Diskussion über Impfrisiken "Vor der ersten Impfung hatte ich Bammel"

Als Ärztin betreute Christine Janello einen Jungen, der nach einer Grippeimpfung am Rückenmark erkrankte und seitdem querschnittsgelähmt ist. Als Mutter ließ sie kurz darauf ihr eigenes Kind impfen. Im Interview erklärt sie, warum.

Impfpass: Viele Eltern fürchten Nebenwirkungen von Impfungen
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Impfpass: Viele Eltern fürchten Nebenwirkungen von Impfungen


SPIEGEL ONLINE: Sie behandeln neurologisch erkrankte Kinder in einer Klinik in Bayern. Was für Erfahrungen haben Sie mit impfgeschädigten Kindern gemacht?

Christine Janello: Ich habe einmal ein Kind betreut, das vier Wochen nach einer Grippeimpfung eine Entzündung des Rückenmarks entwickelt hat und seitdem querschnittsgelähmt ist. Dieser Fall wurde damals der Behörde als Impfschaden gemeldet, da solch eine Erkrankung auch als Komplikation einer Impfung auftreten kann. Meines Wissens wurde die Erkrankung jedoch nicht als Impfschaden anerkannt, da die Infektion erst vier Wochen nach der Impfung aufgetreten ist. In der Regel kommt es, wenn überhaupt, früher zu einer solchen Entzündung.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass es bei vielen potentiellen Impfschäden ähnlich läuft und sie quasi unter den Tisch fallen?

Janello: Nein, ich denke nicht, dass die Fälle unter den Tisch fallen. So ein Fall wird, sofern er gemeldet wird, auch genau geprüft. Jedoch ist es oft schwierig, den eindeutigen Zusammenhang zwischen Impfung und Erkrankung herzustellen. Zum Teil läuft es aber auch andersherum: Im Kindesalter wird sehr häufig geimpft. Treten dann Krankheiten auf, werden sie häufig mit einer Impfung in Zusammenhang gebracht, obwohl das eine mit dem anderen in den meisten Fällen gar nichts zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Janello: In meiner Klinik lerne ich viele Eltern kennen, deren Kinder an Epilepsie erkrankt sind. Wenn ich frage, wann die Krankheit aufgetreten ist, nennen die Eltern häufig eine Impfung als Ursache. Ich erkläre dann immer, dass wahrscheinlich nicht die Impfung an sich Grund der Erkrankung ist. Manche Epilepsieformen treten zum Beispiel oft dann auf, wenn ein Kind Fieber hat. Fieber an sich kann nach einer Impfung auftreten. Dadurch kann das Fieber der Auslöser eines Krampfanfalls sein, jedoch nicht der Impfstoff an sich. Die Anfälle können daher auch auftreten, wenn das Kind aus einem anderen Grund Fieber hat. Zum Beispiel, wenn das Kind sich mit einer Kinderkrankheit ansteckt, gegen die geimpft wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Eltern auf solche Erklärungen?

Janello: Die meisten verstehen das, aber es fällt vielen unglaublich schwer, es zu akzeptieren. Man möchte einen Auslöser für die Krankheit haben, sie irgendwie erklären können. Insgeheim, im tiefen Inneren, denke ich, bleibt jedoch weiterhin für viele die Impfung der Grund.

SPIEGEL ONLINE: Ein gesundes Kind wird geimpft, kurze Zeit später erkrankt es am Rückenmark und wird querschnittsgelähmt. Können Sie sich da noch ohne schlechtes Gefühl impfen lassen?

Janello: Ich selbst habe mich seit der Erfahrung nicht mehr gegen Grippe impfen lassen, weil ich das Risiko durch eine Infektion für mich noch für überschaubar gehalten habe. Aber ich merke auch, dass ich wieder offener werde, je weiter der Fall wegrückt. Heute würde ich mich wieder für die Influenza-Impfung entscheiden, auch weil ich einen kleinen Sohn habe, für den ich jetzt die Verantwortung trage und den ich schützen muss. Abgesehen davon habe ich aber von Anfang an bei allen Impfungen normal weitergemacht.

SPIEGEL ONLINE: Und bei Ihrem elf Monate alten Sohn? Wie schwer ist Ihnen da die Entscheidung für eine Impfung gefallen?

Janello: Für mich war immer klar, dass er geimpft wird, ich würde mich als Impfbefürworterin beschreiben. Allerdings muss ich schon sagen, dass ich vor der ersten Impfung ganz schön Bammel hatte und sie auch verschoben habe, weil es so kurz vor Weihnachten gewesen wäre. Lieber noch vier Wochen warten, bis er größer ist, habe ich mir damals gedacht. Aber seitdem ist alles in Ordnung. Wir haben sogar die Impfung gegen Rotaviren gemacht, die damals noch nicht Standard war und erst jetzt vom Robert Koch-Institut empfohlen wird.

