Impfskepsis in Deutschland "Akademiker sind besonders kritisch"

Schutzimpfungen helfen, Krankheiten zu verhindern. Doch gerade in Deutschland sind viele Menschen misstrauisch. Woher rührt diese Skepsis? Und wie kann man ihr begegnen?

Kleinkind bei Masernimpfung
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Kleinkind bei Masernimpfung

Von Josephin Mosch


Zur Person
  • Marco Borggreve
    Cornelia Betsch ist Psychologin an der Universität Erfurt und untersucht die Motive, die hinter Impfskepsis stecken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Betsch, Sie erforschen, wie Impfskepsis entsteht. Wie viele Menschen in Deutschland halten nichts von Schutzimpfungen?

Betsch: Richtig harte Gegner, die auf keinen Fall impfen würden, sind selten. Die Zahl liegt im kleinen einstelligen Prozentbereich. Aber eine große Gruppe ist unentschlossen oder unsicher - etwa ein Drittel der Bevölkerung. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn sie recherchieren von sich aus im Internet oder in Büchern zum Thema Impfen.

SPIEGEL ONLINE: Was charakterisiert die Unsicheren?

Betsch: Die meisten Menschen richten sich danach, was ihr Arzt empfiehlt. In der Regel sind das beim Impfen die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Doch einige haben das Gefühl, sie hätten nicht wirklich entschieden, wenn sie einfach einer Empfehlung folgen. Akademiker sind besonders häufig unter diesen kritischeren Leuten. Warum das aber so ist, darüber gibt es nur Mutmaßungen.

SPIEGEL ONLINE: Dann mutmaßen Sie.

Betsch: Stellen wir uns zum Beispiel ein Akademikerpaar vor, das mit Ende 30 sein erstes Kind bekommt. Die beiden sind gut situiert, kaufen ökologisch korrekte Zahnpasta und das Müsli mit der besten Zusammensetzung für den persönlichen Energiehaushalt. Sie wollen auch beim Impfen eine bewusste Entscheidung treffen. Deshalb fangen sie an zu googlen und stoßen auf Quellen, die möglicherweise viele Falschinformationen enthalten.

SPIEGEL ONLINE: Aber das wird den Akademikern doch auffallen.

Betsch: Nicht zwingend! Ein Historiker oder eine Literaturwissenschaftlerin kennen sich nicht unbedingt mit naturwissenschaftlichen Methoden aus und wieso man aus einer Korrelation keine Kausalität ableiten kann, oder warum manche Forschungsmethoden für bestimmte Fragestellungen ungeeignet sind. Ihnen ist also nicht klar, warum Kritik an manchen Studien berechtigt ist und keine Ausrede, die das Impfen verteidigen soll. Akademiker glauben, dass sie die ganzen Studien durchblicken, dabei fehlt ihnen oft einfach das nötige statistische und methodische Wissen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Schaden kann denn eine eigene Recherche im Internet anrichten?

Betsch: Das Internet hat beides - die besten Informationen, sehr gut aufbereitet - und haufenweise Falschinformationen. Das Problem ist, dass die Menschen oft auf impfkritischen Seiten landen und nicht den sachlichen, informativen Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und anderen. Es gibt Studien, die zeigen, dass bereits eine kurze Suche auf impfkritischen Internetseiten die Leute sehr verunsichert und ihre Impfintention verändert.

SPIEGEL ONLINE: Was genau ist das Problem an diesen impfkritischen Internetseiten?

Betsch: Die Autoren dieser Seiten tun oft so, als würden sie die Studienlage aufarbeiten und allgemeinverständlich erklären, was in Fachartikeln steht. Sie suchen sich da aber immer die Rosinen raus - genau wie alle anderen Leute, die Wissenschaft ablehnen, seien es die Klimawandelleugner oder andere Verschwörungstheoretiker. Bestimmte Details werden aus den Publikationen rausgepickt und als Laie liest man das und denkt: Endlich hat sich mal jemand die Arbeit gemacht, die kritischen Studien rauszusuchen und zu unterstreichen, was an Datenlage fehlt. Letztendlich wird auf diesen Seiten völlig vernachlässigt, wie groß der Konsens unter den Wissenschaftlern ist, dass Impfungen sicher und effektiv sind. Dafür gibt es eindeutige Evidenz.

