Hohe Lebenserwartung, kaum Geburten Alt, älter, Japan

Die japanische Gesellschaft altert so sehr, dass Forscher einen Countdown bis zum Untergang eingerichtet haben. Ein Fotograf gibt Einblicke in den oft arbeitsreichen Alltag der Ältesten.

Lee Chapman

In Japan trifft eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt auf eine der höchsten Lebenserwartungen. Die Folgen zeigen sich auf den Straßen des Landes, auch Menschen jenseits der 90 sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Der Fotograf Lee Chapman hat ihren Alltag in Tokio dokumentiert - ungeschönt und doch schön.

Auf seinen Streifzügen fotografierte er die Ältesten so, wie sie den Alltag der Stadt mitgestalten. Seine Aufnahmen zeigen eine vom Leben gekrümmte Frau genauso wie eine 93-Jährige, die noch immer jeden Abend die Tür zu ihrer Bar öffnet.

Viele der Bilder zeugen von einem harten Arbeitsleben. Tatsächlich stellt die schnell alternde und gleichzeitig schrumpfende Bevölkerung die Gesellschaft Japans vor immer größere Probleme.

Der Wunsch, bis ins hohe Alter zu arbeiten

Einer aktuellen Studie zufolge haben 2015 in Japan geborene Mädchen eine Lebenserwartung von 86 Jahren, bei Jungen gehen Forscher von 80 Jahren aus. Bei der Versorgung der Ältesten spielt neben Einrichtungen wie einer staatlichen Pflegeversicherung bis heute die Familie eine große Rolle.

Traditionell ist es Aufgabe des ältesten Sohnes, mit seiner Familie in die Wohnung der Eltern zu ziehen und sie bis zu ihrem Tod zu begleiten. 1970 wohnten noch 50 Prozent der 65-Jährigen und Älteren in einem solchen Drei-Generationen-Haushalt, 2009 waren es immerhin noch 32 Prozent, heißt es in einer Studie der Universität Heidelberg.

Trotzdem arbeiten viele Japaner bis ins hohe Alter. 2005 war fast jeder vierte über 65-Jährige in Japan voll erwerbstätig. Zu erklären sei dies einerseits mit knappen Renten, teuren Ausbildungen und teuren Hochzeiten der Kinder, schreiben die Heidelberger Forscher in einer Untersuchung des Altersbildes der japanischen Kultur. Daneben hatten viele Japaner jedoch das Bedürfnis, auch im Alter eine fordernde und sinnvolle Aufgabe zu erfüllen, wenn es die Gesundheit zulässt.

Countdown bis zum Untergang der Japaner

In Zukunft wird es noch deutlich wichtiger werden, dass auch ältere Japaner einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Die Prognosen zur Altersstruktur des Landes sind so bedenklich, dass Forscher der Universität Tokio einen Countdown eingerichtet haben. Demnach wird in rund 642.700 Tagen, genauer gesagt im Jahr 3776, in Japan nur noch ein Kind zur Welt kommen und die Gesellschaft wäre am Ende.

Das Hauptproblem ist die niedrige Geburtenrate. Aktuell bringt jede Frau im Schnitt 1,4 Kinder zur Welt, 2,1 wären notwendig, um die Zahl der Bevölkerung aufrecht zu halten. Ändert sich nichts, sagen Experten einen enormen Bevölkerungsrückgang voraus. Von heute 127 Millionen Menschen würden bereits 2050 weniger als 100 Millionen übrig bleiben, schätzt das National Institute of Population and Social Security Research in Japan (IPSS).

Damit schrumpft auch die Zahl derer, die sich um die Alten kümmern können: 2010 waren in Japan im Schnitt noch 2,8 arbeitende Menschen für die Versorgung eines alten Menschen zuständig. 2060 könnten es nur noch 1,3 sein, warnt das IPSS.

Männer in der Hausarbeit

Trotzdem bleiben Gründe, zu hoffen. Seit einem Tiefpunkt im Jahr 2005, als Frauen nur noch 1,26 Kinder zur Welt brachten, steige die Geburtenrate langsam aber stetig wieder an, schreibt "The Japan Times". 2013 war der Wert mit 1,43 sogar höher als der Deutschlands (1,38). Durch den höheren Altersdurchschnitt kommen in Japan jedoch im Verhältnis auch weniger Frauen dafür infrage, Kinder zu bekommen.

Damit sich grundlegend etwas verändert, muss sich die Gesellschaft wandeln - in Japan wie überall sonst auf der Welt. Einen wichtigen Punkt sehen Experten in der Gleichberechtigung von Mann und Frau: Erst wenn Männer viel Verantwortung im Haushalt übernehmen, können es sich Frauen leisten, Karriere zu machen und zusätzlich Kinder zur Welt zu bringen.

Hier dokumentiert die "Japan Times" ebenfalls eine positive Entwicklung in dem asiatischen Land: Während Männer 1996 im Schnitt 27 Minuten täglich mit Haushaltsarbeit verbrachten, waren es 2001 bereits 49 Minuten und 2011 sogar schon 69 Minuten.

