Sepsis-Studie: Tausende Patienten sterben unnötig

Patient auf Intensivstation: Die Sepsis-Behandlung muss so schnell wie möglich beginnen Zur Großansicht
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Patient auf Intensivstation: Die Sepsis-Behandlung muss so schnell wie möglich beginnen

Bakterien fluten den Körper, das Immunsystem streikt: An einer Blutvergiftung sterben jährlich rund 60.000 Menschen in Deutschland. Doch nach SPIEGEL-Informationen könnten Tausende Sepsis-Tote noch leben - denn Patienten erhalten rettende Medikamente oft zu spät.

Bei der Blutvergiftung muss es schnell gehen: Mit Antibiotika bekämpfen Ärzte die Bakterien im Blutstrom, sie unterstützen den Kreislauf, häufig müssen sie Patienten beatmen. Erkennen die Mediziner die Gefahr schnell und bekämpfen sie den Sepsis genannten Zustand konsequent, haben Patienten eine Chance zu überleben.

Eine neue, noch unveröffentlichte Studie aus Jena zeigt jetzt, dass genau die lebensrettende Antibiotikatherapie in Deutschland häufig zu spät kommt: Viele der rund 150.000 Patienten in Deutschland, die jährlich an einer Sepsis erkranken, erhalten die Medikamente viel zu spät, berichtet der SPIEGEL aus einer noch unveröffentlichten Studie aus Jena. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Untersuchung zeigt, dass nur ein knappes Drittel der Patienten an den über vierzig untersuchten deutschen Krankenhäusern die Behandlung innerhalb der ersten Stunde bekamen, nachdem Symptome für die Blutvergiftung auftraten.

Ärzte nennen diese erste Stunde die "goldene Stunde", in der die Überlebensrate bei Patienten mit beginnendem Kreislaufversagen - dem septischen Schock - mit rund 80 Prozent am besten ist. Mit jeder weiteren Stunde, die verstreicht, sinken die Chancen der Patienten beträchtlich. Doch die Therapie begann in etwa einem Viertel der in der Jenaer Studie untersuchten Fälle erst nach ein bis drei Stunden. Dann liegt die Überlebensrate bereits nur noch bei 70 Prozent.

Sepsis - Tod im Zeitraffertempo
Wie eine Sepsis entsteht
Zu einer Blutvergiftung kommt es, wenn Bakterien, in selteneren Fällen Pilze, Viren oder Parasiten, in den Körper eindringen und der Organismus nicht in der Lage ist, die Ausbreitung der Keime zu unterbinden - weil die Erreger zu zahlreich sind, weil ihr Gift zu aggressiv ist oder weil die Immunabwehr des Körpers schwächelt. Meist sind Lungenentzündungen, Bauchraumentzündungen oder Harnwegsinfekte Auslöser für die Sepis, die nach und nach alle Organe erfasst. Aber auch eine Mandelentzündung, ein Kratzer auf der Haut oder schon ein vereiterter Zahn können ausreichen, um die Invasion der Keime in Gang zu setzen.
Was im Körper passiert
Eine Sepsis ist eine Entzündung des ganzen Körpers, auch die Gefäße werden erfasst. Normalerweise ist das Netz des Gewebes der Gefäßwand sehr fein, durch die Infektion weitet es sich, der Körper verliert Flüssigkeit. Infusionen sollen diesen Verlust ersetzen. Gelingt dies nicht, gelangt die Flüssigkeit überwiegend in die Gewebezwischenräume, der Mensch quillt auf. Dennoch fehlt es an Flüssigkeit in den Gefäßen. Dem Arzt bleibt, solange die Behandlung der Infektion mit Antibiotika nicht greift, nichts anderes übrig, als weiterhin Flüssigkeit in Form von Infusionen nachzuliefern. Um den Kreislauf zu stabilisieren, geben Mediziner außerdem mit Adrenalin verwandte Medikamente, die für eine Weile den Blutdruck im Körper aufrechterhalten können. Gelingt es aber nicht, die Ursache - die bakterielle Infektion - zu bekämpfen, versagen irgendwann die Organe und der Patient stirbt.
Die Folgen einer Sepsis
Rund 160.000 Bundesbürger erkranken jährlich an einer Sepsis, rund 60.000 sterben daran - fast zehnmal mehr, als es die offiziellen Sterbestatistiken ausweisen, und fast so viele Menschen, wie an einem Herzinfarkt versterben.
Bei etwa zwölf Prozent der betrachteten Fälle dauerte es sogar über zwölf Stunden, bis die Ärzte mit der Antibiotikatherapie begannen - nicht einmal jeder fünfte Patient überlebt zu diesem Zeitpunkt noch seine Blutvergiftung. Nach 24 Stunden sterben neun von zehn Patienten.

"Diese Zahlen offenbaren ein gewaltiges Problem", sagte der Studienleiter Konrad Reinhart, Anästhesist am Universitätsklinikum Jena, dem SPIEGEL. 5000 bis 10.000 Patienten, schätzt er, könnten in Deutschland jährlich gerettet werden, wenn die Ärzte rechtzeitig mit der Behandlung einer Sepsis beginnen würden. "Jede Stunde", sagt Reinhart, "rettet Leben!"

