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Europa: Sterberisiko der Patienten steigt mit Stress der Pfleger

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Im Krankenhaus: Ein großes Arbeitspensum der Pfleger erhöht möglicherweise das Risiko, dass ein Patient stirbt Zur Großansicht
Corbis

Im Krankenhaus: Ein großes Arbeitspensum der Pfleger erhöht möglicherweise das Risiko, dass ein Patient stirbt

Ist die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals zu hoch, wird der Krankenhausbesuch für Patienten riskanter. Darauf deutet eine europaweite Analyse hin. Auch die Ausbildung der Pflegekräfte entscheidet demnach mit, wie gut Operierte den Eingriff überstehen.

Krankenhäuser sind Orte, an denen klare Hierarchien gepflegt werden. An der Spitze der Stationen steht der Chefarzt, gefolgt vom Oberarzt, den Stationsärzten und Assistenzärzten. Die Krankenpfleger hingegen kommen weiter unten, sie empfangen die Anweisungen der Ärzte, fühlen sich oft nicht wertgeschätzt - und sind für den Klinikalltag doch essentiell. Eine große europäische Studie zeigt jetzt, dass vom Arbeitspensum der Pfleger und ihrer Ausbildung wahrscheinlich sogar die Überlebenschancen der Patienten abhängen.

Für ihre Studie analysierten die Forscher um Linda Aiken von der University of Pennsylvania die Informationen von 422.730 Patienten, die in 300 Krankenhäusern in neun verschiedenen europäischen Ländern behandelt wurden. Alle Patienten waren wegen eines Routineeingriffs ins Krankenhaus gekommen, viele von ihnen wurden an der Hüfte oder am Knie operiert.

Mit Hilfe detaillierter Informationen, etwa über das Alter und weitere Erkrankungen, aber auch über das Krankenhaus an sich, kalkulierten die Forscher anschließend das Risiko, dass die Patienten die 30 Tage nach dem Eingriff nicht überleben. Daneben befragten die Forscher 26.516 Krankenschwestern aus den Krankenhäusern zu ihrer Ausbildung und ihrer Arbeitsbelastung. Diese Daten kombinierten die Forscher mit den tatsächlichen Sterbefällen - mit einem eindeutigen Ergebnis.

Weniger Patienten, weniger Todesfälle

Jeder Patient mehr, um den sich eine Krankenschwester kümmern musste, erhöhte das Risiko, dass einer ihrer Patienten starb, in den Berechnungen um sieben Prozent. Auf der anderen Seite reduzierten sich mit einem hohen Anteil an Krankenschwestern, die einen Bachelorabschluss hatten, die Todesfälle auf den Stationen.

Das Ergebnis lasse darauf schließen, dass Kosteneinsparungen bei den Pflegekräften die Prognose der Patienten verschlechtern könnten, schreiben die Forscher im Medizinjournal "The Lancet".

Da es sich um Routineeingriffe handelte, war die Sterblichkeit in der Gruppe insgesamt gering: Von den 422.730 untersuchten Patienten starben 5381 (1,3 Prozent) innerhalb der 30 Tage nach der Operation. Weitere Studien müssen zeigen, ob sich die Ergebnisse auch auf die Prognose von Patienten mit riskanteren Eingriffen übertragen lassen.

Große Studie, trotzdem Schwächen

Trotz der großen Datenmenge hat die Untersuchung auch einige Haken. "Bei Studien dieser Art gibt es naturgemäß viele Schwierigkeiten", sagt Sabine Bartholomeyczik, Epidemiologin und Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten/Herdecke, die nicht an der Untersuchung beteiligt war. So konnten die Forscher unter anderem keinen ursächliche Verbindung zwischen der Arbeit der Pflegekräfte und der Sterblichkeit der Patienten nachweisen, sondern nur einen Zusammenhang.

Hinzu komme, dass die Forscher Daten aus mehreren Ländern mit unterschiedlichen Ausbildungssystemen miteinander vergleichen mussten, so Bartholomeyczik (ausführliche Studienkritik siehe Kasten). Dennoch hält die Wissenschaftlerin das Ergebnis für aussagekräftig: "Die Forscher haben so gut gearbeitet, wie es in solchen epidemiologischen Studien möglich ist", sagt sie. "Außerdem gibt es in Nordamerika bereits etliche Studien mit unterschiedlichen Methoden, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen sind."

Ergebnisse auf Deutschland übertragbar

Deutschland war nicht Teil der Analyse, da den Forschern nicht genügend Patientendaten zur Verfügung standen. "Es sollte hierzulande viel mehr Druck auf die Krankenhäuser ausgeübt werden, damit sie ihre Daten offenlegen und Probleme angegangen werden können", sagt Bartholomeyczik. Stattdessen beschränkte sich die aktuelle Analyse auf Krankenhäuser in Belgien, England, Finnland, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden und der Schweiz. Die Auswahl sei, was Organisation, Ressourcen und Finanzierung der Krankenhäuser angehe, repräsentativ für die EU, schreiben die Autoren.

