Studie zum Lebensstandard Kleine Dicke habens schwerer

Forscher haben die Lebenssituation von mehr als 100.000 Menschen untersucht. Kleine Männer und dicke Frauen werden demnach öfter benachteiligt. Faustregel: Pro sechs Zentimeter Körpergröße wird man 3800 Euro reicher.

Über die Größe entscheiden auch die Gene
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Über die Größe entscheiden auch die Gene


Der Name entscheidet mit, ob jemand einen Job bekommt oder nicht. Lukas hat größere Chancen als Ahmet, Tim größere Chancen als Hakan, auch wenn die Bewerbung sonst vollkommen gleich ist. Der Name ist nicht der einzige Faktor, der Biografien beeinflusst, obwohl er das nicht sollte.

Laut einer aktuellen Studie haben große Männer im Schnitt die besseren Jobs und die bessere schulische Ausbildung als kleine Männer. Auch bei den Frauen haben größere mehr Erfolg - noch ausgeprägter ist bei ihnen jedoch der Einfluss des Gewichts. Je höher der BMI ist, desto geringer sind die Chancen auf ein Leben in einem wohlhabenden Haushalt.

Die Ergebnisse decken sich mit denen früherer Studien, allerdings ließ sich bislang eins schwer beantworten: Diskriminiert die Gesellschaft wirklich dicke und kleine Menschen? Oder führt umgekehrt ein niedriger sozioökonomischer Standard dazu, dass die Menschen klein und dick werden - etwa aufgrund einer schlechten Ernährung in der Kindheit?

400 Erbgutschnipsel, die über das Gewicht entscheiden

Um auch diese Fragen zu beantworten, untersuchten Forscher der University of Exeter Medical School jetzt neben der tatsächlichen Größe und dem tatsächlichem BMI von mehr als 110.000 Briten auch das Erbgut der Teilnehmer:

  • Wer neigte zum Großwerden? Dafür untersuchten sie 400 Erbgutschnipsel, die für 12,3 Prozent der Größenunterschiede in der Gruppe verantwortlich waren.

  • Und wer neigte zum Übergewicht? Hier dienten ihnen knapp 70 Gen-Orte als Basis, mit denen sich zwar nur rund 1,5 Prozent der Gewichtsunterschiede erklären ließen. Wegen der vielen Teilnehmer könnte sich aber auch das in den Daten niederschlagen.

Die Idee dahinter: Wer welche Erbanlagen erhält, entscheidet zu einem großen Teil der Zufall bei der Befruchtung. Damit sind die Neigungen zum Dicksein und Großsein zufällig über die gesamte Bevölkerung verteilt - im Gegensatz zum tatsächlichen Gewicht, das auch vom Verhalten gesteuert wird. Zeigt sich trotzdem ein Zusammenhang der genetischen Veranlagungen mit etwa der Schulbildung, muss der Grund dafür im Erbgut liegen.

6,3 Zentimeter größer, 2940 Pfund reicher

Im Vergleich zur realen Größe und dem realen BMI hatten die genetischen Veranlagungen zwar einen kleineren, oft aber noch messbaren Einfluss. So stiegen etwa die Finanzen eines Haushalts pro 6,3 Zentimeter realer Körpergröße im Schnitt um rund 2940 Pfund (3800 Euro) pro Jahr. Wer erblich bedingt zu einer großen Größe neigte, konnte sich immerhin über rund 1130 Pfund (1460 Euro) mehr im Jahr freuen, berichten die Forscher im "British Medical Journal".

Dies traf vor allem auf Männer zu, bei ihnen war der erblich bedingte Einfluss der Größe doppelt so gewichtig wie bei den Frauen. Beim Body-Mass-Index hingegen fanden die Wissenschaftler bei den Männern kaum Unterschiede zwischen dick und dünn, bei den Frauen aber sank das Haushaltseinkommen mit zunehmender Leibesfülle deutlich. Auch bei einer genetischen Veranlagung zur Leibesfülle beobachteten die Forscher bei den Frauen kleine, aber messbare negative Effekte auf das Einkommen.

