Suchtexperte zum Fall Ullrich "Ich bin nur noch durchs Leben getaumelt"

Was ist nur mit Jan Ullrich los? Dem Suchtexperten Bernd Thränhardt kommt das Verhalten des früheren Profisportlers bekannt vor - er war selbst jahrelang alkohol- und kokainabhängig.

DPA

Ein Interview von Jörg Böckem


Zur Person
  • Bernd Thränhard
    Bernd Thränhardt, Bruder des Weltrekord-Hochspringers Carlo Thränhardt, war erfolgreicher Journalist und Filmemacher, befreundet mit Prominenten und Sportlern - bis er mit Alkohol und Kokain sein Leben ruinierte. Seit 16 Jahren ist er trocken, heute leitet er zwei Selbsthilfegruppen, gibt Seminare in privaten Suchtkliniken und coacht in der MDR-Serie "Trocken-Doc" Alkoholiker. Einige Jahre hat er auch in der Privatklinik, in der Jan Ullrich seine Alkoholsucht bekämpft, Seminare gegeben.

SPIEGEL: Herr Thränhardt, in den vergangenen Wochen schien es, als könne man dem ehemaligen Rad-Star Jan Ullrich bei der Selbstzerstörung zusehen - angefangen von einem Streit mit seinem Nachbarn Til Schweiger auf Mallorca bis zu Drogenexzessen in einem Hotel, Verhaftung und Zwangseinweisung in eine geschlossene Psychiatrie. Wie gerät ein Mensch in so eine Eskalationsspirale?

Bernd Thränhardt: Das ist nicht ungewöhnlich, ich habe das alles selbst auch erlebt. Der Übergang von genussvollem Trinken zum Missbrauch und schließlich in die Sucht ist fließend, es gibt keine roten Ampeln oder Warnschilder "Achtung, Sie verlassen den Bereich des Genusstrinkens und betreten den Bereich des Missbrauchs".

SPIEGEL: Wie war es bei Ihnen?

Thränhardt: Bei mir war es so, dass irgendwann andere Substanzen wie Kokain, Amphetamine und Benzodiazepine dazukamen. Ich habe versucht, mit den unterschiedlichen Substanzen zu jonglieren: Der Alkohol euphorisiert zu Anfang, aber irgendwann ist man erschöpft und versucht, mit Kokain oder Amphetaminen dagegen zu steuern. Um endlich Ruhe zu finden, habe ich dann Benzodiazepine genommen. Schlussendlich bin ich in einem somnambulen Zustand, in dem ich nicht mehr wusste, was Wahn und was Wirklichkeit war, durch das Leben getaumelt. In dem Video, das Jan Ullrich aufgenommen hat und das im Netz kursiert, wirkt er ähnlich.

Im Video: Das Drogen-ABC - Die gefährlichsten Substanzen

SPIEGEL: Es heißt, Verhaftung und Einweisung in die geschlossene Psychiatrie müssten so etwas wie ein heilsamer Schock sein und zur Verhaltensänderung motivieren. Ist das so?

Thränhardt: Menschen sind unterschiedlich. Für manche markiert so eine Erfahrung tatsächlich den Tiefpunkt, an dem sie vor der Sucht kapitulieren. Für andere ist das nur eine Episode unter vielen. Für mich war der Psychiatrieaufenthalt nicht hilfreich oder heilsam, ich habe die Unfreiheit und Entmündigung als kontraproduktiv für meine Gesundung empfunden. Grundsätzlich halte ich Zwangsmaßnahmen eher nicht für hilfreich. Mein Bruder hat damals gesagt, es sei am besten, mich in Ketten nach Sibirien in einen Knast zu schleifen, dann würde ich trocken werden. Tatsächlich wäre ich wohl direkt nach der Entlassung in Sibirien in die erste Kneipe gerannt!

SPIEGEL: In den Medien melden sich beinahe täglich Menschen zu Wort, die Ullrich gute Ratschläge erteilen. Ist das zielführend?

Thränhardt: Meiner Erfahrung nach nicht. Was mich in der öffentlichen Diskussion stört, sind die Patentrezepte, die neunmalklugen Kommentare von unqualifizierter Stelle und die Häme. Als Süchtiger reagiert man zudem im allgemeinen auf gut gemeinte Ratschläge mit Abwehrverhalten. Die meisten Süchtigen besitzen nur noch wenig Autonomie und Handlungsfreiheit, sie haben ihre Selbstbestimmung fast komplett an die Sucht verloren. Wenn dann jemand aus dem engeren Umfeld, auch wenn er es gut meint, durchaus das Richtige sagt, wird die Frustration über die eigene Situation und die subjektiv empfundene Unfähigkeit zur Veränderung auf den Überbringer der Botschaft übertragen.

SPIEGEL: Wie kann in so einer Situation der Ausstieg, die Veränderung gelingen?