Bartholomeyczik geht ebenfalls davon aus, dass die Ergebnisse der Studie auf Deutschland übertragbar sind. "Hierzulande wurden in den vergangenen Jahren wahnsinnig viele Pflegestellen abgebaut", sagt die Pflegewissenschaftlerin. Hinzu kommen relativ geringe Anforderungen für eine Pflegeausbildung. Während sich deutsche Schüler nach der zehnten Klasse bewerben können, schlagen die Wissenschaftler der aktuellen Studie vor, in Deutschland wie in der gesamten EU zwölf Schuljahre für eine Pflegeausbildung zur Pflicht zu machen. Ähnlich wie bei der Bologna-Reform sollte auch die Pflegeausbildung in Europa standardisiert werden, fordern die Forscher.

Details zur Studie
Was wurde untersucht?
Wie sich die Arbeitsbelastung und die Ausbildung der Krankenpfleger auf das Risiko der Patienten auswirkt, nach einer Routineoperation zu sterben.
Wie wurde untersucht?
Zuerst ermittelten die Forscher von 422.730 Patienten, die alle älter als 50 Jahre waren und einem Routineeingriff unterzogen wurden, das Risiko, innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff zu sterben. Dabei bezogen die Forscher unter anderem das Alter der Patienten, Begleiterkrankungen wie Diabetes sowie Informationen über das Krankenhaus und die Art der Operationen mit ein. Daneben dokumentierten sie, wie viele der Patienten tatsächlich verstarben. Die Analyse bezog sich auf 300 Krankenhäuser in neun europäischen Ländern (Belgien, England, Finnland, Irland, Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz).

Daneben befragten die Forscher 26.516 Krankenpfleger, die in denselben Krankenhäusern arbeiteten, zu ihrer Arbeitsbelastung und ihrem Berufsabschluss. Anhand der beiden Datensätze schätzten die Forscher ab, wie groß der Einfluss des Arbeitspensums und der Ausbildung der Krankenpfleger auf das Risiko der Patienten war, nach dem Eingriff innerhalb von 30 Tagen zu sterben.
Was waren die Ergebnisse?
Die Forscher fanden einen deutlichen Zusammenhang zwischen Arbeitspensum und Ausbildung der Pfleger sowie den Todesfällen bei den Patienten: Mit jedem zusätzlich betreuten Patienten stieg das Risiko, dass einer der Patienten innerhalb der 30 Tage nach dem Standardeingriff stirbt, um sieben Prozent. Auf der anderen Seite sank pro zehn Prozent der Krankenschwestern mit einem Bachelorabschluss die Wahrscheinlichkeit der Patienten, zu sterben, um sieben Prozent.

Dies deute darauf hin, dass die Patienten in Krankenhäusern, in denen 60 Prozent der Pfleger einen Bachelorabschluss haben und die Pfleger im Schnitt sechs Patienten betreuen müssen, ein 30 Prozent niedrigeres Risiko haben, nach der Operation zu sterben, als Patienten in Krankenhäusern, in denen nur 30 Prozent der Krankenpfleger einen Bachelorabschluss haben und in denen diese im Schnitt acht Patienten betreuen müssen, schreiben die Forscher.

Da die Patientengruppe in der Studie grundsätzlich ein niedriges Risiko hatte, nach dem Eingriff zu sterben, betreffen die Unterschiede noch relativ wenige Patienten. Insgesamt starben 1,3 Prozent der Studienteilnehmer innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff, das sind 5381 von 422.730. Weitere Studien müssen zeigen, ob sich die Ergebnisse auch auf kritischere Eingriffe und Notfalloperationen übertragen lassen, die noch ein viel höheres Risiko mit sich bringen.
Vergleich mit anderen Studien
Die Studie sei die bisher größte ihrer Art, die in Europa durchgeführt wurde, schreiben die Forscher selbst. Mehrere kleinere europäische Untersuchungen erzielten jedoch schon ähnliche Ergebnisse. So kam zum Beispiel eine belgische Studie mit Patienten nach einer Herzoperation ebenfalls zum Schluss, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit mit einer niedrigeren Arbeitsbelastung der Krankenpfleger und einer besseren Ausbildung steigt.

