Kampf gegen Aids in Afrika Epidemie am Wendepunkt

Nach Jahren der Rückschläge scheint endlich ein Wendepunkt erreicht: Die Zahl der Aids-Toten und HIV-Infektionen sinkt deutlich. Forscher sehen schon das Ende von Aids in Afrika. Spurensuche in Swasiland, dem Land mit der höchsten HIV-Rate der Welt.

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"Condom Nation Tour" in Swasiland: Mitarbeiter zeigen, wie man Kondome richtig verwendet
Benjamin Dürr

"Condom Nation Tour" in Swasiland: Mitarbeiter zeigen, wie man Kondome richtig verwendet


Es gab Jahre, da fanden jeden Tag Beerdigungen statt. Die Kultur im südlichen Afrika will es, dass Tote an einem Samstag begraben werden. Weil aber so viele Menschen starben, dass die Wochenenden nicht mehr ausreichten, wurden in vielen Dörfern und Städten täglich Gräber geschaufelt.

Nirgendwo auf der Welt sind so viele Menschen HIV-positiv wie im Afrika südlich der Sahara, nirgendwo sterben so viele Menschen an Aids.

HIV und Aids weltweit 2012
Jetzt aber gibt es zum ersten Mal Erfolge: In jüngster Zeit fallen Infektions- und Sterberaten im Afrika südlich der Sahara stark. Was lange undenkbar schien, halten Experten nun für möglich: ein Ende von Aids in Afrika.

Auf dem Weg zu null Neuinfektionen und null Aids-Toten, "Getting to Zero", hat Unaids eine Studie genannt, die die jüngsten Erfolge im südlichen und östlichen Afrika zusammenfasst:

  • Die Zahl der Aids-Toten nahm in vielen Ländern in den vergangenen acht Jahren um 40 Prozent ab.
  • Statt 1,3 Millionen wie im Jahr 2005 starben 2011 nur noch 800.000 Menschen an Aids, eine Abnahme um 38 Prozent.
  • Zwischen 2001 und 2011 sank die Zahl der Neuinfektionen um 30 Prozent. Einen Rekord stellt dabei Äthiopien auf: Dort sank die Zahl sogar um 90 Prozent.

Nach Jahrzehnten der Rückschläge scheint es einen Wendepunkt zu geben.

In Swasiland, dem Land mit der höchsten HIV-Rate der Welt, ist er besonders zu erkennen. In dem kleinen Bergkönigreich, das von Südafrika und Mosambik umschlossen wird, sind zwischen 26 und 31 Prozent der Menschen HIV-positiv. Das ist Weltrekord. Nun könnte das Land zum Modell für andere Entwicklungsländer werden und zeigen, wie man HIV und Aids unter Kontrolle bringt. Eine Spurensuche nach den Gründen für die Erfolge.

Grund 1: Wissen und Testen

Auf einem Stein hockt ein alter Mann. Das eine Bein ausgestreckt, die Hände gefaltet, auf einen Stock gestützt. 72 Jahre alt ist Johannes Dladla. Er hievt sich auf einen Esel, vier Stunden dauerte der Ritt von seiner Hütte zu dem Stein, auf dem er nun wartet.

Shiselweni ist die ärmste und abgelegenste Region in Swasiland. Etwa einmal im Monat kommt ein Geländewagen mit einem Team von Ärzte ohne Grenzen in das Tal. Im Zelt können sich die Menschen auf HIV und Tuberkulose testen lassen. Die Schnelltests funktionieren ähnlich wie ein Schwangerschaftstest, ein bisschen Blut und ein paar Minuten reichen dafür aus.

Video: Unterwegs mit Ärzte ohne Grenzen

Die Tests sind ein Grund, warum die Infektionszahlen in Swasiland fallen. Zu oft würden die Leute nichts von ihrer Infektion wissen und andere anstecken, sagt Tengetile Hlophe, die das Test-Team von Ärzte ohne Grenzen anführt. Hilfsorganisationen arbeiten deshalb daran, so viele Menschen wie möglich zu testen.

Tests führten auch bei Polio und Pocken zum Erfolg

Die Tests hätten noch einen weiteren Vorteil, erklärt Hlophe: Bei wem das Ergebnis positiv sei, der könne gleich behandelt werden. Je früher man mit der antiretroviralen Therapie beginnt, desto wirksamer ist sie. Außerdem sind Infizierte unter Behandlung weniger ansteckend und tragen dazu bei, dass die HIV-Verbreitung abnimmt.

