Kranke Flüchtlinge: Nach der Behandlung droht die Abschiebung

Keine Krankenversicherung, keine gültigen Papiere: Viele Ausländer können nicht einfach zum Arzt gehen. Zu Schmerzen und psychischem Leid kommt die Angst vor Schulden oder der Abschiebung. Die Versorgung von Hunderttausenden hängt oft vom Zufall ab.

Krank in Deutschland: Migranten und Flüchtlinge ohne Schutz Fotos
DPA

Somchai* schlägt nach der ersten Operation seines Lebens die Augen auf, sein Zimmer ist voller Polizisten, die in einer Leipziger Klinik seine Sachen durchstöbern. Seit eineinhalb Jahren ist der 31-jährige Thailänder in Deutschland. Um nicht aufzufliegen, wartete er viel zu lange, bis er sich zum Arzt traute. Jetzt sind die Beamten da. Somchai ist einer der vielen Migranten, für die der Gang zum Arzt Luxus und Bedrohung zugleich ist.

Deutschlands Ärzteschaft zeigte sich in den vergangenen Wochen aufgeschreckt von Problemen bei der Migrantenversorgung. Die Mediziner formulierten Stellungnahmen und Beschlüsse. Denn zu ihrem offiziellen Berufsethos zählt, dass sie alle Patienten behandeln, egal woher sie kommen und warum sie krank sind. Doch vielen Flüchtlingen bleibt das Recht auf Gesundheit trotzdem verwehrt.

In Leipzig gingen die Polizisten wieder, Somchai blieb in der Klinik. Er fühlte sich schlecht. "Ich hatte vor allem Angst", erzählt er. Was die Ärzte sagten, verstand er nicht. Er dachte, die Ärzte hätten seinen Blinddarm herausgenommen.

Nach der Tuberkulose-Behandlung droht die Abschiebung

Zwei Wochen nach dem Eingriff, erzählt er, sei er auf eine Polizeiwache gebracht worden. Fingerabdrücke musste er abgeben. Dann kam er in ein Heim. Was das für eines war, weiß er nicht. "Eine Heimmitarbeiterin sah, wie blass und schwach ich war." Sie brachte den Thailänder erst in eine andere Klinik - sechs Wochen nach der OP kam er dann in ein Krankenhaus nach Berlin. Erst hier eröffnete eine junge Ärztin dem Patienten mit Hilfe einer Dolmetscherin die schockierende Wahrheit: Er hat Tuberkulose und eine HIV-Infektion.

Somchai liegt in einem hellen Zimmer, die Balkontür ist offen. Eine Oase der Friedlichkeit und Freundlichkeit auf Somchais Leidensweg. Das Gesundheitsamt bezahlt seine Tuberkulose-Behandlung - aus Gründen des Seuchenschutzes.

Sollen Menschen wie Somchai in Deutschland eine Behandlung bekommen? Beim letzten Ärztetag fassten die Mediziner Ende Mai mehrere Beschlüsse zum Thema. "Akut erkrankte Flüchtlinge zu versorgen, ist eine Aufgabe aller Ärztinnen und Ärzte", mahnten die Delegierten.

200.000 bis 600.000 Menschen sollen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland sein. Ausdrücklich wies der Ärztetag aber auch auf das wachsende Problem nicht ausreichend versicherter EU-Bürger hin. Was das bedeutet, ist am besten bei der Malteser Migranten Medizin (MMM) zu verstehen.

Der Geburtsplatz in der Klinik kostet 2500 Euro

Die größte dieser bundesweit zwölf Ambulanzen befindet sich im Westen Berlins. Pro Jahr kommen derzeit rund 11.000 Patienten, meist ohne Versicherungsschutz. Fünf Frauen aus Rumänien sitzen im Wartezimmer, in eine lebhafte Unterhaltung in ihrer Landessprache vertieft. Kinderwagen stehen da, ein paar Kinder sitzen auf dem Schoß.

