Kampf gegen Krebs: Kabinett beschließt Verbesserung der Vorsorge

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Mammografiebilder: Mithilfe von Krebsregistern soll die Behandlungsqualität steigen

Tumorregister in allen Bundesländern sollen die Behandlung von Krebs verbessern. Am Mittwoch hat das Bundeskabinett den neuen Krebsplan beschlossen. Für die Versicherten würde das neue Gesetz auch ein größeres Angebot an Früherkennungsuntersuchungen bedeuten.

Berlin - Gesetzlich Krankenversicherte bekommen künftig mehr Früherkennungsuntersuchungen angeboten. So wird es kommen, wenn der heute vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf auch vom Parlament verabschiedet wird. Ziel des von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) vorbereiteten Krebsfrüherkennungs- und -registergesetzes sind bessere Therapien und Vorsorge bei verschiedenen Tumorkrankheiten.

Neben bundesweit einheitlichen Krebsregistern auf Länderebene sollen die Screenings für Darm- und Gebärmutterhalskrebs ausgeweitet werden. Frühestens ab 2016 würden die Versicherten demnach regelmäßig zu den Terminen eingeladen. Ab welchem Alter die Untersuchungen künftig von den Kassen bezahlt werden, ist noch offen. Die Altersgrenze soll nach den jeweils neuesten medizinischen Kenntnissen festgelegt werden. Vorsorgliche Darmspiegelungen werden bisher ab dem 55. Lebensjahr finanziert.

Die neuen Krebsregister werden nach dem Gesetzenwurf von den Bundesländern in allen Krankenhäusern eingerichtet, die Standards dafür bundesweit einheitlich vorgegeben. Die Anschubfinanzierung übernimmt die Deutsche Krebshilfe, anschließend sind die gesetzlichen Krankenversicherungen in der Pflicht. Die Register sollen alle wichtigen Daten zum Verlauf einer Erkrankung erfassen - von der Diagnose über jeden einzelnen Behandlungsschritt bis zu Heilung oder Tod. Die Bundesregierung will damit die Qualität der Versorgung verbessern und für Vergleichbarkeit zwischen den Kliniken sorgen. Laut Bahr sollen die Kliniken auf diese Weise voneinander lernen und Erkenntnisse gewinnen, wo es Probleme gibt.

Bahr verwies darauf, dass die Angebote zu Früherkennungen bislang eher unzureichend wahrgenommen werden. Laut Matthias Brüwer vom Darmzentrum der Uniklinik Münster ist die Akzeptanz in den vergangen Jahren erheblich gesunken. Mit jährlich rund 220.000 Todesfällen stellt Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland dar, jeder vierte Bundesbürger stirbt daran. Die Zahl steigt stetig, im Jahr 2008 gab es rund 470.000 Neuerkrankungen.

Krankenkassen wehren sich gegen geplante Finanzierung

Kritik an den Plänen kam von den Krankenkassen. Sie wehren sich dagegen, die Finanzierung der Datensammlungen zu übernehmen, obwohl es sich um versicherungsfremde Leistungen handele. Verantwortung, Finanzierung und Nutzen stünden bei den klinischen Registern in keinem angemessenen Verhältnis, beklagte die Vorsitzende des GVK-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer. Die AOK forderte, der bestehende Flickenteppich von mehr als 50 Krebsregistern müsse abgelöst werden durch übergreifende und transparente Daten. Die Ersatzkassen fordern, die Zahl der Krebsregister auf eines pro Bundesland zu begrenzen.

Im Osten Deutschlands werden bereits seit langem in Krebsregistern Daten gesammelt. "In den neuen Ländern funktioniert das System bereits flächendeckend", sagte Roland Stabenow, Leiter des Gemeinsamen Krebsregisters (GKR) in Berlin, wo die Daten aller Ost-Länder zusammenlaufen. Das vor 20 Jahren gegründete GKR baut auf dem Nationalen Krebsregister der DDR auf, erweitert um Zahlen aus West-Berlin. Es liefert bevölkerungsbezogene Daten zur Krebsentwicklung - welcher Krebs kommt wo wie häufig vor?

Wichtig sei die Unterscheidung zwischen diesen epidemiologischen und klinischen Registern, betont Stabenow. "Da wird derzeit viel in einen Topf geworfen." Auch der kritisierte "Flickenteppich" von fast 50 Registern bundesweit komme so zustande. "Allein elf davon sind aber epidemiologische Register, die Ergebnisse bündeln." Die nun per Gesetz flächendeckend eingeforderten klinischen Register sammeln dagegen Patientendaten, die detailliert Auskunft über Verlauf und Erfolg einer Krebstherapie geben - und so künftig die Behandlung verbessern helfen sollen. Patientendaten aus den Ländern sollen durch sie besser vergleichbar werden.