Etwa 40 Personen testen die Mitarbeiter bis zum frühen Nachmittag, bis zu 1200 im Monat. "Mehr HIV-Tests sind eine zwingende Notwendigkeit gegen die HIV-Epidemie", heißt es in einem WHO-Bericht. Viele Länder hätten in den vergangenen Jahren entsprechende Maßnahmen getroffen: Krankenschwestern lernen, Schnelltests anzuwenden; Gesundheitsministerien stellen Personal ein oder schaffen mobile Test-Teams.

Manche Staaten diskutieren sogar über systematische oder verpflichtende Tests. Mit dieser Methode, so der Gedanke, seien schon andere Krankheiten wie Polio oder Pocken zurückgedrängt worden.

Auch lokale Kräfte spielen eine Rolle. Wie zum Beispiel Rose Khanyisite. Die junge Frau ist selbst HIV-positiv und kann erklären, warum Tests notwendig sind. Oder alte Männer wie Johannes Dladla: Sie sind in ihren Familien und Dörfern eine Autorität. Wenn sie sich testen lassen, folgen die anderen.

Video: "Ich habe im Radio eine Sendung über Aids gehört"
Grund 2: Behandlung

Früher waren es mehr als 20 Tabletten, heute besteht eine antiretrovirale Therapie (ART) aus mindestens drei. Je früher man beginnt, desto weniger Schäden richtet das HI-Virus an: Die Lebenserwartung bleibt hoch, außerdem sinkt das Risiko einer Übertragung auf andere. Bei Paaren wird so ein Schutz von bis zu 96 Prozent erzielt, ähnlich hoch wie er bei einer Impfung wäre. "Treatment as Prevention", Behandlung als Vorbeugung, heißt diese Strategie.

Um die Zahl der Aids-Toten und HIV-Infektionen zu senken, verteilen Regierungen und Hilfsorganisationen deshalb Medikamente. Laut Unaids haben es fünf Länder in Afrika geschafft, mehr als 80 Prozent der Infizierten zu behandeln. Swasiland ist eines dieser Länder.

"Das Land hat in manchen Regionen eine Steigerung um 600 Prozent erreicht", sagt Kiran Jobanputra, der für die Organisation Ärzte ohne Grenzen und das Gesundheitsministerium Swasilands daran ist, noch mehr Medikamente zu verteilen.

Nur regelmäßig eingenommen wirken die Tabletten

Es gibt sie umsonst. In den Dörfern achten Mitarbeiter und Kontaktpersonen darauf, dass sie eingenommen werden. Sie besuchen Infizierte, die ihre Tabletten nicht abgeholt haben. Denn wenn die Einnahme nicht durchgezogen wird, droht die Gefahr, dass Resistenzen entstehen und die Therapie nicht mehr wirkt.

Südafrika geht noch einen Schritt weiter: Weil der strenge Medikamentenplan oft schwer mit dem harten Leben auf dem Land oder in Armut zu kombinieren ist, hat das Land im Frühjahr eine Einzelpille eingeführt. Statt drei bis fünf müssen Infizierte nur noch eine einzige Pille schlucken.

"Mehr Menschen unter Behandlung heißt weniger Infektionen", sagt der Mediziner Jobanputra in Swasiland. "Durch Eindämmung wird aus HIV eine kontrollierte Epidemie, die nur noch in bestimmten Risikogruppen auftritt - das ist der erste Schritt zur Ausrottung."

Vorzeigeland Äthiopien

Auch in Äthiopien scheint das Ende von Aids nah: Vier Jahre lang arbeitete Kesetebirhan Admasu dort als Arzt in einer Klinik. Die Krankenhäuser des Landes waren damals voll mit Aids-Patienten. Heute ist Admasu Gesundheitsminister in Äthiopien, einem der Erfolgsfälle in den vergangenen Jahren.

Das Land hat zwischen 2001 und 2011 die Zahl der HIV-Neuinfektionen um 90 Prozent gesenkt, so stark wie kein anderes afrikanisches Land. Die sinkenden Infektions- und Sterberaten sind vor allem eine Folge der ART. Seit 2005 werden die Medikamente in Äthiopien kostenlos verteilt. In den Dörfern gibt es geschulte Kräfte, die darauf achten, dass jeder seine Medikamente nimmt. Admasu hält sogar eine vollständige Ausrottung von Aids für möglich. Darüber werde hinter den Kulissen diskutiert, sagt der Minister. 2015, wenn ein neuer Fünfjahresplan für das Gesundheitswesen beginnt, könnte das Ziel "null HIV-Neuinfektionen" formuliert werden.

