Junge Patienten Wenn Kindern der Kopf schmerzt

Kinder und Jugendliche klagen immer häufiger über Kopfschmerzen. Was hilft, um dem Leiden vorzubeugen? Und wie lässt sich die Pein lindern, wenn sie akut auftritt?

Von

Kopfweh: Mädchen haben häufiger Migräne als Jungen
Corbis

Kopfweh: Mädchen haben häufiger Migräne als Jungen


Stress in der Schule, Spannungen in der Familie, viel Zeit vorm Bildschirm - und kein Sport: Das sind ein paar der Ursachen, die bei Kindern und Jugendlichen Kopfschmerzen verursachen.

"Immer mehr Kinder und Jugendliche klagen über Spannungskopfschmerzen oder Migräne sowie über die vielen Mischbilder aus beidem", sagt Florian Heinen, Leiter der pädiatrischen Neurologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU in München. Zwar treten beide Kopfschmerzformen heute nicht häufiger auf als früher. Aber sie treffen nach Aussage des Experten öfter junge Menschen. Häufig leiden die Betroffenen gleichzeitig unter Bauchweh oder Rückenschmerz.

Experten gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der Kinder und 24 Prozent der Jugendlichen unter Spannungskopfschmerz leiden. Migräne trifft unter drei Prozent der Kinder unter zwölf Jahren. Circa acht Prozent der Jungen sowie 14 Prozent der Mädchen über zwölf Jahren leiden an diesem Kopfschmerz. Mädchen sind häufiger betroffen, da Hormonschwankungen eine Migräneattacke auslösen können.

Eine Münchner Studie kam sogar zum Schluss: Nur 17 Prozent der 15-Jährigen haben keine Kopfschmerzen. Zehn Prozent leiden unter Migräne, 50 Prozent unter Spannungskopfschmerz und 20 Prozent unter Mischformen aus beidem.

Die Veranlagung zur Migräne wird vererbt. Das Nervensystem nimmt Reize schnell auf und leitet Reaktionen ein. Reizüberflutung führt zu Kopfschmerzen. Bei der Entstehung von Spannungskopfschmerz spielen wohl Stress und Druck eine große Rolle.

Dass sich viele Schüler gestresst fühlen, bestätigt unter anderem eine Befragung von Gymnasiasten in Bayern. Sie sahen die Zeit der Woche, die nicht durch Aktivitäten verplant war, als deutlich zu gering zur Erholung an. "Es bleibt keine Zeit in der gesunde Langeweile stattfinden kann. Dem Gehirn fehlt die schöpferische Pause", sagt Heinen.

Viele Jugendliche treiben zudem zu wenig Sport. "Insbesondere Ausdauersport könnte Migräneattacken vorbeugen. Doch viele Betroffene empfinden ihn als eher langweilig", erzählt Heinen.

Was Kopfschmerz zusätzlich befördern kann:

  • Schlafmangel,
  • Nikotin,
  • mehr als vier alkoholische Getränke pro Woche,
  • viel Koffein, etwa in Form von Energydrinks.

Heinen erklärt, dass zudem Jugendliche, die in der Schule unbeliebt sind oder sogar gemobbt werden, häufiger von Kopfweh geplagt werden. "Ein Mangel an sozialer Anerkennung ist ein ganz wichtiger Faktor bei all jenen Jugendlichen, die häufiger Kopfschmerzen haben."

Fühlen sich Kinder durch überzogene Erwartungen ihrer Eltern unter Druck gesetzt, kann das ebenfalls den Kopfschmerz befeuern.

Wer viel fernsieht, Videospiele spielt und ständig auf Smartphone oder Tablet starrt, hat auch öfter Kopfweh, sagt Hans Christoph Diener, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Essen.