Impfkalender bis zwei Jahre

Impfung 6 Wochen 2 Monate 3 Monate 4 Monate 11-14 Monate 15-23 Monate
Tetanus x x x x Nachholimpfung
Diphtherie x x x x Nachholimpfung
Keuchhusten (Pertussis) x x x x Nachholimpfung
Haemophilus influenzae Typ b x (x) x x Nachholimpfung
Kinderlähmung (Poliomyelitis) x (x) x x Nachholimpfung
Hepatitis B x (x) x x Nachholimpfung
Pneumokokken x x x x Nachholimpfung
Meningokokken C ab 12 Monaten ab 12 Monaten
Masern, Mumps, Röteln x x
Rotaviren x x (x) (x)
Windpocken (Varizellen) x x

Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 34/2013, 26. August 2013. (x): Impfung nur bei bestimmten Impfstoffen notwendig. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nach Ihren Erfahrungen trotzdem Verständnis für Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen?

Janello: Ich kann verstehen, dass Eltern anfangs Angst vor Impfungen haben, so wie ich auch. Aber ich bin der Meinung, dass, wenn man sich dazu entscheidet, eine Impfung abzulehnen, man sich davor genau darüber informieren sollte, was alles passieren kann, wenn man sein Kind nicht impft, insbesondere welche Komplikationen bei den Erkrankungen drohen. Ebenfalls muss man sich dessen bewusst sein, dass, wenn das eigene Kind erkrankt, es wiederum andere anstecken kann, noch bevor Krankheitssymptome auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Masern etwa, heißt es häufig, seien nur ein Hautausschlag, den das Kind ruhig durchmachen könne.

Janello: In Wahrheit aber gibt es bei Masern schwerwiegende Komplikationen, die auch mit dem Tod enden können. Ich finde, da muss man sich als Elternteil auch fragen, ob man diese Verantwortung übernehmen kann. Auch wenn man weiß, dass es Impfschäden gibt, sollte man sich immer wieder sagen, dass eine Komplikation der Impfung deutlich seltener ist als das, was ohne eine Impfung passieren kann. Dass wir die schwerwiegenden Komplikationen der sogenannten Kinderkrankheiten nicht mehr kennen, liegt ja daran, dass diese Krankheiten nur noch selten auftreten, da die meisten geimpft sind.

Das Interview führte Irene Berres

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insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
eigene_meinung 13.09.2013
1. Krass,
wie die Impfindustrie Impfschäden leugnet! ("Zusammenhang nicht eindeutig bewiesen", "nicht direkt durch die Impfung verursacht, sondern nur indirekt", "nicht sofort nach der Impfung aufgetreten", ...)
khaja 13.09.2013
2.
Zitat von eigene_meinungwie die Impfindustrie Impfschäden leugnet! ("Zusammenhang nicht eindeutig bewiesen", "nicht direkt durch die Impfung verursacht, sondern nur indirekt", "nicht sofort nach der Impfung aufgetreten", ...)
Jaja, und schon wieder einer mit Meinung ohne Ahnung. Nehmen wir mal das Beispiel aus dem Artikel. Grippe. Bei Grippe liegt die Inkubationszeit bei wenigen Stunden bis Tagen. Das sind keine U-Boote, die jahrelang verdeckt liegen, sondern hier ist die Zeitspanne zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit relativ kurz. Sprich: Wenn da irgendwas vier(4) Wochen(!) später auftritt, dann ist das alles, aber kein Impfschaden. Und beim Rest war dann ähnlich wenig verstanden, offensichtlich. Aber für manche Leute macht das Gewitter auch die Milch sauer...
Flari 13.09.2013
3.
Zitat von eigene_meinungwie die Impfindustrie Impfschäden leugnet! ("Zusammenhang nicht eindeutig bewiesen", "nicht direkt durch die Impfung verursacht, sondern nur indirekt", "nicht sofort nach der Impfung aufgetreten", ...)
Was hat die "Impfindustrie" damit zu tun? Niemand bestreites, dass es zu Impfschäden kommen kann. Und jeder weiss, dass es keinen absolut risikofreien Impfstoff geben kann. Viele Impfgegner lehnen wahrscheinlich auch Sicherheitsgurt und Airbag ab, weil die einen verletzen können. Für Impfschäden durch von der Stiko empfohlenen Impfungen mit den in D zugelassenen Impfstoffen haftet der Staat. Und der ist damit Ansprechpartner.
olivervöl 13.09.2013
4. Alles eine Frage der Statistik
Natürlich gibt es Impfschäden. Und es gibt Schäden durch Krankheiten, gegen die geimpft werden kann. Ob sich eine Impfung vom Risiko her lohnt, lässt sich berechnen. Bei den allermeisten Impfungen überwiegen die Vorteile ganz dramatisch. Bei Grippe etwa ist die Gefahr durch die Krankheit ca 100x höher als durch die Impfung. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Fachkenntnisse.
schüler.aus.bremen 13.09.2013
5. Impfen
Ich bin immer geimpft worden, bevor ich mit meinen Eltern nach Südost Asien geflogen bin... Geschadet hat's mit ehrlich gesagt nicht
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