Grund 3: Offenheit

An einem Samstagvormittag dröhnt es vom Parkplatz eines Einkaufszentrums. Die Frau schreit, der Mann packt ihren Arm, sie reißt sich los. Vor 300 Zuschauern streitet ein Paar über Kondome.

Fotostrecke: Condom Nation Tour
Benjamin Dürr

Tänze gegen die HIV-Verbreitung: Die Condom-Nation-Tour in Swasiland geht mit einem ungewöhnlichen Ansatz an das Thema HIV und Aids heran. Auf einer Bühne in der Hauptstadt Mbabane findet ein Aufklärungsprogramm mit Tanz und Theater statt.

Benjamin Dürr

"Bekomme kein HIV, verbreite es nicht, benütz' Kondome": Die Mitarbeiter vermitteln eingängig Botschaften. Der Platz vor dem Einkaufszentrum ist voll an diesem Samstagmorgen. Swasiland kämpft mit der höchsten HIV-Rate der Welt.

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Mit einer kurzen Theater-Einlage zeigt ein Paar die Fragen, die in einer Beziehung auftauchen können: Viele Frauen trauen sich nicht, auf ein Kondom zu bestehen. Die Condom-Nation-Tour soll Frauen dazu ermutigen.

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Die Mitarbeiter verteilen "Liebes Kondome": Manche Männer sind der Meinung, Sex mit Kondomen mache weniger Spaß. Die Kampagne versucht, Männer zum Kondom-Gebrauch zu bringen.

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Die Mitarbeiter der Condom-Nation-Tour haben Penis-Modelle aus Holz dabei. Sie zeigen den Jugendlichen, wie man ein Kondom richtig verwendet.

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Um die HIV-Verbreitung zu senken, sprechen die Mitarbeiter gezielt auch junge Leute an. Ein Ziel der Kampagne ist, das Thema Sexualität und HIV offen anzusprechen. In Swasiland wie in vielen anderen Ländern gibt es ein Tabu.

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Die Condom-Nation-Tour ist eine Initiative von Jugendlichen und wird von Hilfsoraganisationen und dem Gesundheitsministerium von Swasiland unterstützt. Jede Woche wird die Bühne in einer anderen Stadt aufgebaut.

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In der Hauptstadt Mbabane sind mehrere hundert Menschen dabei. Fast alle wissen inzwischen, dass es HIV und Aids gibt – doch um langfristige Erfolge zu erreichen, muss das Thema in der Gesellschaft und den Köpfen der Menschen ankommen.

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In Swasiland werden Aids-Medikamente und Kondome gratis verteilt, Hilfsangebote sollen so einfach zugänglich sein wie möglich. Auch die Condom-Nation-Tour soll für alle offen sein, der Eintritt ist frei.

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Kostenlose Kondome (Ausgabe in der Stadt Manzini) gibt es inzwischen an vielen öffentlichen Orten. Bei vielen war die Benützung ein Tabu, weil damit der Verdacht entstehen könnte, HIV positiv zu sein. Inzwischen hat sich das Bild verändert. Kondome werden als Mittel zum Schutz akzeptiert.

Über Sex, Kondome, HIV oder Aids zu sprechen, gehörte sich lange Zeit nicht. Jetzt sprechen Schauspieler über solche Themen - auf einer Bühne mitten im Zentrum von Mbabane, der Hauptstadt Swasilands. Die "Condom Nation Tour" zieht von Stadt zu Stadt um das Schweigen, die Vorverurteilung und Stigmatisierung rund um HIV und Aids zu beenden.

Die Offenheit und der Mentalitätswechsel sind ebenfalls ein Grund für die sinkenden Infektions- und Sterberaten. Früher verheimlichten viele Betroffene ihre Infektion aus Angst vor der Stigmatisierung. Doch nur wenn sie nicht mehr fürchten müssen, ihre Arbeit zu verlieren oder von ihrer Familie verstoßen zu werden, lassen sie sich auch testen.

Bongani Mtupha vom Organisationsteam der "Condom Nation Tour" sagt, damit erreiche man jede Woche etwa tausend Menschen, vor allem Jugendliche. "Wir merken, dass es einen Mentalitätswandel gibt", sagt er. "Die Leute schauen nicht mehr peinlich berührt weg, sondern kommen dazu."

Auch in der Politik wurde über das Thema geschwiegen oder die Krankheit verharmlost. "In den vergangenen Jahren haben wir es geschafft, das Schweigen zu durchbrechen", sagt Unaids-Direktor Michel Sidibé. Politiker hätten erkannt, dass sie handeln müssen - und dass sie was erreichen können, erzählt Sidibé im Interview:

Video: Unaids-Direktor Michel Sidibé über Aids
Der Anfang vom Ende?