Erklären, wie der Schmerz entsteht

Für Kinder und Jugendliche hat insbesondere Migräne mit ihren Begleitphänomenen wie Sehstörungen etwas Beängstigendes an sich. Deshalb ist es wichtig, zunächst einmal zu klären, was bei Kopfschmerzen passiert und, wodurch sie begünstigt werden. Eine einstündige Schulung zu Risikofaktoren und Tipps zur Bekämpfung der Kopfschmerzen von Jugendlichen kann nach Aussage des Münchner Neurologen Andreas Straube die Häufigkeit von Kopfschmerzen deutlich mindern.

Bei Spannungskopfschmerzen sollte man versuchen, ohne Medikamente auszukommen. Bei leichten Migräneattacken können bereits eine Reizabschirmung, Kühlung mit einem kalten Waschlappen, Pfefferminzöl oder ein kurzer Schlaf die gewünschte Besserung herbeiführen. "Bei 40 Prozent der Betroffenen reicht ein zweistündiger Schlaf", sagt Diener.

Braucht das Kind eine Schmerztablette, ist sowohl bei Spannungskopfschmerz als auch bei Migräne laut Diener Ibuprofen das Mittel erster Wahl. Kinder sollten aber nicht häufiger als an zehn Tagen im Monat Ibuprofen einnehmen, um nicht einen schmerzmittelinduzierten Kopfschmerz hervorzurufen. Außerdem kann das Schmerzmittel Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Weiterhin gibt es das - in höherer Dosierung leberschädigende - Paracetamol sowie Aspirin für Jugendliche.

Die bei Migräne eingesetzten Triptane können jugendliche Betroffene an höchstens zehn Tagen im Monat einnehmen. Sie wirkten erst ab der Pubertät, sagt der Neurologe.

Am besten beugt man Migräneattacken vor und versucht, etwaige Auslöser wie etwa Schlafmangel zu vermeiden. Regelmäßiger Ausdauersport wirkt sich langfristig sehr positiv aus. Zusätzlich können Biofeedback, Stressbewältigungsverfahren und Entspannungstechniken helfen - das gilt auch bei Spannungskopfschmerz. Physiotherapie ist besonders bei verspannten Muskeln geeignet. Prophylaxe-Medikamente wie etwa Betablocker oder Kalziumantagonisten sind nicht unkritisch zu sehen. Den größten Effekt hat laut Diener die Kombination aus Medikamenten und nicht-medikamentösen Verfahren.

Ein kleiner Trost für junge Migräne-Patienten: Bei zwei von drei, die in der Pubertät unter dieser Kopfschmerzform leiden, wächst sich das schnell aus. Lediglich die Hälfte von ihnen entwickelt im älteren Erwachsenenalter wieder eine leichte Migräne.

Spannungskopfschmerz oder Migräne?

"Typischerweise klagen Kinder mit Spannungskopfschmerz und spielen weiter", sagt Neurologe Hans Christoph Diener. Sie haben beidseitige Schmerzen leichter bis mittlerer Stärke, die sich bei körperlicher Betätigung nicht verschlimmern. Der Schmerz wird als dumpf und ziehend beschrieben. Betroffene Kinder und Jugendliche können noch am Schulunterricht teilnehmen. Übelkeit und Erbrechen treten nicht auf.

Kinder mit Migräne müssen sich dagegen übermüdet ins Bett legen und schlafen. Wenn sie wieder aufwachen, ist die Migräne oftmals weg. Typisch sind Erbrechen und Übelkeit, beidseitiger Kopfschmerz, der als Stirndruck wahrgenommen werden kann, und plötzlich auftretender Schwindel. Beschwerden verschlimmern sich bei geringer Aktivität wie Treppensteigen. Licht- und Lärmempfindlichkeit treten auf. Die Attacken dauern etwa ein bis vier Stunden.

Diener rät davon ab, die Diagnose mit einer Magnetresonanztomografie abzusichern. Die werde oft eingesetzt, weil Eltern fürchten, die Kopfschmerzen könnten durch einen Gehirntumor verursacht sein. "Wenn Kinder zusätzlich zu den Kopfschmerzen über Übelkeit und Erbrechen klagen, ist das ein Hinweis auf Migräne“, sagt der Essener Neurologe.

