Ein rätselhafter Patient: Gewimmel im Bauch

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Ein junger Mann krümmt sich vor Bauchschmerzen und sucht Hilfe im Krankenhaus. Die Ärzte bemerken eine heftige Spannung in seinem Unterbauch, auf CT-Bildern entdecken sie die tennisballgroße Ursache. Es gibt nur einen Weg: Der Mann muss unter höchsten Vorsichtsmaßnahmen operiert werden.

CT-Aufnahme von Bauch (links) und Becken: Kreisrunde Mitbewohner Zur Großansicht
BMJ

CT-Aufnahme von Bauch (links) und Becken: Kreisrunde Mitbewohner

Als der 19-Jährige in die Klinik eingeliefert wird, hat er reißende Bauchschmerzen im Unterleib. Ihm ist schwindelig und er übergibt sich immer wieder. Der junge Mann kennt Bauchschmerzen: Seit zwei Jahren leidet er immer wieder unter Druckgefühl im Bauch, auch kolikartige Schmerzen plagen ihn zuweilen. Doch diesmal ist es anders, schlimmer. Die Ärzte im King Fahad Specialist Hospital im saudi-arabischen Dammam kümmern sich sofort um den Kranken.

Fieber habe er nicht gehabt, auch der Stuhlgang sei immer normal gewesen und das Gewicht gleich geblieben, berichtet der Patient unter Schmerzen. Als die Ärzte seine Temperatur messen, beträgt diese 37,9 Grad und ist damit leicht erhöht. Sein Bauch ist vor allem im unteren Bereich hart, auf jede Berührung reagiert der Mann reflexhaft mit Abwehrspannung. Die Ärzte nehmen ihrem Patienten Blut ab, in dem deutlich zu viele weiße Blutkörperchen schwimmen, wie die Analysen ergeben. Das spricht ganz allgemein für eine Entzündung. Die übrigen Werte, von denen die Ärzte online in ihrem "Case Report" im "British Medical Journal" berichten, sind offenbar normal, darunter auch Tests auf einen Bandwurmbefall.

Der Blick auf die Leber erhärtet den Verdacht

Doch von den normalen Blutwerten lassen sich die Mediziner nicht täuschen. Nicht jede Infektion lässt sich im Blut nachweisen. Daher schieben sie ihren Patienten in die Computertomographie-Röhre und lassen Bilder von seinem Bauch anfertigen. Allein der Blick auf die Leber reicht schon aus für eine Verdachtsdiagnose: In dem großen Stoffwechselorgan erkennen die Ärzte eine etwa tennisballgroße, runde Struktur, die von Zwischenwänden offenbar unterteilt wird - das ist typisch für einen Bandwurmbefall. Auch im Unterbauch quetschen sich mehrere Hohlräume unterschiedlicher Größe nebeneinander und verursachen offenbar die starken Schmerzen des Mannes.

Die linke Aufnahme zeigt den Oberbauch mit der Leber (links hell im Bild) des Patienten. Der Pfeil zeigt auf die tennisballgroße Zyste in der Leber, die von Bindegewebe durchzogen ist - ein typisches Zeichen für eine Infektion mit Echinococcus Granulosus. Im rechten Bild ist das Becken des Mannes zu sehen, es ist von mehreren dunkel erscheinenden, runden oder ovalen Hohlräumen durchzogen. Zur Großansicht
BMJ

Die linke Aufnahme zeigt den Oberbauch mit der Leber (links hell im Bild) des Patienten. Der Pfeil zeigt auf die tennisballgroße Zyste in der Leber, die von Bindegewebe durchzogen ist - ein typisches Zeichen für eine Infektion mit Echinococcus Granulosus. Im rechten Bild ist das Becken des Mannes zu sehen, es ist von mehreren dunkel erscheinenden, runden oder ovalen Hohlräumen durchzogen.

Die Ärzte vermuten, dass es sich um einen Bandwurm der Gattung Echinococcus handelt, von der sowohl der Hunde- als auch der Fuchsbandwurm dem Menschen gefährlich werden können. Der Hundebandwurm Echinococcus Granulosus wird von Hunden als Endwirt übertragen und befällt neben dem Menschen auch Schafe, Ziegen, Schweine oder Pferde als Zwischenwirt. Dort nistet er sich im Larvenstadium (bei Bandwürmern Finnen genannt) vor allem in der Leber, aber auch in den Lungen, im Zentralen Nervensystem und in anderen Organen ein.

Der Bandwurm sieht aus wie eine Blase (Zyste), die von dünnen Zwischenwänden in mehrere Räume unterteilt wird. Als Abwehrreaktion baut der menschliche Organismus eine Hülle aus Bindegewebe um den Parasiten auf - oft bleibt eine Infektion daher lange unentdeckt. Mitunter bemerken die Betroffenen ihre Erkrankung erst, wenn die Zyste sehr groß wird, platzt oder sich entzündet. Auch der Fuchsbandwurm Echinococcus Multilocularis ist für den Menschen gefährlich. Allerdings zersetzt er durch ein eher bläschenartiges Wachstum die menschlichen Organe und führt unbehandelt im Großteil der Fälle zum Tod.

