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Krankenkassen-Report: Deutsche sitzen zu viel herum

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Gesundheit in Deutschland: Auf dem Hosenboden Fotos
DPA

Sitzenbleiber Deutschland: Erwachsene verbringen hierzulande 7,5 Stunden am Tag auf ihrem Hosenboden - vor allem beim Fernsehen. Die Umfrage der Krankenversicherung DKV zeigt, dass Kinder sich das ungesunde Verhalten abschauen.

Hamburg - Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig: Nur etwa jeder Zweite in Deutschland bringt es auf die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche. Gleichzeitig verbringen wir werktags 450 Minuten im Sitzen, und Kinder kopieren das ungesunde Verhalten. Das sind die Ergebnisse einer am Montag veröffentlichten Umfrage, die das Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag der Krankenversicherung DKV und der Sporthochschule Köln gemacht hat.

Unter der Fragestellung "Wie gesund lebt Deutschland?" wurden telefonisch mehr als 3000 Versicherte befragt. Zudem gab es Telefoninterviews mit über 300 Eltern zum Sitzverhalten und Medienkonsum ihrer Kinder. Untersucht wurden die Teilnehmer nicht. Daher gab es für die Forscher keine Möglichkeit zu kontrollieren, ob die Antworten der Realität entsprechen.

Für ihre Studie definierten die Autoren verschiedene sogenannte Benchmarks (s. Kasten), die einen gesunden Lebensstil auszeichnen.

Den Umfrageergebnissen zufolge halten 57 Prozent der Teilnehmer den eigenen Zustand für gesund. Tatsächlich erreicht aber nur etwa einer von zehn alle Benchmarks (14 Prozent der Frauen, 9 Prozent der Männer). "Knapp 90 Prozent der Bevölkerung könnten ihren Lebensstil also deutlich gesünder gestalten", schreiben die Autoren im DKV-Report 2015.

Die Studie im Detail
Ziel
Die private Deutsche Krankenversicherung (DKV) wollte die gesundheitliche Lebensweise von Menschen in Deutschland untersuchen. Dazu befragte das Marktforschungsinstitut GfK zwischen Ende Februar und Anfang April 2014 telefonisch 3102 Personen zu ihrem Gesundheitsverhalten. Zusätzlich wurden 337 Eltern von 179 Jungen und 158 Mädchen zum gesunden Lebensstil ihrer sechs- bis zwölfjährigen Kinder telefonisch befragt. Anschließend wertete das Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) die Ergebnisse aus. Bereits in den vergangenen Jahren hatte die DKV vergleichbare Studien durchgeführt.

Gefragt wurde nach verschiedenen Faktoren: ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung, moderater Umgang mit Alkohol, Verzicht auf Nikotin, Stressverhalten. Neu bei der diesjährigen Analyse ist, dass zusätzlich genau auf das Sitzverhalten eingegangen wurde. In der Eltern-Kind-Befragung wurde nach der Medienverfügbarkeit und Regeln im elterlichen Haushalt gefragt, nach der körperlichen Aktivität während der Schule, nach Sitz- und Schlafenszeiten
Methodik
Die 3102 Befragten waren über 18 Jahre alt, die Telefoninterviews dauerten im Schnitt 23 Minuten. Die Daten sind repräsentativ für die erwachsene deutsche Bevölkerung, weil sie nach Bundesland, Ortsgröße und Haushaltsgröße gewichtet wurden. Je Bundesland wurden etwa 200 Menschen befragt, Bremen und das Saarland wurden wegen kleinerer Stichproben gemeinsam mit Niedersachsen und Rheinland-Pfalz ausgewertet.

Die Wissenschaftler der DSHS nutzten Fragebögen wie zum Beispiel den auch international eingesetzten Global Physical Activity Questionnaire (GPAQ). Um das Sitzverhalten und die körperliche Aktivität der Kinder zu messen, verwendeten die Wissenschaflter zum Beispiel den Adolescent Sedentary Activities Questionnaire (Asaq).
Stärken der Studie
Die Autoren betonen als Stärken des DKV-Reports, dass sie "gesundheitsrelevante Lebensstilfaktoren" wie Bewegung, Ernährung, Stressempfinden, Alkohol und Rauchen abgefragt haben. Zudem hätten sie bei der körperlichen Aktivität nicht nur nach dem Freizeitverhalten, sondern auch nach Arbeit und Beruf, Transport sowie der Sitzzeit detailliert gefragt. Eine weitere Besonderheit sei der Fokus, der auf Kinder im Alter zwischen sech und zwölf Jahren gelegt wurde.
Schwächen der Studie
Die Studienteilnehmer wurden zwar befragt, aber nicht untersucht. Daher gab es für die Forscher keine Möglichkeit zu kontrollieren, ob die Antworten der Realität entsprechen. "Die vorliegenden Ergebnisse sind daher aus einem subjektiven Blickwinkel zu betrachten", schreiben die Autoren.

