Wir machen uns mal frei: Intime Zahnbekenntnisse

Von Frederik Jötten

Zahnarztbohrer: Löcher im Zahn - also Karies - entstehen durch säureproduzierende Bakterien Zur Großansicht
Corbis

Zahnarztbohrer: Löcher im Zahn - also Karies - entstehen durch säureproduzierende Bakterien

Obwohl er sich jahrelang brav die Zähne putzt, bekommt Kolumnist Frederik Jötten eines Tages trotzdem Karies. Zahnseide lautet die Lösung! Doch die verbannt ihn seither nach dem Essen immer in die Toilettenkabine.

Ich war ein paar Jahre nicht beim Zahnarzt gewesen und als ich dann mal wieder da war, machte er ein Röntgenbild. Das zeigte: Karies in fünf Zahnzwischenräumen. Die meisten verfaulten Stellen waren zwar klein, aber ich war ziemlich enttäuscht von meinen Zähnen.

Ständig hatte ich sie geputzt, auf den Toiletten meiner Schule, Hochschule, Arbeitstelle. Es existiert sogar ein Bild von mir aus Costa Rica, auf dem ich gerade die Zahnpasta aus einem geöffneten Busfenster spuckte. Jahrelang war ich für meinen Eifer verspottet worden - und jetzt hatte ich auch noch Karies. Mein Bruder, der sich noch nicht einmal jeden Abend die Zähne putzt, hat nicht eine kariöse Stelle!

Der Zahnarzt fragte mich: "Benutzen Sie Zahnseide?" Ich verneinte, es zeigte sich, dass ich diesen Trend der Zahnpflege verpasst hatte in den letzten Jahren. Mittlerweile benutze ich die Zahnseide nach jedem Essen, ich habe immer zwei Packungen dabei.

Notlüge auf der Herrentoilette

Letztens im Büro stand ich nach dem Mittagessen vor dem Waschbecken der Herrentoilette und feudelte mit der Seide zwischen meinen Zähnen herum. Ein Kollege trat neben mich, um seine Hände zu waschen.

Er grinste: "Zähes Fleisch gegessen? Das Problem kenn ich."

Er meinte wohl das Problem "Essensreste zwischen den Zähnen", hatte also offensichtlich keine Ahnung vom wahren Problem "Zwischenzahnkaries".

Um vor ihm nicht als wahnsinnig eingruppiert zu werden, antwortete ich schnell: "Ja ja, ich hatte ein Brot mit rohem Schinken!"

Er ging, ich war fast mit der unteren Zahnreihe durch, als ein zweiter Kollege neben mir stand. Er blickte in den Spiegel, vorsichtig nach rechts zu mir. Als ich seinen Blick erwiderte, schaute er auf seine Hände, dann wieder auf mich.

"Du bist der zweite Mensch, den ich jemals dabei gesehen habe, wie er Zahnseide benutzt - der andere ist meine Frau."

Dann ging er weg. War das jetzt so intim, als ob ich mein Geschlechtsteil vor ihm entblößt hätte? Ich warf das gebrauchte Stück Zahnseide in den Müll.

Seitdem gehe ich in die Toilettenkabine. Ich fühle mich idiotisch dabei, aber eines tröstet mich: Die Kollegen werden - abgesehen von mir - an Zwischenzahnkaries zugrunde gehen.

Karies
Bakterienschaden
Bakterien im Mund sind völlig normal: Sie gehören zur Mundflora dazu, mehr als 700 verschiedene Bakterienarten tummeln sich in der Mundhöhle. Ist die Mundflora im Gleichgewicht, schützen die dort angesiedelten Bakterien sogar vor Infektionen mit krankmachenden Erregern.

Nach dem Essen bilden die Bakterien gemeinsam mit Speichel einen Biofilm auf den Zähnen, Plaque genannt. Dieser muss regelmäßig entfernt werden. Ansonsten vermehren sich vor allem jene Bakterien, die Karies verursachen können, insbesondere dann, wenn ihnen unbegrenzt Zucker zur Verfügung steht, denn der unterstützt ihren Stoffwechsel. Die Karieskeime, zu denen unter anderem Lactobazillen und verschiedene Streptokokken zählen, produzieren organische Säuren, die den Zahnschmelz angreifen. Karies entsteht.
Vorstufen
Bevor das berühmte Loch im Zahn auftritt, fallen bereits weiße Flecken auf den Zähnen auf. Das sind Stellen, an denen dem Zahn Mineralien fehlen, was noch heilbar ist. Unter anderem deswegen wird Zahnpasta Fluorid zugesetzt: Das Fluorid soll dafür sorgen, dass Mineralien aus dem Speichel wieder in den Zahnschmelz eingebaut werden.
Gefährdete Zähne
Bei Kleinkindern entsteht Karies vor allem am Zahnfleischrand an den oberen Schneidezähnen, Zahnärzte nennen das Nuckelflaschenkaries. Im Kindesalter sind dagegen vor allem die Kauflächen der Backenzähne betroffen. Bei Erwachsenen schließlich sitzt Karies in engen Zahnzwischenräumen. Erst im Seniorenalter kommt es häufiger zu Wurzelkaries an freiligenden Zahnhälsen.
Folgen
Neben unangenehmen Behandlungen beim Zahnarzt droht der Verlust der kariösen Zähne. Je früher der Zahn behandelt wird, desto besser stehen die Chancen, ihn erhalten zu können. Dabei versucht der Zahnarzt zunächst, die Bakterien daran zu hindern, sich weiter auszubreiten. Der Zahnarzt alleine kann allerdings nicht viel bewirken, wenn der Patient nicht mitmacht: Eine gute Mundhygiene ist Pflicht, damit der Zahn gerettet werden kann.
Vorbeugung
Zahnärzte nennen drei Säulen der Prophylaxe: eine gesunde Ernährung, die gründliche Mundhygiene und regelmäßige Fluoridierung. Zusätzlich gibt es in vielen Zahnarztpraxen Angebote für eine professionelle Zahnreinigung.
Schutz bei Kleinkindern
Stillen gilt als natürlicher Schutz vor Karies. Geht das nicht, kommt es auf die richtigen Sauger an. Die Flasche sollten Kleinkinder nur zu den Mahlzeiten bekommen oder zum Durstlöschen. Und auch dann sollten nur ungesüßte Getränke in der Flasche sein: Wasser oder Tee. Sobald das Kind Zähne hat, sollten man diese mit einer fluoridhaltigen Kleinkindzahnpasta putzen. Sie sollte etwa 500 ppm Fluorid enthalten. Die Angabe steht im Kleingedruckten auf der Tube.
Schutz bei Kindern bis sechs Jahren
Kinder, die ihre Milchzähne haben und selbst Zähne putzen können, sollten das zweimal täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta tun. Damit die Zähne komplett geputzt werden, empfehlen Zahnärzte die "KAI-Methode": zuerst die Kauflächen, dann die Außen- und die Innenseite der Zähne.