SPIEGEL ONLINE: Auf Seiten von Impfgegnern finden sich herzzerreißende Geschichten über Einzelschicksale, die BZgA klärt nüchtern auf. Ist das Teil des Problems?

Betsch: Das könnte man so sagen, ist aber schwer zu ändern. Psychologisch gesehen gibt es kognitiv und affektiv vermitteltes Risikoempfinden: Ich kann wissen, dass Spinnen sehr nützliche Tiere sind, die mir nichts tun, aber eben trotzdem eine wahnsinnige Angst vor ihnen haben. In der Realität leitet häufig eher das Gefühl unser Handeln als das Wissen. Deswegen ist es ein Problem, dass in Bezug auf die Impfung die beiden Faktoren im Gehirn unterschiedlich stark repräsentiert sind. Das Wissen über die Krankheiten muss ich mir theoretisch aneignen, aber wenn mir die Nachbarin erzählt, wie schlimm ihr Kind auf eine Impfung reagiert hat, dann kann ich mir darunter etwas vorstellen und diese affektive eigene Erfahrung gewichte ich anders als das theoretische Wissen.

SPIEGEL ONLINE: Ist also das Gefühl Schuld an der Entscheidung gegen das Impfen?

Betsch: Nicht nur. Auch Bequemlichkeit - dass mir der Impftermin nicht in den Alltag passt und ich das Fußballtraining meines Kindes absagen oder einen halben Tag Urlaub nehmen muss. Gleichgültigkeit spielt auch eine Rolle, das bedeutet, dass meine Risikowahrnehmung zu gering ist - ich denke, die Erkrankungen sind nicht gefährlich. Oder ich habe so viel Literatur gewälzt, dass ich am Ende wirklich nicht mehr weiß, was ich jetzt denken soll.

SPIEGEL ONLINE: Viele Mediziner sagen, dass der Erfolg der Impfung die Impfung selbst abschafft? Trifft das in Ihren Augen zu?

Betsch: Ob das der Grund ist, kann man schwer sagen. Aber tatsächlich ist die Risikowahrnehmung verzerrt. Was wir in unserer Umwelt erfahren, ist etwas anderes als das, was wir kognitiv reflektieren. Ich kann vielleicht wissen, was Diphterie oder Polio ist, aber wenn ich es noch nie gesehen habe, dann ist das abstrakt. Die Menschen fokussieren sich also mehr auf die Risiken der Impfung, weil sie sich nicht unmittelbar von der Krankheit bedroht fühlen. Das legt auch eine Studie nahe, die zeigt, dass die Europäer am skeptischsten gegenüber Impfungen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht aus psychologischer Sicht ein gutes Konzept aus, die Skeptiker zum Impfen zu bewegen?

Betsch: Wir müssen die Ängste und Gefühle der Menschen ernst nehmen. Die Menschen wollen ja informiert werden. Wenn sie aber das Gefühl haben, dass jemand sie überreden will, dann werten sie das sehr stark ab. Der ein oder andere macht dann ganz und gar dicht. Gerade wenn manchen aber die Krankheitsrisiken nicht bewusst sind und sie auch deshalb die Impfung für weniger relevant halten, müssen wir aufklären und verbreitete Mythen entkräften. Es lohnt sich auch, darauf hinzuweisen, welchen gemeinschaftlichen Nutzen Impfungen haben.

Die Recherche wurde gefördert durch das Global Health Programme for Germany des European Journalism Centre (EJC).



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