Prehabilitation Fit vor der OP

Große Operationen schlauchen den Körper und schwächen die Muskeln. Prehabilitation soll das verhindern. Bei dem Ansatz trainieren Kranke schon vor dem Eingriff Beweglichkeit und Kraft.

Training für den ganzen Körper: Muskeln aufbauen, um nach einer OP schneller wieder auf die Beine zu kommen
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Training für den ganzen Körper: Muskeln aufbauen, um nach einer OP schneller wieder auf die Beine zu kommen


Eine letzte Wiederholung. Zum 15. Mal steigt Margrit Weichel auf die Plastikstufe. Erst das linke Bein, hochdrücken, dann das rechte Bein nachsetzen. Einen Augenblick verweilt sie vor dem Spiegel. Sporttherapeutin Daniela Oestreich nickt zufrieden. Und wie ist es? "Ich fühle mich im linken Knie wieder etwas beweglicher", sagt Weichel. Vier Wochen lang trainiert die 70-Jährige im Gesundheitszentrum der Asklepios Klinik St. Georg. Jede Woche zwei Stunden an den Geräten, 30 Minuten im Therapiebecken. Dazu gibt es Übungen für zu Hause.

All das dient der Vorbereitung - nicht auf ein Sportabzeichen im Alter, sondern auf eine schwere Operation. Die Seniorin braucht ein künstliches Kniegelenk. "Das Training vor dem Eingriff soll die Beweglichkeit der Patientin verbessern und ihre Muskulatur stärken", erklärt Roel van der Most, Fachbereichsleiter der Orthopädie in der Hamburger Klinik. "So soll sie nach der Operation schnell wieder fit werden und weniger Schmerzen haben."

Der Ansatz nennt sich Prehabilitation. Wie gut sie bei Hüft- und Knieoperationen tatsächlich hilft, untersucht in den nächsten Monaten eine Studie an 18 Knie- und 47 Hüftpatienten plus Kontrollgruppe. Eine Pilotstudie mit 19 Patienten war im vergangenen Jahr so vielversprechend verlaufen, dass man sich für eine genauere Untersuchung entschieden hatte.

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Lange Schonphasen waren gestern

Dass dosierte und gezielte Bewegung die Heilungsprozesse des Körpers unterstützen kann, vertreten inzwischen viele Mediziner. "Lange galt Schonung nach einer Operation als oberste Maxime", erklärt der Arzt Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule. "Heute werden die Patienten gleich am ersten Tag wieder in Bewegung gebracht. Das stärkt den Kreislauf und unterstützt die Heilung." Die Prehabilitation ist daher in seinen Augen eine konsequente Weiterentwicklung.

In seiner Abteilung für molekulare und zelluläre Sportmedizin hat auch Bloch einige Studien zur Prehabilitation durchgeführt. Nicht für Knie- oder Hüftpatienten, sondern für Menschen mit einer Krebserkrankung. Sie können sich mit Kraft- und Ausdauertraining etwa auf eine Chemotherapie und größere Eingriffe vorbereiten. "Die aktiven Patienten verkraften die Nebenwirkungen besser", sagt Bloch. "Ihr Körper verliert weniger an Substanz, und sie leiden nicht so häufig an Müdigkeit oder Erschöpfung." Kleinere Untersuchungen deuten außerdem daraufhin, dass fitte Patienten mehr Abwehrzellen für die natürliche Tumorbekämpfung besitzen. Gezeigt wurden die positiven Effekte der Bewegung bereits für Brust-, Darm- und Prostatakrebs sowie Leukämie.

Aktiv werden und nicht nur warten

Training für den ganzen Körper: Vor ihrer Knie-Operation stärkt Margrit Weichel (l.) ihre Muskeln
Birk Grüling

Training für den ganzen Körper: Vor ihrer Knie-Operation stärkt Margrit Weichel (l.) ihre Muskeln

Margrit Weichel gefällt ihr Trainingsprogramm: "Ich muss nicht zu Hause sitzen und sorgenvoll auf den Eingriff warten, sondern werde selbst aktiv." Die Knieschmerzen begannen bei ihr vor zweieinhalb Jahren. Ein Operation kam für sie lange nicht infrage, obwohl ein Orthopäde ihr diese empfohlen hatte. Stattdessen ging Weichel zur Physiotherapie und trieb Sport. Die Bewegung brachte Linderung. "Erst im letzten halben Jahr wurde es so schlimm, dass auch mir eine Operation alternativlos erschien", so Weichel. An manchen Tagen kam die Rentnerin kaum noch 50 Schritte weit, brauchte zum Einschlafen starke Schmerzmittel. An Ausflüge mit der Familie war nicht mehr zu denken.

"Ein neues Knie ist keine 'Muss'-Operation, sondern ein 'Kann'-Eingriff", sagt van der Most. "An einer Arthrose, die meist Ursache ist, stirbt man nicht." Wenn aber die Patienten ein großes Stück Lebensqualität durch die Schmerzen und die Bewegungseinschränkung verlieren, sei der Eingriff eine gute Option.

Die Aussicht auf die Rückkehr in ein aktives Leben motiviert Weichel. Zu den Terminen in der Klinik kommt sie überpünktlich, zu Hause trainiert sie täglich. Mit Erfolg: Die Schmerzen werden weniger, auch das Treppensteigen und Gehen klappt etwas besser.

Positive Tendenz, aber kein wissenschaftlicher Beweis

Ähnliche Rückmeldung gab es auch von den 19 Patienten der Pilotstudie. "Natürlich bauen die Patienten in den vier Wochen kaum ein großes Maß an Muskelmasse auf", erklärt die betreuende Sporttherapeutin Daniela Oestreich. "Aber wir können die Schonhaltung der Patienten korrigieren und so die Aktivität und Beweglichkeit etwas verbessern." Das gebe manchem Patienten neues Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und sorge für einen Motivationsschub. Das Training in der Gruppe liefert außerdem Kontakte zu anderen Betroffenen.

Ob diese positiven Ansätze wirklich helfen, Patienten mit neuen Hüft- und Kniegelenken schneller und besser wieder auf die Beine zu bringen, ist noch unklar. "Es braucht noch mehr Untersuchungen mit größeren Patientengruppen, um eine belastbare Evidenz für die Prehabilitation zu schaffen", sagt Bloch. Bisher gibt es nur wenige Studien aus den Niederlanden und Skandinavien mit eher kleinen Gruppen und kaum vergleichbaren Ergebnissen.

Bei Margrit Weichel verläuft der Eingriff gut. Am ersten Tag kann die Hamburgerin schon aufstehen und ein paar Meter auf dem Krankenhausflur gehen. Wenn auch die Rehabilitation gut verläuft, wird sie in ein paar Wochen wieder spazieren gehen können.