Für viele Ergebnisse arbeiteten die Forscher mit Benchmarks: Es ging nur darum, ob ein vorgegebener Wert erreicht wurde oder nicht.

Die aktuelle Studie kann eingeschränkt mit den Vorläuferstudien aus 2010, 2012 und 2014 verglichen werden: Alle Studien sind repräsentativ, allerdings wurden nicht dieselben Personen noch einmal befragt.
Benchmarks
Aktivität
Angelehnt an die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten 150 Minuten moderate Bewegung oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche als Wert, der erreicht werden muss.

Ernährung
Sind zwei Drittel der abgefragten Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) erfüllt, ernährt sich der Befragte nach Definition der Studienautoren gut. In den Empfehlungen geht es um ausgewogenes Essverhalten mit Obst, Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten sowie wenig Süßigkeiten und wenig Fleisch.

Rauchen
Der Benchmark wird nur dann als erfüllt gewertet, wenn der Befragte nicht raucht.

Alkohol
Wenn Teilnehmer angaben, nur gelegentlich ein Glas Wein oder Bier zu trinken oder gar keinen Alkohol zu konsumieren, galt der Benchmark als erfüllt.

Stress
Gibt der Befragte an, Stress mithilfe wirksamer Strategien auszugleichen oder subjektiv nur wenig Stress zu empfinden, ist der Benchmark erfüllt.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Frauen leben gesünder: Weniger Frauen rauchen (78 Prozent weibliche, 74 Prozent männliche Nichtraucher), sie trinken weniger Alkohol, fast drei von vier Frauen essen täglich Obst und Gemüse und mehr als die Hälfte nimmt Vollkornprodukte zu sich.

Je älter die Menschen, desto gesünder ihr Lebensstil: In der Altersgruppe über 66 nehmen sich die Befragten beispielsweise Zeit für drei Mahlzeiten (59 Prozent), sie trinken bis zu drei Liter am Tag (62 Prozent) und verzichten dabei meist auf Cola und Limonade (84 Prozent). Außerdem sind 89 Prozent der Älteren den Angaben zufolge Nichtraucher. Im Alter zwischen 30 und 45 Jahren halten die Befragten ihren Lebensstil am wenigsten häufig für gesund.

Am gesündesten leben Menschen mit mittlerer Reife: 13 Prozent von ihnen erreichen alle fünf Benchmarks. Zwar geben mehr Akademiker an, wenig Alkohol zu trinken (86 Prozent) und sich gesund zu ernähren (49 Prozent), dafür bewegen sich aber nur 41 Prozent von ihnen ausreichend. Bei den Teilnehmern mit Hauptschulabschluss sind es nur 40 Prozent, die sich gesund ernähren. Bezüglich des Stressempfindens zeigte die Umfrage keine Unterschiede zwischen den Bildungsgraden.

Das Gehalt verändert das Gesundheitsverhalten: Während weniger Top-Verdiener mit einem Nettohaushaltseinkommen von mehr als 2500 Euro pro Monat rauchen (78 Prozent Nichtraucher), trinken viele von ihnen zu viel (16 Prozent). Die übrigen 84 Prozent sagen, sie trinken nur gelegentlich moderate Mengen. Bei den Geringverdienern mit einem Haushaltseinkommen von weniger als 1500 Euro pro Monat sagen das immerhin 91 Prozent von sich selbst.

Die Angaben der beiden Gruppen spiegeln allerdings nicht unbedingt die Realität wider und offenbaren eine entscheidende Schwäche der Studie: Die Ergebnisse beruhen lediglich auf Selbstaussagen. Es ist bekannt, dass kaum einer von sich selbst sagt, er trinke zu viel oder sei gar Alkoholiker. Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge stehen 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an der Schwelle zum Alkoholismus.

Die körperliche Aktivität nimmt mit steigendem Bildungsgrad ab: Das liegt bei Akademikern hauptsächlich daran, dass sie bei der Arbeit kaum körperlicher Belastung unterliegen. In der Freizeit verhält es sich umgekehrt: Akademiker und Menschen mit Abitur machen mehr Sport und bewegen sich deutlich häufiger zu Fuß oder mit dem Fahrrad als Menschen mit Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss.

