Zahnspange "Grundschulkinder zu behandeln, ist in der Regel überflüssig"

In Deutschland werden viele Kinder viel zu früh mit Zahnspangen behandelt - und dann auch noch unnötig lange, kritisiert der Kieferorthopäde Henning Madsen im Interview. Der Grund: Die kleinen Patienten sind sehr lukrativ.

Zahnärztliche Behandlung: Korrekturen sind auch im Erwachsenenalter noch möglich
Corbis

Zahnärztliche Behandlung: Korrekturen sind auch im Erwachsenenalter noch möglich


SPIEGEL ONLINE: Herr Madsen, sind Zahnspangen gut für die Gesundheit oder sind sie reine Kosmetik?

Madsen: Nach meiner Einschätzung dienen kieferorthopädische Behandlungen zu 90 Prozent der Ästhetik und vielleicht zu zehn Prozent der Verbesserung der Funktion.

SPIEGEL ONLINE: Wieso zahlen dann die Krankenkassen die Spange bis zum 18. Lebensjahr?

Madsen: Zu Beginn der siebziger Jahre wurde in Deutschland höchstrichterlich beschlossen, dass Zahn- und Kieferfehlstellungen Krankheiten seien. Dies sind sie jedoch nur zu einem geringen Teil. Eine globale ärztliche Begründung dafür gibt es nicht.

ZUR PERSON
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn wissenschaftliche Belege dafür, dass Zahnspangen die Gesundheit fördern?

Madsen: In Einzelfällen ja, generell jedoch nicht. Mehrere Studien haben ergeben, dass sie weder die Parodontitis, Karies noch Kiefergelenkserkrankungen vorbeugen. All das hat man früher geglaubt oder tut es noch immer. Diese Studien sind allerdings alle erst nach 1990 erschienen, also konnten das die zuständigen Juristen noch nicht wissen. Aber wir wissen es heute.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es dann keine Reformen?

Madsen: Dazu müsste jemand die Initiative ergreifen. Die Kieferorthopäden werden es nicht tun, weil sie Einkommenseinbußen befürchten.

SPIEGEL ONLINE: Haben die gesetzlichen Krankenkassen kein Interesse daran, Kosten einzusparen?

Madsen: Für die ist Kieferorthopädie wirtschaftlich zu unbedeutend. Aber es hat Einschnitte gegeben. Seit Anfang der Nullerjahre zahlen die Kassen nur noch Korrekturen ausgeprägter Fehlstellungen. Um das zu messen, gibt es sogenannte kieferorthopädische Indikationsgruppen. Wenn zum Beispiel der Überbiss der Schneidezähne größer ist als sechs Millimeter, ist das ein Kassenfall. Diese Einschränkungen haben aber nicht dazu geführt, dass weniger Kinder behandelt wurden.

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SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Madsen: Vermutlich weil manche Zahnärzte und Kieferorthopäden die Befunde sehr eigenwillig auslegen - aus wirtschaftlichen Gründen. Und weil man mit Kindern sein Geld viel leichter verdient als mit Erwachsenen. Beratungs- und Behandlungsaufwand sind bei Kindern geringer. Unser Honorarsystem ist so aufgebaut, dass der am meisten Geld verdient, der möglichst viele Einzelleistungen bei einem Patienten durchführt und das natürlich über einen möglichst langen Zeitraum. Am lukrativsten ist es daher, Kinder mit sieben Jahren zu rekrutieren und sie dann bis zum Alter von 15 zu behandeln. Und tatsächlich dauern die meisten kieferorthopädischen Behandlungen in Deutschland unnötig lange. Das ist gut für den behandelnden Arzt, aber schlecht für alle anderen Beteiligten. Die durchschnittliche Behandlungszeit in unserer Praxis liegt bei 18 Monaten, was etwa die Hälfte des in Deutschland üblichen sein dürfte.

SPIEGEL ONLINE: Der Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden fordert in seinem Leitfaden Kinderärzte dazu auf, schon kleine Kinder flächendeckend auf Zahnfehlstellungen zu screenen. Sie haben das in einem offenen Brief scharf kritisiert.

