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Impfskeptiker in Berlin: "Die Haltung vieler Eltern ist ein großes Problem"

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Café am Helmholtzplatz in Berlin: "Was ist nun gefährlicher?"

In Berlin grassieren die Masern, ein Kleinkind ist gestorben. Im Bezirk Prenzlauer Berg leben besonders viele ungeimpfte Kinder. Ein Stimmungsbild aus dem Szene-Stadtteil.

Im Kindercafé Kiezkind, einem bunten Häuschen auf dem Helmholtzplatz mit Indoor-Sandkiste für die Kleinen und Kaffee und Kuchen für die Großen, sitzt Lea* mit einer Freundin. Die Kinder krabbeln und tollen herum, füllen Förmchen. Lea, eine Mittdreißigerin mit langen braunen Haaren, sagt: Sie wisse nicht, was sie nun tun solle, was gefährlicher sei - die Impfung oder die Masern? Ihre Kinderärztin habe gesagt, es sei nicht schlimm, wenn das Kind die Masern durchmache.

Aber jetzt sei sie durch den Ausbruch der Krankheit schon aufgeschreckt. Ihre Tochter, fast drei, geht nicht in die Kita, aber in eine antroposophische Spielgruppe. Lea vermutet, dass die meisten Kinder dort nicht geimpft sind.

In Berlin grassieren die Masern, es ist der schlimmste Ausbruch seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001. Laut Behörden sind insgesamt 593 Menschen in der Hauptstadt an dem Virus erkrankt - mehr als ein Viertel von ihnen muss im Krankenhaus behandelt werden.

Ausbreiten konnte sich die Krankheit, weil viele Berliner nicht geimpft sind. Nun ist ein Kleinkind an Masern gestorben. Die Bestürzung ist groß. Die Nachricht sorgte auch im Ausland für Schlagzeilen.

Hochburg der Impfgegner

Im Stadtteil Prenzlauer Berg, wo Lea mit ihrer Tochter lebt, sind besonders viele Kinder nicht geimpft. 15 Prozent der Erstklässler rund um den Helmholtzplatz waren im Jahr 2011/2012 bei der Einschulungsuntersuchung nicht gegen Masern immunisiert. In anderen Teilen des Bezirks lag die Quote bei rund vier Prozent - das hatte die Lokalzeitung "Prenzlauer Berg Nachrichten" 2013 unter Berufung auf das Bezirksamt berichtet. Die Eltern jener Kinder, meist gut situierte Akademiker, halten die Gefahren einer Impfung offenbar für größer als die der Krankheit - obwohl Fakten das widerlegen.

Es ist eine brisante Mischung, hier im gentrifizierten Prenzlauer Berg: Denn gleichzeitig gehen 71 Prozent der Kinder im Alter von ein bis drei Jahren in die Kita. Kinder unter 18 Monaten haben - wenn überhaupt - häufig nur die erste der Masernimpfungen bekommen und sind so besonders darauf angewiesen, dass die älteren die Krankheit nicht weitertragen.

Im Bezirk Pankow, zu dem auch der Prenzlauer Berg gehört, gab es seit Jahresbeginn 56 Maserninfizierte - alle sind Kinder im Alter von 8 bis 15 Jahren. Jetzt wächst in der Gegend auch die Empörung über die Impfgegner. "Diese Haltung vieler Eltern ist seit Jahren ein großes Problem", sagt eine Mitarbeiterin einer Kita. Eine Kita-Leiterin sagt, die Impfmoral lasse merklich nach. "Wir brauchen eine Impfpflicht", etwas anderes helfe nicht, meint sie. "Ich finde es absolut unverantwortlich, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Das ist nur rücksichtslos", sagt Jule, Mutter zweier Kinder, die mit dem Kinderwagen in dem Kiez unterwegs ist.

"Natürlich ist eine Impfung nicht besonders angenehm"

In einer Kinderarztpraxis mit anthroposophischem Schwerpunkt an der Grenze zu Berlin-Mitte steht an diesem Montag das Telefon nicht still. Besorgte Eltern rufen an und wollen Beratung. Wie groß sei der Schutz nach der ersten Impfung? Nütze es, jetzt noch schnell zu impfen? Nein, unter zwölf Monaten impfe man nicht, sagt die Arzthelferin am Telefon. Ob man während des akuten Ausbruchs andere Empfehlungen an die Eltern gebe? Nein, die Eltern sollten selbst entscheiden, man wolle da nichts raten, so die Arzthelferin.

