Schmerzen bei Arthrose Placebo schlägt Nahrungsergänzungsmittel

Es gibt sie als Pulver, Kapseln, Ampullen: Bei Arthrose hoffen viele auf die Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln. Dabei hilft ein Placebo bei Schmerzen mehr als die teuren Diätpillen.

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Wer in Online-Apotheken nach Hilfe bei Gelenkschmerzen sucht, stößt bei den meist verkauften Produkten schnell auf eine lange Liste an Nahrungsergänzungsmitteln. Pulver, Kapseln und Trinkampullen sollen Knorpel und Knochen stärken - zu stolzen Preisen. Mal kosten 30 Tagesportionen knapp 50 Euro, bei einem anderen Anbieter sind 30 Trinkfläschchen für knapp 30 Euro zu haben. Waldfruchtgeschmack inklusive.

Das Problem: Bislang fehlen aussagekräftige Studien, die eine Wirkung der Mittel bei Arthrose belegen - einem der häufigsten Auslöser für Gelenkschmerzen. Dabei ist der Markt für die Pülverchen riesig. Allein in Deutschland erkranken laut Robert Koch-Institut rund jede vierte Frau und jeder sechste Mann im Laufe ihres Lebens an dem Knorpelschwund.

Spanische Forscher haben jetzt versucht, die Wissenslücke zumindest ein Stück weit zu schließen. Dabei konzentrierten sie sich auf Tabletten mit Glukosaminen und Chondroitin, wichtigen Bestandteilen des natürlichen Knorpels, die sich im Kleingedruckten der meisten Nahrungsergänzungsmittel finden. "Die üblichen großen Pharmahersteller haben sie alle im Programm", sagt Wolfgang Rüther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, der nicht an der Studie beteiligt war. "Patienten fragen häufig danach."

Knorpel trifft auf Schalentier

Zwar hatten vorherige Untersuchungen keinen Effekt der Stoffe nachweisen können. Dies könne jedoch an einer mangelhaften Qualität der getesteten Mittel gelegen haben, erklären die spanischen Forscher. Um das Problem zu umgehen, kooperierten sie mit einer ortsansässigen Firma. Das bereitgestellte Glukosamin stammte aus dem Knorpel von Rinder-Luftröhren, das Chondroitin aus der Schale von Krustentieren - nichts für Vegetarier also.

Abgesehen von der Medikamenten-Lieferung hatte das Unternehmen keinen Einfluss auf die Studie, auch sonst achteten die Forscher auf eine hohe wissenschaftliche Qualität. Dafür verteilten sie ihre 164 Kniearthrose-Patienten nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen. Die einen erhielten jeden Tag ein Placebo (also ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff), die anderen jeden Tag das Krustentier-Luftröhren-Extrakt. Weder die Teilnehmer noch die behandelten Ärzte wussten, wer was schluckte. So ging es sechs Monate lang.

Dann analysierten die Mediziner um Gabriel Herrero-Beaumont vom Universitätsklinikum Fundación Jiminéz Díaz in Madrid, wie sich die Schmerzen der Patienten verändert hatten. Und dokumentierten ein so ernüchterndes Ergebnis, dass sie auf sechs weitere angedachte Versuchsmonate mit dem Mittel verzichteten.

Placebo sticht

Alle Patienten hatten zu Beginn der Untersuchung ein Kreuz auf einer Schmerz-Skala von 0 bis 10 gemacht (0 = keine Schmerzen, 10 = extreme Schmerzen). Zu diesem Zeitpunkt lag der Durchschnitt in beiden Gruppen noch ähnlich bei 6,2. Das änderte sich im folgenden halben Jahr:

  • In der Placebo-Gruppe setzten die Teilnehmern ihr Kreuz am Ende der Zeit im Schnitt bei 4,2. Ihr Schmerzempfinden hatte sich um 33 Prozent reduziert.
  • In der Nahrungsergänzungsmittel-Gruppe hingegen verbesserte sich das Schmerzempfinden nur um 1,2 Punkte auf 5. Ein Unterschied von 19 Prozent, deutlich weniger als bei den Placebo-Schluckern.