Madsen: Ein solches Screening sollte aus wirtschaftlichen und ethischen Gründen unterbleiben! Ein Screening ist nur für bedeutende Gesundheitsrisiken sinnvoll, und auch nur dann, wenn eine frühe Behandlung die Gesundheit der Patienten verbessert. Das Schlimmste aber ist das Alter der Kinder, die gescreent werden sollen: drei, fünf und sieben Jahre. Ich behandele Kinder aus gutem Grund in der Regel erst ab zehn bis elf Jahren. Für Behandlungen vor diesem Zeitpunkt sehe ich nur in wenigen Ausnahmefällen eine Rechtfertigung.

SPIEGEL ONLINE: Drei- bis Siebenjährige haben doch noch Milchzähne. Welchen Sinn hat es, Zähne zu korrigieren, die ohnehin wieder ausfallen?

Madsen: Das frage ich mich auch. Viele Kieferorthopäden behaupten, dadurch könne man das Kieferwachstum beeinflussen und den Gesamtaufwand der Behandlung verringern. Tatsächlich stimmt beides nicht. Grundschulkinder oder gar Vorschulkinder mit einer Spange zu behandeln, ist in der Regel überflüssig.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Eltern?

Madsen: Lassen Sie Ihr Kind - wenn es keine ganz dringenden Gründe dafür gibt - nicht vor dem Abschluss des Zahnwechsels behandeln. Und dann im Regelfall nur mit einer festsitzenden Spange.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die besser als herausnehmbare?

Madsen: Weil die Behandlungsdauer kürzer ist, die Belastungen für Kind und Eltern geringer und die Ergebnisse wesentlich besser sind. Und es gibt nicht 30 Prozent Misserfolge wie bei herausnehmbaren Spangen.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie nicht aber psychisch belastender?

Madsen: Das ist altersabhängig. Elfjährige stecken das normalerweise gut weg. Der ungünstigste Zeitpunkt ist der Höhepunkt der Pubertät. Dann können Jugendliche mitunter sehr unglücklich darauf reagieren. Bei Erwachsenen geht es dann wieder ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Hygiene? Ist bei festsitzenden Spangen nicht das Kariesrisiko erhöht?

Madsen: Festsitzende Spangen sind schwerer zu reinigen, das ist ihr großer Nachteil. Man sollte sie deshalb nur Patienten einsetzen, die eine vernünftige Mundhygiene haben. Bei Jugendlichen ist das manchmal schwierig. Aber ich erlebe Karies während der Behandlung selten, vielleicht bei einem von 200 Patienten.

SPIEGEL ONLINE: Muss man eine Spange im Jugendalter tragen? Oder kann man das auch als Erwachsener noch tun?

Madsen: Die Behandlung im Jugendalter ist meines Erachtens kürzer und risikoärmer. Ein Rückbiss des Unterkiefers ist am Einfachsten im Jugendalter zu behandeln. Aber es gibt kein zeitliches Limit. Mein ältester Patient war über 80, das ging tadellos.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

