Handystrahlen, Deos, Zucker Sieben Wahrheiten über Krebs

Ist Krebs eine Krankheit der Moderne? Lassen Deos und Handystrahlen Tumoren wachsen? Einige weit verbreitete Aussagen über Krebs entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als falsch. Ein Überblick.

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Krebszellen: Mit dem Alter steigt das Tumorrisiko
Corbis

Krebszellen: Mit dem Alter steigt das Tumorrisiko


Mehr als 470.000 Menschen erkranken in Deutschland pro Jahr an Krebs, neben Darm- und Lungenkrebs sind Tumoren in der Prostata oder der Brust die häufigsten Diagnosen. An den Folgen einer Krebserkrankung sterben laut Robert Koch-Institut mehr als 217.000 Menschen. Entsprechend viel wird über die Krankheit berichtet und gesprochen - doch nicht alles, was man darüber hört, stimmt. Wir haben sieben Aussagen über Krebs überprüft.

1. Ist Krebs eine Krankheit der Moderne?

Was daran stimmt: Einer der größten Risikofaktoren für Krebs ist das Alter. In einer insgesamt älter werdenden Bevölkerung gibt es deshalb auch mehr Krebsfälle. Zudem erhöht eine - heute mögliche - ungesunde Lebensweise mit zu wenig Bewegung, Übergewicht, übermäßigem Alkoholkonsum und Rauchen das Krebsrisiko.

Was daran nicht stimmt: Krebs ist keine Krankheit des modernen Menschen. Verschiedene archäologische Funde belegen, dass Menschen auch schon vor mehreren tausend Jahren an Krebs erkrankten. Spuren von Knochenkrebs entdeckten Forscher unter anderem an einem rund 120.000 Jahre alten Fossilfund - auch unter den Neandertalern gab es demnach Krebskranke.

Ein Löffel mit Zucker: Treibstoff für Tumorzellen?
DPA

Ein Löffel mit Zucker: Treibstoff für Tumorzellen?

2. Lassen sich Tumoren durch Zuckerverzicht aushungern?

Was daran stimmt: Es gibt die schon alte Beobachtung, dass der Stoffwechsel vieler Krebszellen eingeschränkt ist. Deshalb benötigen sie in erster Linie Glukose (Traubenzucker), um zu überleben. Dies ist bekannt als Warburg-Hypothese. Andere Zellen können dagegen problemlos Fette und sogenannte Ketone verstoffwechseln. Die Grundidee, dass sich zumindest manche Krebszellen aushungern lassen, ohne den Rest der Zellen auch zu beeinträchtigen, ist plausibel. Einige Zell- und Tierversuche zeigen, dass eine sehr kohlenhydratarme Ernährung, eine sogenannte ketogene Diät, das Tumorwachstum reduzieren kann - aber auch, dass sich die Krebszellen anpassen können.

Was daran nicht stimmt: Bisher gab es zu dem Thema nur kleine Studien mit Krebspatienten. Zur Frage, ob die Diät das Krebswachstum bremst oder nicht, zeigte sich dabei kein klarer Trend. Allerdings kam unter anderem eine Pilotstudie mit 16 schwerkranken Patienten zum Schluss, dass die stark einschränkende Diät viele Betroffene belastet. Von 16 Patienten schlossen nur fünf die Studie ab. Zwei starben vor Studienende, die anderen beendeten die Diät aus verschiedenen Gründen. Krebskranke magern, gerade wenn sie eine Chemotherapie machen, wegen der damit einhergehenden Appetitlosigkeit oder Übelkeit oft stark ab - ihre Ernährung weiter einzuschränken, ist also nicht unbedingt gut. In einer Übersichtsarbeit zu sogenannten Krebsdiäten nennt ein Forscherteam neben dem Gewichtsverlust auch Mangelerscheinungen, Schwindel, Verstopfung, Dehydrierung und Unterzuckerung als mögliche Nebenwirkungen.

3. Steigt mit der Körpergröße das Krebsrisiko?

Das ist richtig, viele große Studien (unter anderem diese und diese) belegen den Zusammenhang für diverse Krebsarten. Experten diskutieren dafür verschiedene Gründe: Es ist beispielsweise denkbar, dass Umweltfaktoren, die das Wachstum in Kindheit und Jugend ankurbeln, auch die spätere Krebsentstehung fördern. Ebenso ist es möglich, dass es genetische Voraussetzungen gibt, die beides gleichermaßen begünstigen: Wachstum und eine leicht erhöhte Krebsanfälligkeit.

