Körperspenden in der Medizin: Tote fürs Leben

Von Elena Bernard

Der Leichnam wird frühestens ein Jahr nach dem Tod beerdigt, das Blut durch Formalin ausgetauscht: Manche Menschen vermachen ihren toten Körper der Anatomie. Ihre Motive sind höchst verschieden und reichen von geringeren Beerdigungskosten, dem Wunsch zu helfen - bis zur Kontrolle über den Tod.

Am Seziertisch: Über das Leben lernen von den Toten Fotos
DPA

Braun-graue Leichen liegen auf Metalltischen. Je zehn Studenten stehen in weißen Kitteln um einen Tisch herum, ausgerüstet mit Skalpellen und Pinzetten. Über allem liegt ein beißender Geruch, der einem die Tränen in die Augen treibt. Für die Medizinstudenten Clara, Annika und Daniel ist die Situation nicht mehr außergewöhnlich: Seit der ersten Woche ihres Studiums stehen sie Woche für Woche im Präparationssaal der Bochumer Universitätsklinik, tragen die Haut von toten Körpern ab und legen Sehnen und Muskeln frei.

"Anfangs hatte ich Hemmungen, einen toten Körper zu berühren", sagt Annika. "Inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt und finde es spannend, alles genau zu sehen." Daniel meint: "Ich bewundere die Körperspender für ihre Entscheidung. Für uns ist es unglaublich hilfreich, dass wir an ihnen üben können, um später gute Ärzte zu werden."

Elisabeth und Heinrich Hansen* möchten jungen Medizinern diese Erfahrung ermöglichen. Die beiden werden Körperspender an der Universität Münster sein. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich nach meinem Tod noch etwas Vernünftiges machen kann", sagt Elisabeth Hansen. Ihr Mann war zunächst skeptisch, als sie ihm die Körperspende vorschlug. Er glaubte, sein alter Körper sei für die Wissenschaft nicht mehr interessant, und sorgte sich darum, wie man mit seinem Leichnam umgehen würde. "Ich wollte erst wissen, wie ich behandelt werde, wenn ich da auf dem Tisch liege."

Akribische Planung für die Zeit nach dem Tod

Das Ehepaar sprach mit Wolfgang Knabe, der an der Universität Münster für die Körperspende verantwortlich ist. Er konnte Hansen versichern, dass sein Körper respektvoll behandelt wird, und erklärte, dass gerade die Körper alter Menschen für die Präparationskurse genutzt werden. Voraussetzung: Der tote Körper darf nicht etwa durch einen Unfall verstümmelt sein, und der Spender darf nicht an einer ansteckenden Infektionskrankheit wie HIV gelitten haben.

"Zu junge Körperspender nehmen wir nicht in die Kartei auf", erklärt Knabe. "Für die Studierenden ist die Situation ohnehin belastend, und wir möchten ihnen nicht zumuten, am Leichnam eines beinah Gleichaltrigen zu präparieren." Ab etwa 50 Jahren kann man sich in Münster als Körperspender registrieren lassen.

Horst Althaus hat sich im Alter von 66 Jahren als Körperspender an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) gemeldet. Akribisch hat er die Zeit nach seinem Ableben geplant. "Die Körperspende ist das Letzte, was ich noch verfügen kann. So muss meine Lebenspartnerin nicht alles organisieren und bezahlen", meint er.

Seinen Körperspendeausweis trägt er immer bei sich. Darauf ist die Nummer des Instituts für Anatomie der RUB vermerkt, denn das muss nach seinem Tod unverzüglich benachrichtigt werden. Im Umkreis von hundert Kilometern lässt die Universität den Leichnam abholen und trägt alle Kosten für die Bestattung. Auch in Münster ist die Körperspende kostenlos.

"Ich bin nicht anwesend, weil ich in der Gefrierkammer liege"

Viele andere Universitäten erheben inzwischen allerdings einen Kostenbeitrag von den Spendern. 500 bis 900 Euro sind es an der Universität Duisburg-Essen (UDE), je nach gewünschter Bestattungsart. "Die tatsächlichen Kosten sind weit höher", erklärt Gudrun Mikus, die an der UDE die Körperspender berät. Trotz des Kostenbeitrags sei die Spendenbereitschaft aber nicht zurückgegangen, noch immer gebe es mehr Spendenwillige, als das Institut aufnehmen kann.

Für seine eigene Trauerfeier hat Horst Althaus bereits ein Abschiedsvideo aufgenommen, das mit den Worten beginnt: "Ich bin nicht anwesend, weil ich in Bochum in der Gefrierkammer liege." So intensiv wie er setzen sich nur wenige Menschen mit dem eigenen Tod auseinander. "Da ist eine innere Schwelle, die man erst überwinden muss", meint Elisabeth Hansen. "Deshalb habe ich auch lange gezögert, bevor ich es gewagt habe, mit der Universität Kontakt aufzunehmen." In ihrem Bekanntenkreis seien viele, denen sie von ihrer Entscheidung erzählt hat, vor dem Thema zurückgezuckt. "Meine beste Freundin hat plötzlich angefangen zu weinen. Sie hatte Probleme damit, dass ich erst nach Jahren bestattet werde", sagt Hansen. "Sie meinte, dann kommt ihre Trauer wieder neu auf, wenn sie gerade damit fertiggeworden ist."

Wolfgang Knabe weiß, wie belastend die Wartezeit zwischen Tod und Bestattung für viele Angehörige ist. "Wir bemühen uns, die Zeit so weit wie möglich zu verkürzen." Üblich sind rund drei Jahre, die Universität Münster versucht, auf zwei Jahre zu kommen.