Aber viele Eltern sind verunsichert: Eine Frau, die ihr Baby im Kinderwagen über den Helmholtzplatz schiebt, sagt, sie wisse noch nicht, ob sie ihr Kind impfen lasse. Sie selbst habe früher Masern gehabt, das sei harmlos gewesen. Eine andere Mutter erzählt, sie müsse sich jetzt erstmal selbst immunisieren lassen. Ihre Kinder seien geimpft, aber die vielen Mehrfachimpfungen, die ein Baby im ersten Jahr bekomme, habe sie schon als belastend empfunden. Sie findet, es sei die persönliche Entscheidung der Eltern.

Das sieht Katharina P. vom Prenzlauer Berg ganz anders. Sie ist mit ihrem neun Monate alten Sohn unterwegs. Zum Impfen hat sie eine klare Haltung: "Natürlich ist es nicht besonders angenehm nach der Impfung ein schreiendes Kind zu haben, das dann irgendwann noch fiebert. Aber die Alternative ist viel schlimmer", sagt sie. "Ich könnte es nie mit mir vereinbaren, mein Kind nicht gegen Masern zu impfen. Dadurch gefährde ich ja nicht nur mein eigenes Kind, sondern auch andere, schwächere." Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft würden. "Und auch all die, die in die Kita kommen, bevor sie ein Jahr alt sind und damit noch zu jung für Impfungen."

Es fehle an Aufklärung, sagt Katharina P. Bei den Ärzten bekämen Eltern viel über Nebenwirkungen und Risiken der Impfungen zum Lesen vorgelegt - aber wenig darüber, was die Masern eigentlich für eine Gefahr sein können.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Anna Reimann ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Anna_Reimann@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 177 Beiträge
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1. Globuli
Ein_denkender_Querulant 24.02.2015
Der Anteil der Globulifanatiker steigt bedenklich. Es ist nur sehr ärgerlich, dass Plazebos erst dann wirken, wenn man bewußt daran glauben kann. Das funktioniert bei Kindern unter fünf Jahren nicht. Können Kinder ihre Eltern wegen Körperverletzung verklagen, wenn das Impfen bewußt trotz Aufklärung durch Ärzte verhindert wurde?
2. Haarsträubend !
fkogb 24.02.2015
Als Kind mit vier Geschwistern "musste" ich damals die Masern durchmachen, Kindern wurden eher zusammengebracht, damit wenigstens in der Familie alle die Masern gehabt haben. Es galt eben als Kinderkrankheit. Die Risiken gabe es auch damals, aber es gab eben keine Alternative. Das was impfbar war (Pocken, Kinderlähmung und andere wirklich hässliche Krankheiten), wurde natürlich geimpft. Heute könnte man die Risiken der Masern, deren Folgen ja mehr als unangenehm sind, minimieren um den Preis einer insgesamt eher milden Impfreaktion ... aber da werden unbewiesene mögliche Risiken bedacht und abgewogen und das Kind lieber nicht geimpft. Dem armen Kind soll aber auch jedes Leid erspart wwerden. Selbst wenn es im unagenehmen Fall zu tagelangem Fieber und "schreiendem Kind" kommt, immer noch besser als Lungenentzündung, Meningitis oder Tod. Von den Risiken für Andere durch Nicht-Impfung mal ganz abgesehen ... Mann, Mann Mann ....
3.
bonus_bonus 24.02.2015
Das erinnert mich an die Beratungsresistenz einiger Leute aus Afrika, aus den ersten Monaten während der Ebola-Krise. Heute hör ich ja so gut wie nichts mehr zu dem Thema.
4. Traurig...
herzblutdemokrat 24.02.2015
Es ist eben hip gegen alles zu sein. Dann ist man auch noch der coolste wenn man der bösen Pharmaindustrie eins auswischt. Bloß die Kinder können sich gegen die Ignoranz ihrer Eltern nicht wehren. Solche Todesfälle müssen einfach nicht sein.
5.
Mr Bounz 24.02.2015
Besonders schockiert bin ich von der Aussage der Arztpraxis. Die sollten eigentlich wissen das zum einen die Sterblichkeit bei Masern wesentlich höher ist als bei einer Impfung. Es gibt bei diesen "Kinder" Krankheiten noch viel mehr Komplikattionen. Besonders schlimm ist eigentlich die Gefährdung anderer (jüngerer) Kinder. Ich bin ganz klar für eine Impfpflicht!
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