Krätze Kleine Milben, großes Jucken

In Deutschland steigt die Zahl der Krätzefälle. Was die Krankheit auslöst, wie Ärzte sie erkennen und behandeln - der Überblick.

Krätzmilbe (Illustration)
UIG via Getty Images

Krätzmilbe (Illustration)

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Es juckt fürchterlich - besonders nachts. Wenn sich Krätzmilben in der Haut einnisten, graben sie dort kleine Gänge. Das Immunsystem reagiert auf die Parasiten und ihre Ausscheidungen, wodurch die Haut brennt und juckt. Manchmal sind kleine Bläschen und Knötchen auf der geröteten Haut zu sehen.

Die Krätze, auch Skabies genannt, scheint in Deutschland seit einigen Jahren immer häufiger aufzutreten. In diese Richtung deuten steigende Verschreibungszahlen von Medikamenten, mit denen der Parasitenbefall bekämpft wird. Kürzlich berichtete etwa die Barmer-Krankenversicherung, dass die Zahl der Verordnungen von rund 38.000 im Jahr 2016 auf rund 61.000 im Jahr 2017 gestiegen ist. Schon seit mehreren Jahren gehen die Verordnungszahlen stetig in die Höhe.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Hautkrankheit

Was löst die Krätze aus?

Verursacher der Krankheit ist die sogenannte Krätzmilbe - ein winziges Spinnentier, das nur den Menschen befällt. Weibchen sind mit bloßem Auge gerade noch sichtbar, sie können bis zu einem halben Millimeter groß werden, heißt es in der medizinischen Leitlinie zur Behandlung der Krankheit. Männliche Krätzmilben sind kleiner.

Am liebsten lassen sich die Parasiten zwischen Fingern und Zehen, in Ellenbogen oder Achselhöhlen, an Leiste oder Knöcheln oder im Genitalbereich nieder, weil dort die Hornhautschicht dünn ist. Die Weibchen legen ihre Eier in dem System kleiner Tunnel ab, das sie gegraben haben. Nach nur zwei bis drei Tagen schlüpfen Larven, die sich wiederum ein Plätzchen suchen und nur zwei bis drei Wochen später geschlechtsreif sind.

Von Krätzmilben gegrabene Gänge (Illustration)
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Von Krätzmilben gegrabene Gänge (Illustration)

Was sind typische Symptome?

Starker Juckreiz, der bei Wärme weiter zunimmt, ist das auffälligste Merkmal der Krätze. Deshalb leiden Betroffene besonders nachts unter der warmen Bettdecke. Rötungen, Bläschen, schuppende Haut - meist verursachen die Milben auch solche Hautveränderungen.

Wie kann man sich mit der Krätze anstecken?

Damit die Milben von einem Menschen zu einem anderen wandern, ist in der Regel längerer Hautkontakt von mindestens fünf Minuten nötig. Ein Händeschütteln oder eine kurze Umarmung reichen nicht aus, auch beim Sitznachbarn im Bus wird man sich kaum anstecken. Ebenso ist eine Infektion über Kleidungsstücke oder Bettwäsche sehr unwahrscheinlich.

Meist verbreitet sich die Krätze unter Menschen, die sich sehr nahe sind und kommen: also unter Partnern, Eltern und Kindern, Pflegebedürftigen und Pflegenden.

Ausnahme ist einer Sonderform der Krankheit, die sogenannte Borkenkrätze: Davon betroffen sind in aller Regel Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem. Auf ihrer Haut können sich dann Zigtausende oder sogar Millionen von Krätzmilben ansiedeln. Die Patienten sind hochansteckend, warnt das Robert Koch-Institut.

Zum Vergleich: Bei der gewöhnlichen Form der Krätze leben meist nur etwa zehn eingegrabene Milbenweibchen auf einem Patienten, heißt es in der Leitlinie. Das reicht aus, um den starken Juckreiz zu provozieren.

Weil es die Immunantwort ist, die das Jucken verursacht, haben die von der Borkenkrätze Betroffenen meist weniger oder keinen Juckreiz. Aber auf ihrer Haut sieht man starke Verhornungen, Rötungen und Schuppungen - oft auch im Gesicht und auf der Kopfhaut.

Ob sich jemand mit der Krätze ansteckt oder nicht, hat nichts mit Hygiene zu tun. Regelmäßiges Händewaschen schützt vor vielen Krankheitserregern und ist besonders in der Erkältungssaison dringend angeraten. Aber die Milben, die sich in die Haut eingegraben haben, kann man mit Wasser und Seife nicht bekämpfen.

