Internet und Computer Drogenbeauftragte warnt vor Suchtgefahr

Spielen, chatten, surfen: Manche Menschen können kaum noch ohne Smartphone oder Tablet. Aber ist das schon eine Sucht? Während Ärzte noch um Antworten ringen, will es die Drogenbeauftragte der Bundesregierung schon genau wissen.

Dauernd daddeln: Ist mein Kind schon süchtig?
picture alliance/ dpa

Dauernd daddeln: Ist mein Kind schon süchtig?


Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung warnt vor der Gefahr durch Smartphones, Tablets oder Computer. "Den digitalen Reizen zu widerstehen, fällt vielen Menschen in unserem Land, ja weltweit, schwer", sagte Marlene Mortler (CSU) bei einer Konferenz mit 350 Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis am Mittwoch in Berlin.

Das Thema der Tagung hieß Internetsucht. Doch laut den international geltenden Diagnosesystemen psychischer Störungen (ICD-10 und DSM-IV) gibt es diese gar nicht, Internetsucht ist bislang nicht als Krankheit anerkannt. Als Arbeitshypothese für weitere Forschungsarbeiten ist lediglich die sogenannte "Internet Gaming Disorder" ("Internet-Spiel-Störung") definiert. Der Grund: Experten streiten seit Jahren darüber, wo die normale Nutzung von Computern und Internet aufhört und süchtiges Verhalten beginnt.

Was ist in welchem Alter okay?

Dass eine wachsende Zahl von Menschen indes Probleme damit hat, ihre Internet- und Computeraktivitäten zu steuern, ist unstrittig. Bislang ging man Umfragen zufolge davon aus, dass zwischen 500.000 und 600.000 Menschen in Deutschland eine problematische Nutzung an den Tag legen. Zur Beurteilung ziehen Wissenschaftler derzeit ein Instrument heran, das sie "Compulsive-Internet-Use-Scale" (CIUS)* nennen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat in einer Umfrage mithilfe der CIUS gemessen, dass insbesondere die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunimmt, die Probleme haben: Waren es 2011 noch 3 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen und 3,3 Prozent der Mädchen in dem Alter, stieg die Zahl bis 2015 auf 5,3 bzw. 6,2 Prozent an.

Für zu ungenau hält Mortler auch die derzeit geltenden Altersgrenzen: "Bei Computerspielen sind die bestehenden Stufen viel zu grob. Was für einen 11-Jährigen unschädlich ist, ist es für den 6-Jährigen noch längst nicht. Bei der Altersbewertung darf es zudem nicht nur um Gewalt und Pornographie gehen."

Probleme in allen Gesellschaftsschichten

Auf der Konferenz wurden zudem Zwischenergebnisse der sogenannten Blikk-Studie vorgestellt, in der insgesamt 6000 Kinder und Jugendliche befragt werden, um die Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien zu untersuchen. Den Untersuchungen zufolge spielen 75 Prozent der Kinder im Alter von 2 bis 4 Jahren bereits 30 Minuten täglich mit Smartphones.

Aber auch Erwachsene haben Probleme, bestätigen Mediziner: "Das Phänomen zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten", sagt Susanne Pechler, Oberärztin am Isar Amper Klinikum München-Ost. "Ich habe Patienten im Alter von 14 bis 67 Jahren, vom Akademiker bis zum Hartz-IV-Empfänger."

Für besonders gefährlich hält Forscher Hans-Jürgen Rumpf von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie Smartphones am Steuer. In den USA sei ein Viertel aller Verkehrsunfälle bereits auf die Benutzung von Handys bei der Fahrt zurückzuführen.

Wer Probleme hat im Umgang mit dem Internet und Computern kann Rat suchen bei Suchtberatungsstellen oder Psychotherapeuten.


*Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugund (BMFSFJ) erklärt in der Untersuchung "Exzessive Internetnutzung in Familien" (S. 41) CIUS wie folgt: Aus 14 Fragen, die sich an Dimensionen der (Glücksspiel-)Sucht wie ständige gedankliche Beschäftigung, Kontrollverlust, Verheimlichung, Vernachlässigung anderer Verpflichtungen und Fortsetzung des Verhaltens trotz negativer Konsequenzen orientieren, wird ein Index gebildet, der als Ergebnis die Diagnose "pathologische Internetnutzung ja/nein" erlaubt.

hei/dpa



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