Dass es bei Schmerzen einen starken Placebo-Effekt gibt, ist nichts Neues. Bei einer Untersuchung mit Migräne-Patienten etwa erreichte ein Placebo 60 Prozent der Stärke des echten Medikaments. Dass das getestete Produkt sogar schlechter abschneidet als das Placebo, ist jedoch erstaunlich. Eine möglicher Grund könnten leichte Nebenwirkungen des Nahrungsergänzungsmittels auf die Verdauung sein, mutmaßen die Forscher in ihrem Fachartikel in "Arthritis & Rheumatology".

Gelatine? Eine noch schlechtere Wahl

Den Hamburger Experten Rüther überrascht das Versagen des Mittels wenig. "Die Stoffe sind gar nicht dazu da, Schmerzen zu lindern", sagt der Orthopäde. Da Glukosamine der Hauptbestandteil der Knorpelsubstanz seien, bestünde die Hoffnung, dass der Körper die geschluckten Inhaltsstoffe dort ablegt. "Wenn überhaupt sorgen sie dafür, dass der Knorpel langsamer kaputt geht", sagt er. "Das ist aber ein Prozess, der sich über Jahre zieht." Bislang ist fraglich, ob die Knorpelbausteine überhaupt ihren Weg aus dem Darm bis ins kranke Gelenk finden.

Trotzdem rät Rüther seinen Patienten nicht grundsätzlich von den Mitteln ab, aus reinem Pragmatismus. "Es gibt momentan noch kein Medikament, das die Arthrose entschleunigen oder sogar umkehren kann", sagt er. Viele wollten es deshalb mit irgendeinem Mittel versuchen. "Man will sich am Ende nicht vorwerfen, dass man nicht alles probiert hat", sagt er. Gelatine hält er auf jeden Fall für groben Unfug. "Bei Glukosaminen besteht zumindest noch der fromme Wunsch, dass sie helfen. Auch wenn das nicht nachgewiesen ist."

Mit diesem Wissen im Hinterkopf muss am Ende jeder Betroffene selbst entscheiden, ob er jahrelang Tag für Tag ein teures Mittel schlucken möchte, für eine kleine, unwahrscheinliche Wirkungschance. Zumindest auf eines können die Patienten aber sicher hoffen: Dass die teuren Mittel ihre Schmerzen etwas lindern, denn auch sie haben einen leichten Placebo-Effekt.



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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
steffen.duerr 15.02.2017
1. Jahrelange Schmerzen / extreme Schmerzmittel
... Bestrahlung half fantastisch. Ärzte wussten davon,sagten aber nichts. Zwölf verlorene Jahre.
Pfaffenwinkel 15.02.2017
2. Als Betroffener,
der auch einige der Mittel (einschließlich Weihrauch) ausprobierte, kann ich nur bestätigen: Wirklich geholfen hat nichts.
EmiM 15.02.2017
3. Faszinierendes Thema...
...dazu kann ich das hervorragende Buch "Cure: A Journey into the Science of Mind Over Body" von Jo Marchant empfehlen.
fpa 15.02.2017
4. Bei Arthrose wohl nicht ...
durchaus aber bei Arthritis können entzündungshemmende Naturheilmittel, wie z.B. selbstgemachter Kefir (Wirkprinzip Symbioselenkung http://www.gesundheits-lexikon.com/Ohren/Therapie-/Mikrobiologische-Therapie-Symbioselenkung-.html), kombiniert mit einer entzündungshemmenden Ernährung (http://www.evidero.de/lebensmittel-gegen-entzuendungen bzw. http://www.sanofi.at/produkte/Broschuren/Rheuma_Ernaehrung.pdf ) durchaus eine Linderung der Beschwerden bewirken.
allessuper 15.02.2017
5. Können Sie mehr dazu schreiben? danke!
Zitat von steffen.duerr... Bestrahlung half fantastisch. Ärzte wussten davon,sagten aber nichts. Zwölf verlorene Jahre.
was für Bestrahlung, wie lange und wofür..
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