Innere Uhr Diktatur der Frühaufsteher

Gerade im Winter fällt es vielen Menschen schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Warum müssen Schule und viele Jobs so früh beginnen? Weil eine Gruppe von Frühaufstehern über die Allgemeinheit bestimmt, meint Kolumnist Frederik Jötten.

Schlafen im Unterricht: Einfach noch nicht aufnahmefähig
Corbis

Schlafen im Unterricht: Einfach noch nicht aufnahmefähig


Heute weiß ich, dass nicht ich schuld war, sondern das System. Meine Pubertät verbrachte ich im Halbschlaf, zumindest in der Schule. In meiner Erinnerung liege ich von der achten bis zur zehnten Klasse mit dem Kopf auf der Tischplatte. Abends und nachts war ich topfit und blieb lange auf. Aufstehen musste ich aber um halb sieben, da blieb nicht viel Zeit zum Schlafen. Lange Zeit dachte ich, dass es einfach mein Fehler gewesen sei, jetzt weiß ich: In der Pubertät gerät der Schlafrhythmus durcheinander. Für einen 16-Jährigen ist es eine Zumutung, um 8 Uhr morgens irgendeinem Unterricht zu folgen, sagt Schlafforscher Göran Hajak. Trotzdem verlegt kaum eine Schule die Anfangszeit des Unterrichts auf einen späteren Zeitpunkt.

Denn die Menschen, die etwas zu bestimmen haben in diesem Land, Politiker und Beamte, sind sogenannte Lerchen, also Frühaufsteher - sonst könnten sie ihre Jobs gar nicht machen. Wer könnte sonst morgens um 7 Uhr Interviews im Deutschlandfunk geben? Die meisten Menschen suchen sich unbewusst einen Beruf, der mit dem jeweiligen Schlafrhythmus vereinbar ist, denn sonst leidet man ein Leben lang. In die Machtpositionen kommen deshalb vor allem Lerchen. Dabei sind diejenigen, die früh aufstehen, nicht etwa besonders leistungsstark oder fleißig - die Eigenschaft morgens fit zu sein, ist angeboren wie die Haarfarbe. Aber mit ihrem Kartell bestimmen die Frühaufsteher, dass andere Menschen auch früh aufstehen müssen, indem sie die Öffnungszeiten der Ämter so gestalten, indem sie die Anfangszeiten der Schulen und Betriebe so festlegen.

Wenn die innere Uhr anders tickt

Diese Menschen haben dafür gesorgt, dass in der Mittelstufe ganze Fremdsprachen und Geschichtsepochen an mir vorbeigezogen sind, ohne dass davon bei mir was hängen geblieben wäre. In Unter- und Oberstufe war ich ein passabler Schüler. Aber dazwischen eine Null. Wie gesagt, in der Pubertät spielt die innere Uhr verrückt, die meisten werden zu Langschläfern und Spätaufstehern. Ich blieb es auch danach, bin also eine sogenannte Eule. Damit blieben mir die Traumjobs in Politik, Ämtern und Behörden also versagt. Auch große Firmen fallen damit für mich als Arbeitgeber flach. Lehrberufe und das Ärztedasein sind ebenfalls nicht attraktiv.

Ehrlich gesagt ist das für mich nicht schlimm, ich habe den richtigen Beruf mit dem richtigen Schlafrhythmus für mich gefunden. Andere Menschen können von mir aus so früh aufstehen, wie sie wollen, ich bleibe liegen. Aber, wie viele potenzielle Top-Politiker wird es geben, die dem Staat verloren gehen, weil sie nicht um 8 Uhr morgens fit sind zum Arbeiten? Wie viele Ingenieurstalente mussten einen anderen Berufsweg einschlagen, weil sie nicht so früh aufstehen können, wie das deutsche Unternehmen erwarten? Und wie muss man sich fühlen, wenn man sein Talent nicht verwirklichen kann, weil man durch die Frühaufsteher-Lobby geknechtet wird?

Die Autorin Bettina Hennig hat in ihrem Buch "Der frühe Vogel kann mich mal" genauer dargelegt, welche negativen gesellschaftlichen Auswirkungen der Frühaufstehwahn hat. Am schlimmsten finde ich, dass diese Diktatur der Frühaufsteher nicht einmal Mitleid mit den Schülern hat. Was auch immer die Schlafforschung sagt - sie müssen sich weiter früh zum Unterricht quälen.

INNNERE UHR - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

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insgesamt 101 Beiträge
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MoorGraf 19.01.2015
1. was für ein Quatsch!!!
Wirklich alle (ernsthaften, wissenschaftlichen) Studien zum Thema Schlafrhythmus zeigen, dass die innere Uhr eher einen 25 Stunden Rhythmus hat und sich an externen Signalen (Tageslicht, Wecker, Arbeitsstress) immer wieder neu ausrichtet. Wer also morgens müde ist, muss einfach nur ein paar Tage pünktlich aufstehen, auch wenn das Bett gerade schön warm ist. Und er muss abends pünktlich in´s Bett gehen. Es gibt 0-10% der Menschen, die tatsächlich physiologische Schlafstörungen haben (sagt das Max Planck Institut, das sich mit Schlaf beschäftigt) und die müssen abends ein paar zusätzliche Regeln beachten (nix essen ein paar Stunden vor dem Schlafen, keinen Alkohol, ein bisschen Bewegung den Tag über ...) aber dass es für Kinder unzumutbar seil, um 8 Uhr in der Schule zu sein ist einfach pseudowissenschaftlich verbrämter Popularquatsch!
chjuma 19.01.2015
2. da könnte was dran sein
Ich bin auch eine so genannte Eule. Am kreativsten bin ich Nachmittas bis in die Nacht hinein. Und das schon immer. Auch ich habe die Hölle wenn ich zuweilen vor 8 aufstehen muss. Und eher ins Bett bringt nix...man kann einfach nicht schlafen...So bin ich Spät- und Nachtarbeiter geworden, ich hätte das Glück
fitpit 19.01.2015
3. vielen geht es genauso
Da kann ich nur zustimmen - der Artikel dramatisiert zwar, trifft den Nagel aber auf den Punkt. Als typische "Eule" war ich zwischen 14 und 18 Jahren in der Schule tot. Schlafen gehen um 5, Aufstehen um 7, zuspätkommen in die Schule, durchschlafen bis um 12 auf der Bank. Nun, viele Jahre später bin ich selbst Lehrer und absolut machtlos gegen das System. Zu spät kommende Schüler behandle ich zwar wohlwollend, verlange trotzdem Aufmerksamkeit - wie soll das denn sonst gehen?
sikasuu 19.01.2015
4. Innere Uhr, ist ja so zwingend?
Komisch, bei Zeitverschiebung ist die Uhr nach ein paar Tagen wieder im Takt! Da stellt sie sich dann um. . Mit dem hell-dunkel Rythmus hat das auch nur bedingt zu tun, weil Sommer-Winter unterschiede gibt es kaum.... . Mir ist mal aufgefallen, das es so etwas wie einen 25-26Std Rythmus zu geben scheint, auf den sich der Körper einzupendeln scheint, wenn man sich mal von der Uhr emanzipieren kann. . Da sagen "Schlafforscher" aber wenig zu?
fahrgast07 19.01.2015
5. Der frühe Wurm...
...wird vom Vogel gefressen. Alles eine Frage der Perspektive.
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