Die Ergebnisse lassen zwei Schlüsse zu: Bei den Männer kommt es mehr auf die Körpergröße an, wenn sie Erfolg haben wollen, bei den Frauen mehr auf die schlanke Figur. Und wahrscheinlich führt ein Mix verschiedener Faktoren dazu, dass große Männer und dünne Frauen einen höheren sozioökonomischen Stand haben.

Diskriminierung angehen

Zwar bleiben auch nach der aktuellen Analyse noch kleine Unsicherheiten bestehen. So ist etwa grundsätzlich denkbar, dass, aus welchen Gründen auch immer, Gene für eine große, schlanke Statur bei bessergestellten Menschen häufiger sind und sie diese an ihre Kinder weitergeben. Dann ließe sich allerdings nicht erklären, warum schlanke Frauen Vorteile haben, schlanke Männer jedoch nicht.

So oder so ist die Studie ein weiteres Puzzlestück in einem immer klarer werdenden Bild, das zeigt, dass es manche Menschen aufgrund ihres Aussehens schwerer haben als andere. Es müssten Wege gefunden werden, diese Verzerrungen im Schul- und Arbeitsleben aufzuheben, schreiben die Forscher. Mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status sinken nicht nur die Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Es steigt auch das Risiko für Krankheiten, etwa am Herzen.

irb

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Seite 1
lemmy 09.03.2016
1. Ursachen
Woran das liegt ? Weil Frauen werden immer noch sehr oft in erster Linie nach ihrer Attraktivität beurteilt. Im Job und bei der Partnerwahl. Da ist dann doch wohl klar, warum kleine und dicke Frauen einen niedrigeren Sozialstatus haben als andere. Und bei Männern steht das Äußere in der Regel eher hinten an, sowohl im Job als auch bei der Partnerwahl. Diese unterschiedlichen Bewertungen werden im übrigen von beiden Geschlechtern so vorgenommen. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen, aber die Mehrheit verhält sich so.
Robert Redlich 09.03.2016
2. fehlt noch was
Männer sind beruflich (und vermutlich auch privat) erfolgreicher, wenn sie groß sind und eine tiefe Stimme haben. Kräftig (nicht dick) ist auch von Vorteil. Dann einen teuren gutsitzenden Anzug anziehen und noch den Charme und die Skrupellosigkeit eines Soziopathen haben - und schwups sind sie Vorstand oder Aufsichtsrat. Bei Frauen ist das komplizierter. Aber Leibesfülle ist definitiv ein erheblicher Nachteil bei ihnen. Aber das wußte man alles schon länger und man kann es auch aus dem eigenen Erleben bestätigen.
ludwig49 09.03.2016
3. Schon wieder eine Studie !
Das Leben besteht in der Realität nicht aus Studien, sondern vielmehr aus einem Mix persönlicher Qualitäten, aus Zufällen und Sympathien. Ein Humbug ist es, Körpergrössen mit Einkommen in Verbindung zu bringen und dies auch noch per Zentimeter anzugeben.
MaxNichtmustermann 09.03.2016
4.
Klassischer Fehler - Korrelation ist mitnichten Kausalität. Mehr muß man zu solchen "Studien" nicht sagen - das ist noch nicht einmal cargo cult science, das ist bad science at its worst! Ach ja, mein - vorzüglicher - Chef ist klein und dick, unser aller CEO ist eine sehr sehr kleine Frau, im Aufsichtsrat sitzen ausnahmslos Leute mit Bäuchlein (oder mehr), und die Firma ist mal wieder im zweistelligen Bereich gewachsen - und nu?
Phil2302 09.03.2016
5.
"Es müssten Wege gefunden werden, diese Verzerrungen im Schul- und Arbeitsleben aufzuheben, schreiben die Forscher." Nein, müssen nicht. Wie soll das aussehen? Automatisch bessere Noten für dicke und kleine Kinder? Man man man, hört doch mal auf mit diesem "alles muss gleich sein" Unsinn.
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