizinern Pertussis genannten Krankheit. Alleine im Juni registrierte die HPA knapp 700 Fälle in England, seit Jahresbeginn starben fünf Säuglinge auf der Insel. Sorgen bereitet den britischen Experten vor allem, dass in diesem Jahr viele besonders junge Säuglinge erkranken.

Eine ähnliche Tendenz beobachten - zumindest regional - auch deutsche Gesundheitsbehörden. So stellt die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen in ihrem Bericht für das Jahr 2011 fest, dass die Zahl der Erkrankungen bei den besonders gefährdeten Säuglingen von 2007 bis 2011 zugenommen hat. Zugleich sei die früher als typische Kinderkrankheit bekannte Infektion mit dem Bakterium Bordetella pertussis mittlerweile auch eine häufige Erkrankung erwachsener Patienten. 2011 erkrankten laut Robert Koch-Institut (RKI) in den fünf ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 4193 Menschen an Keuchhusten, in diesem Jahr wurden bisher bereits 3037 Fälle gemeldet. Nur für diese Länder gibt es Zahlen, da Keuchhusten nur dort meldepflichtig ist.

Eigentlich sollten nach den Vorstellungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim RKI alle Kleinkinder in Deutschland gegen Keuchhusten geimpft werden. Im Alter von zwei Monaten geht es los mit dem Impfen, mit drei, vier und im Alter zwischen elf und 14 Monaten komplettiert je eine Impfung die Grundimmunisierung. Der Keuchhusten dürfte demnach kaum eine Chance haben, doch die Sache hat zwei Haken: Nicht alle Eltern lassen ihre Kinder impfen - und der Impfstoff wirkt nicht bei jedem.

Relativ schwacher Impfstoff: Keuchhusten ist nicht auszurotten

Impfkalender bis zwei Jahre
Impfung 2 Monate 3 Monate 4 Monate 11-14 Monate 15-23 Monate
Tetanus x x x x Nachholimpfung
Diphtherie x x x x Nachholimpfung
Keuchhusten (Pertussis) x x x x Nachholimpfung
Haemophilus influenzae Typ b x (x) x x Nachholimpfung
Kinderlähmung (Poliomyelitis) x (x) x x Nachholimpfung
Hepatitis B x (x) x x Nachholimpfung
Pneumokokken x x x x Nachholimpfung
Meningokokken C ab 12 Monaten ab 12 Monaten
Masern, Mumps, Röteln x x
Windpocken (Varizellen) x x
Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2012, 30. Juli 2012. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie.
"Der Impfstoff gegen Keuchhusten ist derjenige mit der relativ schwächsten Wirksamkeit von allen Impfungen, die wir allgemein empfehlen", sagt Stiko-Mitglied Ulrich Heininger vom Schweizer Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB). "Bei etwa zehn Prozent entwickelt der Impfstoff keinen Schutz. Deshalb kann Keuchhusten anders als Masern oder Kinderlähmung auch nicht ausgerottet werden." Problematisch beim Keuchhusten sei vor allem die richtige Diagnose, so Heininger, denn die Infektion kann vom leichten Husten bis zu voll ausgeprägten, wochenlangen Attacken reichen. Auslöser der Hustenanfälle sind Giftstoffe, die von den Bakterien produziert werden. Deshalb bringt eine Therapie mit Antibiotika meist nur in den ersten Wochen der Erkrankung etwas, danach können oft nur noch die Symptome gelindert werden.

"Wichtig ist, dass Hausärzte und Internisten auch bei erwachsenen Patienten mit chronischem, hartnäckigem Husten an die Diagnose Keuchhusten denken", sagt Norbert Suttorp, Leiter der Infektiologie und Pneumologie an der Berliner Charité. Während Kinderärzte bei ihren Patienten normalerweise eine mögliche Pertussis-Infektion im Kopf haben, steht bei Erwachsenen eher die Sorge vor Allergien, Asthma, chronischen Lungenerkrankungen oder gar Krebs im Vordergrund. Das kann die richtige Diagnose erschweren. Charakteristisch sind auch bei erwachsenen Patienten die nächtlichen Anfälle über mehr als vier Wochen.

Impfschutz fehlt vor allem bei Erwachsenen

Impfkalender von zwei bis 17 Jahren
Impfung 2-4 Jahre 5-6 Jahre 9-11 Jahre 12-17 Jahre
Tetanus nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Diphtherie nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Keuchhusten (Pertussis) nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Haemophilus influenzae Typ b nachholen
Kinderlähmung (Poliomyelitis) nachholen nachholen (auffrischen) (auffrischen)
Hepatitis B nachholen nachholen nachholen
Meningokokken C nachholen nachholen nachholen nachholen
Masern nachholen nachholen nachholen nachholen
Mumps, Röteln nachholen nachholen nachholen nachholen
Windpocken (Varizellen) nachholen nachholen nachholen nachholen
Humanes Papillomvirus Mädchen/Frauen
Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 34/2013, 26. August 2013. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. (Auffrischen): nur einmal in zwei Altersspannen notwendig.
Die Durchimpfungsraten in Deutschland seien bei Säuglingen und Kleinkindern mit mehr als 90 Prozent gut, sagt Heininger. Schwieriger werde es dagegen bei älteren Kindern, Jugendlichen und insbesondere den Erwachsenen, die sich nach den am Montag vorgestellten aktuellen Stiko-Empfehlungen auch nach dem 18. Geburtstag noch mindestens einmal gegen Keuchhusten impfen lassen sollten. Die Schutzimpfung gegen Pertussis-Bakterien gibt es dabei nur im Paket, geimpft wird meist gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphtherie und Keuchhusten gemeinsam.

Erwachsene sollten sich vor allem impfen lassen, um die Krankheit nicht weiterzugeben: Keuchhusten verläuft im Erwachsenenalter in der Regel vergleichsweise glimpflich, anders als Neugeborene und Säuglinge müssen ältere Patienten normalerweise nicht im Krankenhaus behandelt werden. In den ersten Lebensmonaten liegt das Risiko für eine Komplikation bis hin zur Beatmung im Krankenhaus hingegen bei fünf bis zehn Prozent. Daher ist die Impfung der Erwachsenen gerade wegen der Säuglinge wichtig, erklärt Ulrich Heininger: "Die Säuglinge in den ersten Lebensmonaten haben selbst noch keinen ausreichenden Impfschutz. Über die Hälfte der Kinder steckt sich bei einem engen Familienmitglied an, am häufigsten bei Erwachsenen." Nur wenn auch sie geimpft sind, fallen sie als Überträger der Pertussis-Bakterien weg.

Die Impfung werde in der Regel gut vertragen, sagt Heininger. Bekannt ist, dass nach der Impfung häufig Schmerzen, Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle auftreten, die zwei bis drei Tage anhalten können. Kinder sind nach der Impfung häufig leicht reizbar, schläfrig, oft kommt es auch zu Durchfall oder Fieber. Deutlich seltener sind dagegen Atemwegsinfekte nach der Impfung. Die vorübergehenden Beschwerden stehen jedoch in der Regel in keinem Verhältnis zu den drohenden Komplikationen bei einer tatsächlichen Erkrankung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, 2011 seien in ganz Deutschland 4193 Menschen an Keuchhusten erkrankt, 2012 bereits 3037. Beide Zahlen gelten nur für die ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Nur in diesen Ländern gibt es eine Meldepflicht für Keuchhusten, für die anderen Bundesländer liegen dem Robert Koch-Institut deshalb auch keine Zahlen vor.