Wird jemand erstmalig von Krätzmilben befallen, dauert es zwei bis fünf Wochen, bis die ersten Symptome zu spüren sind. Das Problem: Schon vor dem Eintritt der Beschwerden sind die Betroffenen ansteckend. Bei weiteren Infektionen treten die Symptome wesentlich schneller wieder auf, und zwar bereits nach wenigen Tagen.

Wie wird die Krätze diagnostiziert?

  • Klagt jemand insbesondere nachts über sehr starken Juckreiz,
  • zeigen sich typische Hautveränderungen an den von Milben bevorzugten Stellen,
  • sind vielleicht auch noch Familienmitglieder betroffen,

dann kann man vermuten, dass es sich um die Krätze handelt.

Doch es gibt andere Hautkrankheiten mit ähnlichen Symptomen, also geröteter, schuppender, fleckiger oder gereizter Haut. Ärzte versuchen mithilfe einer Lupe oder eines Mikroskops die Milben, ihre Eier oder ihre charakteristischen Gänge zu entdecken, um die Diagnose zu sichern. Dafür schaben sie mit einem scharfen Instrument vorsichtig über die betroffenen Hautstellen. Oder sie bekleben vermutete Gangöffnungen mit einem Klebeband, auf dem Teile der Milbenhügel haften bleiben und unter dem Mikroskop betrachtet werden können.

Wie wird die Krätze behandelt?

Um die Krankheit loszuwerden, muss man die Milben sowie alle Larven und Eier töten. Dies gelingt entweder mithilfe einer Salbe oder von Tabletten. Oft reicht ein einmaliges Eincremen des gesamten Körpers aus, um die Krätze zu beenden. Laut einer aktuellen Auswertung der Cochrane Collaboration sind Salben mit den Wirkstoffen Permethrin oder Ivermectin ähnlich effektiv und arm an Nebenwirkungen wie Ivermectin-Tabletten.

Wer engen körperlichen Kontakt mit einem Patienten hatte und sich möglicherweise angesteckt hat, sollte in den kommenden Wochen längeren, engen Körperkontakt vermeiden - und eine Arztpraxis aufsuchen, falls sich die typischen Symptome zeigen.

Weil es möglich ist, dass Milben in der Kleidung, in Bettwäsche, Handtüchern oder auch auf Stofftieren sitzen, sollten diese bei mindestens 50 Grad gewaschen werden. Alternativ lagert man die möglicherweise befallenen Stücke für drei Tage in einem Plastiksack.

Wo besteht ein erhöhtes Risiko, dass sich die Krätze verbreitet?

Weil die Milben dort wandern, wo längerer Körperkontakt stattfindet, kann es etwa in Kitas, Pflegeheimen oder Krankenhäusern zu Ausbrüchen kommen. Bei der Therapie kann es dort zum Beispiel vorkommen, dass Ärzte raten, Kontaktpersonen zeitgleich mit den Erkrankten zu behandeln.

In ihrer Leitlinie weisen die Hautärzte darauf hin, dass das Risiko von Krätze-Ausbrüchen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünften für Geflüchtete gering ist, weil Flüchtlinge in der Regel kein geschwächtes Immunsystem haben und intensiver Hautkontakt meist nur in Familien stattfindet.

Warum scheint die Krankheit in Deutschland häufiger zu werden?

Wie viele Krätze-Fälle es hierzulande gibt, lässt sich nicht leicht beantworten. Meldepflichtig ist die Krankheit nur, wenn sie in Gemeinschaftseinrichtungen auftritt.

  • Laut RKI gab es im Jahr 2010 in Krankenhäusern 757 Fälle,
  • im Jahr 2015 waren es 2773.
  • Allerdings: Im Jahr 2000 wurden 2727 Fälle gemeldet,
  • Anfang der Neunziger gab es zum Teil sogar mehr als 4000 Fälle jährlich.

Das illustriert ein Phänomen der Krankheit: Die Häufigkeit scheint regional in langjährigen Zyklen zu schwanken.

Anton Aebischer vom RKI ordnet deshalb die steigenden Verschreibungszahlen, die die Barmer berichtet hattet, im Bereich dieser Schwankungen ein. Im ungünstigsten Fall, nämlich wenn jede Verschreibung einem Patienten entspräche, wären es knapp 660 Fälle pro 100.000 Versicherten. Vergleichbare Daten aus Großbritannien zeigten regional jährliche Fallzallen von 200 bis zu über 700 pro 100.000 Einwohner in langjährigen Zyklen.

Die Gründe für diese beobachteten Ab- und Zunahmen sind leider bisher nicht bekannt. Es gibt laut Aebischer verschiedene Vermutungen, etwa dass ein besseres Bewusstsein für die Krankheit dazu führt, dass sie häufiger diagnostiziert wird. Aber keine der Vermutungen ist bisher wissenschaftlich belegt.



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