Der 27-jährige Sevdalin ist mit seiner schwangeren Frau Julia da. Das Paar stammt aus dem bulgarischen Warna am Schwarzen Meer. Mit prima Wetter, wie sie sagen, aber ohne Jobs. "Hier arbeite ich auf Baustellen und verdiene mal 500, mal 600 oder 800 Euro im Monat", sagt Sevdalin. Einen Geburtsplatz haben sie. "Das kostet 2500 Euro", stöhnt er. "Ich will es in Raten bezahlen." Die 17-jährige Aysel aus Bulgarien hat juckenden Ausschlag. Die 29-jährige Russin Jana plagen Bauchschmerzen. Ihnen allein gemein ist: Sie haben keine "AOK-Karte", wie sie sagen.

Die leitende Ärztin, Adelheid Franz, könnte woanders mehr verdienen als in der auf Spenden angewiesenen Einrichtung. "Für mich sind diese Menschen nicht arm. Sie haben es nach Deutschland geschafft und sind meist stark und klug", sagt sie.

Viel schwieriger wird es für Tausende, die vor Krieg, Gewalt oder Vergewaltigung nach Deutschland geflohen sind und nicht an körperlichen Wunden leiden, sondern unter einem Psychotrauma.

In einem ehemaligen Berliner Krankenhaus befindet sich ein Behandlungszentrum für Folteropfer. "Wir haben jede Woche zehnmal mehr Anfragen, als wir aufnehmen können", sagt Mechthild Wenk-Ansohn, die Leiteirn der Ambulanz. Im Moment gebe es viele Tschetschenen hier, die in Polizeistationen gefoltert worden seien, und Afghanen, misshandelt von der Polizei oder den Taliban. "Jeden großen Konflikt spüren wir hier." Bald kämen wohl vermehrt Syrer.

Wer es hier in eine Psychotherapie schafft, dem ist Hilfe und Abschirmung sicher. Auf einem roten Sofa sitzt eine junge Iranerin, ihre Therapeutin Susanne Höhne hört aufmerksam zu. "Ich habe meinen Mann verlassen und bin nach Deutschland geflohen", erzählt die junge Frau. "Es war sehr schwer, weil ich keinen Kontakt zu irgendjemanden aufbauen konnte. Ich habe niemandem vertraut."

Im Berliner Krankenhaus erklärt die Ärztin ihrem Patienten aus Thailand: "Die Tuberkulose-Behandlung dauert neun Monate." Dann bräuchte er eine HIV-Behandlung. Somchai kann dann aber abgeschoben werden - obwohl Aids-Kranke in Thailand geächtet sind und oft nicht ausreichend Medikamente bekommen. Wie die Behörden entscheiden, wenn Somchai einen Härtefallantrag stellt, ist offen.