Daneben existiert eine Reihe größerer Studien zu dem Thema in den USA, die 2007 auch in einer Übersichtsstudie zusammengefasst wurden. Diese stützen ebenfalls den Schluss der aktuellen Untersuchung.
Stärken und Schwächen der Studie
Stärken der aktuellen Studie sind ihr Umfang und ihre akkurate Durchführung. Um das Sterberisiko einzuschätzen und eine Verzerrung der Ergebnisse zu vermeiden, berücksichtigten die Forscher äußerst viele Faktoren. Dennoch haben retrospektive Beobachtungsstudien generell und diese Untersuchung im Speziellen eine Reihe von Schwächen:
* Das größte Problem ist, dass die Forscher nur einen Zusammenhang zwischen der Arbeit der Krankenpfleger und der Sterblichkeit der Patienten feststellen konnten. Dass die Arbeit der Krankenpfleger auch wirklich die Ursache des beobachteten Zusammenhangs ist, können die Daten nicht belegen.
- Ein weiteres Problem ist, dass die Forscher die Krankenpfleger nach den jeweils in dem Land üblichen Ausbildungsabschlüssen befragten. Die Anforderungen dafür können jedoch zwischen den Ländern schwanken.
- Ebenfalls problematisch ist, dass die Wissenschaftler beim Erfassen der Arbeitsbelastung keine Rücksicht auf das Schichtsystem nehmen konnten. Da die Pfleger in Nachtschichten in der Regel mehr Patienten betreuen, kann es so ebenfalls zu einer Verzerrung gekommen sein.
- Hinzu kommt das Problem, dass sich die Forscher zwar darum bemühten, dass der Zeitpunkt der Befragung der Krankenschwestern und die Zeitpunkte, an denen die Patientendaten erhoben wurden, möglichst nah beieinander lagen. Dies war aufgrund von Datenlücken allerdings nicht immer möglich.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Mit steigender Arztzahl steigt das Sterberisiko
Tensoranalysis 26.02.2014
Diesen Zusammenhang gibt es . Sehr interessant,möchte man meinen: Die Pfleger fühlen sich nicht wert geschätzt, da sie aufgrund der ärztlichen Gier nichts verdienen. Da unter Ärzten sehr viele Wähler der Grünen sind ,die ihren Eigennutz unter einem etatistisch-altruistischen Mäntelchen tarnen, ist das nicht öffentlich offenbar. Man erinnere sich daran,dass Montgomery 2006 behauptete 80 Prozent der Praxen hätten 3000 Euro netto. In Wahrheits sinds dann 4 mal so viel.
2. Große Überraschung!
armi-nator 26.02.2014
Ausbildung und Verfassung des Personals beeinflusst die Qualität der Arbeit! Das konnte ja niemand ahnen! Aber gut, dass irgendwelchen überflüssigen Forschungsgruppen auch dafür wieder Millionen von EU-Geldern in den Rachen geworfen werden konnten, die zuvor von meinem Konto abgebucht worden sind. "Es sollte hierzulande viel mehr Druck auf die Krankenhäuser ausgeübt werden", sagt Bartholomeyczik. Es sollte überhaupt überall noch viel "viel mehr Druck" auf alle Institutionen und Personen ausgeübt werden. Davon werden Patienten und nicht-Patienten bestimmt dann endlich wieder richtig schnell gesund. Manchmal fragt man sich, ob eigentlich fast nur noch Bekloppte herumlaufen, in unserer sogenannten "Gesellschaft".
3. Ach!
Holzhausbau 26.02.2014
Zitat von sysopCorbisIst die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals zu hoch, wird der Krankenhausbesuch für Patienten riskanter. Darauf deutet eine europaweite Analyse hin. Auch die Ausbildung der Pflegekräfte entscheidet demnach mit, wie gut Operierte den Eingriff überstehen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenpfleger-sterberisiko-der-patienten-steigt-mit-arbeitspensum-a-955474.html
Für diese Erkenntnis braucht es eine Studie aus USA?
4. Vorsicht
skaiser5 26.02.2014
Zitat von sysopCorbisIst die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals zu hoch, wird der Krankenhausbesuch für Patienten riskanter. Darauf deutet eine europaweite Analyse hin. Auch die Ausbildung der Pflegekräfte entscheidet demnach mit, wie gut Operierte den Eingriff überstehen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenpfleger-sterberisiko-der-patienten-steigt-mit-arbeitspensum-a-955474.html
Die Bologna-Reform ist gerade kein gutes Beispiel für eine Ausbildungsreform. Diese Reform zerstört Deutschlands weltweit anerkannte und über Jahrhunderte erfolgreich gewachsene Ausbildungssysteme (z.B. unser Diplom), während der Rest Europas in weiten Teilen die Systeme nur einfach umbenannt und beim alten belassen hat.
5. Viel hängt auch von der Weltanschauung ab
al2510 26.02.2014
Die Kommentare waren schon sehr vielsagend. In Deutschland geht es immer um Ehre und Geld. Der erster Kommentator wird schon mit einem Patienten Probleme haben, weil er Geld und Ehre haben will. Habe gestern eine Tasse mit der Aufschrift: "Der Chef tut so, als ob er uns gut bezahlen würde, und wir so als ob wir gut arbeiten würden." Das sagt schon alles. Jeder macht seine Leistung von der des Anderen abhängig. Ehrlich habe ich immer für mein Gewissen gearbeitet. Das ist bei Arbeitenden natürlich. Wenn Lieschen Müller morgen weniger Gehalt bekommt, wird sie bestimmt nicht weniger Leute am nächsten Tag an der Kasse bedienen. Nur die Herrenmentalität vergilt gleiches mit Gleichem. Daher denke ich, das Weltanschauung bei der Studie essenziell ist. Wer nicht zu Frieden ist, arbeitet schlecht. Und das ist keine Frage des Geldes. Klar, wenn er zu viele Patienten hat, dann macht er Fehler wegen Überlastung. Aber wo jetzt das Maß ist, ist eine Frage der Weltanschauung. Klar gemeckert hatte ich immer. Danke Chef, ich leiste das Gleiche für einen Euro/Stunde, hätte ich nie gesagt, aber immer getan.
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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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