Thränhardt: Für viele Betroffene ist der erste, wichtige Schritt, sich zu entscheiden, in eine Klinik zu gehen. Das hat Ullrich ja getan. Sich selbst einzugestehen, ein Problem zu haben und sich Hilfe zu suchen, weil man allein nicht in der Lage ist, sein Leben wieder in die Spur zu bekommen, ist für die meisten ein sehr schwieriger Prozess. Der Abschied von der Substanz ist ähnlich schmerzhaft wie die Trennung von einem geliebten Partner.

SPIEGEL: Ist Ihnen der Abschied schwer gefallen?

Thränhardt: Ja, sehr. Ich habe mir ein Taxi bestellt und auf dem Weg in die Klinik eine Flasche Wodka getrunken, bin mit drei Promille angekommen und habe gesagt, jetzt macht mich mal gesund.

Im Video: Aus der Rausch - Alkoholiker auf Entzug

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SPIEGEL: Das hat nicht funktioniert, richtig?

Thränhardt: Nein, natürlich nicht. Als ich ankam, war ich total schockiert, dass einige Patienten zum vierten oder fünften Mal da waren. Ich war davon überzeugt, ich gehe dorthin und werde als geheilt entlassen. Ich hatte ja meine Entscheidung getroffen, ein gewaltiger Schritt für mich, was sollte also schiefgehen?

SPIEGEL: Ihr erster Klinikaufenthalt war aber nicht ihr letzter.

Thränhardt: Die meisten Menschen, die ich in meinen Gruppen und Seminaren kennengelernt habe, brauchen mehrere Anläufe. Jahrelanger Substanzmissbrauch führt dazu, dass man eine süchtige Identität entwickelt, einen von Sucht geprägten Umgang mit sich und der Welt. Diese süchtige Identität und Verhaltensmuster können nicht in vier Wochen komplett aufgebrochen und verändert werden, das ist ein langwieriger Prozess. Die tiefe Scham, die die meisten von uns empfinden, wenn der Kopf wieder klar wird, macht es nicht einfacher.

SPIEGEL: Was hilft dann?

Thränhardt: In der Regel benötigt man unterschiedliche Bausteine - nach Entgiftung und Entwöhnungsbehandlung in einer Klinik noch eine ambulante Therapie und, das ist meine feste Überzeugung, eine Selbsthilfegruppe. Trocken werden ist kein Sprint, es ist ein Marathonlauf. Für mich war es auch wichtig, aus Köln wegzugehen, all die Lebensumstände und Menschen und Einflüsse, die eng mit meiner Sucht verknüpft waren, hinter mir zu lassen.

SPIEGEL: Diesen langwierigen und schmerzhaften Weg unter dem Brennglas der medialen Aufmerksamkeit gehen zu müssen, macht es wahrscheinlich nicht einfacher?

Thränhardt: Wahrscheinlich nicht. Die öffentliche Selbstdemontage, die ich selbst ja auch betrieben habe, kann demotivieren - nach dem Motto: 'Ich habe eh alles ruiniert und mich zum Idioten gemacht, da kann ich auch weiter saufen.' Man kann sie aber auch als Motivation nutzen, einen anderen Weg einzuschlagen. Was mich in der öffentlichen Diskussion der vergangenen Wochen sehr geärgert hat, sind diejenigen, die Ullrichs Frau vorgeworfen haben, erst nachdem sie ihn mit den gemeinsamen Kindern verlassen habe, seien alle Dämme bei ihm gebrochen. Das ist unerträglich! Angehörige, Partner, Eltern oder Kinder sind in der Regel einen langen, leidvollen Weg gegangen, bevor sie so eine Entscheidung treffen. Man hätte ihr Vorwürfe machen müssen, wenn sie ihre Kinder nicht geschützt hätte.

SPIEGEL: Ullrich ist nicht der erste ehemalige Leistungssportler, dessen Probleme mit Substanzmissbrauch öffentlich wurden. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Leistungssport und Suchtentwicklung?

Thränhardt: Ja. Leistungssportler führen ein besonderes Leben. Bei den meisten von uns nimmt eine Karriere langsam Fahrt auf, den Höhepunkt erreicht sie irgendwann in den Vierzigern oder Fünfzigern. Bei Leistungssportlern ist das anders, der Höhepunkt und das Karriereende kommen viel früher. 1991, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, habe ich einen Dokumentarfilm über Boris Becker gedreht, am Ende der Dreharbeiten hat er gesagt, er habe große Angst vor dem Verlust dieses rauschhaften Lebens. Dazu kommt, dass Sportler dauernd die eigene Befindlichkeit im Fokus haben, weil ihre Leistungsfähigkeit davon abhängt.

SPIEGEL: Und wenn die Karriere dann zu Ende ist, beginnen die Probleme?