Sorgfältige Operation

Eine abschließende Unterscheidung zwischen Fuchs- oder Hundebandwurm liefern Laboranalysen, im Falle des jungen Mannes schreiben die Mediziner das Ergebnis jedoch nicht in ihren Fallbericht. Der Patient muss jetzt operiert werden, denn der Parasit darf nicht im Körper bleiben. Dabei achten die Chirurgen genau darauf, dass sie die ganze Finne entfernen und sich der Inhalt der Hohlräume nicht im Bauchraum verteilt. In der Leber finden sie neben der tennisballgroßen Zyste noch eine weitere abgekapselte Höhle - beide werden vorsichtig entleert. Auch im Bauchraum und im Becken haben sich zahlreiche Hohlräume entwickelt, aus einem tritt bereits infektiöse Flüssigkeit aus. Die Operateure entfernen die Zysten aus dem Bauch und nähen den Patienten wieder zu.

Nachdem er sich vom Eingriff erholt hat, darf der Mann wieder nach Hause gehen. Allerdings muss er dreimal vier Wochen lang - mit jeweils einer zweiwöchigen Pause dazwischen - morgens und abends das Medikament Albendazol nehmen, das Parasiten wie Echinococcus abtötet. Dem Patienten scheint das zu helfen: Wie die Ärzte berichten, ist er fünf Jahre später gesund und hat keine Anzeichen dafür, dass er noch vom Bandwurm befallen ist. Vielen Betroffenen geht das anders: Nicht immer gelingt es, die Finnen des Bandwurms komplett zu entfernen. Dann müssen die Patienten oft lebenslang Medikamente einnehmen.

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insgesamt 66 Beiträge
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    Seite 1    
1. Prophylaxe ???
tazzz 27.07.2013
Was kann man prophylaktisch nehmen, um sich solche "Besucher" vom Leib zu halten?????
2. Prophylaxe?
ruhepuls 27.07.2013
Man kann da wenig tun: Aufpassen was man in den Mund steckt (z.B. im Wald) und Nahrung gründlich waschen. Vor allem im Urlaub in Regionen, in denen solche Parasiten verbreitet sind.
3. Es gibt keine Prohylaxe
s342 27.07.2013
Am besten z.B. keine Beeren essen, die in wilder Natur in Bodennähe wachsen und Schmierkontakte mit Haustieren vermeiden. Ich meine auch mal gelesen zu haben, dass Fuchsbandwurmeier sehr leicht sind. Diese fliegen dann durch die Luft und können eingeatmet werden. Im schlimmsten Fall entwickelt sich dann eine Zyste im Gehirn. Aber die Wahrscheinlichkeit geht wohl gegen 0 ;)
4.
ahmo1989 27.07.2013
Heftige Sache. Mich würde jedoch stark interessieren, was für eine Art Bandwurm das war. Dies wird nicht eindeutig im Text erwähnt. Warum haben die Ärzte dies in ihrem Fallbericht ausreichend dokumentiert?
5. !!!
schlimmefisch 27.07.2013
Zitat von tazzzWas kann man prophylaktisch nehmen, um sich solche "Besucher" vom Leib zu halten?????
Essen sie keine ungewaschen Beeren aus der Natur, fassen sie keinen Hund an, fassen sie niemanden an der einen Hund angefaßt hat, fassen sie niemanden an, der jemanden angefaßt hat der einen Hund angefast hat oder jemanden kennt der einen Hund angefaßt hat! Fassen sie nichts an was mit einem Hund in berührung gekommen ist, oder mit etwas in berührung gekommen ist, was mit einem Hund in berührung gekommen ist! Küssen sie keinen Fuchs, küssen sie ihre Frau erst, nachdem sie sich vergewiesert haben, dass sie keinen Fuchs geküsst hat, oder niemanden geküsst hat, der einen Fuchs geküsst hat! Wenn ich es richtig betrachte sind sie schon so gut wie tot! Oder haben alle obengenannten Vorsichtsmaßnahmen in ihrem ganzen Leben eingehalten? Sehen sie am besten heute noch in ihrer Lebensversicherungspolice nach, ob es einen Leistungsausschluß für Hund- oder Fuchsbandwirm infektionen gibt! Wenn ja, dann hat man sie über den Tisch gezogen, kündigen sie die Versicherung sofort, denn sie wird ihnen nichts nützen! Sie Tun mir wirklich leid, ich wünsche ihrer Familie schon mal "Herzliches Beileid"!
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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