*) Name von der Redaktion geändert

Von Basil Wegener, dpa

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insgesamt 36 Beiträge
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1.
enrico3000 01.07.2013
Zitat von sysopKeine Krankenversicherung, keine gültigen Papiere: Viele Ausländer können nicht einfach zum Arzt gehen. Zu Schmerzen und psychischem Leid kommt die Angst vor Schulden oder der Abschiebung. Die Versorgung von Hunderttausenden hängt oft vom Zufall ab. Kranke Flüchtlinge: Nach Behandlung droht die Abschiebung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kranke-fluechtlinge-nach-behandlung-droht-die-abschiebung-a-908710.html)
Was heisst den droht die Abschiebung? Das alles erfolgt im Rahmen gültiger Gesetze. Soll die jeder nach eigenen Gutdünken beachten oder aber auch nicht?
2. genau das ist das Problem!
Spiegelleserin57 01.07.2013
Zitat von enrico3000Was heisst den droht die Abschiebung? Das alles erfolgt im Rahmen gültiger Gesetze. Soll die jeder nach eigenen Gutdünken beachten oder aber auch nicht?
Wer die Gesetze wie auslegt , genau das ist das Problem. Es gibt nämlich Fälle die, wenn sie der Klinik als interessant erscheinen, selbstverständlich behandelt werden auch ihne direkte Abklärung der Kostenübernahme. Desweiterern werden aus sozialen Gründen immer wieder Patienten aus Krisengebieten hier auch zum Teil kostenlos behandelt. Es liegt auch an den Kliniken wie sie den Fall definieren. Humanitäre Möglichkeiten gibt es immer , wenn man will. Besonders große Kliniken sind da manchmal sehr großzügig. Alles eine Sache der Verhandlungen, eben relativ.
3. Hier wird zum Teil suggeriert, dass es
nr.42 01.07.2013
sich um normale Flüchtlinge (die auf Asyl et.c warten) handelt, aber wenn man dann weiter liest, dann stellt man fest, dass es sich wohl um ILLEGALE Einwanderer handelt. Nun ja wenn man irgendwo sich illegal aufhält, dann muss man sich doch nicht wundern, dass dann die Polizei im Krankenhaus auftaucht. Die Ärzte helfen ja in diesem Land trotzdem weiter, wo anders hätte man sie wohl gar nicht behandelt und gleich in das nächste Flugzeug gesetzt.
4.
nochmehrunsinn 01.07.2013
Zitat von sysopKeine Krankenversicherung, keine gültigen Papiere: Viele Ausländer können nicht einfach zum Arzt gehen. Zu Schmerzen und psychischem Leid kommt die Angst vor Schulden oder der Abschiebung. Die Versorgung von Hunderttausenden hängt oft vom Zufall ab. Kranke Flüchtlinge: Nach Behandlung droht die Abschiebung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kranke-fluechtlinge-nach-behandlung-droht-die-abschiebung-a-908710.html)
So traurig es ist, was wäre denn die alternative? Steuern und Krankenversicherungsbeiträge erhöhen? Und alle Einwohner (die in bitterer Armut leben) von zumeist korrupten Staaten die Ihre Verwaltung, das Gesundheitswesen etc. nicht in Griff bekommen nach Europa bzw. D. umsiedeln? Gegen eine Notfallversorgung ist ja nichts einzuwenden mehr ist aber nicht drin und wer keine Aufenthaltsgenehmigung hat muss nun mal wieder ausreisen.
5. Bei all diesen oder ähnlichen Geschichten
freidimensional 01.07.2013
Zitat von sysopKeine Krankenversicherung, keine gültigen Papiere: Viele Ausländer können nicht einfach zum Arzt gehen. Zu Schmerzen und psychischem Leid kommt die Angst vor Schulden oder der Abschiebung. Die Versorgung von Hunderttausenden hängt oft vom Zufall ab. Kranke Flüchtlinge: Nach Behandlung droht die Abschiebung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kranke-fluechtlinge-nach-behandlung-droht-die-abschiebung-a-908710.html)
taucht für die Leserschaft die Frage auf, warum so viele Leidtragende dieser Welt ausgerechnet nach Deutschland resp. Europa kommen. Illegaler Einreise folgen illegaler Aufenthalt und dann die legale Abschiebehaft und Freiflug retour auf Kosten von uns Steuerzahlern, dazwischen der Empfang von Leistungen, die hier erwirtschaftet werden müssen. Dann erlebt man noch, wie neulich in München, dass diese jungen Einwanderer den Zeigefinger in die Kamera richten und die Schuldfrage ganz eindeutig beantworten: Es ist die deutsche Regierung. Die ist es uns schuldig, dass wir hier gut unterkommen mit allem, was man so braucht als junger Mensch, und einer flotten zustimmenden Abwicklung der Einbürgerung und wenn ihr nicht spurt, bringen wir uns um! Wenn man sich nach denen richtet, wird das dicht bevölkerte Deutschland bald ein überbevölkertes sein, mit Ghettos und herumlungernden Neuankömmlingen und eben dieser Frage, warum gerade hier? Es warten viele Millionen zwischen Rumänien, Somalia und Hindukusch auf ein Schlepper-Ticket nach Westen... Ist es böse zu vermuten, dass es die Sozialregelungen sind, die nirgendwo auf der Welt so einladend sind?
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