Mehr zum Thema im SPIEGEL WISSEN 3/2014
4. Verursachen Deos mit Aluminiumsalzen Brustkrebs?

Was daran stimmt: Aluminiumverbindungen können schädlich sein. In hohen Dosen sind sie giftig fürs menschliche Nervensystem, berichtet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Im Tierversuch seien zudem schädliche Effekte auf die Embryonen nachgewiesen worden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hat definiert, welche Aufnahmemenge von Aluminium über die Nahrung tolerierbar ist, der Wert liegt bei einem Milligramm Aluminium je Kilogramm Körpergewicht pro Woche. Das BfR vermutet, dass bei einem Teil der Bevölkerung diese Menge tatsächlich schon über die Ernährung voll ausgeschöpft wird. Wer zusätzlich Deos mit Aluminiumsalzen oder andere Kosmetika mit Aluminiumverbindungen benutzt, könne die tolerierbare Menge dauerhaft überschreiten, sodass sich Aluminium im Körper anreichere, heißt es. Das BfR merkt an, dass man auf Deos ohne Aluminiumsalze ausweichen könne. Und es empfiehlt, aluminiumhaltige Antitranspirantien nicht unmittelbar nach der Rasur beziehungsweise bei geschädigter Achselhaut zu verwenden, um die vom Körper aufgenommene Aluminiumdosis zu senken.

Was daran nicht stimmt: Dass Deos mit Aluminiumsalzen Brustkrebs verursachen, ist überhaupt nicht erwiesen, sondern lediglich eine Vermutung. Sie beruht vor allem auf Befunden, laut denen die Aluminiumkonzentration in Tumorgewebe erhöht sein soll. Andere Studien konnten diese Aluminiumanreicherung jedoch nicht bestätigen, heißt es beim BfR. Zudem könnten die erhöhten Konzentrationen auch eine Begleiterscheinung des Krebses sein und nicht der Auslöser.

Schwarzspitzen-Riffhai im Tierpark Hagenbeck: Haie können an Krebs erkranken
DPA

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5. Bekommen Haie keinen Krebs?

Nein, das ist vollkommen falsch. Nach heutigem Wissen bekommen Haie zwar selten Krebs, ganz davor gefeit sind sie aber ebenso wenig wie Hund, Katze oder Maus. Sogar Pflanzen können Tumoren entwickeln. Allerdings kommt dies selten vor und ist für die Pflanze deutlich weniger gefährlich als für Mensch oder Tier.

Extrakte aus Haiknorpel gelten in der Alternativmedizin als wirksam gegen Tumoren - dieses Denken beruht unter anderem auf dem Trugschluss, dass die Fische immun gegen Krebs seien. Dass Haiknorpel die Überlebenschancen von Krebspatienten nicht verbessert, zeigte unter anderem eine Studie von 2005.

6. Verursacht die Strahlung von Handys Krebs?

Was daran stimmt: 2011 stufte die Weltgesundheitsorganisation WHO hochfrequente elektromagnetische Strahlung, wie sie von Handys, aber auch von Rundfunk und Radar ausgeht, als "möglicherweise krebserregend" ein. Insbesondere eine Studie zeigte ein erhöhtes Risiko für Gliome - eine seltene Form von Hirntumoren - bei Menschen, die sehr viel mit dem Handy telefonierten.

Was daran nicht stimmt: Dass Telefonieren per Handy tatsächlich das Krebsrisiko erhöht, ist nicht erwiesen, die WHO spricht deshalb lediglich davon, dass die Strahlung "möglicherweise" krebserregend ist. Die Daten zu einem erhöhten Hirntumorrisiko von Vieltelefonierern sind höchst umstritten. Dazu kommt: Eine plausible Erklärung dafür, wie die Handystrahlung zu Krebs führt, gibt es nicht. "Bisher konnten keine entsprechenden biologischen Mechanismen gefunden werden: Laborversuche ergaben keine aussagekräftigen Hinweise auf eine Zellschädigung", schreibt etwa der Krebsinformationsdienst.

