Karl Lauterbach SPD-Gesundheitsexperte fordert Impfpflicht gegen Masern

Bisherige Impfkampagnen reichten nicht aus, deswegen will Karl Lauterbach (SPD) eine Masernimpfpflicht in Deutschland einführen. Die Diskussion ist nicht neu - die Sachlage schon.

Hilft eine Impfpflicht dabei, die Masern einzudämmen?
DPA

Hilft eine Impfpflicht dabei, die Masern einzudämmen?


Nach der Kritik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an Impfgegnern kommt vom SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ein neuer Vorstoß für eine Impfpflicht in Deutschland. "Ich selbst befürworte bei einer so gefährlichen Krankheit wie den Masern eine Impfpflicht", sagte Lauterbach der Zeitung "Die Welt" vom Montag. Er werde bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine neue Diskussion über die Notwendigkeit einer Impfpflicht werben, "da sich die bisherigen Kampagnen für eine freiwillige Impfung als nicht hinreichend erwiesen haben".

Die WHO hatte Impfgegner zu einer der zehn größten globalen Bedrohungen erklärt. Der Grund: Die medizinisch mögliche Ausrottung der Masern werde durch die in den Industrieländern verbreitete Verweigerung von Impfungen verhindert. Aus der Sicht der WHO-Experten geht von Impfgegnern damit ein ähnlich großes Risiko für die weltweite Gesundheit aus wie von Ebola, Antibiotikaresistenzen und Luftverschmutzung. Impfungen verhindern laut WHO jährlich zwei bis drei Millionen Todesfälle.

Deutliche Zunahme der Masernfälle in Europa

Eigentlich sollten die Masern bis 2020 ausgerottet sein. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Infektionen aber um bis zu 30 Prozent zugenommen, kritisiert die WHO. Auch in Europa gab es einen deutlichen Anstieg: Im Jahr 2018 infizierten sich allein in der ersten Jahreshälfte schon 41.000 Kinder und Erwachsene. 2017 waren es 23.927 Betroffene, 2016 erkrankten nur 5273 Menschen.

Auch in Deutschland gibt es immer wieder Ausbrüche, die jährlichen Fallzahlen schwanken erheblich. Im Jahr 2017 wurden beispielsweise 929 Masernfälle gemeldet, 2016 dagegen nur 325. Um Ausbrüche zu verhindern, müssten 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein. Doch in Deutschland wird diese Quote nicht in allen Altersgruppen erfüllt.

Impfgegner würden "auf unverantwortliche Art und Weise die Gesundheit sehr vieler Menschen" aufs Spiel setzen, kritisierte Lauterbach. Die Masern seien eine gefährliche Krankheit und könnten sich weiter ausbreiten, wenn die Impfquoten nicht erhöht würden.

Was bringt die Impfpflicht?

Zurückhaltender äußerte sich die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag (CDU). Zwar sieht auch sie Impfgegner als "ein großes Gesundheitsrisiko". Bevor aber in Deutschland über eine Impfpflicht diskutiert werden könne, müsse geprüft werden, welche Erfahrungen in Italien und Frankreich nach der dortigen Einführung einer Impfpflicht bei Masern gemacht wurden. "Wenn sich herausstellt, dass die beiden Länder durch die Impfpflicht Erfolge haben, sollten wir auch in Deutschland über eine Impfpflicht diskutieren", sagte Maag.

Die Unionsexpertin äußerte zugleich rechtliche Bedenken. Über kurz oder lang würde eine gesetzliche Impfpflicht vor dem Bundesverfassungsgericht landen, sagte Maag. Für die Prävention bei Masern sei bereits viel getan worden. So dürften ungeimpfte Kinder eine Zeit lang vom Kitabesuch ausgeschlossen werden, und Eltern müssten bei einer Verweigerung der Impfberatung hohe Bußgelder zahlen.

Auch die Grünen stehen einer Impfpflicht ablehnend gegenüber. Nach Ansicht von Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche muss auf Beratung gesetzt werden statt auf Zwang und Sanktionen.

Warum Masern so gefährlich sind

Über eine Impfpflicht wurde in Deutschland bereits wiederholt diskutiert, vor allem nach regionalen schweren Masernausbrüchen. Während Kinderärzte schon länger eine Impfpflicht fordern, steht die Bundesregierung dem bislang skeptisch gegenüber. Spahn selbst hatte vor einigen Jahren, damals noch als CDU-Gesundheitsexperte, eine Impfpflicht nicht generell abgelehnt.

Masern sind extrem ansteckend. Die auslösenden Viren werden beim Sprechen, Husten oder Niesen über kleine Tröpfchen in der Luft übertragen. Die Erkrankung geht zunächst mit grippeähnlichen Symptomen und später einem charakteristischen Hautausschlag einher. Die Infektion schwächt das Immunsystem immens, weitere Infektionen sind darum eine häufige Folge.

Ein gefürchtetes Risiko ist eine Gehirnentzündung, die sogenannte Masern-Enzephalitis, die tödlich oder mit bleibenden Schäden enden kann. Als Spätfolge einer Maserninfektion kann sich zudem nach Jahren eine sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ausbilden, eine Entzündung der Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks. Sie führt zum Ausfall von Gehirnfunktionen und schließlich zum Tod.

Im Video: Die bizarre Welt deutscher Impfgegner

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hei/AFP

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