Wir sitzen am meisten beim Fernsehen: Durchschnittlich sitzen die Befragten 7,5 Stunden am Tag - die meiste Zeit davon vor dem Fernseher. Erst an zweiter Stelle steht die Zeit, die die Teilnehmer sitzend bei der Arbeit verbringen. Männer sitzen werktags 45 Minuten länger als Frauen. Am Wochenende verringert sich die Sitzdauer auf sieben Stunden. Insbesondere Jüngere (18 bis 29 Jahre) sitzen werktags viel am Computer, dafür in der Freizeit aber weniger.

Langes Sitzen wird als eigenständiger - und von moderater Aktivität unabhängiger - Risikofaktor für Krankheiten und einen vorzeitigen Tod gehandelt. Die WHO schätzt, dass jährlich weltweit etwa 3,2 Millionen Menschen vorzeitig sterben, weil sie sich zu wenig bewegen. Eine australische Untersuchung mit mehr 63.000 Männern hatte im vergangenen Jahr ergeben, dass Menschen, die täglich mehr als vier Stunden sitzen, deutlich häufiger unter chronischen Krankheiten leiden.

"Jedes zweite Kind bewegt sich zu wenig", sagt DKV-Chef Clemens Muth. "Kinder wachsen praktisch im Sitzen auf und kopieren den ungesunden Lebensstil ihrer Eltern." Neben dem Schulunterricht ist Fernsehen der häufigste Grund für das viele Sitzen: 93 Prozent der Kinder schauen an allen Werktagen Fernsehen, 60 Prozent sogar mindestens eine Stunde pro Tag. Am Wochenende gucken vier von fünf mehr als eine Stunde fern, einer von fünf sogar mehr als drei Stunden. Auch die Zeit, die Kinder mit Computerspielen verbringen, nimmt Samstag und Sonntag zu. Je älter die Kinder werden, desto höher fällt ihr Medienkonsum aus und desto uneingeschränkter wird ihr Zugang dazu.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Tja, ich bin
eisbaerchen 26.01.2015
ja der Meinung, dies gehört sofort in das Wahlprogramm der Grünen aufgenommen: jeden Tag sind 20 min. Bewegung Pflicht. Wird mit Hilfe von bewegungsmessenden Transpondern kontrolliert...;-)
2. Ich sehe wenig fern....
bbär 26.01.2015
...bin oft bis abends um 21 oder 22 Uhr aktiv. Sei es am Heimwerken oder im Garten. Meine Kinder sehen mich also kaum vor dem Fernseher, trotzdem sind sie so TV-fixiert wie alle anderen auch. Können Sie meinen Kindern das bitte erklären? Danke.
3. alles gut und schön!
Spiegelleserin57 26.01.2015
leider wurde nicht abgefragt wie lange die Menschen von Zuhause unterwegs sind. Ich bin 12 Stunden unterwegs. Wer soll dann noch anschließend laufen? Man sollte mal die Umstände realistisch sehen. Wer in einer Kantine essen muss lebt in der Regel ungesund.Auch ich mache 3 Mal die Sport aber dieser verläuft an der Belastungsgrenze.
4. Eigentlich ist alle ganz einfach
mymovie 26.01.2015
Jeder Mensch braucht ein gewisses Mass an Bewegung. Wenn dies nicht, so wie ganz früher, während des täglichen Lebens möglich ist, muss man es bewusst machen und evtl. nachholen. Die Skelettmuskulatur ist nun mal das größte Stoffwechselorgan. Und der unbedingt notwendige Stoffwechsel funktioniert nur bei Bewegung. Man muss keinen Sport treiben, man muss sich nur bewegen. Wie auch immer, z.B. laufen statt fahren, Treppen statt Aufzüge usw. In manchen Fällen ist auch ein zusätzliches Krafttraining notwendig (Bandscheibenvorfälle etc.). Alles Weitere siehe in "Move for Life" aus dem Springer-Verlag. Treiben Sie weniger Sport, aber bewegen Sie sich mehr.
5. Na super, ....
canUCme 26.01.2015
... dann mögen die Gesundheitsapostel meinem Chef jetzt bitte erklären, dass ich fortan nicht mehr 7,5 Stunden am Schreibtisch sitze, sondern stehend und wippend davor herumhampele und ab und an etwas in den Rechner eintippe oder aufschreibe!
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