Regionenvergleich: Mandel-OPs bei Kindern - ein Roulettespiel

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Mandelentfernungen gehören zu den häufigsten Operationen bei Kindern und Jugendlichen - dennoch gibt es keine festen Regeln, wann der Eingriff notwendig ist. Eine deutschlandweite Auswertung zeigt: Der Wohnort spielt eine große Rolle, ob ein Kind operiert wird - die Unterschiede sind oft extrem.

Mandelentfernung: Der Wohnort ist entscheidend Fotos
Corbis

Wer den Mund weit aufreißt und die Zunge herausstreckt, kann sie sehen: Rechts und links, mandelförmig wie ihr Name es sagt, liegen die Gaumenmandeln im Rachen. Eigentlich zur Abwehr von Krankheitserregern gedacht, können sie vor allem bei Kindern und Jugendlichen zum andauernden Problem werden. Schnarchen, schnaufen, Fehlzeiten in der Schule oder häufige Schmerzen münden oft in eine radikale Entscheidung: Die Mandeln müssen raus.

Ob ein Kind operiert wird oder nicht, hängt allerdings nicht nur von seiner Gesundheit ab, wie eine aktuelle Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt. Laut dem "Faktencheck Gesundheit" gibt es eklatante Unterschiede zwischen verschiedenen Bundesländern und Regionen: Während im Jahr 2010 in Berlin etwa 29 von 10.000 Kindern im Alter bis zu 19 Jahren ihre Gaumenmandeln entfernt wurden, waren es im Saarland 105 von 10.000 - und damit fast viermal so viele.

Noch größer sind die Unterschiede auf Kreisebene. In manchen Regionen werden laut der Auswertung von Krankenhausregistern und Daten des statistischen Bundesamts nur jedem 900. Kind seine Gaumenmandeln entfernt. In anderen hingegen macht jedes 70. diese Erfahrung. Medizinisch erklären lassen sich solch große Unterschiede nicht. Anstelle von Wissenschaft entscheiden wohl auch lokale Ansichten von Ärzten und Eltern über den Eingriff, ebenso wie die Versorgungslage und wirtschaftliche Faktoren.

Kaum wissenschaftliche Daten zu der Operation

Auch wenn die Entfernung der Gaumenmandeln (Tonsillektomie) bei Kindern und Jugendlichen der häufigste stationäre Eingriff mit einer Vollnarkose ist, sind die wissenschaftlichen Daten zum genauen Nutzen der Operation rar. In Deutschland existieren keine verbindlichen Leitlinien, die eine klare Anleitung geben, wann Ärzte operieren sollten. "Es gibt kaum eine Operation, bei der es so sehr auf die Erfahrung des Arztes und die Einschätzung der Beschwerden seiner Patienten ankommt", sagt Jochen Windfuhr, der als Facharzt für HNO-Heilkunde an den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach arbeitet und bei der Studie beratend tätig war.

Vor allem zwei Krankheitsbilder machen bei Kindern und Jugendlichen fast alle Operationen aus: Mehr als die Hälfte der Patienten (57 Prozent) leidet unter wiederkehrenden Entzündungen, die neben Schmerzen auch mit Fehlzeiten in der Schule einhergehen können. Fast ein Drittel (32 Prozent) wird operiert, weil die Gaumenmandeln vergrößert sind und die Kinder dadurch schwer atmen können und nachts schnarchen.

Bei beiden Krankheitsbildern gibt es Hinweise darauf, dass eine Entfernung der Mandeln zumindest kurzfristig helfen kann. Allerdings müssen Mediziner, Eltern und Jugendliche den Nutzen gegen die Risiken abwiegen. Neben den Gefahren durch die Vollnarkose kann es zu lebensgefährlichen Nachblutungen kommen. "Vielen Patienten und auch vielen Ärzte, die nicht auf Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde spezialisiert sind, ist nicht immer klar, was für Konsequenzen die Operation haben kann", sagt Windfuhr.

Wann sind die Beschwerden nicht mehr tragbar?

Doch wann sind die Beschwerden durch entzündete und vergrößerte Mandeln so groß, dass sie raus müssen? Und wann sollte man besser auf eine Operation verzichten? Feste Regeln dazu gibt es nicht. In manchen Kreisen griffen die Mediziner aufgrund chronischer Entzündungen im Schnitt zwölfmal häufiger zum Messer als in anderen. Bei vergrößerten Mandeln war der Abstand noch ausgeprägter: Hier unterschieden sich die durchschnittlichen Operationszahlen um das bis zu 58-fache.

"Die Daten zeigen, dass Kinder in manchen Regionen wahrscheinlich zu häufig operiert werden. In anderen Regionen hingegen bleibt der Eingriff aus, auch wenn er gerechtfertig wäre", meint Frank Waldfahrer, Oberarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Erlangen und ebenfalls ärztlicher Berater bei der Untersuchung.

Auf die Häufigkeit der Operation haben vermutlich auch die Angebotsstrukturen in einer Region einen Einfluss. In Kreisen ohne eine HNO-Fachabteilung etwa lag die Häufigkeit der Mandeloperationen mit Abstand am niedrigsten. In Kreisen mit großen HNO-Fachabteilungen hingegen wurde oft überdurchschnittlich häufig operiert. Vor allem für viele kleine HNO-Abteilungen bilden Mandelentfernungen außerdem das Kerngeschäft: 2010 waren in 175 von 673 HNO-Abteilungen mehr als die Hälfte der Eingriffe Mandelentfernungen, bei 71 machten sie sogar mehr als zwei Drittel der Leistungen aus.

