Kalkschulter Wie ein Messer, das sich in den Körper bohrt

Eine Kalkschulter ist extrem schmerzhaft. Bei der Behandlung setzen Ärzte auf sanfte Methoden: Physiotherapie, Kälte, Übungen. Vor einer vorschnellen Operation warnen die Experten.

Extreme Schmerzen: Die Kalkschulter tritt vor allem bei Frauen zwischen 20 und 50 Jahren auf
Corbis

Extreme Schmerzen: Die Kalkschulter tritt vor allem bei Frauen zwischen 20 und 50 Jahren auf


Die Schmerzen fingen ganz plötzlich an, wenige Tage nach dem 40. Geburtstag: Heftige Pein in der rechten Schulter, als wenn ein Messer hindurchdringen würde. In den Monaten zuvor hatte Manuela Schrader* lediglich bei bestimmten Bewegungen leichte Schmerzen gehabt - etwa beim Fensterputzen oder wenn sie etwas nach oben halten musste. Doch plötzlich litt sie Qualen. Heute, gut ein halbes Jahr später, ist alles wieder gut.

Der Orthopäde hatte die Ursache relativ schnell bei einer Ultraschalluntersuchung entdeckt: Kristalle aus Kalziumsalzen, die sich in einer an der Schulter angreifenden Sehne schleichend gebildet hatten. Manuela Schrader hatte eine Kalkschulter, im medizinischen Fachjargon: Tendinosis calcarea.

Betroffen sind vor allem Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. "Etwa 30 Prozent der Patientinnen leiden an insulinpflichtigem Typ-1-Diabetes", sagt der Orthopäde und Sportmediziner Andreas Imhoff, Leiter der Abteilung und Poliklinik für Sportorthopädie, Klinikum rechts der Isar der TU München. Die Schulterprobleme fangen laut Imhoff nach derzeitigem Verständnis mit kleinen Rissen im Sehnengewebe an. Sie entstehen, wenn die Sehne vermehrt belastet oder beispielsweise bei einem Sturz verletzt wird.

Das Kalkschulter-Drama in vier Akten:
Phase 1.Es kommt in diesem ersten Stadium zu Einblutungen ins und Druck auf das Sehnengewebe, dadurch zu einer Minderdurchblutung, was wiederum den Stoffwechsel verschlechtert. Der Sauerstoffmangel löst einen Reiz aus, der dazu führt, dass sich Sehnengewebe nach und nach in Faserknorpel umwandelt. Faserknorpelgewebe benötigt weniger Sauerstoff, hat aber die Eigenschaft, Kalk einzulagern. Diese Phase ist noch beschwerdefrei, sagt der Münchner Experte Andreas Imhoff. In 80 Prozent der Fälle handelt es sich um die Sehne des Supraspinatusmuskels. Er ist einer von vier Muskeln, die vom Schulterblatt zum Oberarm ziehen und den Gelenkkopf in der Gelenkpfanne des Schulterblatts zentrieren.
  • In Phase 2 lagert sich vermehrt Kalk in das Faserknorpelgewebe ein, bestehende Kristalle wachsen weiter. Die Sehne verdickt sich spindelförmig. Größere Kristalle können zu Einklemmungen führen, Entzündungen entstehen und es treten oft kaum auszuhaltende Schmerzen auf. "Diese Phase dauert 10 bis 14 Tage. Jetzt ist es wichtig, die Schulter zu schonen, um zu vermeiden, dass sie gereizt wird und sich dann auch der Schleimbeutel entzündet. Der Arm muss deshalb in eine Schulterarm-Schlinge", rät Imhoff. Gegen die Schmerzen sollten die Betroffenen entzündungshemmende Schmerzmittel wie z.B. nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) einnehmen. Die Schmerzbekämpfung ist wichtig, um zu verhindern, dass die Patienten den Arm gar nicht mehr bewegen und das Gelenk dann womöglich steif wird.
  • In Phase 3 beginnt die Selbstheilung: Blutgefäße wachsen ins betroffene Sehnengewebe ein, die Durchblutung verbessert sich. Fresszellen des Immunsystems versuchen die störenden Kristalle zu beseitigen. Allerdings kann sich bei den Aufräumarbeiten auch der Schleimbeutel, ein Puffer über der Sehne, entzünden, was extrem schmerzhaft ist.
In der abschließenden 4.Phase des Kalkschulter-Dramas baut sich das inzwischen entkalkte Fasergewebe dank vermehrter Kollagenbildung wieder zu normalem Sehnengewebe um.
Erfreulicherweise liegt die Selbstheilungsquote bei etwa 95 Prozent, weil die meisten Kalkherde klein sind. In der akuten Schmerzphase wird die Schulter stillgelegt, sagt Imhoff. Ist sie überstanden, werde erst einmal konservativ behandelt, um die Selbstheilungsprozesse zu unterstützen. Möglich sind eine sanfte Physiotherapie, die durchblutungsfördernd wirkt und den Abtransport des Kalks fördert, sowie Kälteanwendungen. "Zusätzliche Pendelübungen mit einer vollen Wasserflasche wirken sich ebenfalls positiv aus", sagt der Münchner Experte. Die Stoßwellentherapie mit hochenergetischen Ultraschallwellen sei dagegen leider nur in etwa 60 Prozent der Fälle wirksam. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür nicht.