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insgesamt 28 Beiträge
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1.
Martin Wild 31.07.2012
In meinem Bekanntenkreis gibt es einige junge Eltern, die ihren Kindern Impfungen ersparen wollen bzw. meinen, dass das Immunsystem stabiler wird, wenn die Babys/Kinder die Krankheiten durchstehen. Für mich ist das eher verantwortungslos, weil bei den Impfungen auch gefährliche Krankheiten wie der beschriebene Keuchhusten dabei sind. Von einem erwachsenen Keuchhusten-Patient habe ich erfahren, dass Inhalieren mit einer Salzlösung den Drang zu Husten stark gemildert hat. Allerdings braucht man für diese Salz-Inhalation ein spezielles Inhaliergerät. Über einem Gefäss mit heissem Wasser, funktioniert es nicht. Die Erklärung dazu findet sich bei: http://www.inhalatortest.de/inhalieren-mit-salzlosung/
2. Wirksamkeit des Impfschutzes?
xerxesweh 31.07.2012
In meiner Klasse (9.Schuljahr) erkrankten vier Mitschüler kurz vor den Sommerferien an Keuchhusten. Drei von ihnen waren dagegen geimpft! Da kommen mir echte Zweifel über die Wirksamkeit der Schutzimpfung.
3. Aha
khaja 31.07.2012
Zitat von xerxeswehIn meiner Klasse (9.Schuljahr) erkrankten vier Mitschüler kurz vor den Sommerferien an Keuchhusten. Drei von ihnen waren dagegen geimpft! Da kommen mir echte Zweifel über die Wirksamkeit der Schutzimpfung.
Da zeigt sich mal wieder die kurze Aufmerksamkeitsspanne. Zu der Wirksamkeit der Impfung steht doch bereits etwas im Artikel... ... und auch, warum man trotzdem impfen sollte. Aber bloß nicht vom im Artikel erwähnten Fakten verwirren lassen!
4.
welten-bummler 31.07.2012
Danke für den Tipp mit dem richtigen Inhalieren von Salzlösungen. Hatte es bisher auch einfach immer mit der Kopftuchmethode gemacht. Wieder ein bisschen schlauer geworden heute. :D
5.
schenky79 31.07.2012
Zitat von xerxeswehIn meiner Klasse (9.Schuljahr) erkrankten vier Mitschüler kurz vor den Sommerferien an Keuchhusten. Drei von ihnen waren dagegen geimpft! Da kommen mir echte Zweifel über die Wirksamkeit der Schutzimpfung.
1. Wissen Sie sicher, dass es Keuchhusten war ? 2. Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen ?
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK
Impfen
Die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten beginnt bei Säuglingen bereits im zweiten Lebensmonat. Lebenslang sollten Eltern und Kinderarzt, später dann Patient und Hausarzt, darauf achten, dass der Impfschutz ausreicht. Impfungen schützen vor allem die Menschen, deren Immunsystem am wenigsten mit Infektionskrankheiten umgehen kann: Kleinkinder, Immungeschwächte und alte Menschen.
Mumps
Wer in Gesundheitsberufen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder in Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene arbeitet, nach 1970 geboren ist und nicht weiß, ob er gegen Mumps geimpft wurde oder nur einmal in der Kindheit geimpft worden ist, der sollte noch einmal geimpft werden. Außerdem jeder, der mit einem Mumpskranken Kontakt hatte und nicht oder nur einmal in der Kindheit geimpft wurde. Dann sollte es schnell gehen: Drei Tage nach dem Kontakt wäre eine Impfung wünschenswert.
Hirnhautentzündung
Zum Schutz vor einer sogenannten Meningitis wird gegen Meningokokken C-Bakterien geimpft. Dafür gibt es im zweiten Lebensjahr einmal eine Impfdosis. Fehlt diese, sollte sie bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Windpocken
Auslöser der Windpocken sind Varizellen. Gegen sie gibt es zwischen dem elften und 14. Lebensmonat eine Impfung, entweder gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach.

Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.

Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.

Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
FSME
Für die Menschen, die wegen beruflicher Risiken gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) geimpft werden sollten, ist 2012 ein neues Risikogebiet hinzugekommen, der Saar-Pfalz-Kreis im Saarland.
Nachholimpfungen
Erwachsene sollten nachgeimpft werden, wenn ihr Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung nicht ausreicht. Muss sowieso gegen Tetanus geimpft werden, etwa bei einer Verletzung, sollte gleich der Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten verwendet werden.

Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Impfkalender
Den Stiko-Impfkalender gibt es jetzt in 15 Sprachen, die Dokumente sind beim Robert Koch-Institut abrufbar.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.

Sprechstunde
Impfkalender ab 18 Jahren
Impfung ab 18 Jahren ab 60 Jahren
Tetanus auffrischen alle 10 Jahre auffrischen alle 10 Jahre
Diphtherie auffrischen alle 10 Jahre auffrischen alle 10 Jahre
Keuchhusten (Pertussis) bei der nächsten Tetanus/ Diphtherie-Impfung einmal gegen Pertussis mitimpfen bei der nächsten Tetanus/ Diphtherie-Impfung einmal gegen Pertussis mitimpfen
Kinderlähmung (Poliomyelitis) ggf. nachholen ggf. nachholen
Pneumokokken x
Masern x
Influenza jährlich
Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2012, 30. Juli 2012. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. (Auffrischen): nur einmal in zwei Altersspannen notwendig.