Johanniskraut-Präparate: Wildwuchs im Kräutergarten

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Johanniskraut: Wundermittel mit Tücken Fotos
dapd

Bei Depressionen greifen viele Menschen zu Johanniskraut. Das pflanzliche Mittel gilt als harmlose Alternative zu Antidepressiva, im Supermarkt oder in der Drogerie ist es frei verkäuflich. Doch Vorsicht bei Billig-Produkten - die Qualität vieler Präparate ist umstritten.

Schon römische Legionäre ließen sich mit ihm behandeln. Sie schmierten sich Hypericum perforatum auf Wunden. Dass Johanniskraut noch zu mehr taugt als zum Wundverband, entdeckte der Arzt Justinus Kerner Anfang des 19. Jahrhunderts. Auf okkulte Weise: Eine seiner Patientinnen "erfühlte" die Wirkung der Pflanze, heilte sich mit Johanniskraut-Tee erst selbst und dann einen jungen Mann, "der zur Melancholie geneigt war".

Mit der Befreiung der Medizin von ihren esoterischen Wurzeln geriet das einstige "Seelenmittel" in Vergessenheit. Seit einiger Zeit nun erlebt Johanniskraut als angeblich "weiches" Antidepressivum eine Renaissance. Womöglich trägt dazu auch der Umstand bei, dass es nicht rezeptpflichtig ist und manche Johanniskraut-Präparate auch nicht apothekenpflichtig.

Johanniskraut ist Placebos überlegen

Der Mechanismus der antidepressiven Wirkung des Johanniskrauts ist bis heute ungeklärt. "Es gibt mehr als nur einen aktiven Inhaltsstoff und es ist nicht völlig klar, welche Inhaltsstoffe die wichtigsten für welche Wirkung sind", sagt Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin in Exeter im Südwesten Englands.

Die antidepressive Wirkung des Johanniskrauts wurde lange unterschätzt. 2009 untersuchte Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München in einer Meta-Analyse für die Cochrane Collaboration 29 Studien an insgesamt 5489 Depressionspatienten. Sein Fazit: Johanniskraut ist Standard-Antidepressiva ebenbürtig und zeigt weniger Nebenwirkungen. Zu den typischen zählen Kopfschmerzen, Unruhe, Müdigkeit und eine gesteigerte Lichtempfindlichkeit der Haut. Allerdings ist das Kraut nur bei leichten bis mittelschweren Depressionen hilfreich, bei schweren Fällen versagt es.

Doch gibt es bei all diesen Studien ein Problem: Es wurden verschiedene Johanniskraut-Präparate verglichen und auch noch in unterschiedlicher Dosierung. "Die Studien liefern nicht genug Daten, um unterschiedliche Extrakte miteinander vergleichen zu können oder eine optimale Dosierung mit ausreichender Sicherheit zu ermitteln", resümiert das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) daher.

2007 verglich Linde im Auftrag des Komitees Forschung Naturmedizin die Studienlage für einzelne Präparate. Die meisten wissenschaftlichen Tests wurden mit dem apothekenpflichtigen Präparat Jarsin 300 gemacht. Gut belegte Wirksamkeit zeigen auch die Präparate Neuroplant aktiv und Laif 900.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Studien???
Spiegelleserin57 17.06.2012
Wer hat diese Studien gesponsert? Erst wenn man die Studien wirklich kennt kann man die Ergebnisse beurteilen. Wollte jemand die Ergebnisse zu seinen Vorteilen auslegen? Man sollte als Leser solcher artikel sehr sehr vorsichtig sein den Inhalt zu glauben solange man die Details nicht kennt. Apotheken kämpfen um ihre Existenz und auch da gibt es diverse Seilschaften, wie schon oft beschrieben. Es wäre sinnvoll nicht nur eine Tabelle ins Interent zu setzen sondern genauer zu recherchieren. Ich selbst bin an Studien beteiligt und kenne etwas die Scene daher betrachten ich die Ergebnisse immer mit großer Vorsicht.
2. Netter Artikel,
Lochblech.19 17.06.2012
Zitat von sysopBei Depressionen greifen viele Menschen zu Johanniskraut. Das pflanzliche Mittel gilt als harmlose Alternative zu Antidepressiva, im Supermarkt oder in der Drogerie ist es frei verkäuflich. Doch Vorsicht bei Billig-Produkten - die Qualität vieler Präparate ist umstritten. Johanniskraut: Pflanzliches Mittel hilft gegen Depressionen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,823206,00.html)
nur nicht vollständig. Bei gründlichem Journalismus sollten bei einem solchen Thema auch die der Randfelder beleuchtet werden, denn es ist zu befürchten das unkritischen Leser nun eine gute Begründung zur Selbstmedikation haben. Bei Medikation sollte immer der persönliche Rat der Fachleute eingeholt werden, denn dann wird auf Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Präparaten geachtet. Auch fehlt im Artikel der deutliche Hinweis, dass ein Wirkstoffspiegel erreicht werden muss, dauert bei Johanniskraut schon ein paar Wochen, alles andere vorher ist Placeboeffekt.
3. Ramsch mit China
Bernd.Brincken 17.06.2012
Nach "China-Schrott" für Autoersatzteile und Werkzeuge etc. ist offenbar "Ramschextrakte aus China" nun die neue Formel, das allgemein beliebte China-Bashing auf weitere Branchen auszudehnen. Absehbar kommt dann bald die Strategie, wirksame Substanzen nur mehr exklusiv via Apotheken - und natürlich geprüft und zertifiziert von der Pharmaindustrie - zuzulassen. Und als nächstes soll dann wahrscheinlich die chinesische Kräutermedizin (TCM) verboten werden - ist ja auch alles nach hiesiger Pharmakologie nicht "richtig" durchgetestet. Oder wie darf man die Stoßrichtung dieses Artikels deuten?
4.
drhibbert 17.06.2012
Aufgrund der beschriebenen Wechselwirkungen von Johanniskrautpräparaten mit dem Cytochrom-P450-Enzymkomlex und den daraus resultierenden Interaktionen mit anderen, z.T. lebenswichtigen Arzeneimitteln sind solche Präparate in Apotheken meiner Meinung ganz gut aufgehoben. ZYTOCHROM P 450: VIELE INTERAKTIONEN, WENIGE GRUNDREGELN- arznei telegramm (http://www.arznei-telegramm.de/html/2001_09/0109089_01.html)
5. Hysterie
joppo 17.06.2012
Zitat von sysopBei Depressionen greifen viele Menschen zu Johanniskraut. Das pflanzliche Mittel gilt als harmlose Alternative zu Antidepressiva, im Supermarkt oder in der Drogerie ist es frei verkäuflich. Doch Vorsicht bei Billig-Produkten - die Qualität vieler Präparate ist umstritten. Johanniskraut: Pflanzliches Mittel hilft gegen Depressionen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,823206,00.html)
Hypericum ist ursprunglich kein Depressionskaut sondern ein Hysterie mittel. Es ist genau wie bei den Echincea werbe unsinn, mann schriet was herum, und jeden trottel glaubt es, wie die politik.
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Zum Autor
  • Jens Lubbadeh ist Redakteur bei "Technology Review". Während seines Biologiestudiums hatte er auch manchmal einen weißen Kittel an, war aber jedesmal froh, wenn er ihn wieder ausziehen konnte.