Eine rätselhafte Patientin 13 Jahre alt, Knoten in der Brust

Brustkrebs tritt extrem selten bei Jugendlichen auf. Als eine 13-Jährige mit einem Knoten in die Klinik kommt, vermuten die Ärzte deshalb eine andere Ursache. Doch den wahren Grund entdecken sie erst durch eine OP.

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Das Mädchen kommt mit einer für ihr Alter ungewöhnlichen Beschwerde in die Uniklinik im saudi-arabischen Dschidda: In ihrer linken Brust ist ein Knoten gewachsen, der bei Berührung schmerzt. Die Ärzte ertasten eine feste Struktur, die an der längsten Stelle etwa vier Zentimeter misst. Sie liegt mittig im unteren Bereich der Brust.

Die junge Patientin hat kein Fieber, ihre Haut ist nicht entzündet, die Brustwarze hat sich in keiner Form verändert. Die rechte Brust ist unauffällig. Auch die Lymphknoten im Achselbereich zeigen keine ungewöhnliche Veränderung. Die Ärzte führen weitere Tests durch, unter anderem untersuchen sie das Blut der 13-Jährigen - alle Werte sind im Normalbereich.

Allerdings ist die Krankengeschichte des Mädchens bemerkenswert: Vor zwei Jahren wurde sie am Herzen operiert, sie benötigte aufgrund eines rheumatischen Fiebers zwei neue Herzklappen. Der Eingriff fand in der Klinik statt, die sie nun wieder aufsucht, berichten die Ärzte um Wafaa Ghazali im "Journal of Medical Case Reports".

Im Ultraschall sehen sich die Mediziner den Knoten genauer an: So wie sich die Veränderung dort darstellt, erscheint ein Tumor unwahrscheinlich, ist aber nicht völlig auszuschließen. Vermutlich ist der Knoten aber die Folge einer Infektion und der darauf folgenden Entzündung.

Zehn Tage Antibiotika, keine Besserung

Mit einer Nadel versuchen die Ärzte Flüssigkeit aus dem Gebilde zu saugen, doch sie können kaum etwas entnehmen. Zusammen mit einer Gewebeprobe wird die Flüssigkeit im Labor untersucht. Dort werden Bakterien der Art Staphylokokkus aureus nachgewiesen. Auch zeigt sich, dass viele Immunzellen in das Gewebe eingewandert sind, was für eine Entzündung spricht.

Die Patientin erhält zwei Antibiotika, die sie die kommenden zehn Tage einnimmt. Doch der Knoten verschwindet nicht.

Ist es doch ein Tumor? Dann handelt es sich wahrscheinlich um ein sogenanntes Fibroadenom, eine gutartige Geschwulst. Bösartige Tumoren in der Brust entstehen bei Kindern und Jugendlichen extrem selten.

Jetzt ist eine OP nötig

Die Ärzte entscheiden sich für eine Operation. Durch einen Schnitt um die Brustwarze herum wollen sie die Geschwulst entfernen. Während der OP wird ihnen schnell klar, dass sie es nicht mit einem Fibroadenom zu tun haben. In der Struktur ist ein Teil als Zyste abgekapselt. Dieser wohl mit Flüssigkeit gefüllte Hohlraum scheint an der darunter liegenden Rippe zu kleben. Als die Ärzte die Zyste öffnen, tritt tatsächlich trübe Flüssigkeit aus, die sofort für Tests ins Labor geschickt wird.

Doch das ist nicht alles, was die Mediziner vorfinden. In der Zyste steckt ein langer, dünner Metalldraht, der sich synchron mit dem Herzschlag des Mädchens bewegt.

Die Ärzte ziehen sofort einen Herzchirurgen zur OP hinzu. Der kann erklären, um was es sich bei dem Fund handelt - eine sogenannte temporäre Schrittmacherelektrode. Solche Drähte können bei Operationen am offenen Herzen zum Einsatz kommen, wozu das Einsetzen der Herzklappen zählt, das bei der Patientin vor zwei Jahren stattfand. Die Drähte werden während des Eingriffs an der Herzoberfläche befestigt und gehen von dort durch die Brust aus dem Körper heraus, wo sie an einen externen Schrittmacher angeschlossen werden.

Diese Maßnahme bringt nach solchen OPs häufig auftretende Herzrhythmusstörungen in den Tagen nach dem Eingriff schnell unter Kontrolle. Ist der Schrittmacher nicht mehr nötig, werden die Drähte meist von außen gezogen. In manchen Fällen aber kappen Chirurgen sie nur, wodurch ein Rest am Herzen befestigt im Körper verbleibt. Dies führt in den meisten Fällen nicht zu Komplikationen - manchmal aber doch wie bei dem Mädchen in Saudi-Arabien.

Der Draht wird entfernt. Die Jugendliche erholt sich nach der Operation gut. Sie kann noch am selben Tag die Klinik verlassen und bei folgenden Kontrollterminen hat sie keine Beschwerden mehr.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
1lauto 09.09.2018
1. Ein Röntgenbild
Oder das genaue Studium der Krankengeschichte hätte das Problem im Vorfeld der Operation als wenig rätselhaft gezeigt.
aliof 09.09.2018
2. Beim Lesen des Artikels
Zitat von 1lautoOder das genaue Studium der Krankengeschichte hätte das Problem im Vorfeld der Operation als wenig rätselhaft gezeigt.
.. macht es natürlich keinen Sinn, erst den Schluß (die Lösung) zu lesen und dann hinterher alles besser zu wissen. - Wobei das Röntgen von Brustgewebe meiner Kenntnis nach sogar schädlich ist , und gar bei einer 13-jährigen .
aliof 09.09.2018
3. Immer wieder bemerkenswert
.. wie spannend und nah am klinischen Alltag diese Serie uns teilhaben läßt am Schicksal von Betroffenen. Da kann man nur hoffen, im Bedarfsfall auch interessierte Behandler zu bekommen. Es macht richtig Laune darüber nachzudenken, Medizin zu studieren. - Es scheint da so zu sein, daß man am Anfang nicht weiß, was die Ursache eines Problems ist. Und wenn man hat helfen können, dann weil man etwas fand, das zuvor niemand entdeckte. Sehr brauchbar auch der Hinweis-Link zum Originalartikel, der auch ganz gut lesbar ist (in einfachem Englisch).
equigen 09.09.2018
4. Operation ohne Röntgen, CT oder MRT vorher zu machen
... kann ich mir in DE nicht vorstellen. Beim Röntgen oder CT hätte man den Draht sofort erkannt, bei MRT bin ich mir nicht sicher... Im Vergleich zu den Gefahren durch eine Operation ist die Röntgenbelastung vollkommen vernachlässigbar, CT nicht ganz, MRT wäre komplett harmlos. Kostet halt etwas mehr.
tomfroehle 10.09.2018
5.
Liest sich sehr spannend. Aus welchem Material ist denn so ein Draht? Im schlimmsten Fall wäre ein MRT ziemlich schmerzhaft oder ist das unproblematisch?
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