Alarmsignale sind dagegen Kopfschmerzen, die nachts beginnen, Nüchtern-Erbrechen, zunehmender Schmerz und plötzlich starke Schmerzen ungewöhnlicher Intensität sowie epileptische Anfälle. Das Risiko, bis zum 16. Lebensjahr einen Gehirntumor zu entwickeln, beträgt 0,04 Prozent.

Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bob in HH 25.08.2015
1. Atlaskorrektur als häufige Lösung
Die Atlasprofilax-Anwendung kann oft helfen!
Cotti 25.08.2015
2.
Die Werbung weiß Rat - Schmerzmittel, die "auf die Bedürfnisse von Kindern optimal abgestimmt sind".
Lügenimperium 25.08.2015
3. Zucker? Gift?
Sucht man auf der Seite nach Zucker - kommt nicht vor. Dabei sind v.a. wir Deutschen so fett wie niemand sonst in Europa. Und die Kinder auch. Und zu viel Zucker gibt einen schlechten Darm, Pilze und Parasiten können sich leichter ausbreiten und gute Darmbakterien werden zurückgedrängt. Giftige Substanzen können weniger gut abgebaut werden und neue giftige Substanzen bilden sich. Dazu kommt, dass bei genügend Zucker bestimmte Aminosäuren mit dem Zucker vermehrt ausgeschieden werden. Und unsere Nahrung, v.a. billige, ist mittlerweile grob gesagt überzüchtet, nährstoffarm und dafür voll mit Umweltgiften. Nicht nur das, Huhn und Schwein sind i.d.R. voller Keime, die multiresistent sind. Kauft man nicht regional und frisch, dann bekommt man nur noch "Essen", das nicht für den Menschen gemacht wurde sondern für eine lange Haltbarkeit in Supermarktregalen bei geringsten Kosten. Wer Migräne hat soll sich einen Einlauf verpassen und 20 Minuten später darüber wundern, dass die Schmerzen viel besser sind. Aber damit lässt sich kaum Geld verdienen, lieber MRT, CT und diverse Mittel, die nicht helfen obwohl sie teuer sind.
hschmitter 25.08.2015
4.
10 Tage im Monat Ibuprofen für Kinder? In welcher Dosis, steht hier natürlich nicht. Gibt es Untersuchungen (ernstunehmende) über Auswirkungen einer solch hohen Dosis bei Kindern? Oder hat man sich das von den Erwachsenen einfach zurechtgerechnet? Klare Ansage wäre ja wohl eher an die Eltern, mal das Leben der Kinder ruhiger und selbstständiger zu gestalten - nicht von A nach B ohne Pause transportiert zu werden, dort wieder 100% zu geben, dann schnell von B nach C - 24/7 ist nicht das, was der Mensch braucht.
Ureinwohner2.0 25.08.2015
5. Sicher hilft artgerechte Kinderhaltung...
... artgerechte Viehhaltung ist in aller Munde. Artgerechte Menschenkindshaltung ist in fast keinerleis Munde. Wie verhalten wir Menschen uns artgerecht??? Wer hinterfragt das? Antworten geben uns ausschließlich Studien bei den Naturvölkern Papuas, Südamerikas, Polynesiens, ... Die Westeuropäisch-angloamerikanischen Studienen verraten uns nur das "zivilisatorisch" beigebrachte Verhalten domestizierter Menschenkinder- Oh jeh, die "Verhausschweinung" der Menschen, prognostiziert vom Vater der Verhaltenforschung Prof.Konrad Lorenz, ist schon seeeehhhr weit vorangeschritten. Und greift nun auch noch die Vorhersage des nächsten Nobelpreisträgers deutscher Nation (Albert Einstein), dann ist an der Vernunft der Subspecies Homo s. sapiens sehr zu zweifeln. Lasset uns in Verblödung untergehen. ;-((
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.