Kinderkrankheit: Deutsche sind zu wenig gegen Masern geimpft

Für viele sind sie eine harmlose Kinderkrankheit - doch jährlich sterben Hunderttausende Menschen an Masern. Bisher sind Impfkampagnen daran gescheitert, das Virus auszurotten. Behörden offenbaren auch in Deutschland immer noch große Lücken beim Impfschutz.

Impfung gegen Masern: Kleiner Pieks, der ärgert - aber Leben retten kann Zur Großansicht
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Impfung gegen Masern: Kleiner Pieks, der ärgert - aber Leben retten kann

Berlin - Manche Eltern haben große Vorbehalte gegen eine Impfung. Dabei können die Spätfolgen einer Infektion mit Masern lebensbedrohlich sein. Das Problem aber ist: In Deutschland gibt es immer noch große Impflücken beim Schutz gegen das Virus.

Besonders problematisch sei die Situation bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, wie das Robert Koch-Institut (RKI) und das Bundesgesundheitsministerium am Montag in Berlin mitteilten. Immer noch erkrankten viele Menschen an Masern. Ein Viertel der Patienten müsse ins Krankenhaus, und in Einzelfällen könne es zu bleibenden Folgen kommen, warnte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zum Auftakt der Europäischen Impfwoche.

Die zweimalige Masernimpfung sollte in der Regel in den ersten beiden Lebensjahren erfolgen, meist geschieht dies in Kombination mit einem Impfstoff gegen Mumps und Röteln (MMR). Ursprünglich hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel gesetzt, die Masern bis 2010 in Europa zu eliminieren. In vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, sind die Impfraten bisher allerdings nicht hoch genug, um die Masern auszurotten. Neues Ziel ist jetzt 2015.

"Das einzige Reservoir der Masernviren sind infizierte Menschen", erklärte RKI-Präsident Reinhard Burger. Mit einer ausreichend hohen Impfquote könne das Virus daher eliminiert werden.

IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK
Impfen
Die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten beginnt bei Säuglingen bereits im zweiten Lebensmonat. Lebenslang sollten Eltern und Kinderarzt, später dann Patient und Hausarzt, darauf achten, dass der Impfschutz ausreicht. Impfungen schützen vor allem die Menschen, deren Immunsystem am wenigsten mit Infektionskrankheiten umgehen kann: Kleinkinder, Immungeschwächte und alte Menschen.
Mumps
Wer in Gesundheitsberufen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder in Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene arbeitet, nach 1970 geboren ist und nicht weiß, ob er gegen Mumps geimpft wurde oder nur einmal in der Kindheit geimpft worden ist, der sollte noch einmal geimpft werden. Außerdem jeder, der mit einem Mumpskranken Kontakt hatte und nicht oder nur einmal in der Kindheit geimpft wurde. Dann sollte es schnell gehen: Drei Tage nach dem Kontakt wäre eine Impfung wünschenswert.
Hirnhautentzündung
Zum Schutz vor einer sogenannten Meningitis wird gegen Meningokokken C-Bakterien geimpft. Dafür gibt es im zweiten Lebensjahr einmal eine Impfdosis. Fehlt diese, sollte sie bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Windpocken
Auslöser der Windpocken sind Varizellen. Gegen sie gibt es zwischen dem elften und 14. Lebensmonat eine Impfung, entweder gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach.

Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.

Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.

Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
FSME
Für die Menschen, die wegen beruflicher Risiken gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) geimpft werden sollten, ist 2012 ein neues Risikogebiet hinzugekommen, der Saar-Pfalz-Kreis im Saarland.
Nachholimpfungen
Erwachsene sollten nachgeimpft werden, wenn ihr Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung nicht ausreicht. Muss sowieso gegen Tetanus geimpft werden, etwa bei einer Verletzung, sollte gleich der Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten verwendet werden.

Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Impfkalender
Den Stiko-Impfkalender gibt es jetzt in 15 Sprachen, die Dokumente sind beim Robert Koch-Institut abrufbar.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.
Die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI rät daher seit einiger Zeit auch all jenen, die nach 1970 geboren sind, generell zur Masernimpfung, sofern sie nur einmal oder gar nicht geimpft sind oder der Impfstatus unklar ist. Dies ist allerdings kaum bekannt, wie eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt: 81 Prozent der Altersgruppe kennen diese Empfehlung gar nicht.

Auch bei Schulanfängern wird die für die Ausmerzung der Masern erforderliche Impfquote von 95 Prozent für die zwei empfohlenen Impfungen laut RKI trotz positiver Trends bisher nur in einzelnen Bundesländern erreicht. Häufig werde die zweite Masern-Mumps-Röteln-Impfung verspätet gegeben.

Masern können schwere Komplikationen auslösen und für die Betroffenen sogar lebensgefährlich sein. Es kann zu Gehirnentzündungen, Hirnhaut- oder Lungenentzündungen kommen. In Deutschland kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu örtlichen Masern-Ausbrüchen mit teils mehreren hundert Erkrankten und auch Todesfällen.

cib/AFP

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insgesamt 134 Beiträge
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1. so ein Schmarrn!
bet32978 22.04.2013
"jährlich sterben Hunderttausende an Masern"... Das klingt doch schlichtweg gelogen! Oder Es betrifft die ganze Galaxis einschliesslich der Milchstrasse Süd. Wie viele im RKI kommen nochmal direkt aus der Pharmaindustrie oder werden von dieser finanziert? Sinkt denn mal wieder der Umsatz bei der Masernimpfung und der MasernEBIT ist in Gefahr? Völlig politisch unabhängig äussert sich Spiegel Online natürlich auch zu den Spätfolgen und möglichen Gefahren einer Impfung. Weil sich die Spätfolgen nie auf die Impfung zurückführen lassen. Dies gilt auch bei Nikotin und Alkohol...
2. Kein Wunder
frunabulax 22.04.2013
Kein Wunder gibt es hierzulande doch zunehmend mehr esoterische Spinner, die meinen eine Masernparty sei harmloser als eine Impfung.
3.
c.PAF 22.04.2013
Zitat von bet32978"jährlich sterben Hunderttausende an Masern"... Das klingt doch schlichtweg gelogen! Oder Es betrifft die ganze Galaxis einschliesslich der Milchstrasse Süd.
Nur weil es Ihren Horizont überschreitet, muß es nicht gelogen sein. Weltweit sterben wohl rd. 500.000 Menschen jährlich an Masern, das ist nun mal leider so. Wenn man die Galaxis einbezieht, aber nur Sterbefälle beim Homo sapiens betrachtet, dürfte die Zahl nur unwesentlich höher liegen. Es ist tatsächlich die Erde gemeint...
4. etwa 500 000 Jährlich ..
blödföhn 22.04.2013
Schlichtweg gelogen sind nur die Argumente der Impfgegner.
5. optional
xmix 22.04.2013
Zitat von sysop"jährlich sterben Hunderttausende an Masern"... Das klingt doch schlichtweg gelogen!
Nun ja, hunderttausendE ist vielleicht übertriben, aber bei um die 300.000 Masernfällen allein in Afrika und Sterblichkeitsraten von bis zu 25% in Entwicklungsländern, wäre eine Ausrottung der Krankheit schon zu wünschen
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