Krankenkassen Jeder vierte Sechsjährige benötigt Sprachunterricht

Mehr Kinder als je zuvor benötigen Hilfe beim Sprechenlernen, bevor sie eingeschult werden. Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK sind vor allem Jungen betroffen. Bei der Förderung gibt es ein Nord-Süd-Gefälle.

Corbis

Berlin/Hamburg - Sprachprobleme von Kindern im Vorschulalter werden immer häufiger professionell behandelt. Aus dem am Freitag veröffentlichten Heilmittelbericht 2013 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), geht hervor, dass vor allem Jungen vor der Einschulung Unterstützung beim Sprechenlernen erhalten. Jeder vierte Sechsjährige war demnach 2012 in sprachtherapeutischer Behandlung, dagegen nur jedes fünfte Mädchen im gleichen Alter.

Auch im höheren Alter werden mehr Jungen als Mädchen behandelt: Während die unter 14-Jährigen nur 6,4 Prozent der AOK-Versicherten ausmachen, entfielen auf sie 42 Prozent der sprachtherapeutischen Leistungen im Jahr 2012.

Starker Anstieg im Kindergartenalter

Zwei Drittel der von den Krankenkassen bezahlten Sprachtherapie wird von Ärzten bei Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren verordnet. Einen starken Anstieg der Verordnungen gibt es vor allem im Kindergartenalter. In mehr als der Hälfte der Fälle geht es um Störungen, während sich die Sprache der Kinder entwickelt. Behandelt werden die meisten Kinder vor dem zehnten Geburtstag.

Für den Heilmittelbericht (PDF hier) analysierte das Wido die rund 35 Millionen Heilmittelrezepte, die von Ärzten 2012 für die etwa 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ausgestellt wurden. Neben der Sprachtherapie zählen dazu Physiotherapie, Ergotherapie und Fußpflege (Podologie). Insgesamt gaben die Kassen 2012 für die GKV-Versicherten gut fünf Milliarden Euro aus, der größte Anteil entfällt auf physiotherapeutische Behandlungen, gefolgt von Ergotherapie und Sprachtherapie.

Regionale Unterschiede

Bei allen Heilmittelverordnungen zusammen liegt Sachsen mit 5,9 Behandlungen pro Versichertem an der Spitze, gefolgt von Berlin und Hamburg. Die niedrigsten Verordnungszahlen gab es in den Krankenversicherungsbezirken Westfalen-Lippe und Nordrhein.

Von diesen regionalen Unterschieden unterscheidet sich das Verhalten beim Verschreiben der Sprachtherapie: Hier liegen Hamburg, Nordrhein und Schleswig-Holstein an der Spitze, während Bayern das Schlusslicht bei der Sprachförderung bildet.

dba

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insgesamt 162 Beiträge
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keksen 20.12.2013
1. Witzig
Die über die immer alle wegen ihres Dialekts lachen, könnens anscheinend am besten. Ansonsten haben große Städte wie Berlin und HH einen höheren Migrationsanteil. Leider ist es Tatsache, dass hier Nachholbedarf in Sachen Sprachförderung besteht.
lupenrein 20.12.2013
2. .............
Ist Sprachunterricht nicht Angelgenheit der Schule ? Was wird denn im Fach 'Deutsch' unterrichtet, wenn nicht die deutsche Sprache in Wort und Schrift ? Es wird immer lustiger in der BRD.
cola79 20.12.2013
3. Sachsen
Zynisch könnte man sagen, dass Sachsen generell einen Logopäden brauchen, aber nun gut... Dennoch werden sicherlich viele dieser Verordnungen aus gutem Grund ausgestellt. Und das ist erschreckend! In diesem Land sind offenkundig immer mehr Menschen nicht in der Lage ihren Kinder Dinge zu vermitteln, die man eigentlich nicht vermittelt-sondern die nebenbei geschehen. Bedeutet doch dann, dass nicht nur Kinder Sprachdefizite haben, sondern offenkundig breite Teile der erwachsenen Bevölkerung ein Kommunikationsvermögen haben, dass auf dem Niveau von Kleinstkindern liegt. Ehrlich gesagt erlebe ich das in letzter Zeit auch öfter, das selbst einfache Anfragen an Servicedienste von Unternehmen, obwohl klar und unmißverständlich formuliert, einfach nicht verstanden werden. Über miserable Grammatik (keine Umlaute, nicht einmal ae, Großkleinschreibung fehlerhaft-Textinhalt widersprüchlich bis falsch) beschwere ich mich nicht einmal mehr, aber wenn ich das Gefühl habe, mein Gesprächspartner im Service braucht eigentlich einen gesetzlichen Vormund, dann kriegt man bisweilen Angst! Woran liegt das denn nur? Auf die neuen Medien wie Internet kann es nicht geschoben werden, die gibts erst seit knapp 10 Jahren für Privat, die können es nicht verursacht haben. Ist es die Migrationsschwemme? Dann wäre das Problem nur isoliert. Ich glaube, es liegt tatsächlich an den Schulen und Kindergärten. Da läuft irgendwas gewaltig schief. Denn dort verbringen Kinder heute quasi ihr gesamtes Leben, andere Einflüsse bestehen doch kaum noch.
raphaela45 20.12.2013
4. Die meisten
...Sprachentwicklungsstörungen beiKindern haben m. W. keine physischen sondern soziale Ursachen: Mit diesen Kinder wird zu wenig geredet...Das ist seeehr traurig.
BettyB. 20.12.2013
5. Liest sich gut
Hoffentlich aber nicht nur für Sprachtherapeuten...
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