Waschen, nicht rasieren Was Patienten vor Krankenhauskeimen schützt

Eine Operation birgt immer das Risiko, sich mit hartnäckigen Keimen zu infizieren. Doch die Gefahr lässt sich minimieren. Die Weltgesundheitsorganisation hat die wichtigsten Maßnahmen zusammengefasst.

Ärzte bei einer Operation
DPA

Ärzte bei einer Operation


Fast zwanzig Millionen Menschen in Deutschland kommen jedes Jahr ins Krankenhaus. Doch nicht alle werden gesund entlassen. Etwa 500.000 von ihnen infizieren sich mit Krankenhauskeimen, bis zu 15.000 Patienten sterben an den Folgen.

Experten schätzen, dass sich ein Drittel der Krankenhausinfektionen vermeiden ließe. Ein wichtiger Punkt sei die Hygiene. Genau dort will nun die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ansetzen.

Die Organisation hat dafür einen Katalog mit 29 Maßnahmen vorgelegt, mit denen Infektionen in der Chirurgie eingedämmt werden sollen. Das Regelwerk wurde im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases" veröffentlicht und basiert auf 26 Fallstudien, die von 20 Experten ausgewertet wurden.

Schere statt Rasierer

Einige Empfehlungen betreffen ganz konkret die Körperhygiene der Patienten: Bisher werden diese vor Operationen noch häufig rasiert. Die WHO rät nun dringend davon ab. Stattdessen sollten störende Körperhaare nur noch mit der Schere entfernt werden und auch das nur, wenn es gar nicht anders geht. So sollen offene Wunden vermieden werden, in die Keime eindringen könnten.

In jedem Fall sollten Patienten vor der Operation gebadet oder geduscht werden. Dadurch wird die Operationsstelle vor dem Eingriff saubergehalten und es tummeln sich weniger Keime auf der Haut. Die WHO empfiehlt, unbehandelte oder antibakterielle Seife zu verwenden.

WHO: "Fragen Sie Ihren Arzt vor der OP"

Zudem rät die WHO, Antibiotika nur vor oder während der Operation zu verabreichen, jedoch möglichst nicht mehr direkt danach. Bislang ist die vorsorgliche Antibiotikagabe nach einer Operation weit verbreitet. Nun rät die WHO, die Mittel nur noch einzusetzen, wenn tatsächlich eine bakterielle Infektion vorliegt. So soll die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen reduziert werden.

Durch die Empfehlungen könnten Menschenleben gerettet und Behandlungskosten reduziert werden, erklärte die stellvertretende WHO-Direktorin Marie-Paule Kieny. Patienten, die sich auf eine OP vorbereiten, empfiehlt die WHO, dass sie ihren Arzt fragen sollen, ob er die neuen WHO-Empfehlungen kennt und befolgt.

koe/dpa



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
calinda.b 03.11.2016
1. Normal
Beim Rasieren enstehen Mikroverletzungen, die, wenn die Rasur am Vorabend der Operation stattfindet, mit Mini-Pusteln bedeckt sind, die jedesmal Abermillionen Bakterien enthalten. Bei der Operation platzen diese und der eklige Inhalt geht in die Operationswunde ein. Igitt.
steffen.ganzmann 03.11.2016
2. Stimmt!
Zitat von calinda.bBeim Rasieren enstehen Mikroverletzungen, die, wenn die Rasur am Vorabend der Operation stattfindet, mit Mini-Pusteln bedeckt sind, die jedesmal Abermillionen Bakterien enthalten. Bei der Operation platzen diese und der eklige Inhalt geht in die Operationswunde ein. Igitt.
Typisch deutsche Unart! In der Schweiz wird erst kurz vor dem Desinfizieren rasiert, bei Kopfwunden gleich gar nicht. Und Antibiotica gab es - wenn überhaupt - auch nur während der OP. nicht danach ...
Thomas Schnitzer 03.11.2016
3.
Die Schlüsse, die die WHO zieht, kann ich nur zum Teil nachvollziehen, da ich vor einigen Jahren einen Bericht über die Unterschiede zwischen Krankenhäusern in Deutschland und den Niederlanden gesehen habe. Dort wurde als Grund für die bessere Situation in den Niederlanden, in denen MRSA-Keime bei weitem weniger verbreitet sind, angeführt, dass sowohl das Reinigungspersonal als auch die Pfleger in NL wesentlich mehr auf die Einhaltung von Hygienevorschriften achten müssen. Beispiel: Bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt im Jahr 2006 habe ich zwar an jeder Tür Desinfektionsmittelspender gesehen, aber keine einzige Krankenschwester hat ihn beim Betreten meines Zimmers benutzt. Darauf angesprochen wurde ich von einer Pflegerin angepflaumt, dass ich als Patient im Gegensatz zu ihr als ausgebildeter Krankenpflegerin keine Ahnung hätte und sie schon wissen würde, wie sie ihren Job zu erledigen hätte. Nach Rücksprache mit dem Chefarzt der Station klappte das dann plötzlich doch, war wohl nix mit Ahnung. In den Niederlanden wird das hingegen u.a. durch Videoüberwachung kontrolliert und im Falle von Verstößen direkt streng geahndet, was aber in den seltensten Fällen nötig ist, weil das Personal selbst die Vorteile erkennt. Gleiches gilt für das Reinigungspersonal, da ist in NL für jeden Raum ein neuer Eimer Wasser Vorschrift, und die Tücher werden nach jedem Raum entsorgt. Hier bei uns wird hingegen überspitzt formuliert der Toilettensitz mit dem Bodentuch "gereinigt", dass zuvor auch auf dem Gang benutzt wurde, wo jede Menge infektiöse Körperflüssigkeiten heruntertropfen können. Ich kann in Deutschland daher nur jedem Patienten empfehlen, sich sein eigenes Desinfektionsmittel mitzubringen, und die Reinigung des eigenen Zimmers selbst zu ergänzen, wenn es nur irgendwie körperlich geht, und sich selbst zu desinfizieren, nachdem man vom Personal berührt wurde.
ramskamp 03.11.2016
4. Danke Thomas Schnitzer
So ist es mir im Lubinis-Klinikum zu Kiel auch ergangen: "Sie haben ja keine Ahnung". "Nee, aber Wissen".
permissiveactionlink 03.11.2016
5. Niederlande,
Ihr habt es besser ! Die beiden Hauptunterschiede zwischen den niederländischen und deutschen Kliniken bestehen darin, dass 1. jenseits der Grenze Risikopatienten (deutsche Staatsbürger, Beschäftigte in der Tiermast und Fleischverarbeitung etc.) prophylaktisch in Quarantäne genommen werden (MRSA !), und dass zweitens jede niederländische Klinik ausnahmslos über einen Facharzt für Mikrobiologie und Hygiene verfügt, der darüberhinaus in allen Klinikstationen bezüglich der Maßnahmen zur Einhaltung der Hygiene, der Weiterbildung des Personals, aber auch bei der Auswahl der einzusetzenden Antibiotika gegenüber allen anderen Fachärzten, auch in der Chirurgie und auf Intensivstationen, weisungsbefugt ( ! ) ist ! In Deutschland ist so was nahezu undenkbar. Da sterben eher Patienten, als das irgendein Mediziner freiwillig von liebgewonnenen Privilegien oder keimverbreitendem Prozedere ablässt. Darüberhinaus scheint auch das Pflegepersonal in den Niederlanden einsichtiger, deutlich besser geschult und erheblich weniger renitent, gestresst und beratungsresistent.
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