Kortisonspritzen lehnt der Mediziner zur Behandlung der Kalkschulter ab: "Kortison mag zwar zuerst helfen, aber weil es katabol ist, macht es das Sehnengewebe spröder, so dass dieses leicht reißen kann, und es zerstört Knorpel." Katabol wirkende Substanzen begünstigen abbauende Stoffwechselvorgänge.

Dem Körper eine Chance zur Selbstreparatur geben

Auch das sogenannte Needling-Verfahren sieht Imhoff negativ. Hier werden die Kalkablagerungen mit feinen Nadeln angeritzt. Mit Hilfe von Wasserspülungen sollen die Ablagerungen ausgeschwemmt werden. "Das Needling hat keinen großen Effekt, kann es doch nicht den größten Teil der Verkalkung entfernen und ist für den Patienten zudem sehr unangenehm."

Und eine Operation? "Da sind wir zurückhaltend und geben erst mal dem Körper die Chance zur Selbstreparatur, es sei denn, es steht fest, dass die Ablagerungen größer als ein Zentimeter sind oder die Patientinnen mit der bestehenden Situation nicht klarkommen", sagt Imhoff. Bei nur etwa fünf Prozent der Betroffenen ist es nötig, etwa drei bis sechs Monate nach Beginn der Beschwerden eine minimalinvasive Gelenkspiegelung, genauer gesagt eine Schulterarthroskopie, vorzunehmen.

Der Operateur ritzt die Sehne der Länge nach ein. Die Kalkablagerungen drückt er heraus und saugt sie ab. Die Sehne heilt anschließend von allein. "Durch die Kalkentfernung ist das Risiko eines Rückfalls nur klein", sagt Imhoff. Aber es ist ein Eingriff, für den eine Narkose notwendig ist. Wichtig ist laut Imhoff, dass nicht zu früh operiert wird. In dem Fall besteht das Risiko, dass man die Schmerzen neu aktiviert, indem Kristalle in den Schleimbeutel verschleppt werden. "Dann kommen die Betroffenen vom Regen in die Traufe."

