Knirschgeräusche: "Knackende Gelenke sind nur eingerostet"

Solange knackende Gelenke nicht schmerzen, muss man sich keine Sorgen machen, sagt Bernd Kladny, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach. Noch wissen Ärzte nicht genau, was das Knacken verursacht. Aber sie wissen, was hilft: Bewegung!

Gelenke unter der Lupe: Noch ist nicht geklärt, warum der Körper knackt Zur Großansicht
Corbis

Gelenke unter der Lupe: Noch ist nicht geklärt, warum der Körper knackt

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Kladny, muss ich mir Sorgen machen, wenn meine Gelenke regelmäßig knacken?

Kladny: Es ist natürlich nicht normal, wenn ein Körperteil Geräuschphänomene von sich gibt - und das regelmäßig. In der Orthopädie betrachten wir diese Geräusche aber als kein größeres Problem, sofern sie keine Beschwerden verursachen.

SPIEGEL ONLINE: Mein Rücken macht auch komische Geräusche. Und zwar mittlerweile so laut, dass auch mein Physiotherapeut ratlos ist. Und ich bin erst 39! Was ist da los?

Kladny: Was das Knacken verursacht, ist noch nicht so ganz geklärt. Mögliche Hypothesen sind, dass sich Gelenkflächen kurzzeitig voneinander lösen und dies wie bei einem Saugnapf Geräusche macht. Eine weitere Hypothese besagt, dass die Gelenkflüssigkeit kurzzeitig ihren Aggregatzustand in Form von Bläschenbildung ändert, bis Gelenkflächen wieder in Kontakt kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Gelenkknacken ein Alarmsignal des Körpers?

Kladny: Solange Sie keine Beschwerden haben, nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber in der Folge kann es zu Beschwerden kommen?

Kladny: Wenn es immer wieder knackt und wehtut, deutet das darauf hin, dass die Muskulatur nicht ausreichend stabilisiert, ein Ungleichgewicht der Muskulatur besteht oder Muskeln verkürzt sind, beispielsweise durch Krafttraining. Das beeinträchtigt das Gelenkspiel. Im CT oder im Kernspin zeigt sich aber, dass die Leute trotzdem normale Gelenke haben können. Wenn Gelenke knacken, sind sie also nur "eingerostet", die Gelenke selbst müssen nicht beschädigt sein.

Gelenke brauchen - ähnlich wie ein Kugellager - ein gewisses Spiel. Und wenn aufgrund einer Fehlbelastung, einer langdauernden Fehlhaltung oder von Muskelveränderungen dieses Gelenkspiel gestört ist, dann läuft es nicht mehr ganz rund. Der Körper reagiert darauf oft mit einer Muskelblockade, um Schaden abzuwenden. Das führt häufig zu Schmerzen. Der Arzt diagnostiziert dann eine sogenannte hypomobile Funktionsstörung. Die ist aber glücklicherweise reversibel.

SPIEGEL ONLINE: Wie werde ich das Knacken wieder los?

Kladny: Man müsste mal bei Ihnen die Muskulatur analysieren, schauen, wo es Verkürzungen gibt oder Schwächen. Und es ist wichtig, auf Bewegung zu achten. Vor allem am Arbeitsplatz bewegen wir uns in der Regel zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, die Muskulatur muss ausreichend stabilisieren, verkürzte Muskeln sind nicht hilfreich. Ist also Krafttraining dann gar nicht so gut?

Kladny: Irgendwelche Dogmen, dass man die Muskeln durch Krafttraining stärken muss, haben sich nicht bewährt. Jede Form von Bewegung ist gut. Und es gibt auch keine Variante, die sich wissenschaftlich besser bewährt hat als andere.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Leute, die knacken alle zehn Minuten mit ihren Fingern. Ich habe mir angewöhnt, dass ich regelmäßig meinen Nacken "entknacke". Ist das überhaupt gut?

Kladny: Nein, das sollte man nicht machen. Jemand, der darin geschult ist, kennt die Grenzen und macht die richtigen Handgriffe. Wenn Sie das aber selber machen, kann es passieren, dass Sie Schaden anrichten.

SPIEGEL ONLINE: Rührt der Begriff "Alter Knacker" daher, dass Gelenkknacken eine typische Alterserscheinung ist?

Kladny: Ich bin kein Sprachwissenschaftler, aber im Alter passiert eigentlich das Gegenteil: Gelenke werden verschleißbedingt steif. Und dann knackt nichts mehr, dann gibt es ein Reibegeräusch durch den Kontakt von Knochen auf Knochen. Knacken tritt bei Leuten auf, die wie gesagt eine Störung der Funktion haben, aber nicht der Struktur. Bei alten Leuten haben sie eine kaputte Struktur, bedingt durch Verschleiß. Und damit verbunden meistens auch Schmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Gelenkknacken irgendeine Verbindung zu Rheuma?

Kladny: Wenn entzündlich-rheumatische Gelenke Geräusche verursachen, machen sie das, weil sie kaputt gehen. Da hat das Geräusch eine andere Ursache, weil unter Umständen schon Knochen auf Knochen reibt.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Leute, die Gelenkknacken haben, das ärztlich abklären lassen?

Kladny: Nur, wenn es wehtut.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich Gelenkknacken durch Ernährung beeinflussen?

Kladny: Nein, das ist mir nicht bekannt.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Altern
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: