Urteil Krankenkasse muss Entfernung einer Fettschürze bezahlen

Verlieren Fettleibige viel Gewicht, hängt die Haut in großen Falten am Körper herab. Im Fall einer Krankenschwester sei das eine schwere Entstellung, urteilte ein Sozialgericht. Die Kasse muss die OP-Kosten tragen.

Übergewichtige Frau (Symbolbild)
Getty Images/iStockphoto

Übergewichtige Frau (Symbolbild)


Auch eine körperliche Entstellung kann Krankheitswert haben: Eine Krankenkasse kann verpflichtet sein, die Entfernung einer sogenannten Hautschürze zu bezahlen. Diese entsteht, wenn fettleibige Menschen stark abnehmen. Das hat das Sozialgericht Osnabrück (Az.: S 42 KR 182/16) entschieden.

Der Fall: Eine Krankenschwester war gesetzlich krankenversichert. Über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren nahm sie 46 Kilo ab. In solchen Fällen bildet sich die Haut nicht vollständig wieder zurück, sondern hängt schlaff am Körper herab. Ein Arzt empfahl ihr die Entfernung der Fettschürze, doch die Krankenkasse lehnte die Übernahme der Kosten ab. Die Haut sei aufgrund von guter Pflege nicht gereizt, eine optische Entstellung könne durch ein Mieder kompensiert werden.

Weil sozialer Rückzug droht

Die Frau ließ sich die Hautlappen dennoch für gut 5700 Euro entfernen - und verlangte die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung. Dem Urteil des Sozialgerichtes Osnabrück zufolge muss die Krankenkasse diese Kosten nun tatsächlich übernehmen, obwohl keine funktionellen Einschränkungen mit Krankheitswert vorgelegen hätten.

Die Begründung: Im Fall der Frau sei die Entstellung durch die Fettschürze so massiv, dass sie in alltäglichen Situationen stark auffalle und die Blicke auf sich ziehe. Es sei erwartbar, dass sie sich "deshalb aus dem Leben der Gemeinschaft zurückzuziehen und zu vereinsamen droht". Die Entstellung habe einen Krankheitswert, der eine Operation rechtfertige.

Das Gericht hatte den Zustand vor der Operation auf Fotos in Augenschein genommen. Demnach war das Erscheinungsbild ungewöhnlich. Das Gericht berücksichtigte auch das ansonsten schlanke Erscheinungsbild der Frau. Die Beeinträchtigung sei durch die deutlich über dem Hosenbund in mindestens zwei Falten hängende Hautschürze außergewöhnlich sichtbar gewesen sei.

Fettleibige werden auch in Deutschland immer wieder ausgegrenzt und stigmatisiert. Eine Umfrage der Krankenkasse DAK-Gesundheit hatte im Jahr 2016 ergeben, dass 71 Prozent der Bevölkerung stark Übergewichtige unästhetisch finden. Die Mehrheit der Befragten glaubte zudem, dass Fettleibige zu faul zum Abnehmen seien.

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In Deutschland sind dem Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin zufolge zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und die Hälfte der Frauen (53 Prozent) übergewichtig, jeder vierte Erwachsene zwischen 18 und 79 ist fettleibig (das entspricht einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr).

hei/dpa



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