Thränhardt: Das Leben von Sportlern hat durch Training und Wettkämpfe eine sehr klare Struktur. Aus all dem herauszufallen, ist schwierig, es gelingt vielen nicht, sich parallel zum Karriereende neue Strukturen und eine neue Identität zu schaffen. Außerdem müssen sie nach einer großen Karriere wieder relativ klein anfangen, der Meister muss wieder zum Lehrling werden - eine große Herausforderung.

SPIEGEL: In vielerlei Hinsicht gilt das auch für jemanden, der ein neues, suchtfreies Leben beginnen möchte.

Thränhardt: Richtig, das ist eine schöne Parallele. Als ich 44 war, musste ich bei null anfangen, hatte immense Schulden, mein Ruf als Journalist und als Person waren ruiniert, ich hatte Vertrauen bei Freunden und Familie verspielt. Als ich dann in der Eifel in die Selbsthilfegruppe gegangen bin, musste ich dort von Menschen, denen ich vorher eher mit Hochmut begegnet wäre, das lernen, was ich selbst nicht konnte - eine wichtige Lektion in Demut. Die Überwindung einer Suchterkrankung bedeutet auch eine Reise zu sich selbst, die Genesung ist nicht von der Persönlichkeitsentwicklung zu trennen.

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SPIEGEL: Wer den Hochleistungssport kritisch betrachtet, könnte anmerken, dass der Substanzmissbrauch in so einem Fall im Grunde die Verlängerung des Dopings mit anderen Mitteln ist. Ist jemand, der seinen Wert an Leistung und Siegen bemisst und zudem früh gelernt hat, dass Erfolg nur mithilfe von Substanzen möglich ist, besonders gefährdet?

Thränhardt: Möglicherweise ist die Hemmschwelle für Substanzkonsum für so jemanden tatsächlich geringer. Aber im Grunde ist der Hochleistungssport nur ein Brennglas, in dem sich unsere gesamte gesellschaftliche Situation zeigt. In anderen Bereichen ist es ähnlich, wir definieren uns über Leistung. Mediziner zum Beispiel gehören zu den am stärksten suchtgefährdeten Berufsgruppen.

SPIEGEL: Was heißt das?

Thränhardt: Sucht hat immer auch eine soziologische Komponente, in unserer Leistungsgesellschaft sollen wir in jeder Situation funktionieren und den Erwartungen anderer entsprechen. Ich habe kürzlich in einer Schule ein Seminar gegeben. Schon die 15-Jährigen setzen Substanzen wie Cannabis, Alkohol oder Ritalin gezielt ein, um in der Peergroup anerkannt zu werden, Schüchternheit zu überwinden, konzentrierter lernen zu können - kurz, um so zu sein, wie sie glauben, sein zu müssen.

SPIEGEL: Klingt furchtbar. Was kann man dagegen tun?

Thränhardt: Die Strategie muss sein, unsere Persönlichkeit so weit zu stärken, dass wir es nicht mehr als notwendig empfinden, uns mittels Substanzen zu modifizieren, um Erwartungen zu entsprechen.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
spon_2502913 24.08.2018
1. Chronische Krankheit
Bernd Thränhardt ist, wie auch alle anderen süchtige Menschen auch, immer noch Alkohol und Drogenabhängig!!! Er ist aber trocken und cleen und wird eine Leben lang Abhängig sein. Es gibt keine Heilung der Krankheit, man kann Sie nur stoppen da eben chronisch. Trockene Grüße aus Berlin
Mindbender 24.08.2018
2. ...
"Patentrezepte, die neunmalklugen Kommentare von unqualifizierter Stelle und die Häme.". Also wie die von den Medien und Schweiger?!
tatani 24.08.2018
3. Recht hat er!
Tolles Interview mit einem Betroffenen, der weiß, von was er spricht!
Currie Wurst 24.08.2018
4. Wohltuendes Statement
Bernd Thränhardt beschreibt sehr gut nachvollziehbar, wie man als Süchtiger in eine solche Spirale hineintaumelt und welch langer Weg es aus ihr heraus ist, wenn man nicht am Ende sogar in einer Sackgasse landet. Auf Jan Ullrich übertragen bedeutet das, die Presse und die Öffentlichkeit müssen ihn in Ruhe lassen, sonst macht es alles nur schlimmer. Was ihm jetzt bevorsteht, dürfte schwieriger als der Anstieg nach Alpe d`Huez sein. Besonders gut gefällt mir, dass er Jan Ullrich´s Frau in Schutz nimmt. Dazu gehört schon viel Ignoranz, sie als Auslöser darzustellen, vor allem, wenn man Jan Ullrich´s Vorgeschichte kennt. Man kann sich gut vorstellen, wie seine Familie an den Zuständen gelitten hat und welch deprimierende Eingeständnis des Scheiterns der eigenen Ehe damit einhergeht, wenn man notwendigerweise die Reißleine auch zum Schutz der Kinder zieht.
kurzanbinden 24.08.2018
5. unfassbar gutes interview
Dieser Mensch hat es einfach Mal verstanden und weiss es auch noch weiterzugeben. Respekt.
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