Ein rätselhafter Patient: Vorhofflimmern aus der Dose

Supermarktregal in den USA: Energy-Drinks enthalten meist große Mengen Koffein Zur Großansicht
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Supermarktregal in den USA: Energy-Drinks enthalten meist große Mengen Koffein

Ein Teenager kommt mit Herzstolpern in die Notaufnahme. Herzkrank war er bislang nie, die Ärzte rätseln über die Ursache. Erst die Frage nach den kulinarischen Vorlieben des Jungen führt die Mediziner zur Lösung des Falls.

Das Herz rast und stolpert mit einem Mal, dabei ist der Junge sonst gesund. Der 14-Jährige hat zwei Stunden zuvor an einem Wettrennen teilgenommen, wegen des Herzstolperns kommt er ins Krankenhaus der Stony Brook University auf Long Island im US-Bundesstaat New York.

Der Junge hat keine chronischen Krankheiten, die sein Herzrasen erklären würden. Kinder, die mit Fehlbildungen der Herzgefäße oder der Scheidewände zwischen rechtem und linkem Herzen geboren werden, leiden häufig auch unter unregelmäßigem Herzschlag oder Herzrasen. Doch der Ultraschall des Teenagers, über den die New Yorker Ärzte im "Journal of Medical Case Reports" berichten, zeigt nichts Auffälliges.

Bei etwa 130 Herzschlägen pro Minute hören die Ärzte mit dem Stethoskop ein leises Herzgeräusch. Das EKG ist beunruhigend, es zeigt nicht die rhythmische Erregung der Herzvorhöfe an, von denen der elektrische Impuls normalerweise an die Herzkammern weitergeleitet wird. Stattdessen "flimmern" die Vorhöfe elektrisch, eine häufige Erkrankung bei älteren Patienten - nicht aber bei gesunden Teenagern.

Den vom Vorhofflimmern verursachten unregelmäßigen Herzschlag spüren die Patienten als Stolpern, Aussetzer, Schwindel, dauernde Müdigkeit. Auch eine Ohnmacht kann dazukommen.

Wenn Kinder Koffein schlucken

Die Ärzte fragen den Teenager nach anderen möglichen Ursachen für seine Beschwerden. Doch der Junge war kurz vor dem Wettrennen nicht krank, hatte auch keine Drogen genommen. Allerdings gibt er an, am Tag vor dem Rennen Energy-Drinks getrunken zu haben. Wie viele es genau waren, weiß er nicht mehr. Er kann sich aber an ein ähnliches Herzrasen erinnern, das bereits Tage zuvor aufgetreten war - ebenfalls nach dem Genuss einer Dose der Limonade mit extrem viel Koffein.

Die Kinder-Kardiologen behandeln den Teenager mit dem Medikament Digoxin, das den Herzschlag bremst. Tatsächlich hat der Junge bereits nach der ersten Dosis wieder ein normales EKG und sein Herz schlägt regelmäßig, mit normaler Geschwindigkeit.

Die Mediziner der Stony Brook University berichten in ihrem Fachartikel noch von einem weiteren Teenager, der nach einem Mix aus Wodka und Energydrink ebenfalls wegen Herzrhythmus-Störungen behandelt werden musste. Insgesamt, so schreiben sie, häuften sich die Fälle von Kindern, die wegen großer Mengen Koffein zum Arzt müssen.

Tödliche Koffeindosis für einen gesunden Erwachsenen
Getränk Frau (60 Kg) Mann (85 kg)
Kaffee 84 Tassen 119 Tassen
Tee 192 Tassen 272 Tassen
Coca-Cola 87 Liter 112 Liter
Red Bull 28 Liter 40 Liter
Espresso 3 Liter (117 Tässchen) 4 Liter (166 Tässchen)
Tödliche Dosis beim Verzehr innerhalb von 24 Stunden.
Die Ärzte führen die steigenden Zahlen auf die beliebten Energy-Drinks zurück. In den letzten Jahrzehnten sei dadurch der Koffeinkonsum von Kindern und Jugendlichen enorm gestiegen. Die in den Energy-Drinks enthaltene Menge an Koffein sei sehr unterschiedlich, Grenzen für den Koffeingehalt gebe es kaum.

Auch in Deutschland gibt es große Unterschiede beim Koffeingehalt der Energy-Drinks: Die Zeitschrift "Ökotest" fand 2007 zwischen 24 und 32 Milligramm Koffein in 100 Millilitern. Bei Dosengrößen von einem Viertelliter und mehr ergibt das deutlich mehr Koffein als in einer Tasse Kaffee oder einem Glas Cola. In Deutschland ist bei Getränken mit mehr als 15 Milligramm Koffein in 100 Millilitern ein Warnhinweis für Kinder, Schwangere und Stillende verpflichtend.