Bedeuten die positiven Entwicklungen tatsächlich, dass der Wendepunkt erreicht, der Anfang vom Ende von Aids in Afrika markiert ist?

Die Organisation One definiert diesen Zeitpunkt als jenen, an dem die Anzahl der Menschen, die über das Jahr verteilt neu in Behandlungsprogramme aufgenommen werden, erstmalig der Zahl der HIV-Neuinfektionen im gleichen Jahr entspricht. "Dieser Punkt wird im Jahr 2015 erreicht sein, wenn die aktuellen Trends anhalten", heißt es in einem One-Report. 16 von 37 Ländern in Subsahara-Afrika hätten diesen Wendepunkt bereits erreicht.

Das Problem, so One: Während manche Länder Erfolge verzeichneten, bewege sich in anderen kaum etwas. Man müsse einzelne Länder deshalb stärker unterscheiden. Zudem werde Aids nicht länger als lebensbedrohliche Epidemie wahrgenommen, dem Thema mangele es an Präsenz auf der internationalen politischen Agenda. Demnach steht der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose vor einer Finanzierungslücke von drei bis fünf Milliarden US-Dollar jährlich.

Die weltweite Wirtschaftskrise ist bei der Finanzierung eine der größten Hürden. Viele Länder, auch in Europa, streichen Gelder für Anti-Aids-Programme und globale Projekte. Ob das Ende von Aids bald erreicht wird, hängt Experten zufolge nicht nur von den Entwicklungen in Afrika ab - sondern auch von der Bereitschaft der Industrieländer, weiter gegen die Verbreitung zu kämpfen.



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
raber 30.11.2013
1. AIDS-propagierende Firmen helfen?
Beteiligen sich die damaligen Firmen die mit dem Verkauf von Faktor 8 an Bluter verdient hatten und oft AIDS verbreitet haben an diesen Kosten oder scheuen sie sich wie meistens? Oder argumentieren sie, dass sie diese Firmen schon weiterverkauft haben? Vielleicht lässt es auch ihr Corporate Governance nicht zu.
scharfekante 30.11.2013
2.
Schon komisch, dass der Artikel nicht auf die besorgniserregende Zahl der Neuinfektionen von Mädchen und jungen Frauen in Afrika eingeht, die darauf beruht, dass Frauen und Mädchen als "empfangende Partner" gar nicht in der Lage sind, gegenüber ihrem Mann den Gebrauch von Kondomen durchzusetzen! Aufklärung und Theaterspiele alleine nützen hier nichts!
bolonch 30.11.2013
3. Tests sind gut
Im Artikel wird richtigerweise erwähnt wie wichtig Tests sind. Trotzdem wird in Deutschland immer noch nur widerwillig auf HIV und andere Infektionskrankheiten getestet. Natürlich kann sich jeder, der sich unsicher fühlt, auf HIV, Hepatitis oder was auch immer testen lassen und wenn ein Arzt den Verdacht auf eine Infektion hat, wird das auch so gemacht. Viel wichtiger wäre aber en passant auch verdachtsunabhängig zu testen (natürlich nur mit Einwilligung). Genauso wie Impfungen. Wenn ich will, kann ich natürlich für einen guten Impfschutz sorgen, aber darauf angesprochen wird man nie. Natürlich ist das Infektionsrisiko mit HIV in Deutschland gering, trotzdem gibt es gewiss eine Menge Träger von gefährlichen Infektionskrankheiten, die nichts von ihrer Krankheit wissen und trotzdem eigentlich vom Gesundheitssystem "erreichbar" wären. Aber natürlich .. die Kosten ...
killi 30.11.2013
4. Was sollen das für Experten sein?!
-Was lange undenkbar schien, halten Experten nun für möglich: ein Ende von Aids in Afrika.- Jeder der sich Experte schimpft, würde niemals eine solche Möglichkeit in betracht ziehen. Selbst die Pest gibt es heute noch! Da wird eine Geschlechtskrankheit erst recht nicht ausgerottet werden, schon gar nicht in Afrika! Selten etwas so weltfremdes in einer sonst so Bodenständigen und glaubhaften Presse gelesen!
braman 30.11.2013
5. Aids in Afrika
So erfreulich die Tendenz auch ist, wenn stimmt, was im Artikel steht, wirft das bei mir doch die frage auf: Was ist aus all den Millionen Toten geworden welche in den Neunziger Jahren für das südliche Afrika prognostiziert wurden? Die allermeisten leben heute noch! Oder war das nur Panikmache der Medien, der Pharmaindustrie, der Hilfsorganisationen? MfG: M.B.
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