Gelenkprothesen für Entwicklungsländer Das 80-Dollar-Knie

Landminen verstümmeln weltweit jährlich Tausende von Menschen und machen sie zu Amputierten. Eine Prothese können sich viele Opfer nicht leisten. Die NGO D-Rev aus San Francisco will das ändern - mit einem Kniegelenk für 80 Dollar.

D-Rev

Anti-Personen-Minen gelten als eine der finstersten Plagen der Neuzeit. Millionenfach vergraben, explodieren sie bei Berührung und töten jährlich Tausende von Menschen oder verletzen sie schwer. Nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation Handicap International wurden in mehr als 70 Ländern gut 110 Millionen Landminen vergraben.

Seit 1997 existiert das weltweite Landminenverbot. Ratifiziert wurde es aber nur von 161 aller 193 Mitgliedstaaten: China, Indien und Russland unterschrieben das internationale Abkommen nicht, die USA schwenkten erst 2014 ein.

Wer die Explosion überlebt, ist meist lebenslang auf Prothesen angewiesen. 2011 wurden laut Handicap International fast 3000 Verwundete erfasst. Vielen Betroffenen in Entwicklungsländern bleibt der Zugang zu Prothesen verwehrt - nicht nur Opfern von Landminen. Krista Donaldson möchte das ändern. Sie ist Vorsitzende der NGO D-Rev in San Francisco, der Name die Abkürzung für "Design Revolution" ist. Dort werden unter anderem Knieprothesen für Menschen entwickelt, die weniger als vier US-Dollar am Tag verdienen.

Bezahlbar und selbstschmierend

"ReMotion" heißt das künstliche Knie von D-Rev, das die Funktionen des menschlichen Knies imitieren soll und von einem Team von Biomechanik-Studenten der Standford University 2008 gestartet wurde. Die indische "Jaipur Foot Organisation" war an die Studenten herangetreten und hatte sie gebeten, ein günstiges, gutes und selbstschmierendes Kniegelenk für Menschen zu entwickeln, die sich teure Prothesen nicht leisten können. Bezahlt wird der neue Knie-Ersatz durch Spenden, so finanzierte man auch die Entwicklung des neuen Gelenks.

D-Rev lässt die Kniegelenke aus Polyoxymethylen in China produzieren. Vorteil: Dieser Kunststoff lässt sich schnell in vorgefertigte Formen spritzen oder gießen. Auf der Webseite der NGO heißt es: "Heute verwenden bereits 6328 Menschen in 14 Ländern das künstliche Knie." 86 Prozent der Träger seien damit glücklich. Die Prothesenträger stammen aus Ländern wie Indonesien, Liberia, Indien, dem Sudan oder Tansania.

Bereits auf der Ideenkonferenz TED 2013 stellte Krista Donaldson die Knieprothese einem breiteren Publikum vor: "2003 half ich beim Wiederaufbau des irakischen Stromnetzes. Ich fragte mich, wie Technik Menschen helfen kann. Und wie geben wir sie denjenigen an die Hand, die sie am meisten brauchen?" Vier Jahre zuvor hatte sie die Führung von D-Rev übernommen, die sich zum Ziel gemacht hat, die Lebensumstände vieler Menschen zu verbessern.

Neues Knie für 80 statt 20.000 US-Dollar

In der Regel kosten Hightech-Gelenke pro Stück etwa 20.000 US-Dollar. Eine günstigere Titan-Variante kostet D-Rev zufolge 1400 US-Dollar. Laut Donaldson ist dieses jedoch instabil und funktioniert nur wie ein Türscharnier.

Ralf Decking, Chefarzt der Orthopädie am Leverkusener Remigius-Krankenhaus ist von der Idee aus San Francisco begeistert. Es sei hervorragend, eine einfache Bewegung im Kniegelenk auf diese Weise zu ermöglichen. "Das große Problem bei der Versorgung solcher Amputationen ist die Mechanik - und eine gute Anbindung an den Oberschenkelstumpf zu schaffen", sagt der 47-Jährige. "Es ist also eine Kunst, einen Oberschenkelköcher zu schaffen, der sehr gut passt." Das Gelenk selbst, glaubt er, werde gut funktionieren. Fraglich sei, ob sich die Träger der Prothese oben etwas wundlaufen. "Darauf kommt es an."

Wie Donaldson erklärt, arbeite das Entwicklungsteam mit lokalen Kliniken und Ärzten zusammen, die für das Einsetzen der Prothese geschult würden. "Das Kniegelenk ist der komplexeste und teuerste Teil einer Beinprothese." Bezahlbare Prothesen seien einachsig, instabil und führten bei unebenem Gelände zu gefährlichem Gleichgewichtsverlust. Zudem hätten sie nur eine geringere Qualität und funktionierten nicht in nassen oder feuchten Klimazonen. "Sie quietschen, wenn der Nutzer damit läuft, was auch psychisch belastend sein kann." Inzwischen verhindert ein Dämpfungsmechanismus, dass die Prothese quietscht.

D-Rev plant im Mai mit der dritten Version von "ReMotion" an den Start zu gehen. Dann sollen mehrere hundert Amputierte weltweit neue Kniegelenke bekommen.

Zum Autor
  • Lichtblick
    Matthias Lauerer, Jahrgang 1975, freier Journalist. Hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.



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insgesamt 7 Beiträge
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tommit 15.02.2015
1. Oh welch ein philantrophische Anwandlung
des zwar nicht mehrheitlich a ber doch überlegenen Westens.. Second Hand oder Handelsklasse 2 Endoprothesen.... Dann wirste alle 5 Jahre operiert... oder sollten unsere Endoprothesen auch in Wahrheit nicht mehr als 80 Euro Wert sein...
paps 15.02.2015
2. oh tommit
kennen sie den unterschied zwischen prothese und endoprothese nicht?
hondje 15.02.2015
3. Gelenk Prothesen
Dass wirt hier auch kommen warte mal ab dass ist den für Normalo Arbeiter und die bessere für besser verdienende ua Beamte und Arbeitgeber /Manager.
Shoxus 15.02.2015
4. Mir fällt dazu nur das
hier ein... https://www.youtube.com/watch?v=GR_ucMcVSTg komplett anschaun. Am Schluss kommts dann... Systemangebot nennt man das ganze dann xD
karlsiegfried 15.02.2015
5. Was sollen die blöden Lästereien ...
... der bisher lesbaren Foristen 1. bis 4.? ich empfehle eine Reise in die genannten und andere Gebiete um sich das Elend persönlich anzuschauen. Ich bin stinkwütend. Ernst gemeinte Frage: Wohin kann ich meinen Spüendenbeitrag senden?
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