insgesamt 46 Beiträge
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ecce homo 03.11.2013
1. 90 Prozent der Ästhetik
Gäbe es keine Zahnspangen, dann wäre3 die soziale Klasse an den Zähnen ablesbar. Auch die berufliche Zukunft hängt von einem Lächeln ab, welches keine schiefen Zähne entblöst. Da soll mal wieder an der falschen Stelle gespart werden. Dem Bürger soll unnötiger Verzicht von Lebensqualität nahegelegt werden, damit die Krankenkassen ein paar Promille mehr verdienen.
condor99 04.11.2013
2.
Zitat von sysopCorbisIn Deutschland werden viele Kinder viel zu früh mit Zahnspangen behandelt - und dann auch noch unnötig lange, kritisiert der Kieferorthopäde Henning Madsen im Interview. Der Grund: Die kleinen Patienten sind für die Kieferorthopäden sehr lukrativ. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/in-deutschland-werden-kinder-zu-frueh-mit-zahnspangen-behandelt-a-930626.html
*"Die Kunst des Arztes besteht darin den Patienten in der Schwebe zwischen Tot und Gesundheit zu halten"* Solange es nicht um die Gesundheit / Genesung der Menschen geht in der Medizin solange werden wir hier solche und ähnliche Artikel lesen. Der Arzt ist gezwungen jeden Patienten als Mittel zum Geldverdienen zu sehen. Gerade bei den Zahnärzten ist dies seit Jahrzehnten derart pervertiert da steht ein Materialeinsatz im Milligramm Bereich und die aufgewandte Arbeitszeit in keinem Verhältnis zum Berechneten Preis. Da verdienen alle derart unverschämt mit bis in zur Industrie die Mondpreise für medizinische Geräteverlangt. Ja sicher die Forschung und Entwicklung ja. Aber wieder am Beispiel Zahnarzt gebohrt und geröntgt wird hier seit 100 Jahren wo hat sich da groß was geändert?
mantra83 04.11.2013
3. wer zu spät kommt...
was der Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden fordert hat seine völlige Richtigkeit. Ein fehlgeleitetes unterentwickeltes Kieferwachstum erkennt man an bestimmten Markern im Gesicht bereits im Kleinkindesalter..wenn man dann nichts unternimmt (wie in den meisten Fällen) "verschlimmbessert" sich alles nur..einem Problem begegnet man immer in den Anfängen und nicht erst wenn es völlig ausgewachsen ist (bei abgeschlossenem Kieferwachstum)..dann dauert die Behandlung nur um so länger und gestaltet sich schwer, schmerzhaft und ist häufig mit Zähneziehen verbunden..wer profitiert von der längeren und komplizierteren Behandlung? der Patient? mitnichten.
tiansworld 04.11.2013
4. Mantra83
Wenn Menschen zu spät zu notwenigen Behandlungen kommen ist es NIEMALS der Fehler der Patienten, sondern IMMER aufgrund mangelnden Vertrauens in die Ärzteschaft. Und diese ist mehr als begründet, wenn man auf all die schwachsinnige Pseudo-Patologisierung (graue Haare, Prädiabetes etc.) schaut, die Ärzteverbände inzwischen fast schon durchfallartig produzieren. Da geraten vernünftige Vorschläge dann ins 'friendly fire'. Schieben Sie die Schuld also NIEMALS auf die (dummen) Patienten oder menschen, die versuchen Missstände innerhalb der Medizinerschaft öffentlich zu machen. Wenn Sie wirklich glaubwürdig sein wollen, dann seien Sie unbewuem und helfen Sie AKTIV mit, in ihren eigenen Reihen aufzuräumen! Dass heruntrebeten von institutionellen vorgegebenen Totschlagargumenten, ist hier sicherlich kein gutes Mittel, zeugt es doch von Mangel an differenzierter und selbstkritischer Betrachtungsweise und schürt es doch den Verdacht, dass hier einer nur ans Geschäft denkt. Kollegiale Grüße eines Mediziners, der seinen Idealismus noch nicht verloren hat....
Sleeper_in_Metropolis 04.11.2013
5.
---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es dann keine Reformen? ---Zitatende--- Warum zum Teufel versucht SPON diese Kassenleistung zu gefährden ? Es reicht schon, das Brillenträger ihre Sehhilfe nicht mehr vollständig bezahlt bekommen und man für fast jedes Medikament draufzahlen muß. Ein Überbiss ist sicherlich nichts schönes, von Hänseleien in der Schule bis zu beruflichen Nachteilen dürfte alles dabei sein. Es ist also sehr gut, das die Kassen die Behandlung bezahlt. Und solange viele Kassen offenbar genug Geld haben um Kochkurse auf Türkisch, Rentnergymnastik und Homöopathie zu finanzieren, sollte so eine handfeste Leistung wie eine Zahnspange, bei der der gewünschte Erfolg offensichtlich ist bitte auch weiterhin übernommen werden.
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