Die Zahnpasta für Kleinkinder sollte etwa 500 ppm Fluorid enthalten. Die Angabe steht im Kleingedruckten auf der Tube.
Zähneputzen bei Schulkindern
Mit den ersten bleibenden Zähnen gibt es auch eine neue Zahnpasta für die Kinder: 1500 ppm Fluorid empfehlen Zahnärzte, die Angabe steht im Kleingedruckten auf der Tube. Geputzt wird weiterhin zweimal täglich mindestens zwei Minuten. Weil die bleibenden Zähne enger stehen als die Milchzähne, sollten sich Schulkinder an den Gebrauch von Zahnseide gewöhnen. Einmal täglich empfehlen Zahnärzte.
Tipps für Erwachsene
Natürlich müssen auch Erwachsene nach der KAI-Regel zweimal täglich Zähne putzen. Wichtig ist aber vor allem, die Zahnzwischenräume mit Zahnseide zu reinigen. Gepflegt werden sollte auch das Zahnfleisch, sonst entstehen Schäden am Zahnhals - wo Karies sich schneller ausbreiten kann.
Zahnbürste und Zahnpasta
Die Zahnbürste sollte man alle drei Monate wechseln. Fragen Sie Ihren Zahnarzt, wenn Sie unsicher sind, welche die richtige für Sie ist.

Die Zahnpasta sollte einen Fluoridgehalt von 1.400 bis 1.500 ppm haben, die Angabe steht im Kleingedruckten auf der Tube.
Informationen

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Ein wichtiger Punkt fehlt:
mabx 13.07.2012
"Zahnärzte nennen drei Säulen der Prophylaxe: eine gesunde Ernährung, die gründliche Mundhygiene und regelmäßige Flouridierung. Zusätzlich gibt es in vielen Zahnarztpraxen Angebote für eine professionelle Zahnreinigung." Zahnärzte verschweigen aber die Wirkung des Zuckerstoffs Xylitol, der die Kariesbildung verhindert. Dieser Zucker wirkt so, dass sich die Bakterien im Mund nicht mehr vermehren können, weil ihr Stoffwechsel gestört wird. Dieser Zucker kommt u.a. in Mais und Birkenrinde vor. Er wird außerdem in Kinderzahncreme beigemengt und kann auch lose gekauft werden. Eine Prise davon auf die Zahncreme und schon wird der Kariesbefall sehr stark vermindert. Das ist jetzt kein Pülverchen vom Hexenmeister. Hierzu gibt es in Skandinavien wissenschaftliche Studien. Die Ergebnisse sind natürlich schlecht fürs Geschäft bei den Zahnärzten.
2. optional
eigene_meinung 13.07.2012
Vielleicht hat sich der Autor auch zu viel und zu heftig die Zähne geputzt, und vielleicht haben die Zahnärzte zu viel und zu heftig in seinen Zähnen rumgestochert. Die Zahnseide wird seinen Zähnen jetzt endgültig den Garaus machen.
3. Unnötig
PhilippV 13.07.2012
Da Plaque erst nach 48 Stunden "kariogen" wird, sprich die Qualität erreicht, dass Bakterien Säure produzieren, welche wiederum zur Karies führt, ist das Benutzen von Zahnseide im Alltag unnötig. Ja, es ist sogar schädlich für das Parodont, denn wenn man drei mal täglich mit der Zahnseide in die Papillen saust, dann bedanken diese sich mit Rückzug. Alle 2 Tage ist vollkommen ausreichend. Tatsächlich wäre es sogar ausreichend alle 2 Tage die Zähne zu putzen, jedoch ist es für das soziale Umfeld dann doch angenehmer wenn dies täglich 2 mal geschieht :-)
4.
felix-goes-hollywood 13.07.2012
Seitdem wir dieses Zahnpasta-Duo morgens und abends benutzen, also seit 30 Jahren, habe ich keinen neuen Karies mehr bekommen. Ausserdem 1 x wöchentlich Gel einwirken lassen. Ausserdem ist die Erfindung der elektrischen Bürste etwas Wunderbares. Ich war zufällig gestern bei der Vorsorge: kein Karies, kein Zahnfleischprobleme - obwohl ich bloss alle paar Jahre mal zum Arzt gehe. Bin 60. Geht doch !
5. Klasse
BettyB. 13.07.2012
Endlich ersetzt SPON auch die Apothekenzeitung...
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