Zum Autor
  • Birk Grüling, Jahrgang 1985, aufgewachsen im nieder­sächsischen Niemandsland, hat erst Mathe und dann Musikjournalismus in Hannover studiert und das Herz an Hamburg verloren. Als freier Journalist schreibt er über Wissenschaft und Gesellschaft.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Leser161 20.01.2016
1. Interessante Idee
Das ist eine sehr interessante Idee. Allerdings muss man da auch aufpassen. Wenn man das falsch macht kann der Körper zu sehr vorgeschwächt werden und mit der Operation kommt dann der finale Schlag (macht man nachher ReHa ist man bereits geschwächt und entsprechend vorsichtig). Man muss also vorsichtig sein. Und hier sehe ich das Problem. Zumindest bei RehAs nach leichten bis mittleren Verletzungen wird oft a einfach von einen Ausführenden ein Programm durchgeballert ohne darauf zu achten, wie der Patient drauf reagiert. Das ist dabei schon ungut. Bei preha fände ich das noch gefährlicher.
ahai 20.01.2016
2.
Bei schweren Transplantationen (Herz Lunge,etc.)ist das schon mehr als 10Jahre üblich. Da dort die Gefahr sich wochenlang auf der Intensivstation zu befinden sehr groß ist, ist es gut Reserven zu haben.Wobei man hier bei schwerkranken Menschen (beispielsweise mit viel zu wenig Sauerstoff im Körper) einen sehr begrenzten Muskelaufbau erzielen kann.Aber auch der hilft enorm!
GrinderFX 20.01.2016
3.
Wie viele Jahre fangen die denn vor der OP an zu trainieren? Denn realistische Erfolge sieht man erst nach Ewigkeiten, auch wenn 99% erst mal so naiv sind und glauben Muskelaufbau wäre etwas von Wochen. Dass dies Jahre braucht wird hier wohl vollkommen übersehen. Da man als gut Trainierter maximal 5 Kilo Muskeln ohne Doping aufbauen kann und hier wahrscheinlich 2 Wochen vor der OP angefangen wird zu trainieren, macht das nicht mal 200 Gramm Muskeln aus. Zumal in der Anfangsphase eh nicht so viel geht und es vermutlich eher 50 Gramm sind. Bezweifel, dass die irgendeinen Nutzen haben werden.
Sumerer 20.01.2016
4.
Zitat von Leser161Das ist eine sehr interessante Idee. Allerdings muss man da auch aufpassen. Wenn man das falsch macht kann der Körper zu sehr vorgeschwächt werden und mit der Operation kommt dann der finale Schlag (macht man nachher ReHa ist man bereits geschwächt und entsprechend vorsichtig). Man muss also vorsichtig sein. Und hier sehe ich das Problem. Zumindest bei RehAs nach leichten bis mittleren Verletzungen wird oft a einfach von einen Ausführenden ein Programm durchgeballert ohne darauf zu achten, wie der Patient drauf reagiert. Das ist dabei schon ungut. Bei preha fände ich das noch gefährlicher.
Jedes Bewegungstraining ist auch gleichzeitig aktives Gehirntraining. Das schadet in der Regel weder vor noch nach Operationen - es sei denn, es wird überzogen.
taschenkrebs 20.01.2016
5. eigene Erfahrung
Zitat von GrinderFXWie viele Jahre fangen die denn vor der OP an zu trainieren? Denn realistische Erfolge sieht man erst nach Ewigkeiten, auch wenn 99% erst mal so naiv sind und glauben Muskelaufbau wäre etwas von Wochen. Dass dies Jahre braucht wird hier wohl vollkommen übersehen. Da man als gut Trainierter maximal 5 Kilo Muskeln ohne Doping aufbauen kann und hier wahrscheinlich 2 Wochen vor der OP angefangen wird zu trainieren, macht das nicht mal 200 Gramm Muskeln aus. Zumal in der Anfangsphase eh nicht so viel geht und es vermutlich eher 50 Gramm sind. Bezweifel, dass die irgendeinen Nutzen haben werden.
aus eigener Erfahrung, 12 Jahre her, schwere planbare orthopädische OP im jungen Erwachsenenalter: Resultate: sicherlich keine "Muskelprotze" mit "kiloweise Muskeln". Aber: - Bewegungsabläufe für nach der OP eingeübt - Lungenvolumen gesteigert, z.B. von 70 auf 90 % - Dehnen des Gewebes: Beweglichkeit gesteigert, was bei einer OP, die Gelenke in eine neue Stellung bringen soll, wahrscheinlich Schmerzen reduziert (die korrigierte Haltung, die mit der OP fixiert wurde, konnte im Laufe der Prehabilitation immer schmerzärmer ausgehalten werden) - mehr Kraft in Armen und Beinen, was z.B. bei eigenständiger Körperpflege, Aufstehen aus dem Bett etc. sehr hilfreich ist Neben rein messbaren Effekten (Lungenvolumen, Kraft an Geräten) konnten die Patienten nach einiger Zeit der Prehabilitation mit den simulierten durch die OP zu erwartenden Bewegungseinschränkungen besser körperlich umgehen. Also z.B. trotzdem Körperpflege, Treppen, Ankleiden etc. Auch bei herkömmlichem Fitnesstraining, Sport merkt man nach 2 - 4 Wochen täglichen (!), im Falle der Prehabilitation sogar mehrstündigen (!) Trainierens durchaus Effekte dahingehend, dass Bewegungen leichter fallen, mehr Ausdauer da ist.
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