Teenager-Vorsorge: Krass, der geht zum Arzt

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Kind beim Arzt: Im Teenager-Alter gibt es wenig Gründe, in die Praxis zu kommen

Die Pickel sprießen, die Laune ist mies - alles normal in der Pubertät. Aber ist das Kind gesund? Das soll die Jugenduntersuchung klären, ein Angebot, das leider nur ein Drittel der Teenager nutzt. Dabei könnten viele dadurch Rückenschmerzen, Essstörungen oder den falschen Job vermeiden.

Ein Teenagerleben kann ganz schön verwirrend sein. Das hormonelle Wechselspiel der Pubertät belastet Jungen und Mädchen gleich doppelt: Mit körperlichen Veränderungen beginnt der Wandel zu Männern oder Frauen, die alterstypischen plötzlichen Stimmungsschwankungen sind deutliche Folgen des einsetzenden Botenstoffballetts.

Gerade in dieser Zeit, zwischen dem 12. und 15. Geburtstag, sollen Kinder- und Jugendärzte genau deshalb bei den Jugendlichen auf die Suche gehen: Gibt es Hinweise auf Probleme bei der körperlichen und geistigen Entwicklung? Haben die Teenager Schwierigkeiten in der Schule? Oder zeigen sich erste Anzeichen chronischer Krankheiten? Sind die Kinder wie empfohlen geimpft?

Um diese Fragen zu beantworten, wird die Jugendgesundheitsuntersuchung (J1) allen gesetzlich versicherten Heranwachsenden angeboten. Im Gespräch mit dem Patienten und durch eine gezielte körperliche Untersuchung sollen Ärzte Fehlentwicklungen, Krankheiten und gesundheitsgefährdendes Verhalten aufdecken. Allerdings hat die Sache einen Haken: Gerade einmal ein Drittel aller berechtigten Teenager taucht beim Kinder- oder Hausarzt auf. Ein Zustand, den Mediziner beklagen. Immerhin fallen bei vielen untersuchten Jugendlichen gesundheitliche Probleme auf. Das ergab 2011 eine Auswertung von Daten zur J1-Untersuchung durch das Berliner Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung.

Vor allem Schilddrüsenerkrankungen und Wirbelsäulenfehlstellungen wurden von den behandelnden Ärzten deutlich häufiger bei jenen Jugendlichen dokumentiert, die an den Früherkennungsterminen teilgenommen haben, als bei Nichtteilnehmern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teenager zur Vorsorge geht, sinke um die Hälfte, wenn er nicht mehr beim Kinderarzt behandelt wird, sondern bereits beim normalen Hausarzt, schreiben die Autoren. Und ausländische Jugendliche gingen nur halb so oft zur J1 wie deutsche. Immerhin: Einer aktuellen Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge gehen rund 65 Prozent der dort versicherten 12 bis 14-Jährigen zur J1-Untersuchung.

Kinder- und Jugenduntersuchungen
Bezeichnung Alter Toleranzgrenze
U1 unmittelbar nach der Geburt
U2 3. - 10. Lebenstag 3. - 14. Lebenstag
U3 4. - 5. Lebenswoche 3. - 8. Lebenswoche
U4 3. - 4. Lebensmonat 2. - 4 1/2. Lebensmonat
U5 6. - 7. Lebensmonat 5. - 8. Lebensmonat
U6 10. - 12. Lebensmonat 9. - 14. Lebensmonat
U7 21. - 24. Lebensmonat 20. - 27. Lebensmonat
U7a 34. - 36. Lebensmonat 33. - 38. Lebensmonat
U8 46. - 48. Lebensmonat 43. - 50. Lebensmonat
U9 60. - 64. Lebensmonat 58. - 66. Lebensmonat
J1 13. - 14. Lebensjahr 12. - 15. Lebensjahr
Quelle: Gemeinsamer Bundesausschuss, Kinder-Richtlinien und Richtlinien zur Jugendgesundheitsuntersuchung.
Premiere: Zum ersten Mal ohne Eltern beim Arzt

"Neben den Veränderungen in der Pubertät geht es bei der J-Untersuchung um die Früherkennung von Krankheiten", sagt der Dürener Kinderarzt und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Karl Josef Eßer. "Wir suchen nach Allergien, die zum Beispiel für die spätere Berufswahl wichtig sein können, kontrollieren das Wachstum, achten auf Fehlhaltungen und erfragen Essstörungen."

Das Gespräch sei häufig für Patienten und Ärzte eine Premiere, so Eßer, denn bis zur J-Untersuchung seien üblicherweise die Eltern beim Kinderarzt mit dabei. Beim Vorsorgetermin würden die meisten Jugendlichen dagegen alleine mit dem Arzt sprechen.

Die niedrige Rate der Jugendlichen, die zur J-Untersuchung gehen, werde in den nächsten Jahren ansteigen, ist sich Eßer sicher. "Die Jugenduntersuchung gibt es noch nicht so lange wie die U-Untersuchungen von Kindern", sagt der Mediziner. "Durch die HPV-Impfung für junge Mädchen kommen bereits mehr von ihnen in die Praxen, selbst wenn viele zum Frauenarzt statt zum Kinderarzt gehen."