Auch auf höherer Ebene wird versucht, das Problem anzugehen. Ende 2015 gründete der japanische Premierminister Shinzo Abe ein Beratungsgremium zu dem Thema. Abe ist klar, dass er das Schrumpfen der Bevölkerung nicht stoppen kann. Doch er hat ein Ziel: Auch in 50 Jahren sollen in Japan noch mehr als 100 Millionen Menschen leben. Das wäre nur ein Fünftel weniger als heute.

Der Fotograf Lee Chapman hat das Leben der alten Menschen in Tokio dokumentiert. Sein Ziel war, dem viel diskutierten demografischen Wandel ein Gesicht zu geben. Die Fotos finden Sie hier.

irb

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Seite 1
rdexter 25.10.2016
1.
"Erst wenn Männer viel Verantwortung im Haushalt übernehmen, können es sich Frauen leisten, Karriere zu machen und zusätzlich Kinder zur Welt zu bringen." Kann man auch anders sehen: Erst wenn Frauen nicht mehr nur Karriere machen wollen, habe sie Zeit, Kinder zur Welt zu bringen. Vielleicht einen Mittelweg gehen?
olli0816 25.10.2016
2. Wirklich?
Japan ist total überbevölkert. Das heißt, für die Menschen dort ist es ein Segen, wenn sie von 127 Millionen bis 2050 auf 100 Millionen oder etwas darunter schrumpfen. Bevölkerungsberechnungen bis ins Jahr 3778 ist natürlich Nonsense, da kein Mensch weiß, wie die Gesellschaft auch nur in 100 jahren aussehen wird. Ich hatte vor vielen Jahren mal ein Gespräch mit einem japanischen Bekannten. Ich hatte kurz davor einen Bericht über die Funktionsvielfalt von japanischen Toiletten gesehen und sie als eigenartige Marotte der Japaner angesprochen. Er meinte dazu: Wir Japaner leben so eng aufeinander, dass das stille Örtchen der einzige Platz ist, wo man mal für sich alleine ist. Da möchte man einfach seine Ruhe und ein bisschen Komfort geniessen. Wir Japaner haben auch gelernt, bei allen möglichen Geräuschen wegzuhören, um uns unsere Privatspähre zu bewahren. Wenn ich mir das anhöre, frage ich mich, warum man die Bevölkerungsanzahl halten sollte? Am dusseligsten im Artikel fand ich den drittletzten Absatz, wo Frauen Karriere machen sollen, um dann mehr Kinder zu bekommen. In Deutschland haben z.B. Akademikerinnen, die einen anspruchsvollen Job haben, das größte Problem, jemanden zu finden mit dem sie eine Familie mit Kindern gründen können. Das heißt nicht, das Frauen sich nicht selbst verwirklichen sollen. Aber das Ergebnis wird in Japan so unterschiedlich nicht sein, wobei die Gesellschaft dort noch viel konservativer als hier ist. Das zeigt schon die Statistik, wie lange sich ein Mann mit Hausarbeit beschäftigt. Im Grunde sind die niedrigen Geburtenraten absolut positiv, auch wenn die Gesellschaft insgesamt älter wird und natürlich auch etwas weniger innovativ. Aber andersherum benötigt man kein so großes Wirtschaftswachstum mehr und jeder hat ein wenig mehr Platz für sich. Wenn ich durch München gehe, wünsche ich mir gerne weniger Menschen. Auch Deutschland ist zu dicht besiedelt trotz mehr leerer Flächen auf dem Lande durch Abwanderung in die Städte. Andererseits sind alle Plätze aus meiner Kindheit nahe München inzwischen bebaut und selbst Plätze, wo man sich damals das gar nicht vorstellen konnte, stehen heute Häuser. Meine Schule grenzte auf der einen Seite an einen Wald und an der anderen an weitläufige Felder. Den Wald gibts noch, nur ist eine große Umgeheungsstraße davor und die Felder sind alle Geschichte. Ist es das, was wir wirklich wollen?
mr.northman 25.10.2016
3.
Es ist mir unverständlich, das schrumpfende Bevölkerung so negativ dargestellt wird. Die Zahl der Menschen muss sinken, sonst reichen die Ressourcen nicht und die Verteilungskämpfe werden für Schrumpfung sorgen.
pariah_aflame 25.10.2016
4. Ja, sowas!
Da schau an: So eine hohe Lebenswerwartung bei einer Bevölkerung die sich fast nur von Kohlenhydraten ernährt! Das dürfte den Ketonikern übel aufstossen. Ha ha.
khid 25.10.2016
5. @unzensierbar
Wann ist altern Ihrer Meinung nach "künstlich" und ab wann ist ein Mensch "zu alt"? Wer befindet darüber? Sie? Ärzte?" Die Gesellschaft "? Wie steht es mit dem Grundgesetz der BRD? Kennen Sie das? Oder die UN-Menschenrechtscharta? Nein, wie es den Anschein hat... Unzensierbar? Ah so...?!
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