An einer Sepsis erkranken Patienten zum Beispiel nach Operationen, als Folge von Lungenentzündungen oder Harnwegsinfekten. Grundsätzlich kann jede offene Wunde zur Eintrittspforte für Bakterien werden, ein kleiner Kratzer an der Haut reicht in seltenen Fällen. Als Folge der Infektion versagt nach und nach der Kreislauf der Patienten, Mediziner können dagegen mit Medikamenten ankämpfen. Zudem braucht der Körper große Mengen Flüssigkeit, weil die Erreger die Gefäße schädigen. Gelingt es nicht, die Bakterien - in seltenen Fällen auch Pilze - zu bekämpfen, versagen irgendwann die Organe und der Patient stirbt.

Diese Meldung stammt aus dem aktuellen SPIEGEL. Mehr über Blutvergiftungen und wie jährlich die Leben Tausender Patienten gerettet werden könnten, lesen Sie in der digitalen Ausgabe des SPIEGEL.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Unnötig?
noalk 28.10.2012
Was, bitte, ist denn ein nötiger Tod? Schon a bisserl makaber, diese Überschrift.
2. Und das ist nur die (sichtbare) Spitze des Eisbergs. Fragen Sie mal Krankenhausärzte,
IsaDellaBaviera 28.10.2012
Zitat von sysopBakterien fluten den Körper, das Immunsystem streikt: An einer Blutvergiftung sterben jährlich rund 60.000 Menschen in Deutschland. Doch nach SPIEGEL-Informationen könnten Tausende Sepsis-Tote noch leben - denn Patienten erhalten rettende Medikamente oft zu spät. Krankenhaus: Zehntausend Patienten sterben unnötig an Blutvergiftung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenhaus-zehntausend-patienten-sterben-unnoetig-an-blutvergiftung-a-863850.html)
die ihre tatsächlichen Erfahrungen & ehrlichlichen Schätzungen vorbehaltslos mitteilen... Dann sieht die ganze Sache noch sehr viel brutaler aus.
3. Bitte teilen Sie (Der SPIEGEL) noch mit,
titopoli 28.10.2012
welches Antibiotkum den 150.000 Patienten gegeben werden soll. Bitte nicht das falsche oder unwirksame Antibiotikum. Natürlich sind Resistenzen und Resistenzentwicklung durch Routine-Verabreichung auszuschließen. Der Artikel is so - wie geschrieben - unsinnig, da die Situationen sehr komplex sind. Im übrigen sehe ich hier kein Problem, sindern eine Chance, bisher (wodurch auch immer) nicht beherrschbare Situationen besser in den griff zu bekommen. Das Verlegen von Bagatellverletzungen auf die Überwachungsstation dürfte sich als realitätsfern erweisen.
4. Verzerrung (Bias)
lebensgefährlich 28.10.2012
Zitat von IsaDellaBavieraUnd das ist nur die (sichtbare) Spitze des Eisbergs. Fragen Sie mal Krankenhausärzte, die ihre tatsächlichen Erfahrungen & ehrlichlichen Schätzungen vorbehaltslos mitteilen... Dann sieht die ganze Sache noch sehr viel brutaler aus.
Wer krank im Krankenhaus liegt, befindet sich ja bereits in einer infektionsbegünstigenden Situation. Oder auch: moderne Medizin hat dafür gesorgt, daß viele einst tödlichen Erkrankungen nun "nur noch" chronische sind, bei denen dann aber oft eine Sepsis droht. Dilemma nennt man so etwas, habe ich mal gehört. Will sagen, daß es einige so oder so treffen wird, da bereits eine Vorauswahl (krank im Krankenhaus oder auch zu Hause) stattfand, die eben dafür sorgt, daß geschwächte Menschen eine Sepsis bekommen. Und selbst wenn die überlebt wird, kommt bei einigen, insbesondere chronisch Kranken, die nächste und übernächste bestimmt, so daß bei denen das Problem letztlich nur herausgeschoben wird... Das gilt nicht ganz so für jene, die nur vorübergehend abwehrgeschwächt sind, z.B. nach einer Operation. Wahrscheinlich sehen die Daten unter Berücksichtigung, in welcher Ausgangslage eine Sepsis begann, etwas anders aus. Leider ist die Studie weder mit dem Titel oder gar einem Link erwähnt. Ich stimme dem Tenor, schnell und aggressiv zu behandeln, voll zu. Sowohl bei einer Sepsis (als auch beim Trauma) ist man als Arzt beim An-/Eintreffen des Patienten ja oft Minuten, Stunden oder gar Tage hinter dem Verlauf her und hat nicht mehr viel Zeit.
5. Sepsis = SIRS Bakteriämie
derdave3000 29.10.2012
An einer "normalen" Sepsis sterben nicht so viele Menschen wie hier beschrieben wird. Vielleicht wurden da die Begriffe "Sepsis", "schwere Sepsis" und "septischer Schock" vermischt. Ich hab die Originalstudie nicht gelesen. Aber retrospektiv - "im Nachhinein" - ist man immer schlauer. VORHER, also sobald die Symptome beginnen, z.B. Pulsrasen und leichte Atemnot, weiß man noch nicht dass der Patient in 48 Stunde an der Beatmungsmaschine versterben wird!
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