Eine Rose auf dem Gräberfeld

Auch wenn die Zustimmung der Angehörigen keine zwingende Voraussetzung ist, empfiehlt Knabe allen Körperspendern, mit Familie und Freunden über ihre Entscheidung zu sprechen. "Kürzlich hat mich eine Frau angerufen, die gerade erst erfahren hatte, dass der Leichnam ihres verstorbenen Vaters an die Uni gehen soll. Sie war in Tränen aufgelöst und vollkommen erschüttert, weil ihr Vater zu Lebzeiten nie mit ihr darüber gesprochen hat. Das war für uns alle eine sehr schwierige Situation." In einem persönlichen Gespräch konnte er ihr schließlich die Ängste nehmen. "Wenn die Angehörigen eines Körperspenders aber große Probleme damit haben, verzichten wir auf die Spende", so Knabe.

Jedes Jahr gibt es eine Gedenkfeier für alle Körperspender, die im vorangegangenen Semester in Präparierkursen eingesetzt wurden. Außer den Angehörigen der Spender sind auch die Studierenden zu der Feierlichkeit eingeladen und gestalten sie zum Teil sogar mit. "Ich finde es beeindruckend, dass sich die jungen Leute dem stellen", sagt Knabe.

Den Angehörigen tut die Begegnung mit den Studierenden offenbar gut: "Für viele ist es ein erhebendes Gefühl, wenn sie von den Studierenden selbst erfahren, was die Verstorbenen ihnen ermöglicht haben", sagt Knabe. Auch der Student Daniel hat die Gedenkfeier in Bochum als wohltuend erlebt: "Jeder von uns hat eine Rose auf das Gräberfeld gelegt. So konnten wir zeigen, wie dankbar wir den Körperspendern sind. Für mich war das ein guter Abschluss."

*Namen von der Redaktion geändert

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1. Ich finde...
lequick 22.05.2013
...das ist eine gute Entscheidung. Was tot ist, ist tot. Wenn man daraus noch nutzen ziehen kann, vor allem so edlen, soll man es tun.
2. Gute Entscheidung
angularm 22.05.2013
Warum sollte mein Körper nach dem Tod verscharrt oder verbrannt werden? Wenn jemand Nutzen daraus ziehen kann, dann bitte.
3. Erfahrungen..
HäretikerX 22.05.2013
Grundsätzlich stehe ich diesem Thema positiv gegenüber! ..was jedoch, wenn.. wie in Köln geschehen, durch unfassbare Schlamperei jegliches Vertrauen zerstört wird.. Nicht nur, dass Trauerfeiern unregelmäßig stattfinden, und unpersönlich sind.. dazu zeitliche Verzögerungen bei der Information von Angehörigen auftreten, jegliche weitere Kommunikation erst auf Nachfrage erfolgt.. dann durch die Schlamperei bei der Lagerung zum Teil keine Identifizierung mehr möglich ist.. wann und wo wurde wer eíngeäschert.. wessen Grab besuchen wir eigentlich??
4. gewöhnungsbedürftig!
Spiegelleserin57 22.05.2013
Dieser Bereich ist schon gewöhnungsbedürftig. Ich selbst habe in diesem Bereich gearbeitet und muss sagen: man darf sich das nicht wie im Fernsehen dargestellt vorstellen. Ich jedenfalls möchte diesen Weg nicht gehen. Studenten können durchaus auch in den OPs sehen und lernen und auch mittlerweile multimedial. Der Sektionsbereich ist schon ein besonderer Bereich und die Leute müssen gut belastbar sein.
5. Ähnliche Erfahrungen
monolithos 22.05.2013
Zitat von HäretikerXGrundsätzlich stehe ich diesem Thema positiv gegenüber! ..was jedoch, wenn.. wie in Köln geschehen, durch unfassbare Schlamperei jegliches Vertrauen zerstört wird.. Nicht nur, dass Trauerfeiern unregelmäßig stattfinden, und unpersönlich sind.. dazu zeitliche Verzögerungen bei der Information von Angehörigen auftreten, jegliche weitere Kommunikation erst auf Nachfrage erfolgt.. dann durch die Schlamperei bei der Lagerung zum Teil keine Identifizierung mehr möglich ist.. wann und wo wurde wer eíngeäschert.. wessen Grab besuchen wir eigentlich??
Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Erst hieß es, bis zur Beisetzung dauert es 1 bis 2 Jahre. Das Leben geht weiter, also wurde die Berufs- und Urlaubsplanung daran ausgerichtet. Nach nur einem Vierteljahr war es dann plötzlich soweit, mit einer Vorwarnzeit von wenigen Tagen. Es ließ sich nichts mehr umschmeißen, und so erlebte ich die Beerdigung eines Elternteils aus tausenden Kilometern Entfernung. Die anwesende Trauergemeinschaft war ohnehin klein: Die Beisetzung (zusammen mit anderen Spendern bzw. deren Angehörigen) war an einem Werktag, wo sich kaum jemand so schnell die Zeit freischaufeln konnte. An sich ist das Ganze ja wirklich eine gute Sache, aber von Seiten der Universitäten fehlt es hier eindeutig an organisatorischer Sensibilität gegenüber den Angehörigen. Für die ist das Ganze nämlich nicht Alltag. Wenigstens Mitspracherecht wäre schön gewesen.
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Zur Autorin
  • Elena Bernard
    Elena Bernard studiert Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund und arbeitet als freie Journalistin. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich Biowissenschaften und Medizin.

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