Eßer betont, dass nicht nur die Entwicklung der Mädchen von einem Arzt begleitet werden sollte, sondern auch die der Jungen. Als Mann sei es zum Beispiel wichtig, zu lernen, wie man die Hoden selbst überprüft, um verdächtige Veränderungen feststellen zu können. Während junge Frauen die Selbstkontrolle der Brust auf Knoten zur Krebsfrüherkennung beim Gynäkologen lernen, sieht Eßer die Chance für Jungen bei der J-Untersuchung.

Die wichtigsten "Impf-Dates"

Die Teenager in die Praxen zu bekommen, ist unter anderem deshalb so schwierig, weil gesunde Jugendliche, die nicht schon seit der Kindheit an chronischen Krankheiten leiden, kaum einen Grund für einen Arztbesuch haben. Zudem fällt in die Zeit der J-Untersuchung bei vielen Jugendlichen der Wechsel vom Kinder- zum Hausarzt, obwohl Kinder- und Jugendärzte ihre Patienten bis zum 18. Geburtstag behandeln dürfen.

Um mehr Jugendliche zur J-Untersuchung zu bewegen, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) im Mai 2012 die Kampagne "Your Next Top Check-Up J1" ins Leben gerufen. Die Teenager sollen mit Flyern und Videos auf das Früherkennungsprogramm aufmerksam gemacht werden.

Die Kassenärzte geben sich alle Mühe: Ein Video erklärt den Ablauf der J-Untersuchung, die Sprache des Flyers ist jugendlich bis an die Schmerzgrenze ("Was bei der J1 abgeht", "wichtige Impf-Dates"), bei Facebook können Nutzer Fragen an das Vorsorgeteam der KBV stellen. Betont wird, dass die Jugendlichen sowohl alleine als auch mit Freund oder Freundin als Unterstützung in die Praxis kommen können. In jedem Fall könnte die Motivation steigen, wenn die Teenager ihre Eltern zu Hause lassen dürfen.

DGKJ-Generalsekretär Eßer möchte noch an einer anderen Stelle ansetzen, um die Jugenduntersuchungen populärer zu machen - bei der Versorgungsforschung: "Wir brauchen Daten zur Sinnhaftigkeit und Effizienz der Vorsorgeuntersuchungen. Qualitätssicherung als Begleitung der J-Untersuchungen wünschen wir uns dringend." Könnten Studien den Nutzen der Jugenduntersuchungen konkret belegen, so der Gedanke, wäre das die beste Werbung.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. imfdates
hanfiey 15.10.2012
Gegen was werden Kinder und jugendliche eigentlich nicht geimpft?. Können die noch ein Belastbares Immunsystem aufbauen?
2. Peinlich, ...
duanehanson 15.10.2012
... dieser anbiedernde Neusprech »Your Next Top Check-Up J1«. Vielleicht liegts ja daran, dass kaum einer hingeht. Voll uncool, würden meine Töchter sagen.
3. ach ne:-)
jamani76 15.10.2012
"Vor allem Schilddrüsenerkrankungen und Wirbelsäulenfehlstellungen wurden von den behandelnden Ärzten deutlich häufiger bei jenen Jugendlichen dokumentiert, die an den Früherkennungsterminen teilgenommen haben, als bei Nichtteilnehmern." Ich wusste gar nicht, dass auch Patienten, die nicht zum Arzt gehen, dokumentiert werden. Das erinnert mich an die Prämie in Irland (oder wo das gleich war), für Kühe, die man nicht besaß. ;-)
4. lebenswichtiges Impfen
oldsiamsir 15.10.2012
Zitat von hanfieyGegen was werden Kinder und jugendliche eigentlich nicht geimpft?. Können die noch ein Belastbares Immunsystem aufbauen?
Geimpft wird gegen potentiell lebensbedrohende Krankheiten. Wären die deutschen nicht so impfmüde, wären die gefährlichen Masern z.B. schon keine Gefahr mehr. Der in dem Beitrag nahegelegte Zusammenhang zwischen Impfungen und einem nicht funktionierenden Immunsystem ist hanebüchen.
5.
TomRohwer 15.10.2012
---Zitat--- DGKJ-Generalsekretär Eßer möchte noch an einer anderen Stelle ansetzen, um die Jugenduntersuchungen populärer zu machen - bei der Versorgungsforschung: "Wir brauchen Daten zur Sinnhaftigkeit und Effizienz der Vorsorgeuntersuchungen. Qualitätssicherung als Begleitung der J-Untersuchungen wünschen wir uns dringend." Könnten Studien den Nutzen der Jugenduntersuchungen konkret belegen, so der Gedanke, wäre das die beste Werbung. ---Zitatende--- ... Was passiert eigentlich, wenn die Studien ergeben, daß die J-Vorsorgeuntersuchungen *nicht* sinnvoll sind? Werden sie dann wieder abgeschafft? Vermutlich nicht. Ich denke eher, daß die Gesundheits- und Vorsorgebranche einen neuen, lukrativen Markt entdeckt hat. Normale Pubertätsphänomene zu Krankheiten erklären - das verspricht selbst bei sinkenden Kinderzahlen einen milliardenschweren Markt...
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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