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Detaillierte Analyse: Krebserkrankungen kosten EU jährlich mehr als 120 Milliarden Euro

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Arzt vor MRT-Aufnahme: Die meisten Kosten durch Krebs entstehen in der Klinik Zur Großansicht
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Arzt vor MRT-Aufnahme: Die meisten Kosten durch Krebs entstehen in der Klinik

Krankenhaus, Arbeitsausfälle, Pflege: Krebserkrankungen belasten die Volkswirtschaften der EU jährlich mit Milliarden, das haben Forscher jetzt berechnet. In Deutschland entstanden im Vergleich die meisten Kosten - und die Zahl der Patienten steigt weiter an.

Etwa jeder vierte Deutsche stirbt an Krebs, nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bösartige Tumoren hierzulande die häufigste Todesursache. Durch die alternde Gesellschaft wird die Krankheit in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen: 2020 könnte es allein in Deutschland geschätzte 176.000 mehr Krebspatienten geben als 2008. Damit werden auch die Kosten für die Versorgung der Patienten noch weiter steigen - schon heute betragen sie Milliarden.

Jetzt haben Wissenschaftler der University of Oxford und des King's College London erstmals in einer großen Studie analysiert, wie stark Krebserkrankungen die Volkswirtschaft aller 27 EU-Länder belasten. Für ihre Untersuchung trugen die Forscher die aktuellsten verfügbaren Daten aus mehr als 150 Quellen zusammen, die sich mit Behandlung, Arbeitsausfällen und Pflege durch Angehörige auseinandersetzten.

Demnach kosteten Krebserkrankungen die EU im Jahr 2009 insgesamt 126 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 35 Milliarden Euro auf Deutschland - mehr als auf alle anderen EU-Länder. Im Vergleich investierte Deutschland pro Person fast am meisten Geld in die Versorgung krebskranker Bürger, nur Luxemburg gab noch etwas mehr aus, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Lancet Onkology".

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Die Kosten in den vier bevölkerungsreichsten EU-Ländern Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien machten der Studie zufolge knapp zwei Drittel der Gesamtsumme aus.
  • Das Gesundheitswesen der EU-Staaten kam nur für rund 40 Prozent der Kosten auf, die restlichen 60 Prozent entstanden hauptsächlich durch Arbeitsausfälle der Betroffenen.

  • Auf die gesamte Bevölkerung verteilt, investierte die EU im Schnitt 102 Euro pro Bürger in die Versorgung Krebskranker. Die Zahlen schwankten allerdings erheblich. Spitzenreiter war Luxemburg mit Kosten von 184 Euro pro Einwohner, dicht gefolgt von Deutschland mit Kosten von 182 Euro. In Bulgarien waren die Ausgaben mit nur 16 Euro pro Person am niedrigsten.

  • Europaweit verursachte Lungenkrebs die höchsten Gesamtkosten sowie den höchsten Produktivitätsverlust durch Krankschreibungen und verfrühte Todesfälle. Die medizinische Versorgung an sich war hingegen für Brustkrebspatienten am teuersten, vor allem wegen eines hohen Anteils an Ausgaben für Medikamente.

  • Durch den frühzeitigen Tod Betroffener und ihr Fehlen am Arbeitsplatz entstanden Kosten von rund 43 Milliarden Euro. Insgesamt starben 2009 in der EU 1,24 Millionen Menschen an den Folgen ihrer Krebserkrankung, dadurch gingen laut der Studie rund zwei Millionen Arbeitsjahre verloren.

  • Freunde und Angehörige der Betroffenen investierten 2009 rund 3 Milliarden Stunden in die Pflege, ohne dafür entlohnt zu werden. Dies macht pro EU-Bürger 5,2 Stunden pro Jahr und entspricht einem Wert von rund 23,2 Milliarden Euro.

Krebskranke in Deutschland länger im Krankenhaus

In vorherigen Analysen hatten die Wissenschaftler bereits ähnliche Kalkulationen zu Herz-Kreislauf-Krankheiten (195 Milliarden Euro in den 27 EU-Ländern) und Demenz (189 Milliarden Euro, nur in den EU-15-Ländern) erstellt. Die Belastungen durch beide Krankheiten liegen im Vergleich höher als die durch Krebserkrankungen.

Warum die Kosten zwischen den EU-Ländern so sehr schwanken, lässt sich anhand der Daten nur ansatzweise erklären. Zwar stiegen die Ausgaben etwa mit dem Einkommen und dem Anteil der Krebskranken in den jeweiligen Ländern deutlich an. Bei manchen Ländern gab es jedoch trotz ähnlicher Grundvoraussetzungen große Unterschiede.

So hatten etwa Deutschland und Großbritannien 2009 pro Bürger ein ähnliches Bruttoinlandsprodukt. Die Ausgaben des Gesundheitswesens für die Versorgung Krebskranker waren hierzulande aber fast doppelt so hoch wie dort (171 Euro pro Bürger verglichen mit 92 Euro pro Bürger).

Dies sei wahrscheinlich damit zu erklären, dass Krebskranke in Deutschland deutlich mehr Zeit im Krankenhaus verbrachten als in Großbritannien, schreiben die Forscher. Unterschiedliche Ausgaben für Medikamente könnten zudem durch verschiedene Medikamentenpreise in den Ländern entstehen. Grundsätzlich müssten "die Variationen der Gesundheitsausgaben jedoch noch viel besser verstanden werden".

Alternde Gesellschaft: Belastungen durch Krebs nehmen zu

"Die Studie ist verdienstvoll - es handelt sich um den ersten fundierten Versuch, die Kosten von "Krebserkrankungen" (eine recht heterogene Gruppe von Erkrankungen) zu quantifizieren", schreibt Michael Schlander, der als Gesundheitsökonom an der Universität Heidelberg arbeitet und nicht an der Studie beteiligt war, in einer Einschätzung für SPIEGEL ONLINE.

Trotzdem müssen die Ergebnisse mit etwas Vorsicht interpretiert werden. Die Qualität der Quellen, die die Forscher für ihre Analyse benutzten, schwanke zum Teil stark. "Auch die Verlässlichkeit der aus Deutschland herangezogenen Daten ist nicht über jeden Zweifel erhaben", schreibt Schlander. Die offizielle Berichterstattung weiche zum Teil deutlich von anderen, soliden Quellen ab, die nur einen Teilbereich untersuchten.

Für etliche Länder fehlten außerdem Daten, so dass die Autoren die Zahlen mit plausiblen Annahmen abschätzen mussten. "Das ist den Forschern nicht vorzuwerfen, relativiert aber die Aussagekraft etwas", so Schlanders. Die Schätzungen der Studie seien als Dimension zu betrachten - und zeigten, "dass die öffentlichen Forschungsaufwendungen sehr, sehr niedrig sind im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Kosten von Krebs."

"Wir hoffen, dass diese Resultate politischen Entscheidungsträgern helfen, Forschungsgelder besser zu verteilen", berichtet auch Studienleiter Ramon Luengo-Fernandez von der Universität Oxford. Die Untersuchung wurde vom US-Pharmakonzern Pfizer gesponsert, das Unternehmen hatte nach Angaben der Autoren aber keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenerhebung oder Interpretation der Daten.

mit Material von dpa

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1.
pressefreiheit2 14.10.2013
Zitat von sysopAPKrankenhaus, Arbeitsausfälle, Pflege: Krebserkrankungen belasten die Volkswirtschaften der EU jährlich mit Milliarden, das haben Forscher jetzt berechnet. In Deutschland entstanden im Vergleich die meisten Kosten - und die Zahl der Patienten steigt weiter an. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krebs-eu-ausgaben-in-deutschland-am-hoechsten-a-927392.html
Sie meinten sicher: "an Krebserkrankungen verdienen die Krankenhäuser und Pharmaunternehmen 120 Mrd. Euro?" Wenn das nicht so wäre, würde man doch nicht die Verbreitung durchaus wirksamer alternativer und Therapien versuchen zu unterdrücken? Die Krankheitsindustrie ist nun mal der lukrativste Wirtschaftszweig, den es gibt. Nicht umsonst erhöht sich die Zahl der Kranken mit jedem Jahr. So ist auch für Wachstum gesorgt.
2. Belastungen
amerzenich 14.10.2013
Die Volkswirtschaft wird belastet... - soso. Die Kosten für Krebskrankungen werden doch von den Versicherten getragen- kann die Volkswirstschaft ja eigentlich nicht sonderlich stören. Das Einizige was diese Beitragszahler belastet sind natursteingepflasterte Krankenkassen-Gebäude, Software-Versuche der Krankenkassen, horrende Gewinnspannen der Pharmaindustrie und zig verschiedene Vorstände der einzelnen KK-Gesellschaften.
3. Typisch
buntesmeinung 14.10.2013
Alles wird nur noch unter dem Aspekt der Kosten für die Gesellschaft gesehen. Natürlich wäre es wünschenswert, weitere Forschungsgelder in diesen Bereich zu stecken, allerdings in die universitäre bzw. öffentliche. Geforscht wird schon seit Jahrzehnten. Der Pharmaindustrie unterstelle ich, dass sie an einem Heilmittel nicht interessiert ist, verdient sie sich doch dreist eine goldene Nase mit den diversen Chemotherapien, die zwar bei manchen Formen ihre Berechtigung haben und auch Erfolge aufweisen können. In der Mehrzahl der Fälle wird aber nur noch mal eben schnell an Todkranken abkassiert. Auch wenn
4. Die Einnahmen sind höher als die Kosten.
mulhollanddriver 14.10.2013
Die durch Tabakwaren, Alkohol, Zucker und ungesunde Industienahrung erzielten Steuern und Einnahmen sind deutlich höher als die Ausgaben für Krebs. Auch durch die Krankheit selbst entstehen nicht nur Ausgaben, sondern Einnahmen. Das hätte in diesem Artikel benannt werden sollen. Dann wäre auch deutlich geworden, warum der "Kampf" gegen die Hauptverursacher von Krebs bestenfalls als halbherzig bezeichnet werden kann.
5. Verstehe ich nicht ?
Zündkerze 14.10.2013
Wenn ein Drittel der 120 Mrd, durch fehlen am Arbeitsplatz verursacht wird wie kann dann als Grund die alternde Gesellschaft herangezogen werden ? Genauso könnte ich behaupten die steigende Krebsrate wird durch Verwendung immer größere Mengen an toxischen Beigaben in der Umwelt verursacht (Lebensmittel, Luft, Wasser, Abfallentsorgung in Drittländer).
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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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