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Krankschreibung: Tausende Arbeitnehmer fehlen wegen psychischer Leiden

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Depression am Arbeitsplatz (Symbolbild): Psychische Probleme nehmen zu

Deutschlands Arbeitnehmer waren im ersten Halbjahr an durchschnittlich acht Tagen krankgeschrieben. Laut Bundesverband der Betriebskrankenkassen ist der Grund für Fehltage immer häufiger ein psychisches Leiden. Erstmals fällt auch bei Männern eine drastische Zunahme auf.

Berlin - Die Deutschen werden immer häufiger wegen psychischer Leiden krankgeschrieben. Das geht aus aktuellen Zahlen des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) hervor, die am Montag vorgestellt wurden. Insgesamt waren die Arbeitnehmer im ersten Halbjahr durchschnittlich 8 Tage krankgeschrieben. Wie im Vorjahreszeitraum liegt der Krankenstand damit bei 4,4 Prozent.

Verantwortlich für die gleichbleibend hohe Rate ist nach BKK-Angaben der Anstieg psychischer Leiden um acht Prozent, während die Zahl der Atemwegserkrankungen im ersten Quartal um elf Prozent abnahm. Die Fehlrate insgesamt ist der Statistik zufolge so hoch wie zuletzt 1999. Ein Rekordtief gab es im Jahr 2006 mit 12,4 Krankheitstagen und einem Krankenstand von 3,4 Prozent. Die Zahlen der BKK gelten als repräsentativ.

"Es gibt seit Jahren einen eindeutigen Trend bei den psychischen Erkrankungen, neu ist in diesem Jahr ein deutlicher Anstieg bei den Männern", sagt die Sprecherin des BKK-Bundesverbands, Christine Richter. "Die Zunahme bei den psychiatrischen Diagnosen sehen wir vor allem bei Angststörungen und Depressionen." Bei den Männern gab es laut BKK-Verband einen Zuwachs der Krankschreibungen wegen psychischer Leiden um 20 Prozent, bei Frauen um 18 Prozent.

Immer mehr Anforderungen im Beruf

Erst im April hatte das Bundesarbeitsministerium eigene Zahlen vorgelegt, wonach die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Krankheiten von 33,6 Millionen 2001 auf 53,5 Millionen 2010 angestiegen war. Als Gründe für die Zunahme nannte das Ministerium damals steigende Anforderungen, eine erhöhte Eigenverantwortung im Beruf, höhere Flexibilitätsanforderungen und unterbrochene Beschäftigungsverhältnisse. 2011 war in Statistiken der größten deutschen Krankenversicherung, der Barmer GEK, aufgefallen, dass die Zahl der wegen psychischer Störungen im Krankenhaus behandelten Versicherten zwischen 1990 und 2010 um knapp 130 Prozent gestiegen war.

Erschwerend kommt hinzu, dass Krankschreibungen aus psychischen Gründen mit durchschnittlich 37 Tagen am längsten dauern, selbst die Fehlzeiten wegen Krebsdiagnosen fallen mit durchschnittlich 36 Tagen kürzer aus. Ansonsten dauert eine Krankschreibung im Gesamtvergleich durchschnittlich 13 Kalendertage. Während Langzeit-Krankschreibungen von mindestens sechswöchiger Dauer nur vier Prozent aller Fälle ausmachen, verursachen sie mittlerweile knapp die Hälfte (47 Prozent) aller Krankentage.

Trotz des deutlichen Anstiegs sind psychische Leiden bei weitem nicht die häufigste Ursache für Krankheitstage: Mit 26,3 Prozent verursachen Muskel- und Skeletterkrankungen die meisten Fehltage, und hier vor allem die Rückenleiden. Auf Platz zwei folgen Atemwegserkrankungen (14,4 Prozent der Fehlgründe). Die psychischen Leiden landen mit insgesamt 13,2 Prozent erstmals an dritter Stelle, gefolgt von den Verletzungen mit 13 Prozent.

Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Version hieß es, die Arbeitnehmer seien im ersten Halbjahr durchschnittlich 16 Tage krankgeschrieben gewesen, korrekt sind 8 Tage. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

dba/Reuters

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1. ...
Mindbender 13.08.2012
Zitat von sysopDPADeutschlands Arbeitnehmer waren im ersten Halbjahr an durchschnittlich 16 Tagen krankgeschrieben. Laut Bundesverband der Betriebskrankenkassen ist der Grund für Fehltage immer häufiger ein psychisches Leiden. Erstmals fällt auch bei Männern eine drastische Zunahme auf. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,849826,00.html
Im 1. (!) Halbjahr 16 (!) Tage? Im Jahr also durchschnittlich 32 Tage?? Nicht schlecht. Damit dürften wir im europäischen Vergleich auch nach Olympia Gold gewonnen haben... mit Abstand.
2. Wer zum Psychologen geht
u.loose 13.08.2012
muss wohl was am Kopf haben.... (;-) Aber nachdem die Rückenleiden durch sind, musste ja eine Alternative geschaffen werden...
3. Überraschung
dieteroffergeld 13.08.2012
Der Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nimmt stetig zu. Wer das Tempo im Hamsterrad nicht durchhält fliegt raus. Wer den Anforderungen der modernen Arbetiswelt nicht in höchstem Maß entspricht verliert sehr schnell seinen Arbeitsplatz. Schön, dass wir nun zunächst bis 67, vielleicht schon sehr bald bis 70 in der schönen neuen Arbeitswelt gebraucht werden. Und wo doch die Arbeitsbedingungen für die Menschen den Erfordernissen angepasst werden sollen, oder wars umgekehrt? Wenn's nicht so traurig wäre, man könnte ein abendfüllendes Kabarettprogramm gestalten.
4.
maccci 13.08.2012
Zitat von MindbenderIm 1. (!) Halbjahr 16 (!) Tage? Im Jahr also durchschnittlich 32 Tage?? Nicht schlecht. Damit dürften wir im europäischen Vergleich auch nach Olympia Gold gewonnen haben... mit Abstand.
Nein, die 16 Tage sind aufs Jahr hochgerechnet, sonst wären es keine 4,4 Prozent. Es müsste heißen im 1. Halbjahr im Durchschnitt 8 Tage. Der Autor sollte das korrigieren. Bei 32 durchschnittlichen Krankentagen im Jahr würde wahrscheinlich die Wirtschaft ernsthaften Schaden nehmen...
5. Psychosomatik
vhn 13.08.2012
Zitat von sysopDPADeutschlands Arbeitnehmer waren im ersten Halbjahr an durchschnittlich 16 Tagen krankgeschrieben. Laut Bundesverband der Betriebskrankenkassen ist der Grund für Fehltage immer häufiger ein psychisches Leiden. Erstmals fällt auch bei Männern eine drastische Zunahme auf. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,849826,00.html
Empfehlung an den Autor: belesen Sie sich bitte zum Thema Psychosomatik. Gerade beim Thema Muskel- und Skeletterkrankungen spielen häufig psychische Ursachen eine Rolle...
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