* Name von der Redaktion geändert

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Seite 1
lafrench 13.03.2014
1. Tja
Die Schulter ist noch die harmlose Variaten. Ich hätte mich über einen Beitrag zur Osteochondrosis Dissecans gefreut. Das ist ungefähr das gleiche : eine Kalkablagerung aber im Gelenk (indem ja sowieso auch Kal vorhanden sein muss, weil es um den Knochen geht). Bisher habe ich keinen Artikel gefunden, der dieses ähnliche Phänomen kritisch beleuchtet. Falls sich ein Betroffener oder ein Fachkundiger unter den Forumsteilnehmern befindet, würde ich mich *SEHR* freuen, wenn Sie dazu etwas schreiben würden. Bei der Knochengeschichte handelt es sich auch um eine Einlagerung von Kalk und eine Minderdurchblutung (das ist wohl das, was als das Absterben - als Nekrose - verstanden wird) aber selbst in sehr weit fortgeschrittenem Stadium bereitet es eben nicht unbedingt Schmerzen. Warum sollte man sich dann operieren lassen? Man bekommt ein ein wenig schwächeres Gelenk, man kann nicht mehr joggen. Ja und? Die Stoßwellentherapie ist sehr schmerzhaft, ich kann davor nur warnen. Man bekommt einen Holzkeil zwischen die Zähne weil man so brüllt vor Schmerzen (selbst bei örtlicher Betäubung!). Ich habe es selbst mitgemacht, als ich ins Wartezimmer zurückkam hatten alle anderen wartenden Patienten bleiche Gesichter. :D
ijf 13.03.2014
2. nee, nicht nur frauen
Ich kann mich erinnern, vor nem vierteljahrhundert, mein damaliger mentor - ein kugelrunder brummiger franke anfang fuenfzig - hatte das auch. Er nannte das "kalkspitzen in der schulter" (ich stellte mir das damals vor wie ein fersensporn an der falschen stelle). Geholfen hat ihm letztlich, als er anfing, dreimal in der woche vor arbeitsbeginn 20 minuten zu schwimmen, kraul wenn ich mich richtig erinnere - und er erklaerte, dass er immer weiter schwimmen solle, damit die spitzen nicht wiederkommen/weiterwachsen...
miniway 13.03.2014
3. Narkose ist nicht zwingend notwendig
In unserer Klinik führen wir diese Operation mit einer interskalenären Plexusblockade durch, hierbei ist lediglich die betroffene Schulter betäubt, der Vorteil ist zudem man kann im selben Zug einen Schmerzkatheter einlegen der eine frühzeitige passive Mobilisierung fördert und somit die Gefahr von Verklebungen minimiert. Ich wurde selbst mit diesem Verfahren operiert und bin 7 Tage nach der OP schon bei einem freien Bewegungsumfang gewesen und nach 2 Wochen fast komplett schmerzfrei! Nach OP ist eine erneute Kalkschulter fast ausgeschlossen! In der Tat sollte man aber vorher alle konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft haben! Mit freundlichem Gruß F.M. (Arzt für Orthopädie und Unfallchirurgie)
paps 13.03.2014
4. narkose
Hallo, miniway, die korrekte Operation durch einen Erfahrenen ist hinterher nicht besonders schmerzhaft. Deshalb stellt die Methode der Wahl der Anaesthesie die Vollnarkose dar. Der interscalenäre Block ist ein ausgezeichnetes Anaesthesieverfahren, allerdings mit mehr Risiken behaftet als eine Vollnarkose. Eine Kathetertechnik ist bei dieser Art von OP meist nicht nötig, wir führen sie zB. bei guter Patientenzufriedenheit ambulant aus. Immer wieder thematisieren Operateure Narkoserisiken, übersehen aber dabei, daß bei einem einigermassen gesunden Patienten das Operationsrisiko immer höher ist, als das Narkoserisiko. Grüß aus Bayern
Nordbayer 13.03.2014
5. Stosswellen
Zitat von sysopCorbisEine Kalkschulter ist extrem schmerzhaft. Bei der Behandlung setzen Ärzte auf sanfte Methoden: Physiotherapie, Kälte, Übungen. Vor einer vorschnellen Operation warnen die Experten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kalkschulter-wie-ein-messer-das-sich-in-den-koerper-bohrt-a-958063.html
1996 hatte ich große und schmerzhafte Probleme mit einer Kalkschulter, alle "sanfte" Methoden waren völlig sinnlos, im Gegenteil bei therapeutischen Übungen hatte ich jedesmal hinterher noch viel größere Probleme. Dann riet mir ein Arzt, die Stosswellentherapie zu probieren. Zwei Sitzungen reichten und ich war und bin bis heute absolut schmerzfrei. Auch wenn ich die Behandlung selbst zahlen musste (kostete ca. 1.200 DM) die richtige Entscheidung. Kann ich jeden nur raten.
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