Mammografie-Aufnahmen: Früherkennung ist nicht das gleiche wie Prävention
AP/dpa

Mammografie-Aufnahmen: Früherkennung ist nicht das gleiche wie Prävention

7. Beugt das Mammografie-Screening Brustkrebs vor?

Nein, das stimmt nicht. Das Screening kann nicht verhindern, dass Brustkrebs entsteht. Es ist keine Maßnahme zur Prävention beziehungsweise Vorbeugung, sondern es dient der Früherkennung: Tumoren sollen entdeckt werden, wenn sie noch sehr klein und damit besser behandelbar sind.

Über Nutzen und Risiken der Reihenuntersuchung streiten Experten seit Jahren. Erst vor Kurzem forderten Forscher und Politiker im SPIEGEL eine Neubewertung des Programms und dass Frauen besser über Für und Wider der Mammografie aufgeklärt werden sollten. Zur Vorbeugung von Brustkrebs empfehlen Mediziner unter anderem: einen aktiven Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, eine ballaststoffreiche Ernährung mit wenig Fleisch, das Vermeiden von Übergewicht, einen höchstens moderaten Alkoholkonsum. Zudem wird Müttern empfohlen, ihren Säugling zu stillen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
antilobby 12.08.2014
1.
Vor 500 Jahren waren die Menschen einfach an unerträglichem Leid gestorben. Dank moderne Technik wissen wir zwar jetzt warum, aber die Natur überlisten und Krebs heilen können wir noch nicht.
dirdirdir 12.08.2014
2. und Schwermetallen und andere Gifte...
Zitat von sysopCorbisIst Krebs eine Krankheit der Moderne? Lassen Deos und Handystrahlen Tumoren wachsen? Einige weit verbreitete Aussagen über Krebs entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als falsch. Ein Überblick. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krebs-aussagen-zu-handystrahlen-deos-zucker-auf-dem-pruefstand-a-982175.html
Die WHO prognostiziert einen steilen Anstieg der Krebserkrankungen. Offiziell ist nur das Altern verantwortlich. Welche Studien werden hinter verschlossenen Türen zurückgehalten? Es ist doch völlig uninteressant, was alles nicht für Krebs verantwortlich ist! Vielleicht ist es die die ansteigende Schwermetallbelastung eines jeden Einzelnen? Quecksilber, Blei, und viele seltene Metalle, die mit der Erdölverbrennung in die Umwelt und so in unsere Nahrung gelangen. Oder die "so seltenen" GAUs der AKWs? Oder Insektizide, Pestizide? Egal, ich habe vor einem Jahr die Krebsdiagnose erhalten, und habe mit Glück noch ein Jahr zu leben. Und dies obwohl ich erst 55 Jahre bin...
Polymer@se 12.08.2014
3.
Was man auch sagen sollte ist, das Krebs nicht einfach eine Krankheit ist....Krebs sind tausende Krankheiten. Manche davon koennen wir mittlerweile bei frueher Diagnose gut therapieren und gegen andere haben wir noch keinerlei Mittel. Es wird niemals ein Allheilmittel gegen Krebs geben, aber wir werden immer mehr Krebsarten effektiv erkennen und bekaempfen koennen. Der wissenschaftliche Fortschritt der letzten 20 Jahre allein zeigt das.
unglaeubig 12.08.2014
4. Guter Artikel
Vielen Dank für diesen unaufgeregten Artikel, er gefällt mir sehr gut! Trotzdem eine kurze Anmerkung zu Punkt 1: Ich stimme nicht mit der Aussage überein, dass unsere Lebensweise heute ungesünder ist, als in der Steinzeit oder davor. Die höhere Lebenserwartung ist ziemlich sicher nicht ausschließlich auf eine verbesserte medizinische Betreuung zurückzuführen, sondern auch darauf, dass wir in jahrtausenden gelernt haben, welche Handlungsweisen, Drogen und Lebensmittel - auch langfristig - schädlich sind und welche nicht. Daher ist vieles, was vor langer Zeit noch selbstverständlich war schon längst aus unserem Speiseplan (und aus dem Denken) verschwunden. Natürlich gibt es heutzutage auch neue Ursachen für Krebserkrankungen, ich denke aber nicht, dass diese in ihrer gesamten Wirkung diejenigen in der Urzeit übersteigen.
mingi 12.08.2014
5. Zu These 3
Größerer Körper = Größere Anzahl an Zellen, die befallen werden können? Also stumpfe Wahrscheinlichkeitsrechnung?
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