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Ein rätselhafter Patient: Kraterlandschaft

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Rätselhaftes Bild: Welche Diagnose versteckt sich hinter diesem Bild? Zur Großansicht
NEJM/ Hospital Universitario de Santa Maria

Rätselhaftes Bild: Welche Diagnose versteckt sich hinter diesem Bild?

Merkwürdige Wucherungen am Kopf führen einen jungen Mann ins Krankenhaus. Den Ärzten bietet sich ein beunruhigendes Bild. Was hinter den Veränderungen steckt, lesen Sie im Fallbericht der Woche.

Zwei Jahre lang verändert sich die Kopfhaut des jungen Mannes schon, bis der 21-jährige Brasilianer in die Universitätsklinik der Stadt Santa Maria kommt. Den behandelnden Ärzten bietet sich ein merkwürdiges Bild: Auf dem Schädel des Patienten werfen Hautwülste Berge auf, eingeschnitten von Tälern, die bis hinunter auf die Sehnenplatte reichen. Was steckt dahinter?

Karen Regina Rosso Schons und ihr Kollege Andre Avelino Costa Beber beschreiben im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" ihren Patienten. Der junge Mann ist geistig behindert, bei der Untersuchung stellen die Ärzte aber keine neurologischen oder psychiatrischen Probleme fest.

Um herauszubekommen, was die Wucherungen der Kopfhaut ausgelöst hat, entnehmen die Mediziner eine Stanzbiopsie der Kopfhaut - sie stechen unter Betäubung einen im Durchmesser vier Millimeter messenden Zylinder aus der Kopfhaut und lassen ihn von einem Pathologen unter dem Mikroskop analysieren. Der Befund schließt aus, dass eine Entzündung oder bösartige Tumorzellen die Ursache der Hautwülste sind. Damit steht für die Ärzte die Diagnose fest: Es handelt sich um einen Fall von Cutis verticis gyrata.

Die Haut bildet Gehirnwindungen auf der Schädeldecke nach

Hinter dem Wortmonster steckt nicht viel mehr als die Beschreibung dessen, was man sieht: Wirbelähnliche Hautveränderungen, die dem Anblick der Gehirnwindungen unter der Schädeldecke frappierend ähnlich sehen. Die Krankheit ist extrem selten, bei den meisten Patienten ist die Ursache unklar, nur in wenigen Fällen können eindeutige Auslöser identifiziert werden.

Bei der von Medizinern mit dem Kürzel CVG bezeichneten Veränderung wächst die normalerweise bis zu fünf Millimetern dicke Kopfschwarte aus Haut und Sehnenplatte an. Etwa einer unter 100.000 Männern erkrankt an CVG, Frauen sind von der Diagnose wesentlich seltener betroffen. Bei einigen Patienten finden die Ärzte andere Krankheiten, die das Wachstum der Kopfschwarte hervorrufen: Tumoren, die übermäßig Wachstumshormone produzieren oder zum Beispiel aus Muttermalen entstehende Wucherungen, die unter der Kopfhaut in der Form von Gehirnwindungen wachsen. In der Fachliteratur gibt es auch Berichte, die einen Zusammenhang zwischen kognitiver Behinderung und Cutis verticis gyrata nahelegen - wobei die Krankheit zu selten ist, als dass es dafür eindeutige Belege gäbe. Häufiger entstehen die Kopfschwülste bei Patienten, die auch noch unter anderen Hautkrankheiten wie zum Beispiel Schuppenflechte (Psoriasis) oder Erbkrankheiten wie der Neurofibromatose leiden.

Um bösartige Tumoren, besonders den schwarzen Hautkrebs (Malignes Melanom), auszuschließen, muss bei CVG-Patienten unbedingt eine Biopsie der Wucherungen vom Pathologen untersucht werden, wie beim brasilianischen Patienten geschehen. Denn in diesen Fällen können und müssen die Geschwulste unter Umständen operiert werden. Die ersten Veränderungen fallen meistens am Hinterkopf der Patienten auf - in einigen beschriebenen Fällen beginnt die Kopfschwarte bereits im Kleinkindalter zu wachsen.