dba

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Energydrinks - Herzflimmern
Ophelie 19.06.2012
Erst vor einer Woche ist ein junger Mann aus unserem Bekanntenkreis, Mitte Zwanzig, mit dem Elektroschocker wieder aus der Bewußtlosigkeit geholt worden. Er hatte nach einer durchfeierten Nacht reichlich Kaffee getrunken, dann noch Energydrinks konsumiert und ist nach 2 Stunden Sport zusammengebrochen.
2.
spon-facebook-10000055335 19.06.2012
Zitat von OphelieErst vor einer Woche ist ein junger Mann aus unserem Bekanntenkreis, Mitte Zwanzig, mit dem Elektroschocker wieder aus der Bewußtlosigkeit geholt worden. Er hatte nach einer durchfeierten Nacht reichlich Kaffee getrunken, dann noch Energydrinks konsumiert und ist nach 2 Stunden Sport zusammengebrochen.
Über Nacht 4-5 Liter Energy getrunken...nix passiert...
3. Supermarkt führt 30 Sorten Energymüll
Thorongil 19.06.2012
Gestern beim Einkaufen mal durch die Getränkeabteilungg estolpert, ich dachte ich spinne, eine ganze Regalwand voll nur mit diesem Energydrink-Müll. Das wird scheinbar richtig gut gekauft, nicht nur zum mal beim Party machen ein paar Jägermeister-Red-Bull zu bauen (was trinkt man nicht alles, wenn Jacky und Asbach leer sind), sondern die Jugendlichen trinken das scheints den ganzen Tag über. Naja, rein damit, ADHS muss ja auch irgendwoher kommen....
4. welch Neuigkeiten . . .
dr.joe.66 19.06.2012
In Cola ist Zucker? Echt? Energy Drinks sind gar nicht so gesund? Wirklich? Herr Hipp ist gar nicht der tolle Öko-Onkel? Zuviel Essen macht dick? Der Döner für 1 Euro ist mit Billigfleisch? MacDo, Nestle und Co. wollen gar nicht unsere Welt verbessern sondern Geld verdienen? Für die meisten scheinen das ja echte Neuigkeiten zu sein. Ich habe noch eine Neuigkeit für uns alle: Frische Sachen kaufen, selbst zubereiten, und vor dem Spiegel und beim BMI ehrlich sein. Das ist vielleicht anstrengender als Whopper und Co. - aber es schmeckt besser, probiert es aus!
5. Jede Zeit hat ihre Mittel...
earl grey 19.06.2012
Zitat von ThorongilDas wird scheinbar richtig gut gekauft, nicht nur zum mal beim Party machen....
Jede Zeit hat ihre Mittel... Ich habe mich in meiner holden Jugend Anfang der 1970er Jahre mal rund 1 Woche durchgehend wach gehalten - damals hießen die Zaubermittel Captagon, Kattowitt oder AN1. Hab´s auch überlebt. Also immer schön locker bleiben...
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.


Ernährung: Vorsicht Überdosis!
Koffein
Zu viel Koffein führt zu Herzrasen, Herzrhythmus-Störungen, Schwindel, Angst oder Panik. Der Körper kann sich an Koffein gewöhnen, wenn regelmäßig viel Kaffee, Cola oder Energy-Drinks getrunken werden. Doch auch diese Gewöhnung hat Grenzen.
Lakritz
Aus dem Saft der Süßholzwurzel wird Glycyrrhizin gewonnen, der Wirkstoff in Lakritzprodukten. Deutlich zu viel Lakritz kann Bluthochdruck, Muskelschmerzen und Muskelschwäche auslösen. Wer ständig große Mengen vertilgt, der muss sogar mit Auswirkungen auf das Hormongleichgewicht rechnen, denn Lakritze können in den Kreislauf des Kortisons eingreifen. Die Therapie ist einfach: Eine Lakritzpause sorgt für Abhilfe. Eine akute Überdosis kann allerdings auch zu einem Kalium-Mangel mit ernsten Konsequenzen führen, es drohen Herzrhythmusstörungen. Wer sich nach übermäßigem Lakritzgenuss unwohl fühlt, sollte also in jedem Fall einen Arzt aufsuchen.
Süßstoffe
Zuckerersatzstoffe wie Acesulfam, Aspartam, Cylamat oder Saccharin können in großer Menge Durchfall auslösen. Der Darm kann die gegessene Süßstoffmenge nicht komplett aufnehmen. Dadurch bindet der Süßstoff im Darm Flüssigkeit, wodurch auch der Stuhlgang flüssig wird, es kommt zum Durchfall.

Verschiedene Süßstoffe standen im Verdacht, das Risiko für bestimmte Krebsarten zu erhöhen. Auch für Allergien oder Migräne wurden sie verantwortlich gemacht. All diese Vermutungen konnten in Studien nicht belegt werden.
Alkohol
Ein kleiner Rausch ist lustig - zu viel Alkohol überhaupt nicht. Alkohol überlastet auf Dauer die Entgiftungsfunktion der Leber, er verändert die Blutbildung, schädigt ein ungeborenes Kind. Auch auf das Zentrale Nervensystem wirkt sich das Suchtmittel negativ aus: Wer sich betrinkt ist enthemmt, möglicherweise aggressiv und bekommt Sprach- und Koordinationsstörungen. Eine akute Alkoholvergiftung kann tödlich enden. Auf Dauer schrumpft das Gehirn, das Gedächtnis funktioniert immer schlechter, Demenz und Wahnvorstellungen können die Folge sein.