"In zehn bis zwanzig Jahren besiegt" Krebs-Bekämpfung - Experte bremst Spahns Optimismus

Jens Spahn hält den medizinischen Fortschritt für so immens, dass der Krebs in absehbarer Zukunft keine Bedrohung mehr darstellt. Experten sehen das deutlich pessimistischer.

Jens Spahn (CDU)
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Jens Spahn (CDU)


Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hält Krebsleiden in absehbarer Zeit für besiegbar. "Es gibt gute Chancen, dass wir in zehn bis zwanzig Jahren den Krebs besiegt haben", sagte der CDU-Politiker der "Rheinischen Post". Der medizinische Fortschritt sei immens, die Forschung vielversprechend. "Und wir wissen deutlich mehr. Es gibt Fortschritte bei der Krebserkennung, bei der Prävention."

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) hingegen klingt in einer aktuellen Pressemitteilung deutlich pessimistischer. Demnach gehen Experten davon aus, dass die Zahl der neuen Krebserkrankungen in Deutschland bis 2030 auf bis zu 600.000 pro Jahr steigen wird. Grund dafür ist die alternde Gesellschaft.

Auch Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), schätzt die Situation vorsichtiger ein als Spahn. "Krebs ist durch seine biologische Vielfalt eine der komplexesten Erkrankungen", so Baumann. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir mit zeitlichen Prognosen zu einem "Sieg über den Krebs" nicht zu schnell sein sollten".

Der Experte geht zwar davon aus, dass Forscher in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren spürbare Verbesserungen bei den Krebsüberlebensraten erzielen und Krebspatienten eine bessere Lebensqualität ermöglichen können. "In der Krebsprävention brauchen wir aber möglicherweise einen längeren Atem, bis Erfolge sichtbar werden", sagt Baumann.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz äußerte sich empört über die Aussage Spahns. Angesichts der vielen Menschen, die an Krebs leiden, sei es "unverantwortlich", solche Behauptungen aufzustellen, erklärte Vorstand Eugen Brysch. "Ein Gesundheitsminister sollte nicht für eine Schlagzeile das Vertrauen der Patienten verspielen."

1971: Nixons "War on Cancer"

Das Bundesgesundheitsministerium hat gemeinsam mit DKFZ und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) diese Woche die "Nationale Dekade gegen den Krebs" gestartet. Die Initiative hat das Ziel, Krebserkrankungen zu verhindern, Heilungschancen zu verbessern und die Lebensqualität von Betroffenen zu erhöhen. "Zum Erreichen dieser ehrgeizigen Ziele sind erhebliche Anstrengungen in der Krebsforschung erforderlich", so Baumann.

In einem ersten Schritt fördert das BMBF praxisverändernde klinische Studien zur Prävention, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen. Hierfür werden im Rahmen der Dekade bis zu 62 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Weitere Initiativen sollen folgen.

Spahn ist nicht der erste Politiker, der einen Sieg über den Krebs prognostiziert. Bereits 1971 erklärte der damalige US-Präsident Richard Nixon den Kampf gegen Krebs, den "War on Cancer". Beflügelt von den ersten Erfolgen der Chemotherapie stellte er 100 Millionen Dollar für die Erforschung neuer Medikamente zur Verfügung. Krebs solle in 25 Jahren heilbar sein, erklärte er. Dieses Ziel erreichen Ärzte heute immer häufiger - aber noch längst nicht bei allen Patienten.

In Deutschland ist Krebs nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. 2015 waren Krebserkrankungen nach Angaben des Statistischen Bundesamts die Ursache für fast ein Viertel aller Todesfälle.

irb/dpa

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insgesamt 57 Beiträge
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Mancomb 01.02.2019
1. Allerdings!
Es gibt nicht "den" Krebs, sondern Myriaden verschiedene Formen. Was sie alle gemeinsam haben, ist die unkontrollierte Zellvermehrung, die Ressourcen des Körpers aufbraucht und durch Wachstum gesundes Gewebe verdrängt. Die Unterschiede zwischen einzelnen Krebsarten jedoch sind gewaltig und sehr, sehr unterschiedlich zu therapieren. Abgesehen davon kann man den Krebs nie komplett besiegen. In jedem von uns entstehen täglich mehrere tausende mutierte Zellen, die ungehindert Krebs entstehen lassen könnten, aber die das Immunsystem jedoch (fast) immer erkennt und entsprechend bekämpft. Auch de-novo-Mutationen durch äußere Einflüsse (Strahlung, mit Luft oder Nahrung aufgenommene Karzinogene etc.) oder durch zufällige, nicht korrigierte Kopierfehler bei der Zellteilung sind nie ganz auszuschließen. Dass ein Gesundheitsminister (!) sich hinstellen und so einen Schmarrn öffentlich verbreiten kann, ist ein Unding und zeugt von grundlegender medizinscher Unkenntnis. Herr Spahn war zuerst Bankkaufmann und hat dann Politik studiert. Was genau qualifiziert so jemanden eigentlich für die Rolle des Gesundheitsministers?
Draw2001 01.02.2019
2. Also wenn Herr Dr. Spahn das sagt, dann muss das wohl stimmen?
Oder hat er garkeinen Dr.? Oder keinen Dr. med.? Politer leiden zumal an leichtfertiger Selbstüberschätzung. Gerade auf dem Gebiet von Prognosen trifft das in besonderem Maße zu. Von Politikern erwarte ich Arbeit in der Gegenwart. Dafür werden sie bezahlt. Alles andere kann man den Horoskopen und Leuten überlassen, die aus der Hand lesen können.
HB8 01.02.2019
3. Krebs...
...ist ja nicht eine Krankheit in dem Sinne, wie es eine Infektion ist. Wir mutieren in jeder Sekunde unseres Lebens vor uns hin. Das ist also ein natürlicher Vorgang. Wie soll man dem entgegenwirken? Deshalb treten Krebserkrankungen meist bei älteren Menschen auf. Das einzige was hilft, möglichst mutagene Dinge zu meiden, also Strahlung (Sonne), Alkohol, Zigaretten, Pilztoxine von verschimmelten Lebensmitteln (Kaffe, Brot,...). Ein Versprechen ist das allerdings nicht, doch im Laufe seines Lebens an Krebs zu erkranken.
dirkcoe 01.02.2019
4. Spahn wie immer ahnungsfrei
Nicht zum ersten Mal wird die Dynamik von Minister Spahn durch Kompetenz und Sachverstand eingegrenzt. Vielleicht sollte Spahn ausser mit Lobbyisten auch Mal mit Leuten sprechen, die etwas von der Materie verstehen.
HuFu 01.02.2019
5.
Erst Herr Altmaier, nun Herr Spahn. Wer reiht sich denn heute als Nächstes ein rund um den heiss umkämpften Lobbyistenthron? Ach Herr Spahn. WANN fangen Sie endlich an FÜR das deutsche Volk zu regieren? Buzz words wie Krebs, MS und Co bringen nur was, wenn man exakt was auf dem Tisch liegen hat in Bezug auf eine konkrete Heilung. Alles andere ist Gefasel und hilft keinem was!
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