Bei ihrem jungen Patienten hatten die brasilianischen Ärzte mit der Diagnose ihre Arbeit bereits erledigt: Bei den Kontrollen fanden sie keine Hinweise auf bösartige Ursachen der Cutis verticis gyrata. Und weil der Patient sich von den Wucherungen auf seinem Kopf nicht gestört fühlte, gab es auch keinen Grund, ihn zu operieren. Ein Jahr nach der Diagnose, berichten Rosso Schons und Costa Beber, hatte sich die Kopfhaut ihres Patienten nicht verändert.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Eine kleine Kritik
sanctum.praeputium 20.10.2012
Die hier geschilderten Fallberichte sind sicherlich interessant, aber leider oft nur extreme Ausnahmen d.h. sie würden fast keinen von uns jemals betreffen; sie dienen also nur der Unterhaltung. Würde man Fallberichte bringen, die "normale", häufig vorkommende Krankheiten beschreiben, könnte das auch unterhaltsam sein, hätte aber den Vorteil nicht nur kurios zu sein.
2. Sieht schon ziemlich komisch aus
diamorphin 20.10.2012
Generell, unabhängig von der Berichterstattung, kann der man froh sein und sich sehr glücklich schätzen, handelt es sich bloss um etwas harmloses und nicht wie Ärzte zu Beginn befürchtet, etwa um einen Tumor. Ein Gehirn quasi als lebende Darstellung (naja, sagen wir mal als Strukturen) zu sehen halte ich für sehr interessant, denn naja, was soll man sagen - wenn man so etwas sieht, etwa in einer Körperwelten-Ausstellung, hat das nämlich den bitteren Beigeschmack das der Mensch normalerweise tot ist. Insbesondere dann, wenn sein Gehirn in einem Glastank schwimmt... Da hat es der Herr aus dem Artikel bedeutet besser. Er kann sich einfach glücklich schätzen, besser mit so etwas zu leben als einen Tumor zu haben o.ä. So mancher Patient mit einem Tumor am/im Gehirn würde sehr wahrscheinlich nur zu gerne mit ihm tauschen. Freundliche Grüsse diamorphin
3. Lehrreich
noalk 20.10.2012
Zitat von sanctum.praeputiumDie hier geschilderten Fallberichte sind sicherlich interessant, aber leider oft nur extreme Ausnahmen d.h. sie würden fast keinen von uns jemals betreffen; sie dienen also nur der Unterhaltung. Würde man Fallberichte bringen, die "normale", häufig vorkommende Krankheiten beschreiben, könnte das auch unterhaltsam sein, hätte aber den Vorteil nicht nur kurios zu sein.
Genau für solch seltene Fälle ist diese Reihe gedacht, nicht für Influenza und Co. Und ich wünsche mir, dass ganz viele Ärzte (generischer Plural!) diese Artikel lesen. Im geschilderten Fall wären immerhin etwa 500 Deutsche von solchen Veränderungen betroffen.
4.
ohminus 20.10.2012
Zitat von sanctum.praeputiumDie hier geschilderten Fallberichte sind sicherlich interessant, aber leider oft nur extreme Ausnahmen d.h. sie würden fast keinen von uns jemals betreffen; sie dienen also nur der Unterhaltung. Würde man Fallberichte bringen, die "normale", häufig vorkommende Krankheiten beschreiben, könnte das auch unterhaltsam sein, hätte aber den Vorteil nicht nur kurios zu sein.
Nein, den hätte es nicht. Es wären genauso Anekdötchen wie die geschilderten Fälle. Case reports sind grundsätzlich nur dazu geeignet, dem Publikum zu schildern "Sowas gibt es auch". Darüber hinaus ist ihr Informationsgehalt vernachlässigbar - ihr Nutzen liegt im wesentlichen darin, die Publikationslisten von Medizinern aufzublähen.
5.
KurtFolkert 20.10.2012
Der geschilderte Fall ist eigentlich nur eine Übersetzung aus dem Pschyrembel. Dort finden sich auf den hunderten von Seiten noch ganz anderes, welches leider für viele Menschen zum Alltag gehört. Leishmaniose wäre auch ein Beispiel. Ich schätze, dass man einfach unterscheiden muss zwischen dem Drang die Neugierde des Pöbels zu stillen, oder schlicht aufzuklären. Jeder Mensch, der mit zum Beispiel Brandnarben Leben muss, kann ein Lied davon singen, wie es ist, angeglotzt zu werden. Auch viele Formen der Verstümmelungen werden regelrecht am Computer erstellt, damit sich andere daran erfreuen können. Sliced Hand zu googlen wäre da das nächste Beispiel. Ein Sanitäter oder Feuerwehrmann, oder einfach ein Soldat kann einem dazu nur Kopfschüttelnd mitteilen, dass es sich hierbei um Alltagsbilder handeln kann. Man sollte froh sein, selbst nicht zu den Betroffenen zu gehören - aber nicht Respektlos werden, wenn jemand auftaucht, der dieses Glück nicht hat.
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.




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