Nur ein Teil dieser detaillierten Daten fließt dann anonymisiert in die bevölkerungsbezogenen Register ein: Sie geben Auskunft darüber, wie häufig und verbreitet bestimmte Krebsarten sind oder welche Früherkennungsmaßnahmen greifen. Diese Register sind - bis auf das GKR - auf Länderebene angesiedelt.

"Ein Nationales Krebsregister, das auch sämtliche klinischen Daten enthält, wäre wohl kaum zu handhaben", sagte Stabenow. Auf epidemiologischer Ebene gebe es aber bereits seit Jahren eine solche deutschlandweite Auswertung: Beim Robert Koch-Institut (RKI) laufen die Daten des GKR und der zehn Landesregister der alten Bundesländer zusammen.

Geteilte Meinungen unter Medizinern

Im folgenden parlamentarischen Verfahren kann es noch Änderungen am Gesetzentwurf geben. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn regte bei "Zeit Online" bereits finanzielle Anreize für Vorsorge und Früherkennung an. Bahr zeigte sich zurückhaltend: "Entscheiden muss der Einzelne, aber er darf nicht unter Druck gesetzt werden."

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte die Pläne unzureichend. "Die Daten stehen nur Wissenschaftlern und der Politik zur Verfügung, aber nicht der allgemeinen Bevölkerung", sagte er. "Die Menschen wollen wissen: Wie hoch ist das Krebsrisiko in einer bestimmten Region - etwa in der Nähe einer Chemiefabrik? Wie sind die Ergebnisse in den Kliniken?" Die Daten müssten generell anonymisiert zur Verfügung gestellt werden. Bahr entgegnete, die Daten sollten durchaus der breiten Bevölkerung zur Verfügung stehen. SPD-Fraktionsvize Elke Ferner plädierte für ein nationales Krebsregister. Die Linke-Gesundheitsexpertin Martina Bunge kritisierte, Bahr springe zu kurz. "Nötig ist ein nationaler Präventions- und Gesundheitsvorsorgeplan zur Krebsverhinderung nach dem Vorbild der Schweiz oder anderer Nachbarländer."

Bei den Medizinern stößt das Vorhaben auf ein geteiltes Echo. So hält die Bundesärztekammer in einer Stellungnahme die Register in der geplanten Form für nur bedingt umsetzbar und verweist auf die Erfahrung mit dem bisherigen Austausch von Daten zwischen den Einrichtungen. Jörg Haier vom Zentrum für Krebsmedizin der Uniklinik Münster zeigte sich dagegen überzeugt, dass die einheitlichen Register zu einer Art Kommunikationsplattform für Ärzte werden. Die Deutsche Krebsgesellschaft dagegen lobte die Pläne der Bundesregierung. "Es muss primär darum gehen, dass man die Patientendaten mit einer Bundesbetrachtung auswerten kann", sagte Generalsekretär Johannes Bruns. "Von vielen lernen ist leichter als von wenigen." Diesem Anspruch könne das Gesetz gerecht werden.

Was das neue Krebsregister bringt: Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten

dba/dpa/dapd/Reuters

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Ich hoffe, das Angebot bleibt optional
ReneMeinhardt 22.08.2012
und wird nicht zu Zwang, wie es einer älteren Bekannten von mir erging. Ihr wurde grdroht, wenn sie nicht zur Vorsorgeuntersuchung käme.
2. Falscher Ansatz
seraph2012 22.08.2012
Wie wäre es denn mal zur Abwechslung wenn man mal den wirklichen Ursachen der stark steigenden Krebserkrankungen nachgehen würde.Zum Beispiel-jahrzehntelange Verstrahlung und manipulierte Lebensmittel.Stattdessen werden jetzt wieder Daten gesammelt die man später gewinnbringend an Pharmafirmen verkauft und um Menschen mit einer Erkrankung besser kontrolieren zu können,natürlich immer zu deren Nachteil ( bei Jobsuche usw.)
3. Was für eine Farce
antigone76 22.08.2012
Krebsfrüherkennung verbessern? Das ist doch wieder nur Flickschusterei. Ich nehme Medikamente, die nachweislich als Nebenwirkung Hautkrebs verursachen und trotzdem zahlt die Versicherung nur alle 2 Jahre eine Vorsorge, obwohl dringend alle 6 Monate empfohlen wird.
4. jaja
rabenkrähe 22.08.2012
Zitat von sysopDPAKrebsregister in allen Bundesländern sollen die Behandlung besser und nachvollziehbar machen. Das Bundeskabinett hat die neuen Tumorregister heute beschlossen. Für die Versicherten würde das neue Gesetz auch ein größeres Angebot an Früherkennungsuntersuchungen bedeuten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,851406,00.html
....... Toll, die Ideen und Initiativen der Tigerenten-Regierung in Sachen Gesundheit. Schade nur, daß hier wie in deren gesamter Politik der Mensch rein gar nichts zählt, sondern nur Interessen, Unternehmer und Kreise. Ein solches Register soll dann auch nicht den Menschen helfen, sondern Interessenten und Unternehmen. Die Vermarktung des Krebses! rabenkrähe
5. die meisten Vorsorgeuntersuchungen werden überschätzt
MtSchiara 23.08.2012
Zitat von rabenkrähe....... Toll, die Ideen und Initiativen der Tigerenten-Regierung in Sachen Gesundheit. Schade nur, daß hier wie in deren gesamter Politik der Mensch rein gar nichts zählt, sondern nur Interessen, Unternehmer und Kreise. Ein solches Register soll dann auch nicht den Menschen helfen, sondern Interessenten und Unternehmen. Die Vermarktung des Krebses! rabenkrähe
Der Nutzen von Krebsvorsorgeuntersuchungen (bei beschwerdefreien Menschen) wird allgemein überschätzt. Nur für wenige Vorsorgeuntersuchungen ist wirklich belastbar ein positives Nutzen-Kosten-Verhältnis nachgewiesen, wie zum Beispiel bei Dickdarm- oder Gebärmutterkrebs oder bei Personen mit genetisch erhöhtem Risiko. Bei Brust- oder Prostatakrebs sind Vorsorgemaßnahmen hingegen bereits umstritten. Den besten Schutz vor Krebs bietet nach wie vor die Lebensweise. Und statistische Auswertungen zum Erkennen von Krebsursachen sind nur dann sinnvoll, wenn anschließend auch entsprechende Handlungen folgen (bzw. gegen Lobbyinteressen durchgesetzt werden können). In vielen bereichen gelingt dies auch. Die wirksamste Einzelmaßnahme allerdings, das Anwenden des impliziten Verbotes von Tabakqualm in der Öffentlichkeit und in Gegenwart von Kindern läßt seit Jahrzehnten auf sich warten, obwohl dies durch Artikel Zwei des Grundgesetzes (körperliche Unversehrtheit) und zahlreiche Grenzwerte von Schadsubstanzen eigentlich klar vorgegeben ist. Von Autofahrern oder Kaminbetreibern erwartet man wegen wesentlich geringeren Giftausstoßes den Einbau von Filtern, Schadstoffkontrollen bzw. die Einführung von Elektromotoren.
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GESUNDHEITSVORSORGE
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Wichtige Fachbegriffe erklärt
Vorsorge: Primärprävention
Was der Volksmund Vorsorge-Untersuchungen nennt, sind eigentlich Untersuchungen zur Früherkennung. Mediziner sprechen dann von Vorsorge, wenn eine Krankheit verhindert werden soll.

Ein Beispiel für die Vorsorgeuntersuchung ist der Gesundheits-Checkup für Frauen und Männer ab 35 Jahren. Dabei bestimmen Ärzte Risikofaktoren insbesondere für Herz-Kreislauf-Krankheiten wie einen zu hohen Blutdruck. Fällt ein Patient beim Checkup als übergewichtig und unsportlich auf, während sein Blutdruck normal ist, kann er einem möglichen Bluthochdruck vorbeugen: Der Arzt empfiehlt dann Bewegung und eine gesündere Ernährung. Dieses Vorgehen heißt Primärprävention.

In die gleiche Vorsorgegruppe gehören Impfungen, die vor einer Infektionskrankheit schützen. Zur Primärprävention gehören auch Gesundheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz. Durch einen richtig eingestellten Bürostuhl etwa lassen sich arbeitsbedingte Krankheiten wie Rückenschmerzen verhindern.
Früherkennung: Sekundärprävention
Als Sekundärprävention bezeichnen Ärzte die Früherkennungs-Untersuchungen. Das bedeutet, die Krankheit ist zwar bereits ausgebrochen, Symptome machen sich aber noch nicht bemerkbar. Der Patient hat noch keine Beschwerden und fühlt sich gesund. Bei vielen Krankheiten steigen die Heilungschancen, wenn sie möglichst früh erkannt werden.

Neugeborene etwa testet man auf die Stoffwechselkrankheit Phenylketonurie. Fällt der Test positiv aus, lassen sich Hirnschäden vermeiden, indem man von Geburt an eine eiweißarme Diät einhält. Für Brustkrebs gibt es das Mammografie-Screening, das allerdings nicht unumstritten ist.

Früherkennung lohnt sich nicht, wenn bei einer Krankheit für Lebensqualität und Überleben der Patienten egal ist, ob man die Krankheit früh oder spät diagnostiziert. Außerdem müssen die Tests ausreichend sicher feststellen, ob eine Person tatsächlich krank ist oder nicht.
Rehabilitation: Tertiärprävention
Leidet der Patient bereits unter Symptomen seiner Krankheit, verhindert die sogenannte Tertiärprävention noch Schlimmeres.

Die Rehabilitation nach einem Herzinfarkt schützt vor einem erneuten Herzinfarkt. Bricht wegen einer Osteoporose der Schenkelhals, benötigen viele Patienten ein künstliches Hüftgelenk. Die Rehabilitation nach der OP verhindert, dass der Patient bettlägrig bleibt.