Immer den individuellen Leidensdruck abschätzen

Um die Operationen überall auf ein medizinisch notwendiges Niveau zu bringen, empfehlen die Autoren der Studie unter anderem Hilfen für Eltern und Jugendliche zu entwickeln, mit denen sie Nutzen und Risiken der Operation besser abwiegen können. Desweiteren sollten Leitlinien vorangetrieben werden, heißt es in dem Bericht. Waldfahrer war bereits von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie mit deren Entwicklung beauftragt. Die notwendigen wissenschaftlichen Auswertungen hätten allerdings mindestens 80.000 Euro gekostet. "Es hat sich niemand gefunden, der das bezahlen wollte", sagt er. "Dafür hat die Tonsillektomie einfach keine genügend große Lobby."

Windfuhr zweifelt allerdings daran, dass ausschließlich die Einführung von Leitlinien die richtige Lösung ist. "Allein das Schmerzempfinden schwankt von Mensch zu Mensch", sagt er. "Wenn gefordert wird, fünf Entzündungen reichen nicht, ich darf erst nach der sechsten operieren, ist das für mich Zynismus." Auch Waldfahrer hält Stereotypenempfehlungen bei Mandelentfernungen nicht für ausreichend: "Wichtig ist immer das individuelle Gespräch", sagt er. Allein ein hoher Leidensdruck rechtfertigt eine Operation, da sind sich beide Experten einig.

Tool

Wie häufig sind Mandel-Operationen in Ihrer Region? Unter diesem Link finden Sie eine interaktive Deutschlandkarte mit den Ergebnissen der Untersuchung.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Und nicht zu vergessen!
gerd33 07.05.2013
Eine gefürchtete Komplikation sin die Nachblutungen auch noch nach dem 5. Post-OP Tag. Während Privatpatienten in den Genuss des teuren Laserskalpells kommen, werden beim Kassenpat. die Mandeln mit dem "alten" Draht gekappt. Komplikationsrate ca. 5x so hoch. Die GKV argumentiert zynisch: "Die Kassenbehandlung hat "ausreichend" zu sein, (d.h. "befriedigend", "gut" oder "sehr gut" bleibt den Privatpatienten bzw. Selbstzahlern vorbehalten). Jährlich nur einige dutzend tote Kinder nach TE, aber die GKV hat pro Fall vielleicht 30 EUR eingespart. Kein Wunder, dass Deutschland im EHCI 2012 im Gesundheitswesen nur Rang 14 bekleidet, gleich vor der Slowakischen Republik.
2.
muttisbester 07.05.2013
Die OP ist selten gerechtfertigt. Und die verbundenen Risiken sind einfach zu groß, vor allem für Kinder und Jugendliche. Die Symptome, die zur OP führen, verschwinden später ja fast von alleine. Ein Arzt sagte mir mal: "...mehr Platz für Brötchen". Allerdings hat kein einziger Arzt eine OP für notwendig erachtet, alle haben die Risiken betont. Die Mandeln haben eine wichtige Immunfunktion, und sollten bleiben wo sie sind. Stattdessen empfehle ich allen, die Probleme mit den Mandeln haben: einen Schal oder ein Halstuch zu tragen. Wirkt Wunder!
3. Alternative
viertelsteinhoch2 07.05.2013
Mir wollte man vor 33 Jahren ebenfalls an die Mandeln. Hatte Glück und ein Naturheilarzt schlug mir das Ansetzen von Blutegeln an den Hals vor. 5 von 6 hatten angebissen, seitdem funktionieren meine Mandeln wieder und sie kommen ihrer Aufgabe nach, Danke Jörn-Uwe, Ruhe in Frieden !
4. Wer steht denn dann...
juergw. 07.05.2013
Zitat von gerd33Eine gefürchtete Komplikation sin die Nachblutungen auch noch nach dem 5. Post-OP Tag. Während Privatpatienten in den Genuss des teuren Laserskalpells kommen, werden beim Kassenpat. die Mandeln mit dem "alten" Draht gekappt. Komplikationsrate ca. 5x so hoch. Die GKV argumentiert zynisch: "Die Kassenbehandlung hat "ausreichend" zu sein, (d.h. "befriedigend", "gut" oder "sehr gut" bleibt den Privatpatienten bzw. Selbstzahlern vorbehalten). Jährlich nur einige dutzend tote Kinder nach TE, aber die GKV hat pro Fall vielleicht 30 EUR eingespart. Kein Wunder, dass Deutschland im EHCI 2012 im Gesundheitswesen nur Rang 14 bekleidet, gleich vor der Slowakischen Republik.
auf Nuimmer Eins ?Laserskalpell kann man doch wohl Zuzahlen-sonst ist uns doch nichts zu teuer für unsere Kleinen !
5. Der Pöbel hat's verdient
rodelaax 07.05.2013
Zitat von gerd33Eine gefürchtete Komplikation sin die Nachblutungen auch noch nach dem 5. Post-OP Tag. Während Privatpatienten in den Genuss des teuren Laserskalpells kommen, werden beim Kassenpat. die Mandeln mit dem "alten" Draht gekappt. Komplikationsrate ca. 5x so hoch. Die GKV argumentiert....
... und in naher Zukunft, wenn die PKV abgeschafft wird, dürfen dann die gesetzlich Versicherten, die sich ständig erhöhenden Kosten der privat Versicherten übernehmen. Zurück zum OT: Das Mantra diverser HNOs in unserer Nähe ist schon seit Jahrzehnten: Die Mandeln müßen grundsätzlich alle entfernt werden! Die "hätten ja keine Aufgabe."
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Zur Autorin
  • Iris Carstensen
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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