Krankenhäuser Kassen warnen vor überfüllten Notaufnahmen

Volle Flure, gestresstes Personal: Wer in die Notaufnahme ins Krankenhaus geht, muss auf die ersehnte Hilfe oft lange warten. Die Krankenkassen fordern, ambulante Notfalldienste stärker in den Vordergrund zu rücken.

Warten in der Notaufnahme (Archivbild)
picture alliance / dpa

Warten in der Notaufnahme (Archivbild)


Viele Patienten, die in der Notaufnahme eines Krankenhaus warten, sollten gar nicht dort sein: Sie könnten ambulant behandelt werden - und sorgen stattdessen dafür, dass die Notaufnahmen überfüllt sind und lebensbedrohlich Erkrankte möglicherweise zu spät Hilfe bekommen.

Eine aktuelle Studie des Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH (Aqua) weist auf dieses Problem hin und zeigt Lösungsansätze auf. Bei bis zu zwei Drittel der Patienten reiche eine rein ambulante Betreuung, sagte Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des Aqua-Instituts.

"Viele Patienten wissen heute nicht, an wen sie sich im Notfall wenden sollen", sagte die Vorsitzende des Ersatzkassenverbands vdek, Ulrike Elsner, bei der Vorstellung des Abschlussberichts in Berlin. Mehr als 20 Millionen Menschen landeten so mittlerweile jedes Jahr in der Notaufnahme. Krankenhäuser tendierten zudem dazu, leichtere Fälle stationär aufzunehmen, obwohl das eigentlich gar nicht nötig sei.

Portalpraxen gefordert

Zwar gibt es 600 Notdienstpraxen, um die Notaufnahmen zu entlasten. Die meisten dieser Praxen seien in Kliniken angesiedelt, doch viele seien dort räumlich eher versteckt. Oft fehle es den Praxen zudem an Standards und klaren Regeln für die Zusammenarbeit mit den Notaufnahmen.

Die Ersatzkassen fordern, dass an jeder der 1600 Kliniken mit Notfallversorgung Portalpraxen eingerichtet werden. Das sollen erste Anlaufstellen sein, in denen die Patienten eingeteilt werden:

  • in akute Fälle für die Notaufnahme,
  • akute Fälle für eine ambulante Behandlung
  • und nicht akute Fälle für Arztpraxen.

Patienten, die nicht sofort behandelt werden müssten, sollten auch an normale Arztpraxen vermittelt werden, sofern sie zu Sprechstundenzeiten in der Klinik vorstellig wurden. Die bestehenden Notdienstpraxen sollen nach diesen Vorstellungen bestehen bleiben und Patienten ambulant behandeln.

Studienautor Szecsenyi führt die Probleme auch auf Wissenslücken bei vielen Patienten zurück. "Früher hat die Großmutter bei einem fieberndem Kind einen Wadenwickel gemacht" - heute wisse niemand mehr, wie das gehe. Vielfach unbekannt sei die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdiensts der Kassenärztlichen Vereinigungen 116117. Sie funktioniert ohne Vorwahl, gilt deutschlandweit und ist kostenlos, egal ob man aus dem Festnetz oder mobil anruft.

Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) ist die Notfallversorgung für die Kliniken ein milliardenteures Minusgeschäft. "Einem durchschnittlichen Erlös von rund 40 Euro pro ambulanten Notfall stehen Fallkosten von mehr als 100 Euro gegenüber", sagte DKG-Geschäftsführer Georg Baum. Ein neues Vergütungssystem sei nötig, doch Krankenkassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) stünden hier auf der Bremse.

Kindernotaufnahme: "Seid froh, wenn ihr warten dürft"

wbr/dpa

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
Herr Schäuble 06.09.2016
1.
Was helfen würde wären besser Öffnungszeiten für Patienten und allgemein mehr Personal, um diese zu behandeln. Wenn mich der Hausarzt zu einem Krankenhaus verweist. Und diese schon um 16 Uhr dicht macht, wenn ich noch arbeite, dann geh ich natürlich in die Notaufnahme, auch wenn ich nichts lebensbedrohliches habe
CancunMM 06.09.2016
2.
Zitat von Herr SchäubleWas helfen würde wären besser Öffnungszeiten für Patienten und allgemein mehr Personal, um diese zu behandeln. Wenn mich der Hausarzt zu einem Krankenhaus verweist. Und diese schon um 16 Uhr dicht macht, wenn ich noch arbeite, dann geh ich natürlich in die Notaufnahme, auch wenn ich nichts lebensbedrohliches habe
Seit wann macht ein Krankenhaus um 16.00 Uhr zu ? Vielleicht die Ambulanz, aber Ihr Arbeitgeber muss Ihnen dafür frei geben. Er muss Ihnen ermöglichen den Arzttermin wahr zu nehmen, wenn es nicht zu einer anderen Zeit geht. Und in der Notaufnahme haben Sie dann gar nichts zu suchen. Nur noch Egozentriker heute auf der Welt !
Honk 06.09.2016
3. Kenn ich...
In einer deutschen Großstadt stundenlang in der Notaufnahme gewartet, danach eine Nacht im Bett auf dem Flur verbracht, Abendessen war auch schon vorbei... Man fragt sich, ob man wirklich in einem der reichsten Länder der Erde wohnt. Ach ja, es gibt ja auch Privatpatienten, hatte ich fast vergessen.
pusteblume123 06.09.2016
4.
Ich hatte schon häufiger das "Vergnügen " mit hausärztlichen Notdiensten. Die meisten Erfahrungen waren nicht so prickelnd. Viele Ärzte sind sicherlich Fachärzte auf ihrem Gebiet - aber für die breitgefächerten Aufgaben dort nicht unbedingt geeignet. So wurden selten die passenden Medikamente verordnet. Sogar der Verlust des Gleichgewichtsorgan als "Kreislaufstörung" mit entsprechenden Tropfen behandelt. Nach mehrmaliger Kontaktaufnahme wurden wir richtig angepampt. Ich sollte mehr Geduld haben - als Laie könne ich nicht beurteilen ob es mir besser oder schlechter ginge .... Der Arzt im Krankenhaus - bei dem ich nach den Feiertagen (!) - war, war entsetzt. Patienten mit diesen Beschwerden kämen in der Regel mit dem RTW! Ja, manche Patienten sind ungeduldig, frech und unverschämt. Manches Krankenhauspersonal ist arrogant und herablassend. Manche hören auch einfach NICHT zu. Patient doof - Personal schlau! Es mangelt an Kommunikation und gegenseitigen Verständnis.
Andyhook 06.09.2016
5. Notaufnahme
Ich habe mal jemanden in die Notaufnahme gefahren so gegen 20 Uhr. Wegen schweren Alkoholentzug. Nachts um 4 Uhr wurde er immer noch nicht behandelt. Auf die frage wann er evtl. dran kommt kam die Antwort weniger Saufen.
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